Volkstrauertag ganz im Zeichen der Anschläge von Paris

15.11.2015: Dekan Günter Saalfrank ist in seiner Ansprache zum Volkstrauertag auf die aktuellen Ereignisse in Paris eingegangen:

Der Volkstrauertag, an dem der Opfer von Krieg und Gewalt gedacht wird, steht heuer unter einem besonderen Vorzeichen: Den Terrorakten von Paris. Fast 130 Tote und rund 350 Verletzte, darunter fast 100 Schwerverletzte, die noch in Lebensgefahr sind – das ist die traurige Bilanz der blutigen Anschläge in der französischen Hauptstadt. Gezielt wurde gemordet, das Leben von Menschen ausgelöscht. Der französische Staatspräsident Francois Hollande sprach von Krieg und davon, dass eine terroristische Armee hier am Werk war. Paris wie im Krieg - so brachten es Journalisten auf den Punkt. Drastische Formulierungen als Versuch, das Menschen verachtende und brutale Vorgehen in Worte zu fassen.

Unruhe und Chaos wollten die islamistischen Attentäter auslösen, die wohl der Terrororganisation islamischer Staat zuzurechnen sind. Darum ging es ihnen beim Blutvergießen, Angst und Schrecken zu erzeugen. Und damit Aufmerksamkeit zu gewinnen. Dabei gingen sie buchstäblich über Leichen.

Auf die blutigen Anschläge hin verschärften die politisch Verantwortlichen in Paris und in Deutschland die Sicherheitsmaßnahmen. Grenzkontrollen wurden eingeführt und die Polizeipräsenz verstärkt. Alles Maßnahmen, um die Sicherheit zu verbessern.

Zur Erinnerung: Seit dem Anschlag auf die französische Satirezeitschrift Charly Hebdo Anfang des Jahres gab es eine hohe Sicherheitsstufe in Paris. Doch selbst diese verhinderte nicht die neuen Terrorakte. Durch die nun getroffenen Maßnahmen scheint das Leben ein Stück sicherer zu werden - es ist aber letztlich eine vermeintliche Sicherheit. Ein Risiko wird es immer geben. Gefährdungen lassen sich zwar miniminieren, aber nie ganz verhindern. Das soll nicht Angst einjagen, sondern vielmehr einen realistischen Blick dafür schenken, dass das Leben immer wieder gefährdet ist und dass es kein risikofreies Leben gibt.

Keine Frage: Politisch Verantwortliche haben die Aufgabe, Gefahren abzuwehren und Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung zu treffen. Und es ist gut, dass es die Sicherheitsorgane und das Militär gibt. Als Dekan danke ich ausdrücklich für ihren Dienst. Doch es darf nicht übersehen werden, dass ein Restrisiko bestehen wird. Einhundertprozentige Sicherheit ist und bleibt eine Illusion. Risiko gehört – auch wenn es hart klingen mag -zum Leben hinzu.

Weil das so seit Menschengedenken ist, hat der Apostel Paulus im Neuen Testament in einem Brief folgendes geschrieben: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Der Apostel hat damit einen Weg aufgezeigt, mit Unsicherheit, offenen Fragen und Entsetzen umzugehen. Sich eben nicht von Angst und Chaos bestimmen lassen, sondern von Gottes Geist. Sich an Gott zu wenden mit der Trauer, der Ratlosigkeit und der Betroffenheit und von ihm her, Kraft, Liebe und Besonnenheit zu erhalten. Bundesinnenminister Thomas de Maiziere sagte gestern im Fernsehen: „Wer mag, kann beten. Ich tue es.“

Worauf es jetzt ankommt, ist der Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Zum Geist der Kraft: Gerade nach so schrecklichen Ereignissen wie Freitagnacht in Paris kann sich ein Land, eine Gesellschaft und deren Bevölkerung schwach und hilflos fühlen. Doch wenn Menschen - ja ein ganzes Land - zusammen stehen in Trauer angesichts des Unfassbaren kann daraus Stärke und Verbundenheit erwachsen. Im Zusammenstehen und der Humanität liegen eine ungeheuere Kraft. Die braucht es jetzt – nicht nur in Frankreich. Was umgekehrt auch bedeutet: Wo sich eine Gesellschaft auseinander dividieren lässt etwa durch populistische Rattenfänger, kann sie Herausforderungen nicht mehr so kraftvoll begegnen und schwächt sich selbst.

Zum Geist der Liebe: Das Miteinander von Kulturen und Religionen wird durch die Terrorakte von Paris nicht einfacher. Pauschale Urteile über Andere wie den Islam helfen da nicht weiter. Es geht darum, nicht eine ganze Religion unter Generalverdacht zu stellen, sondern zu unterscheiden zwischen Islam und Islamismus. Zwischen Menschen, die ihren Glauben leben möchten und denen, die die Religion missbrauchen für terroristische Zwecke. Wo der Geist der Liebe bestimmend ist, wird nicht eine ganze Gruppe gesehen, vielmehr der einzelne Mensch. Im Geist der Liebe werden verstärkt Wege aufeinander zugegangen und Möglichkeiten der Begegnung gesucht. Um Verbindendes zwischen unterschiedlichen Kulturen und Religionen herauszustellen und friedliebende Kräfte zu stärken. Wie es sich Christen, Juden und Muslime Anfang des Jahres in Hof nach den Anschlägen in der französischen Hauptstadt buchstäblich auf die Fahnen geschrieben haben: Im Namen Gottes darf nicht getötet werden.

Zum Geist der Besonnenheit: Nach dem schlimmen Blutvergießen in Paris werden drastische Formulierungen gebraucht. Durch markige Worte allerdings kann Angst noch mehr verstärkt werden. Eine besonnene Wortwahl spielt nicht Gefahren und Herausforderungen herunter, sondern achtet darauf, Angst und Sorgen nicht noch zu verstärken. Insgesamt kommt es darauf an, nüchtern und besonnen zu reagieren. Nicht in Aktionismus zu verfallen. Vielmehr überlegt zu handeln und gezielt Schritte zu gehen, um sich nicht mit Symptomen allein zu beschäftigen, sondern die Ursachen von Problemen in den Blick zu nehmen und sie Punkt für Punkt anzugehen. Ideal wäre, wenn das gemeinsam in Europa geschieht und nicht jedes Land für sich im Alleingang aktiv wird und handelt. Mit dem Geist der Besonnenheit kann auch Integration überlegt gefördert werden. Je besser das gelingt, desto weniger anfällig ist auch eine Gesellschaft für Extremisten und populistische Gedanken.

Den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Niemand muss das aus eigenen Stücken schaffen. Gibt es doch das Geschenk Gottes. Wie es der Apostel Paulus ausgedrückt hat: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

Volkstrauertag 2015 - 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges. Mit jedem Jahr verblasst die Erinnerung an die Zeit von 1939 bis 1945 ein Stück mehr. Auch an die 60 Millionen Toten. Mit jedem Jahr gibt es weniger Augenzeugen, die von dieser Zeit erzählen können. Trotzdem hat der Gedenktag weiter Bedeutung. Wobei die Opfer von aktueller Gewalt in den Vordergrund treten. Wie in diesem Jahr die Menschen, die in Paris ihr Leben lassen mussten oder die verletzt wurden. An sie gilt es zu denken und für sie und ihre Angehörigen die Hände zu falten. Lassen Sie uns nun eine Gedenkminute einlegen für Opfer von Krieg und Gewalt – weltweit.

Ich möchte schließen mit Worten von Franz von Assisi, dem Begründer des Franziskanerordens:

O Herr,
mach mich zum Werkzeug deines Friedens,
dass ich Liebe übe, wo man sich hasst,
dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt,
dass ich verbinde, da, wo Streit ist,
dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht,
dass ich den Glauben bringe, wo der Zweifel drückt,
dass ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,
dass ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert,
dass ich Freude mache, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten nicht nur, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;

nicht nur, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;

nicht nur, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer da hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, erwacht zum ewigen Leben.