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Das Thema des Monats
im
September 2010
Stand:
30.11.2011 Zum Verhältnis von Christen und Juden |
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Die Diskussion um einen Zusatz im Grundartikel der Verfassung der Evang.-Luth. Kirche in Bayern. Für viele, besonders der Älteren, geht ein langer Wunsch in Erfüllung: Ein Zusatz in der Kirchenverfassung der Bayerischen Landeskirche (ELKB), der das Verhältnis von Christen und Juden anspricht und klärt. In anderen Kirchenverfassungen der Landeskirchen gibt es einen entsprechenden Abschnitt bereits. Eine Besinnung auf dieses Thema nötigt uns zur Auseinandersetzung mit unserer Geschichte und bewahrt uns hoffentlich davor, dass sie sich jemals wiederholt. |
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Auf gutem Weg: Die Änderung der Präambel der Kirchenverfassung zum Thema „Christen und Juden“ Landessynode und Landessynodalausschuss, Landesbischof und Landeskirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, die vier „kirchenleitenden Organe“, haben auf der Synodaltagung in Weiden im März 2010 gemeinsam und vonseiten der Synode mit überwältigender Mehrheit (eine Gegenstimme, drei Enthaltungen) beschlossen, den Grundartikel der Kirchenverfassung um einen Passus im Hinblick auf das Judentum zu ergänzen. Der Weidener Vorschlag lautete: „Mit der ganzen Kirche Jesu Christi ist sie (die EKLB) aus der tragenden Wurzel des biblischen Israel hervorgegangen, sie bezeugt mit der Heiligen Schrift die bleibende Erwählung des Volkes Israel und weiß sich dem jüdischen Volk geschwisterlich verbunden. Die Synode wollte eine solche Entscheidung aber nicht treffen ohne einen großen Konsens innerhalb der Kirche und bat daher die Kirchengemeinden und Einrichtungen um Stellungnahme. Was danach geschah kann man als erfolgreiche „Kommunikationsinitiative“ der Landeskirche beschreiben: Am 31.3.2011, dem durch die Synode gesetzten Endtermin, waren an Rückmeldungen beim Synodalbüro eingegangen:
In der Folge hat ein gemischter Ausschuss die erhobenen Einwände diskutiert und in einen neuen Vorschlag eingearbeitet. Am 21.7.2011 hat der Ausschuss beschlossen, den kirchenleitenden Organen die folgende Ergänzung des Grundartikels der Verfassung der ELKB vorzuschlagen: „Mit der ganzen Kirche Jesu Christi ist sie (die EKLB) aus dem biblischen Gottesvolk Israel hervorgegangen und bezeugt mit der Heiligen Schrift dessen bleibende Erwählung.“ Wie die Weidener Formulierung soll sie nach dem ersten Satz des Grundartikels eingefügt werden. Schließlich handelt es sich hier um eine Identitätsaussage der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, beschreibt also ihr Selbstverständnis. Bei der Aussage „geschwisterlich verbunden“ handelt es sich um eine Relationsaussage (Verhältnisbestimmung), die z.B. im Artikel 6a der Verfassung ihren Platz finden könnte. Ob es eine solche Aussage künftig geben soll, soll einem gesonderten Verfahren vorbehalten bleiben. Über die Änderung des Grundartikels wird die Synode bei der Frühjahrstagung 2012 beschließen. Ist dann die Aufgabe der Verhältnisbestimmung zum alttestamentlichen Bundesvolk, den Juden abgeschlossen? „Nein, selbstverständlich nicht. Sie ist in den konkreten Begegnungen mit Jüdinnen und Juden weiterhin mit Leben zu erfüllen. Auch sind noch längst nicht alle antijüdischen Prägungen und Denkformen aus Kirche und Theologie verschwunden; dies haben, jedenfalls nach meinem Eindruck, leider manche Äußerungen in dem hinter uns liegenden Diskussionsprozess gezeigt. Zu hoffen ist, dass die in Aussicht genommene Ergänzung der Verfassung unserer Kirche das theologische Terrain klärt und festigt, auf dem wir evangelisch-lutherischen Christen Jüdinnen und Juden begegnen - in gegenseitiger Wertschätzung, vor allem aber in Ehrfurcht vor dem einem Gott, von dessen Barmherzigkeit Juden und Christen leben.“ (Prof. Utzschneider, Vorsitzender des Grundfragenausschusses in seinem Bericht vor der Synode.) Aus dem Bericht der
nordostoberfränkischen Synodalen von der
Herbstsynode 2011 in Rosenheim
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"Nach dem Unterricht ging ein neunjähriges Mädchen, das die dritte Klasse der Neustädter Schule besuchte, zum Unterkotzauer Weg, weil der Lehrer darauf hingewiesen hatte, dass man dort „etwas sehen“ könne. Das Kind, das früher einmal die Synagoge besucht und eine christliche Erziehung genossen hatte, erkannte unter dem noch glimmenden Haufen die Thora-Rolle (nur das Papier ohne den Holzkern). Es nahm – unbeobachtet, da sich keine Menschen mehr in der Nähe befanden - die Thora-Rolle und ein weiteres Papierstück an sich und brachte sie heim, weil ihm gesagt worden war, dass die Thora-Rolle eine heilige Schrift sei ähnlich der Bibel und gut darauf aufgepasst werden müsse. Die Mutter war, als sie zu Hause die Gegenstände präsentiert bekam, sehr aufgeregt und verbrannte sofort das Papier im Ofen. Die Thora-Rolle wurde vom Vater vermutlich anderen Leuten zugeleitet, welche sie über die nationalsozialistische Zeit hinweg aufbewahrten. Sie wurde der neuen Israelitischen Kultusgemeinde nach 1945 übergeben, die sie in Israel restaurieren ließ." Lesen Sie mehr über die Reichskristallnacht in Hof. (Beachten Sie auch die verlinkten Dokumente!) "Die Verbrechen der Nazis sind so gewaltig, daß sie nicht durch moralische Scham oder andere bürgerliche Empfindungen zu kompensieren sind. Sie stellen den Deutschen in die Erschütterung und belassen ihn dort, unter dem tremendum; ganz gleich, wohin er sein Zittern und Zetern wenden mag, eine über das Menschenmaß hinausgehende Schuld wird nicht von ein, zwei Generationen einfach "abgearbeitet". Es handelt sich um ein Verhängnis in einer sakralen Dimension des Worts und nicht einfach um ein Tabu, das denen, die zum Schutz bestimmter zwischenmenschlicher Verkehrsformen oder der Intimsphäre dienen, vergleichbar wäre. Daher handelt es sich auch bei den Schändungen, die Neonazis jetzt begehen, im besonderen ihren antisemitischen Ausschreitungen, keineswegs um militante Akte der Gegenaufklärung. Diese, im strengen Sinn, wird immer die oberste Hüterin des Unbefragbaren, des Tabus und der Scheu sein, deren Verletzung den Strategen der kritischen Entlarvung lange Zeit Programm war. Traurig macht es, daß man dies alles weiß und altes Weistum abweisbar ist. (Botho Strauß, Anschwellender Bocksgesang, Der Spiegel, Nr. 6/1993) |
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Änderung des
Grundartikels in der Kirchenverfassung Die Synode hat sich bei der Herbstsynode 2008 in Straubing mit dem Thema „Christen und Juden“ beschäftigt. Sie hat es in der Folge für notwendig erachtet, dass auch in der Verfassung der ELKB eine Bestimmung zum Verhältnis von Christen und Juden steht, wie sie in anderen Kirchenverfassungen längst zu finden ist. Seitdem gab es eine kontroverse Debatte, einen Studientag im Januar 2010 und viel Arbeit in den Ausschüssen. Als Ergebnis dieser Arbeit wurde ein Vorschlag für die Änderung unserer Kirchenverfassung vorgelegt, der in der Synode bereits die erforderliche verfassungsändernde Mehrheit von 2/3 der Stimmen hat. Es wird aber ein „magnus consensus“ angestrebt. Deshalb werden bis zum endgültigen Beschluss die Gemeinden und Einrichtungen der ELKB informiert. Sie haben bis Ende März 2011 Gelegenheit zur Stellungnahme. Der Landesbischof, der Landeskirchenrat und der Landessynodalausschuss empfehlen der Synode folgenden Beschluss zu fassen: „Die Landessynode nimmt in Aussicht, den Grundartikel der Kirchenverfassung um eine Aussage zum Verhältnis zum Judentum zu ergänzen und ihm insgesamt folgende Fassung zu geben: ,Die Evangelisch-Lutherische Kirche lebt in der Gemeinschaft der einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche aus dem Worte Gottes, das in Jesus Christus Mensch geworden ist und in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testamentes bezeugt wird. Mit der ganzen Kirche Jesu Christi ist sie aus der tragenden Wurzel des biblischen Israel hervorgegangen, sie bezeugt mit der Heiligen Schrift die bleibende Erwählung des Volkes Israel und weiß sich dem jüdischen Volk geschwisterlich verbunden. Mit den christlichen Kirchen in der Welt bekennt sie ihren Glauben an den Dreieinigen Gott in den altkirchlichen Glaubensbekenntnissen. Sie hält sich in Lehre und Leben an das Evangelisch-Lutherische Bekenntnis, wie es insbesondere in der Augsburgischen Konfession von 1530 und im Kleinen Katechismus D. Martin Luthers ausgesprochen ist, und das die Rechtfertigung des sündigen Menschen durch den Glauben um Christi willen als die Mitte des Evangeliums bezeugt.'
Die kirchenleitenden Organe haben diese Textergänzung für gut
befunden und geben sie den Kirchengemeinden, den Dekanatsbezirken,
Einrichtungen, Diensten und Werken sowie den theologischen
Ausbildungsstätten in der Evang.-Luth. Kirche in Bayern zur
Kenntnis. Sie hoffen, dass diese Formulierung von einem großen
Konsens getragen wird." |
(Fortsetzung nächste Spalte) |
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Die Erklärung der Landeskirche zum Thema
"Christen und Juden" von 1998
Präambel |
In dem Buch „Das
Grenzlanddekanat Hof“ findet sich auf Seite 34 die Angabe einer
Quelle: „Pfr. Dr. Wilhelm Kneule, Pfarrbeschreibung der
Kirchengemeinde Hof 1915-1956, Manuskript im Dekanat.“ Leider blieb
die Recherche nach diesem Manuskript nach halbjährlicher Suche bis
heute erfolglos und zwar im Dekanat Hof, im Amt des Regionalbischofs
in Bayreuth und im Landeskirchlichen Archiv in Nürnberg. Dort
erhielt ich die Auskunft, dass das Dekanat bestimmte Akten aus
dieser Zeit bei sich behalten wollte. Man nannte mir auch die
Aktennummern, wo sie vorhanden sein müssten. Diese Akten erwiesen
sich aber, bis auf einen handschriftlichen Lebenslauf von Pfr.
Kneule, der von 1935-1961 Pfarrer an der Hospitalkirche in Hof
gewesen war, als offensichtlich geleert. Auch die Nachfragen bei
noch lebenden Zeitzeugen und bei Verwandten von Pfr. Kneule, blieben
ohne Erfolg. Einem Kenner der Materie fiel auf, dass es im Archiv
des Dekanats Hof so gut wie keine Unterlagen aus der Zeit des
Nationalsozialismus gibt, was auf ein besonderes Verständnis des
Begriffs „Entnazifizierung“ schließen lässt. Eine Kirchengeschichte
des Dekanats Hof in der Zeit des Nationalsozialismus (und im 20.
Jahrhundert überhaupt) bleibt also eine immer noch unerledigte
Aufgabe, auch über 60 Jahre nach Kriegsende!"
Pfarrer Johannes Taig
im Vorwort zur Abschrift der
Pfarrbeschreibung von 1915
In der Erklärung der Landeskirche von 1998 wurde als Konsequenz gefordert: - die Lokalgeschichte
der Gemeinde aufmerksam zu betrachten. |
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Hintergründe und Links
Zur Diskussion
Zum Thema
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"Vor einigen Wochen hat
mich eine junge Frau, die sich sehr für das Judentum interessiert,
gefragt, warum in unseren Gottesdiensten eigentlich nicht klar
gesagt würde, dass wir durch Jesus an den Gott Israels glauben. Als
jemand, der sich seit Jahrzehnten im christlich-jüdischen Dialog
engagiert, war ich über diese Aussage einigermaßen entsetzt. Nun
kann ich nicht beurteilen, was in den Gottesdiensten, die sie
besucht hatte, wirklich gesagt wurde, aber ich habe mich an dieser
Stelle wieder einmal gefragt, was von dem, das in
christlich-jüdischen Dialoggruppen so selbstverständlich vertreten
wird, auch wirklich im Bewusstsein unserer Gemeinden ankommt. Hier
ist immer noch eine gewaltige Transferleistung vonnöten. Dabei ist
es nicht so wichtig, dass man das Judentum dauernd explizit zum
Thema macht – so etwas kann auch schnell zu Abwehreaktionen führen
–, sondern dass das Judentum bei allem, was wir sagen und tun,
gleichsam mitschwingt.
Ein Schüler kam einmal zu seinem Rabbi und hat ihm gesagt: „Ich bin schon drei Mal den ganzen Talmud durchgegangen.“ Darauf der Rabbi: „Aber wie viel vom Talmud ist durch dich durchgegangen?“ Meine Frage ist: Wie viel vom Judentum ist wirklich durch uns durchgegangen, so dass es unser Reden und Handeln von innen her prägt und bestimmt. Klar, das kann man nicht „machen“. Aber man kann diesen Prozess unterstützen und fördern". (Dr. Peter Hirschberg) |
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