aus dem Münchner Sonntagsblatt, 19/26. August 2001, Ausgabe Nr. 33/34/2001, S.11
Thema des Monats
zurück zu:
Homepage Dekanat Hof
Dekanat aktuell
Archiv
im September 2001
![]()
![]()
Flammende Anklage an Staat und Kirche
Die Selbstverbrennung von Pfarrer
Brüsewitz vor 25 Jahren hat Ost und
West erschüttert
Nur wenige Ereignisse in der Geschichte der DDR haben
den schwierigen Weg der evangelischen Kirchen im
SED-Staat deutlicher offenbart als die öffentliche
Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz.
Am 18. August 1976 war der Pfarrer mit seinem
»Wartburg 311 Camping« in die Kreisstadt Zeitz
gefahren, hatte im Talar vor der Michaeliskirche ein
Transparent entrollt, sich mit Benzin übergossen und
angezündet. Vier Tage später starb er mit 47 Jahren in
einem Hallenser Krankenhaus an den Folgen seiner
schweren Verbrennungen.
25 Jahre sind seither vergangen. Doch der Streit darüber,
worauf Brüsewitz mit seinem Fanal hinweisen wollte, hält
bis heute an. Daran hat auch die Tatsache nichts
geändert, dass mit dem Zugang zu den SED- und
Stasi-Akten nach dem Ende der DDR auch erstmals
wichtige Details über die Selbstverbrennung bekannt
wurden - die Aufschrift des Transparents beispielsweise,
das er damals mit sich führte. »Die Kirche in der DDR
klagt den Kommunismus an wegen Unterdrückung in
Schulen an Kindern und Jugendlichen«, hieß es darauf.
Mit Courage gegen staatliche Erpressung
Mit Öffnung der Archive sind aber auch deutlicher als
zuvor die vielfältigen Versuche der SED belegt, auf das
Reden und Handeln der Kirchen und ihrer Leitungen
Einfluss zu nehmen. Sich diesem Druck zu widersetzen,
gehörte von Anfang an zum Alltag der DDR-Kirchen und
betraf Pfarrer oder Katecheten genauso wie Bischöfe
oder Präsidenten. Dabei war die Bereitschaft zum
Konflikt durchaus unterschiedlich ausgeprägt.
Andererseits ließ die SED im Umgang mit den Kirchen
aber auch nie einen Zweifel daran, wer die Macht im
Land besaß.
Dazu gehörte auch, dass sie mit allen möglichen
Drohungen bis hin zu Erpressungen ihre Ziele
durchzusetzen suchte. Da war mitunter schon mehr als
couragiertes Verhalten erforderlich, um sich nicht in die
Enge treiben zu lassen. Dennoch ist in den
ostdeutschen Kirchen wie in der westdeutschen
Publizistik bis heute immer wieder der Vorwurf erhoben
worden, die Kirchenleitungen hätten sich zu DDR-Zeiten
um billiger Privilegien willen zu oft dem SED-Druck
gebeugt.
Diesen Vorwürfen sah sich nach der Selbstverbrennung
besonders die Magdeburger Kirchenleitung ausgesetzt.
Dabei hatte sie sich von Anfang an hinter Brüsewitz
gestellt und alle Versuche abgewehrt, ihn nach
SED-Manier zum Geisteskranken zu stempeln. Vor
allem ließ sie keinen Zweifel daran, dass sie seinen Weg
zwar nicht guthieß, wohl aber das Anliegen verstand, das
er mit seiner Tat verfolgt hatte.
Die Magdeburger Kirchenleitung war es auch, die die
Selbstverbrennung nicht nur als »flammende Anklage«
an die SED-Führung, sondern auch an die Kirche selbst
verstand. Mit seinem Feuertod habe Brüsewitz, so der
damalige Magdeburger Bischof Werner Krusche, seiner
Kirche die Frage ins Herz brennen wollen, warum es sie
so kalt lasse, wenn ihr Menschen verloren gingen oder
Kinder nicht mehr zur Christenlehre kämen.
Auch die zunehmende Kluft zwischen Basis und Leitung
der Kirchen kam in den kirchlichen
Auseinandersetzungen immer wieder zur Sprache.
»Viele empfinden einen tiefen Graben zwischen den
Entscheidungen und Erklärungen der Kirchenleitungen
und dem, was die Gemeinde wirklich braucht. Wir haben
noch nicht gelernt, füreinander durchschaubar zu handeln
und zu reden«, hieß es in einem Brief der
Kirchenleitungen an die Gemeinden im Lande.
Der Tod von Brüsewitz habe in der Kirche eine »heilsame
Beunruhigung und ein leidenschaftliches Nachdenken«
ausgelöst, schrieb Bischof Krusche ein Jahr nach der
Selbstverbrennung an seine Pfarrerinnen und Pfarrer.
Doch zum zehnten Todestag von Brüsewitz musste er
einräumen, dass die Selbstverbrennung verblasst sei und
keine Einbrüche im kirchlichen Leben hinterlassen habe.
Das war 1986, wenige Jahre vor der friedlichen Revolution
in der DDR.
Inzwischen ist das, was Brüsewitz mit seinem
Transparent beklagt hatte, längst Geschichte: die
atheistisch geprägte Erziehung junger Menschen an den
SED-gelenkten Schulen. Aber erledigt hat sich damit für
die Kirchen die Aufarbeitung des Geschehens von Zeitz
bis heute nicht. Denn die Zahl junger Leute, die in
Schulen oder christlichen Gemeinden am religiösen
Unterricht teilnehmen, ist auch nach dem Ende der
SED-Herrschaft spärlich geblieben.
Und dieses Defizit trifft auch auf andere Fragen zu, mit
denen sich die Kirchenleitungen vor 25 Jahren in ihrem
Schreiben an die Gemeinden auseinandergesetzt haben:
»Viele Pfarrer, Mitarbeiter und Gemeindeglieder«, hieß
es darin, »leiden unter dem Kleinerwerden der
Gemeinden, unter Gleichgültigkeit und mangelndem
Mut.«
Hans-Jürgen RöderAusführliche Infos unter: http://www.bruesewitz.org/
Oskar Brüsewitz prangert öffentlich die Unterdrückung der DDR-Kirche durch die Staatsmacht an.
(Foto: epd)
Eine der letzten Aufnahmen von Oskar Brüsewitz. Vor 25 Jahren, am 18. August 1976, übergoss sich der Pfarrer mit Benzin und zündete sich an.
(Photo: epd)
Literatur:
Freya Klier: "Oskar Brüsewitz. Leben und Tod eines mutigen Pfarrers".
hg. vom Bürgerbüro Berlin e.V. Telefon: (030) 4634806, 144 Seiten.
94 Fotos, Euro 6.-, Schulen: Euro 4.-zurück zu: Homepage Dekanat Hof Dekanat aktuell Archiv