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Das Thema des Monats im Oktober 2001 

Nine Eleven


Quelle: EZ-Online, Hannover

Sehr persönliche Anmerkungen zum 11. September 2001
von Horst Kläuser

(lesen Sie außerdem: "Terrorismus ist mit Krieg nicht zu besiegen"
Erklärung des EKD-Ratsvorsitzenden , Präses Manfred Kock vom 
24. September 2001 und 
"Sorge vor einer weiteren Eskalation der Gewalt" EKD-Ratsvorsitzender zu den Militäraktionen gegen Ziele in Afghanistan vom 08. Oktober 2001) 


Die Bilder, immer wieder diese Bilder. Aus allen Perspektiven, wie im Trick gestochen scharf, mit Glutbällen wie im Film. Immer wieder rast der Jet in die blitzende Fassade des World Trade Centers. Da oben, im „Windows of the World“-Restaurant, habe ich ein paar Mal gesessen, die unglaubliche Aussicht in mich aufgesogen. Ich will die Bilder nicht sehen, nicht glauben. Und doch sehe ich sie wieder und wieder.

Die Trauer macht mein Herz leer. Mein Kopf dröhnt. Mein Mund spricht mechanisch. Gut, ich habe zu arbeiten, soll über die Ermittlungen, die Opfer, die Schäden, die Reaktionen, die möglichen Täter berichten. Das ist schließlich mein Job als Korrespondent.

Aber ich bin doch auch Mensch. Wenn die Radioleitung, die seit 20 Stunden ununterbrochen geschaltet ist, mal eine Minute schweigt, werden meine Augen nass, könnte ich hemmungslos losheulen, sehne mich nach der Umarmung meiner Frau, die den ganzen Tag verwirrt um mich herumläuft.

Waren das Menschen, die das getan haben?, frage ich mich und muss mir gestehen: ja. Was soll man mit den Tätern tun? Ich erwische mich bei einem schrecklichen Gedanken. Ich, der ich immer gegen die Todesstrafe war, der einen Mörder durch Giftspritze hat sterben sehen und es barbarisch fand, möchte die Täter tot sehen, gevierteilt, aufs Rad geflochten, bespuckt und verbrannt. Sie sind schon tot, und ich gönne es ihnen. Ob sie zu denen gehören, die im fragwürdigen Märtyrertod ihre Erfüllung sehen? Oder denken wir alle in die falsche, weil zu nahe liegende Richtung?

Die Gedanken wische ich weg, ich zwinge mich, auch jetzt, angesichts der brutalsten Bilder, die ich je sah, gerecht zu bleiben. Es fällt verdammt schwer.

Nein, wir schlagen nicht Auge um Auge, Zahn um Zahn zurück. Wir finden die Täter, wir stellen sie vor Gericht verurteilen sie.

Wir, habe ich gesagt? Ich bin doch nicht Amerikaner, lebe nur hier. Aber heute sind alle Menschen Amerikaner, leiden mit diesem merkwürdigen Volk, das mir nach fünf Jahren immer noch neue Rätsel aufgibt. Das großzügig und großkotzig ist, das Freiheit über alles schätzt und in Gewalt vernarrt ist, das weltweit hilft, aber den Globus naiv in gut und böse aufteilt.

Und ich gestehe ich habe Angst. Wie geht das weiter? Wird weiter gemordet? Fallen noch mehr Flugzeuge herunter, werde ich je wieder unbeschwert fliegen? Und was macht Bush jetzt? Kommt jetzt die Spirale der Gewalt? Bomben auf Menschen in Afghanistan, im Irak, Pakistan, wo noch? Und ­ kommt noch Schlimmeres, hier in Washington? Kommt nach dem Terror der offene Krieg? Wo kann ich bleiben, wenn ungezielt gemordet wird? Alles beginnt sich zu drehen, die Ausweglosigkeit der Wut macht sich breit.

Und da ertappe ich mich wieder bei etwas, was Journalisten ganz selten tun ­ ich bete. 

(Quelle: www.kanzelgruss.de )

Im Oktober 2001

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„Terrorismus ist mit Krieg nicht zu besiegen“
Erklärung des EKD-Ratsvorsitzenden , Präses Manfred Kock
24. September 2001 

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben die Welt
erschüttert. Sie haben nicht nur die USA, sondern die gesamte
zivilisierte Menschheit getroffen. Schreckliches Leid ist über viele
Familien gekommen. Weit über den Kreis der unmittelbar
Betroffenen hinaus sind Menschen verstört und in Ängste gestürzt. 

Es ist Aufgabe der Kirchen, die Menschen in ihren Ängsten zu
begleiten, ihnen einen Ort zu geben, an dem sie ihre Trauer, ihre
Ratlosigkeit und ihre Sehnsucht aussprechen und vor Gott bringen
können, und ihnen den Trost zu verkündigen, der inmitten der
Angst vom Glauben an Jesus Christus ausgeht. Wir halten uns an
das Wort Jesu Christi: "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost,
ich habe die Welt überwunden" (Johannes 16,33).

Zugleich mahnen die Kirchen die politisch Verantwortlichen zu
entschlossenem, aber besonnenem Handeln, um der Gefährdung
durch den Terror im Maße des Menschenmöglichen zu wehren. Eine
besonders schwere Verantwortung lastet auf denen, die in den
Regierungen und Parlamenten, in internationalen Organisationen
und im militärischen Bereich Entscheidungen zu treffen haben, um
die Terroristen und ihre Hintermänner mit allen legitimen Mitteln an
weiteren Attentaten zu hindern, sie dingfest zu machen und vor
Gericht zu stellen. 

Auch im Blick auf die terroristische Gefährdung ist es nach
evangelischer Auffassung der Auftrag jedes Staates, der
internationalen Staatengemeinschaft und des innerstaatlichen wie
internationalen Rechts, "nach dem Maß menschlicher Einsicht und
menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von
Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen." (These 5 der Barmer
Theologischen. Erklärung von 1934). 

Die Anwendung militärischer Gewalt, nach christlichem Verständnis
allenfalls "ultima ratio", d.h. äußerstes Mittel, kann höchstens
vorläufig äußere Voraussetzungen schaffen, unter denen politische,
friedensfördernde Strategien verfolgt werden. Terrorismus ist jedoch
mit Krieg nicht zu besiegen. In diesem Zusammenhang überhaupt
von "Krieg" oder gar "Kreuzzug" zu sprechen, ist falsch und
verhängnisvoll. Militärische Gegenschläge, die vor allem aus dem
Wunsch nach Vergeltung hervorgehen, stehen in der Gefahr, das
Gebot der Verhältnismäßigkeit zu missachten und weitere
unschuldige Menschen zu Opfern zu machen. So werden sie am
Ende mehr schaden als nützen. Ich erwarte von der deutschen
Regierung, dass sie sich bei der Bekämpfung des Terrorismus in
der Solidarität aller zivilisierten Staaten auf diejenigen Schritte
verständigt, die unter der Herrschaft des Rechts vertretbar sind. Sie
müssen dem langfristigen Ziel der Überwindung des Terrorismus
dienen, nicht einer kurzfristigen Demonstration der Stärke.

Die Weltpolitik muss auf die Lösung friedensgefährdender Konflikte
- wie vor allem in Israel und Palästina - und die Schaffung einer
gerechteren internationalen Ordnung ausgerichtet werden. Dieser
Auftrag ergibt sich nicht erst aus der Angst vor dem Terrorismus; er
entspricht den Weisungen unserer christlichen Tradition. Eine solche
Politik bietet immer noch die besten Aussichten, Hass und
Fanatismus als den gefährlichsten Brutstätten für terroristische
Bewegungen das Wasser abzugraben. 

Terror und Krieg im Namen Gottes sind Gotteslästerung. Sehr
wahrscheinlich stehen hinter den Anschlägen Kräfte, die vorgeben
im Namen ihrer Religion einen heiligen Krieg zu führen. Wir aber
müssen allen Versuchen widerstehen, den Islam als Weltreligion für
diese Terroranschläge verantwortlich zu machen. Wir müssen uns
hier noch stärker um Aufklärung bemühen, damit in unserem Land
nicht Vorurteile gegen muslimische Bürger wachsen. Der
interreligiöse Dialog mit den Muslimen aus unterschiedlichen
Kulturkreisen ist zu verstärken und zu vertiefen. Die muslimischen
Gemeinschaften in jedem einzelnen Land müssen ebenso wie die
islamischen Staaten für das gemeinsame Ziel der Überwindung des
internationalen Terrorismus gewonnen werden. 

Hannover, den 24. September 2001
Pressestelle der EKD
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"Sorge vor einer weiteren Eskalation der Gewalt"
EKD-Ratsvorsitzender zu den Militäraktionen gegen Ziele in Afghanistan vom 08. Oktober

Die Streitkräfte der USA und Großbritanniens haben am 7. Oktober
begonnen, Ziele in Afghanistan anzugreifen. Die Auswirkungen und
die politischen Folgen der Aktionen sind im Augenblick nicht
überschaubar. Die Verantwortlichen sind mit ihrer Entscheidung ein
hohes Risiko eingegangen. Noch ist nicht erkennbar, ob diese jetzt
gewählten Mittel dem Ziel der Bekämpfung des Terrorismus
tatsächlich dienen, und ob eine Schonung der afghanischen
Zivilbevölkerung in dem bekundeten Maße überhaupt möglich ist. 

In dieser Stunde überwiegt bei mir die Sorge vor einer weiteren
Eskalation der Gewalt. Bei der Bekämpfung der Terrororganisation,
die hinter den Anschlägen vom 11. September steht, und ihrer
Unterstützer darf es nicht um Rache und Vergeltung, sondern allein
um Bestrafung der Schuldigen und Gefahrenabwehr gehen.

Die Entwicklung in Afghanistan mahnt uns Christen, im Gebet für
den Frieden nicht nachzulassen. Ich bitte die evangelischen
Gemeinden und die evangelischen Christen in unserem Land, in
Andachten und Gottesdiensten und auch im persönlichen Gebet die
Hilfe und den Trost Gottes zu suchen. Wir denken auch an die
Millionen Flüchtlinge in und um Afghanistan. Ihre Not droht nun
noch schlimmer zu werden. Bitte unterstützen Sie die
Hilfsmaßnahmen, die auch von der Katastrophenhilfe des
Diakonischen Werkes der EKD eingeleitet wurden. Mein persönliches
Mitgefühl gilt auch den in Afghanistan inhaftierten
Entwicklungshelfern, deren Schicksal jetzt ungewisser ist denn je.

Ich bitte alle Bürgerinnen und Bürger: Setzen Sie auch Zeichen der
Gesprächsbereitschaft mit den muslimischen Nachbarn. Wir wissen
uns mit unseren Partnerkirchen in der Welt, auch in den Vereinigten
Staaten von Amerika, darin einig, dass der Islam als Weltreligion
für den Terror nicht verantwortlich ist.

Gott hält diese Welt in seinen Händen. Das ist der Trost, auch in
diesen Zeiten der Gewalt und der Angst. Dieser Trost ermutigt uns,
entschlossen und mit langem Atem weiter zu gehen auf dem Weg
zur Überwindung von Krieg und Gewalt.

Hannover, den 08. Oktober 2001
Pressestelle der EKD
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