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EKD sieht Auslandseinsätze der Bundeswehr
mit Skepsis
Neue Friedensdenkschrift vorgelegt (epd,
24.10.07)
Berlin (epd). Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat sich
skeptisch zu weiteren Auslandseinsätzen der Bundeswehr geäußert. In
ihrer am Mittwoch in Berlin veröffentlichten Friedensdenkschrift
heißt es, die Ausrichtung der Bundeswehr auf eine Armee im Einsatz
werfe ernste Fragen auf. "Wer den Frieden will, muss den Frieden
vorbereiten", sagte der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber bei der
Vorstellung. Jeder militärische Einsatz markiere im Grunde das
Scheitern ziviler Bemühungen zur Konfliktlösung. CDU, SPD und
Linksfraktion begrüßten die Friedensdenkschrift. Auch das
Verteidigungsministerium reagierte positiv.
Wirksame Friedenspolitik beruhe auf dem Abbau von Gewalt, der
Fortentwicklung der internationalen Rechtsordnung und einer
gerechten Weltwirtschaft, heißt es in der Denkschrift. Militärisches
Eingreifen ist der EKD zufolge als äußerstes Mittel nicht
vollständig auszuschließen, erfordert aber einen klaren
völkerrechtlichen Auftrag. Diese Bedingungen müssten auch gelten,
wenn es um die Verhinderung von Genozid oder Menschheitsverbrechen
gehe.
"Friede erschöpft sich nicht in der Abwesenheit von Gewalt, sondern
hat ein Zusammenleben in Gerechtigkeit zum Ziel", erläutern die
Autoren das Leitbild des gerechten Friedens. Deshalb müssten sich
Friedensprozesse auf Gewaltvermeidung, Förderung von Freiheit und
kultureller Vielfalt sowie Abbau von Not richten.
Mit der Denkschrift "Aus Gottes Frieden leben - für gerechten
Frieden sorgen" präsentiert die EKD erstmals seit mehr als 25 Jahren
wieder ein Grundsatzpapier zur Friedensethik. Darin reagiert sie auf
neue globale Friedensgefährdungen seit 1989. Zu diesen Bedrohungen
gehören aus Sicht der EKD der Zerfall staatlicher Autorität, der
internationale Terrorismus sowie weltweite sozioökonomische Probleme
wie Armut, Hunger und Umweltzerstörung.
Als vorrangige Friedensaufgaben nennt die EKD in ihrer Denkschrift
die Stärkung der Autorität der Vereinten Nationen und eine
wirksamere Rolle der EU als "Friedensmacht" durch Nutzung ihrer
diplomatischen Chancen und zivilen Fähigkeiten. Zudem wird ein Abbau
von Waffenpotenzialen durch Rüstungskontrolle und ein Ausbau ziviler
Konfliktbearbeitung befürwortet. Dabei komme Friedens-,
Freiwilligen- und Entwicklungsdiensten eine besondere Bedeutung zu.
Die SPD-Kirchenbeauftragte Kerstin Griese sieht in der Denkschrift
eine wichtige Hilfestellung für die Abgeordneten. Die Gewalt der
Herrschaft des Rechts zu unterwerfen, sei eine zentrale Aufgabe, so
die Bundestagsabgeordnete. Verlässliche friedensethische
Orientierung sei in einer von Krieg, Terror und Gewalt geprägten
Welt mehr denn je nötig, erklärte der Bundesvorsitzende des
Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU, Thomas Rachel. Er gehört
der mit Theologen, Rechts- und Politikwissenschaftlern sowie
Politikern besetzten Kammer für öffentliche Verantwortung an, die
die Denkschrift erarbeitet hat. Für die Linke erklärte der
Fraktionsvize Bodo Ramelow, er teile die friedenspolitischen
Einschätzungen der EKD. Zum Gebot der Nächstenliebe gehöre auch die
"Feindesliebe".
Das Leitbild des gerechten Friedens setze den Ausbau der
internationalen Rechtsordnung und starke internationale
Organisationen voraus, so der EKD-Ratsvorsitzende Huber. Einer
Wiederbelebung der "Lehre vom gerechten Krieg" erteilte der Berliner
Bischof eine Absage. Er kündigte an, vor Weihnachten wolle er mit
dem evangelischen Militärbischof Peter Krug ins Kosovo reisen, um
deutsche Soldaten zu besuchen.
Der Vorsitzende der EKD-Kammer für öffentliche Verantwortung,
Wilfried Härle, sagte, die begonnenen Einsätze müssten zu einem
guten Ende geführt werden. Aber Deutschland solle sich aus EKD-Sicht
nicht in immer mehr Konflikte hineinbegeben. Der Parlamentarische
Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Christian Schmidt (CSU),
hob hervor, aus kirchlicher Sicht müssten Auslandseinsätze immer
kritisch betrachtet werden. Das Dokument zeige aber, dass es einen
Platz für die Einsätze im kirchlichen Werteverständnis gebe. Schmidt
würdigte die kirchliche Mahnung, das Verhältnis zwischen innerer und
äußerer Sicherheit sorgfältig zu klären. |
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(Quelle:
ekd)
"Mit
dem Leitgedanken des gerechten Friedens, der die Schrift wie ein
roter Faden durchzieht und die einzelnen Themenbereiche miteinander
verbindet, greift die Denkschrift eine wichtige theologische
Tradition auf und führt sie weiter. Man kann in der Sache an den
Reformator Martin Luther anknüpfen und an dessen Intervention
anlässlich der Fehde um das kleine Städtchen Wurzen im Jahr 1542
denken. Als eine gewaltsame Auseinandersetzung drohte, erinnerte
Luther die beiden betroffenen Fürsten an ihre vorrangige Pflicht,
sich für den Frieden einzusetzen. Er schlug den Weg der Verhandlung
vor, ebenso ein Schiedsgericht, also eine unabhängige, rechtsförmige
Instanz der Vermittlung. Sollte eine gütliche Einigung nicht zu
Stande kommen, so hielt er auch Gehorsamsverweigerung für denkbar,
um den Frieden zu erhalten. Luthers Äußerungen zeigen, dass er dem
Frieden den Vorrang zuerkannte und für seine Bewahrung auf
Prävention, Verhandlungen und rechtsförmige Lösungen setzte. Sein
Vermittlungsversuch war übrigens erfolgreich. Die Beteiligten
konnten im April 1542 ein friedliches Osterfest feiern.
Auch bei nüchterner Betrachtung der Realität nach Chancen des
Friedens Ausschau zu halten – das ist auch der Geist dieser neuen
Friedensdenkschrift. Sie führt die Tradition friedensethischer
Urteilsbildung in unserer Kirche unter neuen Bedingungen weiter.
Diese Tradition hat in den Zeiten der deutschen Teilung in der
Ostdenkschrift von 1965 und der Friedensdenkschrift von 1982
besonderen Ausdruck gefunden; in den Kirchen der DDR hat sie sich
besonders in der Friedensdekade, in der großen Wirksamkeit des
Zeichens "Schwerter zu Pflugscharen" und in der beherzten Absage an
Geist, Logik und Praxis der Abschreckung Ausdruck verschafft. Heute
entwickeln wir eine Friedensethik, die unterschiedliche Strömungen
unter dem Leitbegriff des gerechten Friedens zusammenführt. Die EKD
will damit ihren Beitrag zur friedensethischen Urteilsbildung wie zu
praktischen Friedensbemühungen unter den Bedingungen des 21.
Jahrhunderts leisten.
(Präses
Wolfgang Huber,
Berlin, 24. Oktober 2007) |