Das Elend im Pfarrberuf heute
- Lage und Lösungswege
Von Jörn Halbe (Deutsches
Pfarrerblatt Nr. 4/2008)
I. Nicht nur eine Sache der betroffenen
Personen
Erschöpfungszustände bis hin zum »Burnout-Syndrom« sind eine
Gefahr für Menschen, die aus ideellen Gründen viel Energie in ihren
Beruf investieren und hohe Erwartungen in ihre Arbeit und ihre
Leistungsfähigkeit setzen, dabei aber Bedingungen unterworfen und
Ansprüchen ausgesetzt sind, die auch beim besten subjektiven Willen
objektiv nicht zu erfüllen sind – wenn beispielsweise der Rahmen
fehlt, der dem beruflichen Handeln Maßstäbe, Ziele und Grenzen setzt
und der es auf diese Weise überhaupt erst ermöglicht, in der Arbeit
zur Ruhe zu kommen und in der Ruhe zum Frieden. Die Folge ist
»negative Stress« des auf sich selbst zurückgeworfenen, nur noch
sich selber richtenden Subjekts.
Das genau ist das berufliche
Elend, in dem ich Pastorinnen und Pfarrer zunehmend häufig gefangen
sehe. Es ist nicht einfach das Maß – und sei es das Übermaß –
anfallender Aufgaben und Pflichten, das krank macht (das gibt es im
Einzelfall auch); tiefer liegt und umfassender wirkt das Zerfließen,
die Diffusion, der Gesichtsverlust des Pfarrberufs selbst. Und mit
»Gesichtsverlust« meine ich beides, den Verlust des »Ansehens« und
den Verlust des »Charakters«, des typisch Eigenen, Unverwechselbaren
dieses Berufs, das den Betroffenen sagen könnte, wer sie sind, was
sie sollen. Verloren geht, was sie auf diese Weise verpflichten
würde, aber auch entlasten, formen, aber auch befreien.
II. Die Lage
Was sich für
Pastorinnen und Pfarrer im Unterschied zu früheren Zeiten
grundlegend gewandelt hat, wird von Fulbert Steffensky so
zusammengefasst: »Die Zeit der festen Rollen ist vorbei. Der Pfarrer
(und nun auch die Pfarrerin) sind nur noch sie selber, es schützt,
ermuntert und verdirbt sie immer weniger ein diesem Beruf
vorliegendes Muster. Sie sind, die sie sind. Ihre Worte werden nicht
gehört, weil sie aus dem Mund des Pfarrers oder der Pfarrerin
kommen. Sie werden gehört und bedacht, insofern sie gut sind. Sie
werden geehrt, insofern sie ehrenhaft sind, und nicht, weil sie
einen geistlichen Beruf haben. Pfarrhäuser und Pfarrer werden
unkenntlicher, sie werden nicht mehr an ihrer Kleidung erkannt,
nicht mehr an einem beruflichen Einheitsvokabular, nicht mehr an der
Art, wie sie mit ihren Partnern und ihren Kindern umgehen. Das
bedeutet zunächst eine größere Freiheit. Sie sind nicht mehr Opfer
ihrer Rolle, und das Pfarrhaus ist keine Opferstätte der
Individualität mehr. Aber es bedeutet auch eine oft zu schwere Last.
Sie müssen sich ständig ausweisen und ständig beweisen, noch mehr:
sie sollen ihre Botschaft ausweisen. Das Evangelium wird für so gut
gehalten, wie die Pfarrerin oder der Pfarrer ist, die es predigen.
Das aber ist zu viel für die Schulter eines Menschen.«
Dies alles hat Gründe im Wandel unserer Gesellschaft im
Ganzen. Auf die Gestalt und das Leben der (westdeutschen) Kirchen
bezogen, gilt jedenfalls:
Konvergente Entwicklungen der
letzten dreieinhalb Jahrzehnte haben dazu beigetragen, dass
Pfarrerinnen und Pastoren ihre Kirche immer weniger als »Haus«, das
heißt als einen Raum erfahren, der ihnen im Umgang mit sich und mit
anderen als ihnen vorgegeben hilft, ihr eigenes Innen zu ordnen, zu
wissen, was ihre Aufgabe ist, zu unterscheiden, was wichtig ist, zu
bejahen, was Grund ihrer Autorität ist, zu begrenzen, was ihre
Verantwortung ist – kurzum: als einen Raum, der es ihnen erlaubt und
erleichtert, zu sein, was sie tun, und zu leben, was sie sind.
Für Pfarrerinnen und Pastoren ist es eng geworden – nicht nur
unter dem Gesichtspunkt schrumpfender Gemeinden und schwindender
Mittel, sondern erst recht, weil sich alles Erwarten auf sie als
Person konzentriert, auf den engen Raum ihrer Subjektivität und die
Fähigkeit, sich darin selbst zu ordnen.
Was dazu beigetragen
hat, lässt sich im empirischen Sinn zumindest auch als äußerer
Wandel beschreiben: Der Mitgliederschwund und das Schwinden der
Mittel gehören zur Grunddynamik. Zugleich aber lösten sich auch bis
dahin noch einigermaßen stabile Strukturen des Pfarrberufs auf:
- die Öffnung des einstmaligen Männerberufs auch für Frauen
- die Schaffung von Teilzeit- und geteilten Stellen
- der »Mutationssprung« vom Pfarrhaus zur Dienstwohnung, die nicht
mehr geistliches Leben in all seiner Ambivalenz, sondern
Anfragbarkeit für die Leistung von Diensten symbolisiert
- das Unterlaufen und teilweise dann auch formell die Aufhebung der
Residenzpflicht
- der Niedergang der Parochie, die angesichts heutiger
Differenzierung der Lebens- und Institutionenbereiche nur noch in
der Vorstellung integriert, was an Vollzügen und Themen des Lebens
längst aus der Welt von Familie und Wohnen ausgewandert ist.
Geblieben ist der »Lebenszyklus« und geblieben sind – bezogen darauf
– die »Dienstleistungen« in Seelsorge, Amtshandlungspraxis,
Gottesdiensten und Erziehung.
Das klamme Gefühl von Pfarrerinnen und Pastoren, das Leben lebe an
ihnen vorbei, mag als solches nicht neu sein; neu aber ist, wie
verbreitet und wie begründet dieses Gefühl ist. Denn in allem hier
angedeuteten Wandel traditionaler Strukturen hat ja der Pfarrberuf
teil am Gesellschaftsprozess insgesamt und der läuft darauf hinaus,
dass bei schwindender Außenorientierung des Lebens und Handelns das
binnengeleitete Wählen und Entscheiden immer stärker »beansprucht«
(im Doppelsinn des Wortes: subjektiv verlangt und objektiv
zugemutet) wird. Das gilt wie für alle in der »Erlebnisgesellschaft«
(Gerhard Schulze) erst recht für »Erlebnis-Anbieter«, wie Pfarrer
und Pastorin es sind: Immer weniger ist es das »objektiv Gebotene«,
das ihnen sagt, was zu tun ist; immer stärker die Selbstbefragung
mit allem Risiko, an dem, was die Leute entscheiden und wählen,
gerade vorbei zu entscheiden – ein Stress, der immerhin erklärt,
woher so viel Müdigkeit, aber woher auch so viel Tingeltangel kommt.
Was erreicht werden soll, sind nicht Leute, sondern die
Erlebnislücken in der Innenwelt der Leute.
Nicht überraschend vielleicht, aber bemerkenswert ist es allemal,
wie konform sich dazu dominante Konzepte Praktischer Theologie und
kirchlich-offizieller Programme verhalten. Sie steuern dem nicht
entgegen; sie verstärken das, was ist, und zwar in dreifacher
Hinsicht.
1. Befragungen zum Zweck der funktionalen
Bestimmung pastoraler »Identität«
Der Versuch, empirisch zu erforschen, was Hans und Grete von der
Kirche, speziell von Pfarrern und Pastorinnen erwarten, verspricht
auf den ersten Blick Kompensation für das, was seit Anfang der 70er
Jahre an Stabilitätsverlust sowohl der Institution als auch des
Berufsbildes zunehmend spürbar wurde. Worauf es dann aber
hinauslief, war (in den hier relevanten Bezügen) zweierlei:
- Für das, was »Kirche« ist, steht und haftet in der Wahrnehmung der
Leute jeweils die Pastorin, der Pfarrer in Person.
- Auf sie, die Person der Pastorin, des Pfarrers, richten sich
inkongruente Rollenerwartungen, die allenfalls additiv gebündelt und
nie enttäuschungsfrei erfüllt werden können.
Das in dieser Weise »funktional« rekonstruierte Berufsbild
verwickelt die Betroffenen (und über sie die, die mit ihnen
Erfahrungen machen) gleich doppelt in Widersprüche: Es zeichnet sie
aus und wertet sie auf – aber durch einen Anspruch, den sie nicht
erfüllen können, nämlich »für Kirche zu stehen«. Und es verspricht
Orientierung in der Wahrnehmung ihres Berufs – jedoch durch
Rollenvorgaben, die desorientierend, weil disparat, aber »gleich
gültig« sind, nämlich mit gleicher Geltung begründet in den
Erwartungen Dritter. Kein Zufall: »Authentizität« und »Identität im
Beruf« werden zu Schlüsselbegriffen. Es meldet sich darin, was hier
gesucht und so nicht zu finden ist.
2. Bildungsplanung mit dem Konzept pastoraler
»Kompetenz«
So startet mit Ende der 70er Jahre ein neuer Begriff seine steile
Karriere, zunächst in der Reflexion auf und sodann in Programmen für
theologische Bildung in Studium und Beruf: »Kompetenz«. Die
Grundfigur bleibt dabei gleich: Ihrer selbst im Umfeld der
Gesellschaft unsicher geworden – und dies nun verstärkt durch die
neue Erfahrung, dass es an kirchlichen Stellen für nachwachsende
Theologinnen und Theologen zu mangeln begann –, hält die Kirche an
einem fest, dass nämlich Wohl oder Wehe, dass Überzeugungskraft und
Glaubwürdigkeit ihrer Sache an der Person des Pfarrers oder der
Pastorin hängen, die Einzelne, der Einzelne – man weiß nicht, ob als
rettender Strohhalm oder als Fels in der Brandung. Gebraucht ist in
jedem Fall eins: »Kompetenz«, und zwar »theologische«, die als je
eigene persönlich zu erwerben, biographisch zu entwickeln,
situationsangemessen auszudifferenzieren, in sich aber invariant so
strukturiert ist, dass fachtheologische Kenntnisse und Einsichten
die Grundlage jeden Erwerbs berufsrelevanter Fertigkeiten bilden.
Man konnte in diesem Konzept auch Befreiendes finden: eine
Fähigkeit, die als theologische die Kriterien und als Kompetenz das
Vermögen beinhaltet, sich im Spannungsfeld konkurrierender
Erwartungen zu begrenzen und zu profilieren. Das aber zeigt auch
zugleich die Pointe: Es geht um ein Konzept beruflicher
Selbststeuerung, das im Selbstbild der Pastorinnen und Pfarrer das
Primat theologischen Wissens, im institutionellen Rahmen von
Universität und Kirche das Primat entsprechender Wissensvermittlung
und – hier entscheidend – im Leben und Leitbild von »Gemeinde« das
Primat der Amtspersonen sichert – der »Profis« den »Laien«, der
»Häupter« den »Gliedern« gegenüber. Wenn nicht alle Gewalt, so doch
alles Gestalten geht von ihnen aus – und vom Innen: vom homo
theologicus als Subjektkern und Kernsubjekt der Frauen und Männer in
diesem Beruf. Die Gemeinde als Haus aus lebendigen Steinen, und zwar
selber lebendigen Steinen, kommt dabei nicht in den Blick.
3. Marktanalyse zur Optimierung pastoraler
»Effizienz«
Genau auf dieser Linie liegt, was die Finanznot der Kirchen seit
Anfang/Mitte der 90er Jahre an Reaktionen hervortrieb. Das Fehlen
des Geldes schlug nicht nur real auf die Lebens- und
Arbeitsbedingungen, ja überhaupt auf die Zugänglichkeit und Zukunft
des Pfarrberufs durch. Es schlug gleichzeitig um in eine umfassende
Ökonomisierung kirchlichen Denkens und Planens, geleitet vom
tragenden Imperativ betrieblichen Wirtschaftens: Die Zukunft des
Unternehmens zu sichern. Das Leben kam ins »Angebot«. Die Logik des
Marktes wurde strukturbildend – nicht nur im Neubau von Sprache
nicht nur im Umbau von Theologie, auch in Strategien und Projekten
der Reorganisation von Kirche unter dem Gesichtspunkt höherer
Attraktivität und verbesserter »Angebotskonzepte«.
Darin lag auch das Versprechen, veränderte Strukturen und
voraussetzungsvolleres (Organisations-)Wissen würden die pastorale
Arbeit weniger störungsanfällig und enttäuschend, damit für alle
Beteiligten weniger frustrierend werden lassen. Aber zugleich
verengte sich damit die Perspektive, in der diese Arbeit gesehen
wurde, und es wuchs der Druck des Maßes, mit dem sie gemessen wurde:
Erfolg war das Maß, Effizienz die Perspektive. Und der Markt fällt
das Urteil.
Um ganz zu ermessen, was das bedeutet, muss man sich klar machen:
»Der Markt ist der Kontingenzraum par excellence – ein höchst
fluides Gewirr von Lücken und Nischen, die sich ebenso schnell
auftun, wie sie wieder verschwinden oder von der Konkurrenz
geschlossen werden. Jeder Versuch, die Dynamik stillzustellen, muss
scheitern. Erfolg hat nur, wer sich ihr mimetisch angleicht oder sie
gar zu überbieten sucht, mit anderen Worten: wer beweglich genug
ist, seine Chance zu erkennen und zu ergreifen, bevor ein anderer es
tut.« »Für den Einzelnen ergibt sich daraus eine paradoxe Situation:
Einerseits ist er den Kräften des Marktes ausgeliefert wie einer
Naturgewalt, andererseits kann er seinen Erfolg wie sein Scheitern
niemandem zuschreiben als sich selbst.«
»Empowerment und Demütigung gehen Hand in Hand.«
Mit anderen Worten: Die Übernahme marktorientierter
Führungskonzepte in die Programmatik kirchlicher
Organisationsentwicklung (endgültig nun im Impulspapier »Kirche der
Freiheit«) unterwirft beide – die Organisation wie die Einzelnen in
ihr, die Kirche wie ihr Personal und darin besonders Pastorinnen und
Pfarrer – dem Dauerstress nie abgeschlossener, weil unabschließbarer
Optimierungsprozesse. Verlangt und prämiert wird »eine von
umsichtiger Fürsorglichkeit geprägte Grundhaltung, die das Wort
›genug‹ nicht kennt und bestrebt ist, dem Kunden immer einen Schritt
voraus zu sein.« Das schließt ein: Der Einzelne selbst wird »zum
Agenten eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses an der eigenen
Person.« Er spielt mit in einem Spiel, das eines nicht kennt: Gnade.
Denn es erlaubt nicht nur nicht, sondern verbietet geradezu,
(theologisch gesprochen) zwischen »Person« und »Werk« zu
unterscheiden. Es »fordert und fördert« (nach eigenem Sprachspiel),
aber es braucht, bringt hervor und implementiert in Wahrheit die
Person als Werk.
Systematisch-theologisch steht damit die (Möglichkeit der)
Fundamentalunterscheidung von »Gesetz« und »Evangelium«, damit die
Freiheitsbotschaft der Rechtfertigungslehre und also – zumindest für
die Kirchen der Reformation – nicht weniger als alles auf dem Spiel.
Praktisch-theologisch, nämlich in der Perspektive empirischer
Ekklesiologie, erschließt sich die Aussicht, dass es womöglich
gelingt, mit den hier fraglichen Mitteln die Organisation der Kirche
zu salvieren. Die Frage ist nur, ob sie es dann auch noch ist:
Kirche.
»Identitätskrisen« sind das eine, »Krisenidentität« ist das andere.
»Krisenidentität« ist dadurch gekennzeichnet, dass wachsende
faktische Unsicherheit (also nicht nur »Verunsicherung«) in den
Außenbezügen und der Außenorientierung einer Person oder Gruppe
einseitig, weil »objektiv« nicht abzuwenden, in eben diese Person
oder Gruppe hinein verlagert und zum Anspruch an sie wird, sich in
ihren Selbstbezügen und in ihrer Binnenorientierung desto höher
»subjektiv« zu sichern. Nicht »Es gibt viel zu tun, packen wir’s
an!«, sondern »Du hast keine Chance, ergreife sie!« bestimmt diese
Situation. Krisenidentität spiegelt die Unzugänglichkeit eines sich
verschließenden oder sich entziehenden Außen in einem desto
bemühteren, höher beanspruchten Innen. Theologisch gesprochen, aber
nicht nur theologisch gemeint: Die Störung im Verhältnis zum »Extra
nos« führt zu Hypertrophie des »In nobis«.
Zur Symptomatik gehört dementsprechend, dass Tugenden und
Fähigkeiten wie »Flexibilität«, »Professionalität«,
»Verzichtbereitschaft«, »Kompetenz« ebenso in aller Munde sind wie
Klagen darüber, es fehle daran: Eins wie das andere, Tugend wie
Tadel, spricht ja von objektiven Problemen äußerer Realität, als
wären sie eigentlich nur eine Frage richtiger Ausstattung und
Einstellung der Subjekte. Wer’s glaubt, wird nicht selig! Denn
wieder ist nur ein desto bemühteres, höher beanspruchtes Innen die
Folge – und zugleich damit so etwas wie ein resignativ-panischer
Egoismus, der in die Vereinzelung führt, der die Kollegialität
vergiftet und der Weltmeister macht in der Kunst, sich projektiv zu
entlasten, d.h. Anspruch und Vorwurf mit Gegenanspruch und
Gegenvorwurf zu beantworten. Kein Wunder, dass es in einer Erhebung
des vergangenen Jahres zur Arbeitszufriedenheit im Pfarrberuf heißt:
»Unter den Negativerfahrungen [der befragten Pfarrerinnen und
Pastoren] stand […] eindeutig das Verhältnis zu den KollegInnen als
Feld häufiger Frustrationen und Konflikte an erster Stelle.«
Der Grund alles dessen liegt im Verlust eines sicheren, sichernden
Raumes, den nicht nur die Kirchen im Blick auf die Welt, sondern –
verbunden damit – auch die Pastorinnen und Pfarrer in ihrem
Verhältnis zur Kirche erfahren haben und erfahren. Die Welt braucht
immer weniger die Kirche, die Kirche immer weniger Pastorinnen und
Pfarrer – und sie, die Pfarrerinnen und Pastoren, sollen darüber
nicht wütend oder müde werden, sondern desto flexibler,
professioneller, genügsamer, kompetenter … wie ihrerseits ja auch
die Kirche in ihrer Beziehung zur Welt sich ordentlich Mühe gibt,
nicht gekränkt und verbiestert zu sein, sondern alert, effizient, up
to date und mit marktoptimiertem Produkt: »Kirche der Freiheit«,
statt einfach – und allerdings weniger schlicht – befreiende Kirche.
III. Lösungswege
Die Wurzel des Übels liegt in der Ekklesiologie – in einem engen,
aus Existenz- und Zukunftsangst einseitig »machbarkeitslastig«
gewordenen Kirchenverständnis. Theologisch geurteilt: Es herrscht
das »Gesetz«.
Das hat mit einer Schwierigkeit zu tun, der wir nicht ausweichen
können: Die Kirche ist als Menschenwerk, als Organisation unterwegs
in der Zeit – mit allem, was das an sachlichen Zwängen und an
Gestaltungsverantwortung einschließt; zugleich aber ist sie als
Gotteswerk, als creatura verbi in der Welt – und wir sind
verpflichtet, von da her, von der Bibel her zu bestimmen, was sie
ist und sein soll. Überblickt man die Diskussion um Pfarrberuf und
Pfarrerbild, wie ich sie dargestellt habe, so zeigt sich, dass sie
konzentriert organisationstheoretisch und berufssoziologisch geführt
worden ist – bezogen eben auf Kirche als Organisation.
Unterbelichtet geblieben, wenn nicht ganz ausgefallen ist dagegen
die Frage, was es für diesen Beruf und die berufliche Praxis
bedeutet, dass er in erster Instanz als »Dienst am Wort«
(ministerium verbi) ekklesiologisch begründet ist – verankert im
»Extra nos«, gerade nicht nur der Organisation, sondern des
Glaubensgrundes der Kirche, wofür als Kennzeichen die Ordination
fungiert.
Noch einmal Fulbert Steffensky: »Wir müssten verzweifeln, wenn wir
nur die wären, die wir sind. Wir müssten an unserer Kirche
verzweifeln, wenn sie nur die wäre, die sie ist. Wir sind nicht die
Garanten unserer selbst. Wir leben, weil wir bezeugt sind. ›Der
Geist gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.‹ (Röm
8,16) […] Das gilt nicht nur für uns Einzelne. Es gilt für die
Kirche. Und so ist die Kirche sich nicht nur aufgegeben, sie ist
sich selber vorgegeben.«
Alles, was Pfarrern und Pastorinnen hilft, sich dieses Glaubens,
dieses Grundes ihrer Arbeit zu vergewissern, begegnet dem Trend und
wehrt der Gefahr, dass sie in ihrem beruflichen Leben unter die
Dinge geraten. Und die Kirche – als Organisation – hat die Pflicht,
für solche Vergewisserung die geeigneten Räume zu schaffen: Nicht
nur aus Gründen der Fürsorge, sondern eingedenk dessen, dass sie
Kirche ist.
Einige Beispiele als »Wegweiser« auf der Suche nach Lösungswegen:
1. Das Pastoralkolleg
Die Ursprungsidee des Pastoralkollegs gehört hierher – als die eines
Ortes von Fortbildung, die nicht primär handlungsorientiert auf
berufliche Qualifizierung abzielt, sondern die sich leiten lässt von
dem (gut reformatorischen) Gedanken, dass die »persönliche
Glaubensgewissheit der beruflichen Handlungsgewissheit voran[geht]«
– »opus non facit personam, sed persona facit opus«. Das heißt
konkret: Im Umgang mit der Bibel, in festen Zeiten des Gebets und in
gemeinsamem Leben geht es darum, zurückzufinden zu den Quellen
persönlichen Glaubens und beruflichen Lebens, sie zu klären, zu
reinigen, neu daraus zu schöpfen; Zweifel und Enttäuschungen zu
teilen; einander zu stärken in der Hoffnung und der Liebe; die
eigene Praxis zu evaluieren; Mut zu fassen und Ideen zu spinnen im
Blick auf die Arbeit, die kommt. Vergewisserung im Amt, und zwar
konstitutiv in Gemeinschaft der Ordinierten: Dazu und darum wurde
das Pastoralkolleg erfunden. Dies zunächst und noch lange
ausdrücklich im Unterschied zu Konzepten der Fort- und Weiterbildung
nach Maßgabe institutionellen »Bedarfs«, organisationstheoretischer
Weisheitslehren oder kirchenleitender Zielvorgaben – ohne darum
überhaupt deren Recht zu bestreiten. Sie haben ihren Ort wo immer,
aber nicht im Pastoralkolleg. Dessen Qualität im Sinn und Interesse
»respirativer Personalzurüstung« hängt entscheidend ab von der
Klarheit und Ursprungstreue in diesem Punkt. Das gilt im Blick auf
Themen und Methoden, nicht minder aber auch im Blick auf den
Standort, die Räume, den in den Dingen wohnenden Geist der Arbeit im
Pastoralkolleg.
2. Ein Kolleg für nicht-ordinierte
Mitarbeiter/innen
Vor einem Vierteljahrhundert bereits (1982) hat man gefragt: »Wann
[…] werden die Landeskirchen den immer dringender werdenden Bedarf
an ›Pastoralkollegs‹ für die große Zahl der nicht-ordinierten
kirchlichen Mitarbeiter sehen? Viele von ihnen haben sich von ihrem
Engagement eine Vergewisserung im Glauben erhofft und ihre Hoffnung
noch nicht aufgegeben.« – Eine berechtigte Frage, aber immer noch
offen! Berechtigt auch darum, weil sie auf ein Problem verweist, das
die pastorale Praxis in hohem Maße belastet: Es ist zunehmend unklar
geworden, was eigentlich »Amt« und »Ordination« für die berufliche
Identität der Pastorinnen und Pfarrer und damit für das Verhältnis
sowohl der Ordinierten zu den Nichtordinierten als auch der
Ordinierten zueinander in der Sache bedeutet. Die Ausdifferenzierung
immer neuer Handlungsfelder in der pastoralen Praxis, entsprechend
die Spezialisierung der Arbeit hat alle Aufmerksamkeit
berufssoziologisch auf das gelenkt, was »Professionalisierung« des
Pfarrberufs heißt, aber mit anderem und vielleicht größerem Recht
»Entprofessionalisierung« genannt werden könnte und wirklich genannt
worden ist – schlicht, weil das Ende vom Lied ist: »In diesem Beruf
wird es immer schwerer zu wissen, was man als Erstes und Wichtigstes
zu tun hat«, und im Verhältnis zu Mitarbeitenden: …was man aus gutem
Grund nicht zu tun hat. »Vergewisserung im Amt« verlangt heute
Arbeit und Orte, sich neu und wieder berufstheologisch »des Amtes«
zu vergewissern. Nicht zur Wiederbelebung vergangener
Pfarrherrlichkeit, sondern genau, um Tendenzen dahin und der
Versuchung dazu zu begegnen.
3. Die Praxis des Studiums
»Könnten [fragt Fulbert Steffensky] die Orte intellektueller Bildung
nicht mehr, als sie es jetzt sind, Orte religiöser Bildung werden?
Ich nehme als Beispiel die Universität. Es werden Lehren, Theorien,
Methoden gelehrt. Wenn Praxis gelehrt wird, dann die Praxis der
Vermittlung, selten aber die der religiösen Selbstgestaltung.
Angehende Pfarrer und Pfarrerinnen lernen zu wenig spirituellen
Benimm. Sie lernen etwas über das Wesen des Gebetes, sie lernen
keine Formen des Betens. Der Korrespondent der universitären
Theologie ist die Wissenschaft, nicht die Kirche. Darum ist sie oft
auch so langweilig und optionsfrei. Unsere angehenden Pfarrer und
Pfarrerinnen bräuchten einen Spiritual oder eine Spiritualin, einen
Menschen, der sie in ihrer Studienzeit begleitete; der sie kennte;
der sie einführte in geistliches Leben. Sie bräuchten Menschen, die
sie nicht nur verstehen lehrten, was sie später selber lehren,
sondern die sie lieben lehren, was sie lehren sollen. […] Zum ersten
Mal stoßen junge Menschen im Predigerseminar auf eine andere Praxis,
das aber ist spät.«
4. Retraiten
Zunehmend häufig ziehen sich Pfarrerinnen und Pastoren für Zeiten
geistlicher Übung in Klöster oder Retraitenhäuser zurück. Auch wenn
man darüber schmunzelt, dass »Protestanten gelegentlich Kloster
spielen wie in Loccum oder Amelungsborn«: Es sind dies freie
Initiativen Einzelner, die eher zeigen, woran es mangelt, und die
den besonderen Schaden heutigen Pastorendaseins – den Unfrieden
unter Kolleginnen und Kollegen – nicht heilen, gegebenenfalls sogar
noch vertiefen. Es ist gut, geprägte Orte spiritueller Tradition zu
haben; es wäre besser, sie auch noch anders zu nutzen als nur
jeweils »für sich«.
5. Spirituelle Weggemeinschaften
Eine neue Form »Spiritueller Weggemeinschaft«, zu der sich Gruppen
zusammenfinden, ist vom Pastoralkolleg in Thüringen entwickelt
worden: Sie verbindet geistlich strukturierte »Oasentage« an
verschiedenen Orten (»damit es niemand zu weit hat«) mit geistlicher
Begleitung (»Einzelgespräche zur Beratung des inneren Wegs«) und
einer »kleinen Regel« (»Verabredungen zur Stärkung auf dem
gemeinsamen Weg«). Diese Regel verpflichtet zu Fünferlei:
- »Wir praktizieren eine Gestalt geistlichen Lebens im Alltag. Die
kann individuell sehr unterschiedlich sein, ist aber auf
Beständigkeit aus.«
- »Wir haben aufeinander Acht und begleiten einander auf dem inneren
Weg, soweit es unseren Möglichkeiten und dem Bedürfnis des anderen
entspricht.«
- »Wir beten füreinander.«
- »Wir kommen zu Oasentagen zusammen.«
- »Wir bleiben bei dieser Verabredung mindestens für ein Jahr.«
Das ist dem Grundgedanken nach ein Pastoralkolleg der Zelte, gebaut
aus den Versprechen Gottes, aus Gebet und Geschwisterlichkeit.
Entscheidender, als zu wissen, wer sie sind, ist es für Pastorinnen
und Pfarrer, zu wissen, wo sie sind. Das Hintergrundbild sagt: in
der Wüste. Das Bild selber sagt: aber nicht ohne Haut.
Quelle:
Deutsches Pfarrerblatt Nr. 4/2008, S. 192 ff.)
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"Erschöpfungszustände
bis hin zum »Burnout-Syndrom« sind eine Gefahr für Menschen, die aus
ideellen Gründen viel Energie in ihren Beruf investieren und hohe
Erwartungen in ihre Arbeit und ihre Leistungsfähigkeit setzen, dabei
aber Bedingungen unterworfen und Ansprüchen ausgesetzt sind, die
auch beim besten subjektiven Willen objektiv nicht zu erfüllen sind
– wenn beispielsweise der Rahmen fehlt, der dem beruflichen Handeln
Maßstäbe, Ziele und Grenzen setzt und der es auf diese Weise
überhaupt erst ermöglicht, in der Arbeit zur Ruhe zu kommen und in
der Ruhe zum Frieden. Die Folge ist »negative Stress« des auf sich
selbst zurückgeworfenen, nur noch sich selber richtenden Subjekts."
Konvergente
Entwicklungen der letzten dreieinhalb Jahrzehnte haben dazu
beigetragen, dass Pfarrerinnen und Pastoren ihre Kirche immer
weniger als »Haus«, das heißt als einen Raum erfahren, der ihnen im
Umgang mit sich und mit anderen als ihnen vorgegeben hilft, ihr
eigenes Innen zu ordnen, zu wissen, was ihre Aufgabe ist, zu
unterscheiden, was wichtig ist, zu bejahen, was Grund ihrer
Autorität ist, zu begrenzen, was ihre Verantwortung ist – kurzum:
als einen Raum, der es ihnen erlaubt und erleichtert, zu sein, was
sie tun, und zu leben, was sie sind.
Für Pfarrerinnen und Pastoren ist es eng geworden – nicht nur unter
dem Gesichtspunkt schrumpfender Gemeinden und schwindender Mittel,
sondern erst recht, weil sich alles Erwarten auf sie als Person
konzentriert, auf den engen Raum ihrer Subjektivität und die
Fähigkeit, sich darin selbst zu ordnen.
"Das
klamme Gefühl von Pfarrerinnen und Pastoren, das Leben lebe an ihnen
vorbei, mag als solches nicht neu sein; neu aber ist, wie verbreitet
und wie begründet dieses Gefühl ist. Denn in allem hier angedeuteten
Wandel traditionaler Strukturen hat ja der Pfarrberuf teil am
Gesellschaftsprozess insgesamt und der läuft darauf hinaus, dass bei
schwindender Außenorientierung des Lebens und Handelns das
binnengeleitete Wählen und Entscheiden immer stärker »beansprucht«
(im Doppelsinn des Wortes: subjektiv verlangt und objektiv
zugemutet) wird. Das gilt wie für alle in der »Erlebnisgesellschaft«
(Gerhard Schulze) erst recht für »Erlebnis-Anbieter«, wie Pfarrer
und Pastorin es sind: Immer weniger ist es das »objektiv Gebotene«,
das ihnen sagt, was zu tun ist; immer stärker die Selbstbefragung
mit allem Risiko, an dem, was die Leute entscheiden und wählen,
gerade vorbei zu entscheiden – ein Stress, der immerhin erklärt,
woher so viel Müdigkeit, aber woher auch so viel Tingeltangel kommt.
Was erreicht werden soll, sind nicht Leute, sondern die
Erlebnislücken in der Innenwelt der Leute."
"So
startet mit Ende der 70er Jahre ein neuer Begriff seine steile
Karriere, zunächst in der Reflexion auf und sodann in Programmen für
theologische Bildung in Studium und Beruf: »Kompetenz«. Die
Grundfigur bleibt dabei gleich: Ihrer selbst im Umfeld der
Gesellschaft unsicher geworden – und dies nun verstärkt durch die
neue Erfahrung, dass es an kirchlichen Stellen für nachwachsende
Theologinnen und Theologen zu mangeln begann –, hält die Kirche an
einem fest, dass nämlich Wohl oder Wehe, dass Überzeugungskraft und
Glaubwürdigkeit ihrer Sache an der Person des Pfarrers oder der
Pastorin hängen, die Einzelne, der Einzelne – man weiß nicht, ob als
rettender Strohhalm oder als Fels in der Brandung. Gebraucht ist in
jedem Fall eins: »Kompetenz«, und zwar »theologische«, die als je
eigene persönlich zu erwerben, biographisch zu entwickeln,
situationsangemessen auszudifferenzieren, in sich aber invariant so
strukturiert ist, dass fachtheologische Kenntnisse und Einsichten
die Grundlage jeden Erwerbs berufsrelevanter Fertigkeiten bilden."
"Genau
auf dieser Linie liegt, was die Finanznot der Kirchen seit
Anfang/Mitte der 90er Jahre an Reaktionen hervortrieb. Das Fehlen
des Geldes schlug nicht nur real auf die Lebens- und
Arbeitsbedingungen, ja überhaupt auf die Zugänglichkeit und Zukunft
des Pfarrberufs durch. Es schlug gleichzeitig um in eine umfassende
Ökonomisierung kirchlichen Denkens und Planens, geleitet vom
tragenden Imperativ betrieblichen Wirtschaftens: Die Zukunft des
Unternehmens zu sichern. Das Leben kam ins »Angebot«. Die Logik des
Marktes wurde strukturbildend – nicht nur im Neubau von Sprache
nicht nur im Umbau von Theologie, auch in Strategien und Projekten
der Reorganisation von Kirche unter dem Gesichtspunkt höherer
Attraktivität und verbesserter »Angebotskonzepte«.
Darin lag auch das Versprechen, veränderte Strukturen und
voraussetzungsvolleres (Organisations-)Wissen würden die pastorale
Arbeit weniger störungsanfällig und enttäuschend, damit für alle
Beteiligten weniger frustrierend werden lassen. Aber zugleich
verengte sich damit die Perspektive, in der diese Arbeit gesehen
wurde, und es wuchs der Druck des Maßes, mit dem sie gemessen wurde:
Erfolg war das Maß, Effizienz die Perspektive. Und der Markt fällt
das Urteil.... Für den Einzelnen ergibt sich daraus
eine paradoxe Situation: Einerseits ist er den Kräften des Marktes
ausgeliefert wie einer Naturgewalt, andererseits kann er seinen
Erfolg wie sein Scheitern niemandem zuschreiben als sich selbst.«
Empowerment und Demütigung gehen Hand in Hand."
"Der
Einzelne selbst wird »zum Agenten eines kontinuierlichen
Verbesserungsprozesses an der eigenen Person.« Er spielt mit in
einem Spiel, das eines nicht kennt: Gnade. Denn es erlaubt nicht nur
nicht, sondern verbietet geradezu, (theologisch gesprochen) zwischen
»Person« und »Werk« zu unterscheiden. Es »fordert und fördert« (nach
eigenem Sprachspiel), aber es braucht, bringt hervor und
implementiert in Wahrheit die Person als Werk."
Systematisch-theologisch steht damit die (Möglichkeit der)
Fundamentalunterscheidung von »Gesetz« und »Evangelium«, damit die
Freiheitsbotschaft der Rechtfertigungslehre und also – zumindest für
die Kirchen der Reformation – nicht weniger als alles auf dem Spiel.
Praktisch-theologisch, nämlich in der Perspektive empirischer
Ekklesiologie, erschließt sich die Aussicht, dass es womöglich
gelingt, mit den hier fraglichen Mitteln die Organisation der Kirche
zu salvieren. Die Frage ist nur, ob sie es dann auch noch ist:
Kirche.
»Identitätskrisen« sind das eine, »Krisenidentität« ist das andere.
»Krisenidentität« ist dadurch gekennzeichnet, dass wachsende
faktische Unsicherheit (also nicht nur »Verunsicherung«) in den
Außenbezügen und der Außenorientierung einer Person oder Gruppe
einseitig, weil »objektiv« nicht abzuwenden, in eben diese Person
oder Gruppe hinein verlagert und zum Anspruch an sie wird, sich in
ihren Selbstbezügen und in ihrer Binnenorientierung desto höher
»subjektiv« zu sichern. Nicht »Es gibt viel zu tun, packen wir’s
an!«, sondern »Du hast keine Chance, ergreife sie!« bestimmt diese
Situation. Krisenidentität spiegelt die Unzugänglichkeit eines sich
verschließenden oder sich entziehenden Außen in einem desto
bemühteren, höher beanspruchten Innen. Theologisch gesprochen, aber
nicht nur theologisch gemeint: Die Störung im Verhältnis zum »Extra
nos« führt zu Hypertrophie des »In nobis«.
Zur
Symptomatik gehört dementsprechend, dass Tugenden und Fähigkeiten
wie »Flexibilität«, »Professionalität«, »Verzichtbereitschaft«,
»Kompetenz« ebenso in aller Munde sind wie Klagen darüber, es fehle
daran: Eins wie das andere, Tugend wie Tadel, spricht ja von
objektiven Problemen äußerer Realität, als wären sie eigentlich nur
eine Frage richtiger Ausstattung und Einstellung der Subjekte. Wer’s
glaubt, wird nicht selig! Denn wieder ist nur ein desto bemühteres,
höher beanspruchtes Innen die Folge – und zugleich damit so etwas
wie ein resignativ-panischer Egoismus, der in die Vereinzelung
führt, der die Kollegialität vergiftet und der Weltmeister macht in
der Kunst, sich projektiv zu entlasten, d.h. Anspruch und Vorwurf
mit Gegenanspruch und Gegenvorwurf zu beantworten. Kein Wunder, dass
es in einer Erhebung des vergangenen Jahres zur Arbeitszufriedenheit
im Pfarrberuf heißt: »Unter den Negativerfahrungen [der befragten
Pfarrerinnen und Pastoren] stand […] eindeutig das Verhältnis zu den
KollegInnen als Feld häufiger Frustrationen und Konflikte an erster
Stelle.«
"Der
Grund alles dessen liegt im Verlust eines sicheren, sichernden
Raumes, den nicht nur die Kirchen im Blick auf die Welt, sondern –
verbunden damit – auch die Pastorinnen und Pfarrer in ihrem
Verhältnis zur Kirche erfahren haben und erfahren. Die Welt braucht
immer weniger die Kirche, die Kirche immer weniger Pastorinnen und
Pfarrer – und sie, die Pfarrerinnen und Pastoren, sollen darüber
nicht wütend oder müde werden, sondern desto flexibler,
professioneller, genügsamer, kompetenter … wie ihrerseits ja auch
die Kirche in ihrer Beziehung zur Welt sich ordentlich Mühe gibt,
nicht gekränkt und verbiestert zu sein, sondern alert, effizient, up
to date und mit marktoptimiertem Produkt: »Kirche der Freiheit«,
statt einfach – und allerdings weniger schlicht – »befreiende
Kirche«."
"Die
Wurzel des Übels liegt in der Ekklesiologie – in einem engen, aus
Existenz- und Zukunftsangst einseitig »machbarkeitslastig«
gewordenen Kirchenverständnis. Theologisch geurteilt: Es herrscht
das »Gesetz«.
Das hat mit einer Schwierigkeit zu tun, der wir nicht ausweichen
können: Die Kirche ist als Menschenwerk, als Organisation unterwegs
in der Zeit – mit allem, was das an sachlichen Zwängen und an
Gestaltungsverantwortung einschließt; zugleich aber ist sie als
Gotteswerk, als creatura verbi in der Welt – und wir sind
verpflichtet, von da her, von der Bibel her zu bestimmen, was sie
ist und sein soll. Überblickt man die Diskussion um Pfarrberuf und
Pfarrerbild, wie ich sie dargestellt habe, so zeigt sich, dass sie
konzentriert organisationstheoretisch und berufssoziologisch geführt
worden ist – bezogen eben auf Kirche als Organisation.
Unterbelichtet geblieben, wenn nicht ganz ausgefallen ist dagegen
die Frage, was es für diesen Beruf und die berufliche Praxis
bedeutet, dass er in erster Instanz als »Dienst am Wort«
(ministerium verbi) ekklesiologisch begründet ist – verankert im
»Extra nos«, gerade nicht nur der Organisation, sondern des
Glaubensgrundes der Kirche, wofür als Kennzeichen die Ordination
fungiert.
Noch einmal Fulbert Steffensky: »Wir müssten verzweifeln, wenn wir
nur die wären, die wir sind. Wir müssten an unserer Kirche
verzweifeln, wenn sie nur die wäre, die sie ist. Wir sind nicht die
Garanten unserer selbst. Wir leben, weil wir bezeugt sind. ›Der
Geist gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.‹ (Röm
8,16) […] Das gilt nicht nur für uns Einzelne. Es gilt für die
Kirche. Und so ist die Kirche sich nicht nur aufgegeben, sie ist
sich selber vorgegeben.«
Leserbrief zu Jörn Halbe, "Das Elend im Pfarrberuf heute" von
Johannes Taig (Deutsches Pfarrerblatt Nr.6/2008, S.312)
Chapeau, Herr Halbe! Schon lange habe ich keine so treffliche
Analyse zum Elend im Pfarrberuf gelesen. Es ist eine Tragikomödie:
Gerade die verzweifelte Anstrengung, modern zu sein, ist in der
Kirche die sicherste Methode, als ständig veraltet dazustehen. Denn
für das Mithalten in unserer übertakteten Gesellschaft ist die
Kirche ein zu großer Tanker und ihre Botschaft nicht wendig genug.
Es wäre aber ein Skandal, wenn die jetzigen Bedingungen und der
kirchliche Ausbildungsbetrieb, bzw. die Vorgaben der kirchlichen
Denkfabriken, Geistliche hervorbringen, die zwar das Evangelium zu
predigten haben, aber in der von ihnen gnadenlos geforderten
Offenheit für alle und alles, genau die Menschen bleiben, die Luther
mit dem Begriff des „homo in se curvatus“ bezeichnet hat (vgl. "die
Person als Werk“). Das ist der, in scheinbar zukunftsichernden
Forderungen an den Pfarrberuf versteckte Zwang zur Existenz im
Widerspruch zum Evangelium. Wie ja auch in Sachen „Ungedeihlichkeit“
die Gnade scheinbar aller Welt gilt, mit Ausnahme derer, die sie zu
verkündigen haben.
Wo solche, sich selbst beweisen müssende und sich selbst darstellen
müssende Menschen auch noch im Team schaffen sollen, müssen
irgendwann die Fetzen fliegen und da hat auch der Christus keine
Chance mehr mit der Mahnung: „so soll es aber unter euch nicht
sein“! (Mt 20,26) Wer selbst überfordert ist, überfordert leicht
andere. Das erhöht die Glaubwürdigkeit der eigenen Verkündigung in
keiner Weise.
Es ist daher kaum verwunderlich, dass bei ehemals fortbildungsmüden
PfarrerInnen der Leidensdruck im einsamen Hamsterrad so groß
geworden ist, dass sie sich sogar für geistliche Angebote wie
Retraiten und spirituelle Weggemeinschaften wieder interessieren.
Auch von Kirchenleitungen wird das ja allseits gefördert. Es wäre
freilich zynisch, wenn damit die Geistlichen lediglich wieder fit
gemacht werden sollen für den alltäglichen Wahnsinn. Nicht nur
unten, auch oben muss in der Kirche dringend umgedacht werden.
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Geistliche
Kraftquellen/ Von Pfr. Martin Wirth,
Selbitz
(Impulsreferat auf der
Dekanatssynode Hof, 19.4.08)
I. Zum Thema
„Die
Schwachheit und die Kraft des Betens“ hat Fulbert
Steffensky das Hauptreferat überschrieben, das er auf der Tagung der
Generalsynode der Lutherischen Kirchen in Deutschland 2005 über das
Thema Spiritualität gehalten hat. In Schwachheit strecke ich mich
aus nach der Kraft des Gebets. Nach Kraftquellen schauen wir uns um,
weil wir uns so oft am Rande unserer Kraft erleben: auch in unseren
Gemeinden, in den Familien und Schulen, und in unserem beruflichen
Einsatz. Und dabei geht es nicht nur um die körperliche und um die
geistige Kraft. Nach geistlichen Kraftquellen fragen heißt
Schwachheit auch im Glauben eingestehen. Unser Glaube und unsere
Suche nach Gott ist angewiesen auf Quellen, aus denen der Heilige
Geist hervorsprudelt, wo wir trinken und den Durst unserer Seele
stillen können. Wo sind die Orte, wo uns Glaubensmut zuwächst, wo
wir unser Leben und die Welt mit Gottes Augen ansehen und wo Träume
und Initiativen aufblühen für die Welt Gottes mitten unter uns?
„Das
Beten – Herzstück der Spiritualität“ ist der Titel der
Entschließung, die die Synode als Wort an die Gemeinden
weitergegeben hat. Mit dem Thema „Geistliche Kraftquellen“ fragen
wir nach dem Gebet.
Ich
will das Thema nicht so verstehen, wie es vielleicht auch naheliegen
könnte: „Wo finde ich die Tankstelle, wo ich nachtanken kann, damit
es wieder weitergeht, womöglich noch schneller und wirkungsvoller?“
Geistliche Kraftquelle als Supertankstelle für die Ziele und in den
Rhythmen, in denen ich ermüde. Nein, sondern eher so: „Wo muss ich
mich hinwenden, wo die Quelle aufsuchen, wo geistliche Kraft und
Orientierung für mein Leben hervorsprudelt? Bin ich vielleicht
abgekommen vom Quellgrund, habe mich womöglich verlaufen und will
mich neu auf die Suche machen, wo frisches Quellwasser zu finden
ist.
Damit will ich gleich in Erinnerung bringen, dass das Gebet als die
Kraftquelle des Geistes und des Glaubens nicht unser Tun ist. „Der
Geist hilft unserer Schwachheit auf!“ heißt es im morgigen
Predigttext. „Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie
sich’s gebührt, sondern der Geist selbst vertritt uns mit
unaussprechlichem Seufzen. Dorothee Sölle, die große Theologin sagt:
„Wir beginnen unsere Suche nach Gott nicht als Suchende, sondern als
schon Gefundene!“ „Das ist der Grund einer großen Lebensheiterkeit,
wenn wir uns in unseren religiösen Versuchen als Fragment, als
lächerlich ungenügend erkennen“ und „Das Gebet ist die köstlichste
Nutzlosigkeit, die unser Glaube kennt“, sagt Fulbert Steffensky und
beschreibt damit die Weite des Gebetes als ein Geschehen, das unser
Tun weit übersteigt.
Nach
geistlichen Kraftquellen und nach einer Erneuerung des Gebetes
fragen,
bedeutet eine Dimension unseres Lebens als Christen in den Blick
nehmen, die eben die Quelle ist, der Anfang, der Ursprung, der Motor
und die Grundausrichtung unseres Lebens als Einzelne, als Gemeinde
und Kirche. Haben wir möglicherweise die Quelle aus den Augen
verloren? Trinken wir am Bach? Sind wir mit
Brücken am Fluss beschäftigt
oder mit den Kläranlagen unterhalb der großen
Städte. Geistliche Kraftquellen suchen und aufsuchen könnte nichts
weniger bedeuten als eine tiefe Infragestellung unseres Lebensstils,
gerade als Christen und als Gemeinde. Zur Quelle des Gebets
zurückzufinden, in dieses Geschehen eintreten, das mit dem Wort
Gebet bezeichnet ist, verlangt von uns ein Umdenken, ja ein
Umkehren.
II. Zehn konkrete Schritte auf der Suche
nach Quellorten
Geistliche Kraftquelle ist da, wo der Heilige Geist hervorsprudelt.
Wort
und Sakrament sind uns gleichsam als Instrumente - „tamquam per
instrumenta“ - gegeben, sagt CA V und dazu ist das Predigtamt
gesetzt, damit der Heilige Geist durch diese Instrumente unseren
Glauben wirkt. So lautet spröde und korrekt die Auskunft unserer
Tradition. Was „Wort und Sakrament“ konkret sein können, das will
ich versuchen, in zehn Schritten „aufzudröseln“: Stille; Singen;
Bibelteilen; Seelsorge aufsuchen; Psalmen beten; Pilgern; den
Sonntag feiern; Wüsten durchqueren; Predigt vorbereiten; Abraham
sein.
Aufs
Hören und Empfangen kommt es dabei an. Das Wort muss gehört und in
offener Erwartungshaltung empfangen werden in der Hoffnung, dass
Gott tatsächlich zu mir und mit mir spricht. Das Sakrament will
empfangen werden im Hören und Glauben des Wortes, das bei den
Zeichen ist und sagt: „Du bist mein geliebtes und in Christus
erlöstes Kind, herausgezogen aus der Flut der Sünde zum ewigen
Leben!“ und „Du bist in Christus ein Glied am Leib Christi, in
seinem Sterben und Auferstehen mit ihm im Aufbruch und unterwegs der
neuen Welt Gottes entgegen im neuen Bund zur Vergebung der Sünden!“
Hören und Empfangen zielen auf diese Grundhaltung, dass wir vor Gott
und mit ihm aus seiner Gnade leben: „aus Gottes Gnade bin ich, was
ich bin.“ (1. Korinther 15, 10)
Das
Geschehen des Gebetes als Hören und Empfangen, wie es uns im
Heiligen Geist zur Kraftquelle wird, lässt sich dann auch als unser
Tun entfalten, weshalb ich jetzt eher pragmatisch ansetze.
-
Stille und Schweigen – das Hören üben
Unser Leben ist unerträglich laut geworden. Statt 15 Minuten
Fußweg aufs Feld und stundenlang schweigender Sensenstrich
inflationär sich beschleunigende Info-Flut und Kommunikation:
Post, Telefon, Anrufbeantworter, Mails, Radio, Fernsehen,
Internet, regionale und überregionale Zeitungen, kirchliche
Nachrichten und Fachzeitschriften; und dabei bin ich noch nicht
an die Tür gegangen, wo es klingelt und habe nicht reagiert auf
das schreiende Kind, das Hilfe beim Hausaufgabenmachen braucht.
Krank ist, wer das aushält und gesund, wer davon wahnsinnig
wird.
In den Retraiten und Einkehrzeiten Einzelner in unserem
Gästehaus erleben wir, wie es erst einmal ein bis zwei Tage
dauert, bis der Gewitterlärm des ganz normalen Alltagswahnsinns
sich verzieht und das Donnergrollen verebbt.
Stille und Schweigen. Was in landwirtschaftlichen Zeiten Teil
des täglichen Lebens war, - kontemplative Existenz - braucht
heute Schutz und Form, Rahmen und Übung. Nur wer schweigt, kann
hören. Nur wer innehält fängt an, in die Stille hineinzuhorchen
und aus ihr zu schöpfen.
Den Musikern unter uns ist das selbstverständlich: die Pause hat
die größte Spannung. Der Einsatz kann erst kommen, nachdem alle
im erhobenen Taktstock auf den Dirigenten hin „harren“.
Schweigen und Stille sind unverzichtbar für das Hören. „Durch
Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein“ (Jesaja 30, 16) und
Samuel hört erst nach dem dritten Mal mitten in der Nacht (!),
dass Gott es ist, der ihn ruft. „Rede, Herr, dein Knecht hört“,
antwortet er schließlich. Schweigen üben manche durch einsame
Spaziergänge oder Wüstentage. Andere sitzen 20 Minuten auf einem
Gebetshocker und beten mit dem Rhythmus des Atems „Herr Jesus
Christus, erbarme dich meiner!“ Auch Yoga, autogenes Training
und andere Entspannungsübungen, Joggen und Walken, gehören für
manche zu dieser Sehnsucht nach Stille, die Schutz und Form
braucht, die ohne regelmäßige Übung verlorengeht im „Lärm“ des
Alltags.
-
Singen – „Wes das Herz voll ist, des
geht der Mund über!“
„Wo man singt, da lass Dich ruhig nieder, böse Menschen haben
keine Lieder! Auch Martin Luther hat Singen „doppelt Beten“
genannt. Ich denke, weil singen mit dem Herzen geschieht und
weil es in der Regel unser Herz ausschüttet. Ich selber habe mit
den Singen beten gelernt: „Breit aus die Flügel beide…“ und
„Führe mich, o Herr und leite …“. Und meine Mutter war in ihrer
Stimmung zu erkennen an den Choral Melodien, die sie trällerte:
„Herzlich lieb hab ich Dich o Herr!“, „O Herr lass Dein lieb
Engelein …“ oder „Die güldne Sonne voll Freud und Wonne…“.
In Lobpreisgottesdiensten und in hohen Bachkantaten, in
Pop-Bands und in Posaunenchören, in Spatzen- oder Gospelchören
singen und beten Menschen ihre Freude und Klage, ihre Fragen und
den Trost des Glaubens aus dem Herzen und ins Herz hinein. Ich
glaube, dass dies zu den wirksamsten Kraftquellen des Glaubens
in unserer Gemeinde gehört. Oberkirchenrat Beyhl erzählte mir
von einer schwedischen Stadt und 20.000 Evangelischen, dass sie
vier hauptamtliche Kirchenmusiker angestellt haben und darin den
Schwerpunkt ihrer kirchlichen Initiative sehen.
-
Bibel teilen - die Botschaft der
Heiligen Schrift gemeinsam hören und erschließen
Längst sind neben dem reinen Lesen der Texte aus der Heiligen
Schrift privat und im Gottesdienst und neben das Erzählen im
Kindergottesdienst und Schule, und neben das Predigen eines
Textes im Gottesdienst das Gespräch und der Austausch über einen
Text getreten.
Im KV und im Konfirmandenunterricht, auf Männerfreizeiten und
mit Pilgergruppen und sonst wo, habe ich ganz hervorragende
Erfahrungen damit gemacht biblische Texte durch die persönliche
Betroffenheit meines Bruders, meiner Schwester hindurch zu hören
und zu erschließen. In sieben Schritten leitet uns unser
Gesangbuch auf hervorragende Weise methodisch an (EG 888).
Entscheidend ist, dass wir nicht über den Text, oder gar von ihm
weg über Allgemeinplätze diskutieren, sondern dass es gelingt,
„Ich“ zu sagen: Was habe ich im Hören und Schweigen aus diesem
Text gehört, heute und auf meine Situation bezogen ….
Wir sind kommunikativer geworden. Und wir können die Heilige
Schrift als Quelle unseres Glaubens im Austausch unserer inneren
Bewegungen erschließen. Hier liegt eine große Chance, dass der
Heilige Geist und die Schrift öffnet. Nicht immer, aber immer
öfter!
-
Seelsorge aufsuchen – die eigene
persönliche Wahrheit vor Gott riskieren
Jesus hat seiner Kirche, allen Jüngern und Gliedern seines
Leibes den Auftrag und die Vollmacht gegeben zu befreien, zu
binden und zu lösen. Aufzuschließen, was nach Befreiung
verlangt: liegengebliebene Trauer, tiefe Kränkung, die uns
lähmt, Bindung an die Eltern, Grundmuster aus Familie und
Schule, die uns am Leben hindern, Ängste und Komplexe, die sich
verselbstständigt haben.
Seelsorge und Beichte im Schutz des Beichtgeheimnisses sind eine
weithin ungenutzte Kraftquelle unseres Glaubens. „Geistliche
Begleitung“ ist eine Form der Seelsorge, die nicht nur in Krisen
und speziellen Lebensübergängen Menschen in ihrem Glaubensleben
begleiten will. Einen Bruder, eine Schwester über eine Serie von
Gesprächen aufsuchen, damit mein Glaube wachsen und reifen kann,
damit ich bestimmte Schritte in die Versöhnung mit meiner
Lebensgeschichte begleitet gehen kann, oder auch radikalen Mut
fassen, die Gottesreich-Hoffnung in klaren Entscheidungen
voranzubringen, das hat Verheißung. Warum sind wir da so
schüchtern. Wir finden Mütter und Väter des Glaubens, denen wir
zutrauen, uns über eine Wegstrecke hinweg zu begleiten.
-
Psalmen beten
Psalm 23 am Krankenlager und Sterbebett, als Stoßgebet in
dunkler Nacht: Eine ganz besondere Kraftquelle in unserer
evangelischen Tradition jahrelang gelernt im
Konfirmandenunterricht!
Diese Quelle ist fast versiegt. In unserer Lutherbibel aber sind
fett gedruckt die Psalmen an ihren besonderen Juwelen
herausgehoben. Eine Faustregel heißt: Wenn’s Dir schlecht geht,
schlaflose Nacht, Prüfungsangst, unüberbrückbarer Streit: In den
Psalmen oder Deuterojesaja blättern und (laut) lesen, immer
wieder meditieren, wahllos oder mit dem Wochenpsalm, den
Introiten, die schon eine Auswahl bieten. Wer es probiert hat,
wird es bestätigen: Im Meditieren und Rezitieren der Psalmen
quillt uns Glaubenstrost und Glaubensmut zu, überraschend und
das Herz verändernd!
-
Pilgern – die nackte Existenz des
Gottsuchens
Wer hat das Pilgern schon entdeckt? Beim Pilgern geht es um eine
Übung, nicht um ein Verdienst, wie bei all diesen Schritten im
Geschehen des Gebetes. Das Beten mit den Füßen, ja, mit dem
Körper hat seinen Reiz:
- auf einem gemeinsamen Weg und doch je allein
- Suchen und doch ein Ziel haben: symbolisch die untergehende
Sonne im Westen und das Apostelgrab. Auf der Suche neu die
Nachfolgespur zu finden.
- ausgesetzt und ausgeliefert. Was kommt? Ich bin so klein unter
dem weiten Himmel und in jeder Zwetschke und in jedem Wasserglas
am Weg entdecken: Gott sorgt für mich und zeigt mir neues Land.
- Unterbrechung und Reduktion: Auszeit nehmen (spielerisch als
Urlaub, ernst im Übergang in die Pension etc.).
-
Den Sonntag feiern - Beten und
Gemeinschaft und österlich Weitergehen
Ausruhen und die Pflichten unterbrechen. Gott über alle Dinge
fürchten lieben und vertrauen und deshalb: „Ohne Sonntage gibt
es nur noch Werktage“, „Gott sei Dank, gibt es den Sonntag!“
Das Symbol für das 1. Gebot ist und bleibt eine sehr ernste
Sache; in unserer Zeit, auch unter uns Christen im Lebensstil
eine ernsthafte Quellenvergiftung. Das Hamsterrad dreht und
dreht sich…. Wir finden auch am Sonntag nicht mehr die heilsame
Unterbrechung, die für das 1. Gebot steht. Das ist das eine.
Das Andere aber ist die Gemeinschaft an der Quelle. In der
gemeinsamen Anbetung und gemeinsamen Hören und im Heiligen Mahl
an seinem uns gemeinsamen Tisch fängt wöchentlich das österlich
bestimmte Leben neu an. Mit dem Sonntag beginnt für die Christen
die Woche. Die Neuschöpfung des Ostermorgens ist unser
Vorzeichen für Alltag und Pflicht. Die Vergebung der Sünden und
die Freiheit des Erlösten gibt die Richtung an. Und der Aufbruch
des Reiches Gottes im österlichen Mahl soll uns kreativ und
fantasievoll in die Woche hineinschicken. Sonntagmorgen: Der
gemeinsame Gottesdienst der Christen am Ort soll Zeugnis geben
für unsere Neuausrichtung auf Gottes kommendes Reich im Hier und
Jetzt. Diese Quelle gilt es freizulegen. Die Dekanatssynode
steht für die Einheit des Evangelischseins im Landkreis. Manche
verlieren sich dabei im Clubdenken. Der Sonntag ist unsere
Chance, geistlich aufzutanken - miteinander!
-
Wüsten durchqueren – „Lass Dir an
meiner Gnade genügen, meine Kraft vollendet sich in der
Schwachheit“ (2. Kor. 12,9)
Die Erfahrung des Krankenlagers, die Trauerzeit und die erste
Lebenskrise sind Vielen zu einer Kraftquelle des Glaubens
geworden, weil sie diese bittere und enttäuschende Erfahrung
gemacht haben, mit dem eigenen Latein am Ende zu sein! Manche
haben schon als Kind Wüsten durchschritten und wie oft ist
menschliche und manchmal große geistliche Reife daraus
erwachsen!
Diese Tatsache hat ihren Grund in der Erfahrung, was Gnade ist.
Eigener Stolz, jugendliche Kraft, Selbstgerechtigkeit auf Grund
eigener Leistungen stehen dem im Weg, sich als von Gott
Beschenkter und ganz und gar auf IHN Geworfener zu erfahren. Nur
so aber lernen wir, was Gnade ist, und dass Gott noch mehr
schenkt, als er uns nimmt. (vgl. Hanna -Lied, 1. Samuel 2/1 f.)
Paulus, dem sein Wunsch nach Heilung nicht erfüllt wurde, hat
gehört: „Meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“ Auch im
Alter, auch in der Niederlage, ja sogar in unserer Sünde kann
und will Gott uns adeln und verwenden, teilzunehmen am Bau
seines Reiches. Aus Gnade leben, das lehrt uns auch die
Erfahrung der Wüste. Es lohnt sich im eigenen Leben, diese Orte
bewusst zu machen, sie auszugraben aus Verdrängtem. Als Lehre
für Andere, die gerade in der Wüste sind, taugt diese Erfahrung
nicht. Aber als eine Hoffnung in der Begleitung wird sie zum
Segen.
-
Predigt vorbereiten – sich dem
Bibelwort aussetzen und sich seiner Verbindlichkeit stellen!
In der konkreten Zumutung dieses oder jenes Wort in dieser ganz
bestimmten Situation zu predigen, öffnen wir uns seinem
Ausspruch. Wir sollen nicht über dieses Wort predigen, sondern
diesem Wort hier und jetzt Gehör verschaffen. Darin müssen wir
selber hören, verbindlich und konkret. Und uns dann als Hörender
mit einbeziehen und zu Aussagen kommen. Ob ich das Losungswort
aus legen, oder in der Jungschar eine biblische Geschichte
erzähle, ob Seniorenkreis oder KV-Sitzung, eine Kraftquelle ist
es, wenn wir in unserer Vorbereitung ernsthaft fragen: „Heiliger
Geist, was willst Du uns geben! Rede, Herr, Dein Knecht hört.“
Ein letzter Punkt ist eher formaler Natur:
-
Abraham sein – aus gewohntem heraus
aufbrechen in Neuland
Geistliche Kraftquelle - jenseits aller Kirchlichkeit - ist die
Verheißung des Fremden. In biblischer Tradition hat das
Aufbrechen die Verheißung des Segens.
- Wer es wagt alte Waffenstillstände auszugraben, eine Brief zu
schreiben, eine Geste zu riskieren und den Frieden, die
Versöhnung zu suchen, betritt Neuland und hat die Verheißung auf
seiner Seite.
- Wer etwas probiert, was er noch nie gewagt hat, darf mit
Gottes Segen rechnen: Ob es den türkischen Nachbarn Besuchen,
oder erstmals die Wirtschaft nebenan ist, wo ich ein Bier trinke
mit denen, die über die Frommen spotten, ob es der Kontakt mit
pöbelnden Jugendlichen oder eine Kulturveranstaltung jenseits
meines Milieus ist.
Das Fremde hat Verheißung. Drei Fremde waren es, die Abraham
begegnete und den Anfang des Gottesvolkes versprachen: „Geh
heraus! Ich bin mit Dir und ich segne Dich! So sollst Du ein
Segen sein!“
Pfr. Martin Wirth
ist Spiritual der
Communität Christusbruderschaft Selbitz.
Mail:
martin.wirth@christusbruderschaft.de
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"Ich
will das Thema nicht so verstehen, wie es vielleicht auch naheliegen
könnte: „Wo finde ich die Tankstelle, wo ich nachtanken kann, damit
es wieder weitergeht, womöglich noch schneller und wirkungsvoller?“
Geistliche Kraftquelle als Supertankstelle für die Ziele und in den
Rhythmen, in denen ich ermüde. Nein, sondern eher so: „Wo muss ich
mich hinwenden, wo die Quelle aufsuchen, wo geistliche Kraft und
Orientierung für mein Leben hervorsprudelt? Bin ich vielleicht
abgekommen vom Quellgrund, habe mich womöglich verlaufen und will
mich neu auf die Suche machen, wo frisches Quellwasser zu finden
ist."
"Haben wir möglicherweise die Quelle aus den Augen verloren? Trinken
wir am Bach? Sind wir mit Brücken am Fluss beschäftigt oder mit den
Kläranlagen unterhalb der großen Städte. Geistliche Kraftquellen
suchen und aufsuchen könnte nichts weniger bedeuten als eine tiefe
Infragestellung unseres Lebensstils, gerade als Christen und als
Gemeinde. Zur Quelle des Gebets zurückzufinden, in dieses Geschehen
eintreten, das mit dem Wort Gebet bezeichnet ist, verlangt von uns
ein Umdenken, ja ein Umkehren."
"Dorothee Sölle, die große Theologin sagt: „Wir beginnen unsere
Suche nach Gott nicht als Suchende, sondern als schon Gefundene!“
„Das ist der Grund einer großen Lebensheiterkeit, wenn wir uns in
unseren religiösen Versuchen als Fragment, als lächerlich ungenügend
erkennen“ und „Das Gebet ist die köstlichste Nutzlosigkeit, die
unser Glaube kennt“, sagt Fulbert Steffensky und beschreibt damit
die Weite des Gebetes als ein Geschehen, das unser Tun weit
übersteigt."
"Unser Leben ist unerträglich laut geworden. Statt 15 Minuten Fußweg
aufs Feld und stundenlang schweigender Sensenstrich inflationär sich
beschleunigende Info-Flut und Kommunikation: Post, Telefon,
Anrufbeantworter, Mails, Radio, Fernsehen, Internet, regionale und
überregionale Zeitungen, kirchliche Nachrichten und
Fachzeitschriften; und dabei bin ich noch nicht an die Tür gegangen,
wo es klingelt und habe nicht reagiert auf das schreiende Kind, das
Hilfe beim Hausaufgabenmachen braucht. Krank ist, wer das aushält
und gesund, wer davon wahnsinnig wird."
"Stille und Schweigen. Was in landwirtschaftlichen Zeiten Teil des
täglichen Lebens war, - kontemplative Existenz - braucht heute
Schutz und Form, Rahmen und Übung. Nur wer schweigt, kann hören. Nur
wer innehält fängt an, in die Stille hineinzuhorchen und aus ihr zu
schöpfen."
"Den
Musikern unter uns ist das selbstverständlich: die Pause hat die
größte Spannung. Der Einsatz kann erst kommen, nachdem alle im
erhobenen Taktstock auf den Dirigenten hin „harren“. Schweigen und
Stille sind unverzichtbar für das Hören. „Durch Stillesein und
Hoffen würdet ihr stark sein“ (Jesaja 30, 16) und Samuel hört erst
nach dem dritten Mal mitten in der Nacht (!), dass Gott es ist, der
ihn ruft. „Rede, Herr, dein Knecht hört“, antwortet er schließlich.
Schweigen üben manche durch einsame Spaziergänge oder Wüstentage.
Andere sitzen 20 Minuten auf einem Gebetshocker und beten mit dem
Rhythmus des Atems „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!“ Auch
Yoga, autogenes Training und andere Entspannungsübungen, Joggen und
Walken, gehören für manche zu dieser Sehnsucht nach Stille, die
Schutz und Form braucht, die ohne regelmäßige Übung verlorengeht im
„Lärm“ des Alltags."
"Jesus hat seiner Kirche, allen Jüngern und Gliedern seines Leibes
den Auftrag und die Vollmacht gegeben zu befreien, zu binden und zu
lösen. Aufzuschließen, was nach Befreiung verlangt: liegengebliebene
Trauer, tiefe Kränkung, die uns lähmt, Bindung an die Eltern,
Grundmuster aus Familie und Schule, die uns am Leben hindern, Ängste
und Komplexe, die sich verselbstständigt haben."
"Seelsorge und Beichte im Schutz des Beichtgeheimnisses sind eine
weithin ungenutzte Kraftquelle unseres Glaubens. „Geistliche
Begleitung“ ist eine Form der Seelsorge, die nicht nur in Krisen und
speziellen Lebensübergängen Menschen in ihrem Glaubensleben
begleiten will. Einen Bruder, eine Schwester über eine Serie von
Gesprächen aufsuchen, damit mein Glaube wachsen und reifen kann,
damit ich bestimmte Schritte in die Versöhnung mit meiner
Lebensgeschichte begleitet gehen kann, oder auch radikalen Mut
fassen, die Gottesreich-Hoffnung in klaren Entscheidungen
voranzubringen, das hat Verheißung. Warum sind wir da so schüchtern.
Wir finden Mütter und Väter des Glaubens, denen wir zutrauen, uns
über eine Wegstrecke hinweg zu begleiten."
"Psalm 23 am Krankenlager und Sterbebett, als Stoßgebet in dunkler
Nacht: Eine ganz besondere Kraftquelle in unserer evangelischen
Tradition jahrelang gelernt im Konfirmandenunterricht! Diese Quelle
ist fast versiegt. In unserer Lutherbibel aber sind fett gedruckt
die Psalmen an ihren besonderen Juwelen herausgehoben. Eine
Faustregel heißt: Wenn’s Dir schlecht geht, schlaflose Nacht,
Prüfungsangst, unüberbrückbarer Streit: In den Psalmen oder
Deuterojesaja blättern und (laut) lesen, immer wieder meditieren,
wahllos oder mit dem Wochenpsalm, den Introiten, die schon eine
Auswahl bieten. Wer es probiert hat, wird es bestätigen: Im
Meditieren und Rezitieren der Psalmen quillt uns Glaubenstrost und
Glaubensmut zu, überraschend und das Herz verändernd!"
"Die
Erfahrung des Krankenlagers, die Trauerzeit und die erste
Lebenskrise sind Vielen zu einer Kraftquelle des Glaubens geworden,
weil sie diese bittere und enttäuschende Erfahrung gemacht haben,
mit dem eigenen Latein am Ende zu sein! Manche haben schon als Kind
Wüsten durchschritten und wie oft ist menschliche und manchmal große
geistliche Reife daraus erwachsen!
Diese Tatsache hat ihren Grund in der Erfahrung, was Gnade ist.
Eigener Stolz, jugendliche Kraft, Selbstgerechtigkeit auf Grund
eigener Leistungen stehen dem im Weg, sich als von Gott Beschenkter
und ganz und gar auf IHN Geworfener zu erfahren. Nur so aber lernen
wir, was Gnade ist, und dass Gott noch mehr schenkt, als er uns
nimmt. (vgl. Hanna -Lied, 1. Samuel 2/1 f.)"
"In
der konkreten Zumutung dieses oder jenes Wort in dieser ganz
bestimmten Situation zu predigen, öffnen wir uns seinem Ausspruch.
Wir sollen nicht über dieses Wort predigen, sondern diesem Wort hier
und jetzt Gehör verschaffen. Darin müssen wir selber hören,
verbindlich und konkret. Und uns dann als Hörender mit einbeziehen
und zu Aussagen kommen. Ob ich das Losungswort aus legen, oder in
der Jungschar eine biblische Geschichte erzähle, ob Seniorenkreis
oder KV-Sitzung, eine Kraftquelle ist es, wenn wir in unserer
Vorbereitung ernsthaft fragen: „Heiliger Geist, was willst Du uns
geben! Rede, Herr, Dein Knecht hört.“
"Geistliche Kraftquelle - jenseits aller Kirchlichkeit - ist die
Verheißung des Fremden. In biblischer Tradition hat das Aufbrechen
die Verheißung des Segens.
- Wer es wagt alte Waffenstillstände auszugraben, eine Brief zu
schreiben, eine Geste zu riskieren und den Frieden, die Versöhnung
zu suchen, betritt Neuland und hat die Verheißung auf seiner Seite.
- Wer etwas probiert, was er noch nie gewagt hat, darf mit Gottes
Segen rechnen: Ob es den türkischen Nachbarn Besuchen oder erstmals
die Wirtschaft nebenan ist, wo ich ein Bier trinke mit denen, die
über die Frommen spotten, ob es der Kontakt mit pöbelnden
Jugendlichen oder eine Kulturveranstaltung jenseits meines Milieus
ist.
Das Fremde hat Verheißung. Drei Fremde waren es, die Abraham
begegnete und den Anfang des Gottesvolkes versprachen: „Geh heraus!
Ich bin mit Dir und ich segne Dich! So sollst Du ein Segen sein!“
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