Zurück zu: Homepage Dekanat Hof     Dekanat aktuell    Archiv


Das Thema des Monats im Mai - Oktober 2008                                                                          Stand: 14.08.2010

Das Elend im Pfarrberuf heute - und die Suche nach geistlichen Kraftquellen für Amt und Gemeinde


"Allein wie oft das Wort „muss“ gebraucht wird! Der Druck, der hier auf Pfarrerinnen und Pfarrer ausgeübt wird, nach dem Motto „ihr müsst alle noch viel mehr machen“, ist nicht förderlich. Und dann dieses Unwort „missionarische Innovationskompetenz“! Da spürt man die Vorstellung, dass etwas nur gut ist, wenn es etwas Neues ist."

So stöhnte der Praktische Theologe Jan Hermelink nach Lektüre des Impulspapiers "Kirche der Freiheit" der EKD, das im Juli 2006 erschien - und nicht nur die PfarrerInnen stöhnten mit. Denn auch die MitarbeiterInnen und die Gemeindeglieder selbst werden auf der Suche nach der "Zukunftsfähigkeit" der Kirche aus deren Denkfabriken in den Kirchenleitungen mit dem Hinweis auf immer neue Wünsche ihrer "Kunden" in immer neue Hamsterräder gejagt. Die Kirche soll "wachsen gegen den Trend", sie soll wieder mehr Menschen bei sich "beheimaten" nicht nur im geistlichen Sinn. Im berechtigten und wichtigen Kampf um den Sonntag geriert sie sich als letzte Bastion der Kultur in unserem Land - und demnächst soll sie die Welt retten!?

Schon vorher hätte sie aufgehört Kirche zu sein! Denn Kirche ist die Gemeinschaft von Menschen, die sich von Gott retten lassen und seine befreiende Botschaft weitergeben. Am Beispiel des Elends im Pfarrberuf wird das Elend in der Kirche heute sichtbar, die gut daran tut, sich - wie auch die Dekanatssynode Hof im April 2008 - auf die Suche nach ihren geistlichen Kraftquellen zu machen.                Johannes Taig

 


Quelle: Ausstellungskatalog "Um Himmels Willen" Kirche in der Karikatur (Erzbistum Bamberg)


Standpunkte: Hintergründe und Links

Das Elend im Pfarrberuf heute - Lage und Lösungswege
Von Jörn Halbe
(Deutsches Pfarrerblatt Nr. 4/2008)

I. Nicht nur eine Sache der betroffenen Personen

Erschöpfungszustände bis hin zum »Burnout-Syndrom« sind eine Gefahr für Menschen, die aus ideellen Gründen viel Energie in ihren Beruf investieren und hohe Erwartungen in ihre Arbeit und ihre Leistungsfähigkeit setzen, dabei aber Bedingungen unterworfen und Ansprüchen ausgesetzt sind, die auch beim besten subjektiven Willen objektiv nicht zu erfüllen sind – wenn beispielsweise der Rahmen fehlt, der dem beruflichen Handeln Maßstäbe, Ziele und Grenzen setzt und der es auf diese Weise überhaupt erst ermöglicht, in der Arbeit zur Ruhe zu kommen und in der Ruhe zum Frieden. Die Folge ist »negative Stress« des auf sich selbst zurückgeworfenen, nur noch sich selber richtenden Subjekts.

Das genau ist das berufliche Elend, in dem ich Pastorinnen und Pfarrer zunehmend häufig gefangen sehe. Es ist nicht einfach das Maß – und sei es das Übermaß – anfallender Aufgaben und Pflichten, das krank macht (das gibt es im Einzelfall auch); tiefer liegt und umfassender wirkt das Zerfließen, die Diffusion, der Gesichtsverlust des Pfarrberufs selbst. Und mit »Gesichtsverlust« meine ich beides, den Verlust des »Ansehens« und den Verlust des »Charakters«, des typisch Eigenen, Unverwechselbaren dieses Berufs, das den Betroffenen sagen könnte, wer sie sind, was sie sollen. Verloren geht, was sie auf diese Weise verpflichten würde, aber auch entlasten, formen, aber auch befreien.

II. Die Lage

Was sich für Pastorinnen und Pfarrer im Unterschied zu früheren Zeiten grundlegend gewandelt hat, wird von Fulbert Steffensky so zusammengefasst: »Die Zeit der festen Rollen ist vorbei. Der Pfarrer (und nun auch die Pfarrerin) sind nur noch sie selber, es schützt, ermuntert und verdirbt sie immer weniger ein diesem Beruf vorliegendes Muster. Sie sind, die sie sind. Ihre Worte werden nicht gehört, weil sie aus dem Mund des Pfarrers oder der Pfarrerin kommen. Sie werden gehört und bedacht, insofern sie gut sind. Sie werden geehrt, insofern sie ehrenhaft sind, und nicht, weil sie einen geistlichen Beruf haben. Pfarrhäuser und Pfarrer werden unkenntlicher, sie werden nicht mehr an ihrer Kleidung erkannt, nicht mehr an einem beruflichen Einheitsvokabular, nicht mehr an der Art, wie sie mit ihren Partnern und ihren Kindern umgehen. Das bedeutet zunächst eine größere Freiheit. Sie sind nicht mehr Opfer ihrer Rolle, und das Pfarrhaus ist keine Opferstätte der Individualität mehr. Aber es bedeutet auch eine oft zu schwere Last. Sie müssen sich ständig ausweisen und ständig beweisen, noch mehr: sie sollen ihre Botschaft ausweisen. Das Evangelium wird für so gut gehalten, wie die Pfarrerin oder der Pfarrer ist, die es predigen. Das aber ist zu viel für die Schulter eines Menschen.«

Dies alles hat Gründe im Wandel unserer Gesellschaft im Ganzen. Auf die Gestalt und das Leben der (westdeutschen) Kirchen bezogen, gilt jedenfalls:

Konvergente Entwicklungen der letzten dreieinhalb Jahrzehnte haben dazu beigetragen, dass Pfarrerinnen und Pastoren ihre Kirche immer weniger als »Haus«, das heißt als einen Raum erfahren, der ihnen im Umgang mit sich und mit anderen als ihnen vorgegeben hilft, ihr eigenes Innen zu ordnen, zu wissen, was ihre Aufgabe ist, zu unterscheiden, was wichtig ist, zu bejahen, was Grund ihrer Autorität ist, zu begrenzen, was ihre Verantwortung ist – kurzum: als einen Raum, der es ihnen erlaubt und erleichtert, zu sein, was sie tun, und zu leben, was sie sind.

Für Pfarrerinnen und Pastoren ist es eng geworden – nicht nur unter dem Gesichtspunkt schrumpfender Gemeinden und schwindender Mittel, sondern erst recht, weil sich alles Erwarten auf sie als Person konzentriert, auf den engen Raum ihrer Subjektivität und die Fähigkeit, sich darin selbst zu ordnen.

Was dazu beigetragen hat, lässt sich im empirischen Sinn zumindest auch als äußerer Wandel beschreiben: Der Mitgliederschwund und das Schwinden der Mittel gehören zur Grunddynamik. Zugleich aber lösten sich auch bis dahin noch einigermaßen stabile Strukturen des Pfarrberufs auf:

- die Öffnung des einstmaligen Männerberufs auch für Frauen
- die Schaffung von Teilzeit- und geteilten Stellen
- der »Mutationssprung« vom Pfarrhaus zur Dienstwohnung, die nicht mehr geistliches Leben in all seiner Ambivalenz, sondern Anfragbarkeit für die Leistung von Diensten symbolisiert
- das Unterlaufen und teilweise dann auch formell die Aufhebung der Residenzpflicht
- der Niedergang der Parochie, die angesichts heutiger Differenzierung der Lebens- und Institutionenbereiche nur noch in der Vorstellung integriert, was an Vollzügen und Themen des Lebens längst aus der Welt von Familie und Wohnen ausgewandert ist.

Geblieben ist der »Lebenszyklus« und geblieben sind – bezogen darauf – die »Dienstleistungen« in Seelsorge, Amtshandlungspraxis, Gottesdiensten und Erziehung.

Das klamme Gefühl von Pfarrerinnen und Pastoren, das Leben lebe an ihnen vorbei, mag als solches nicht neu sein; neu aber ist, wie verbreitet und wie begründet dieses Gefühl ist. Denn in allem hier angedeuteten Wandel traditionaler Strukturen hat ja der Pfarrberuf teil am Gesellschaftsprozess insgesamt und der läuft darauf hinaus, dass bei schwindender Außenorientierung des Lebens und Handelns das binnengeleitete Wählen und Entscheiden immer stärker »beansprucht« (im Doppelsinn des Wortes: subjektiv verlangt und objektiv zugemutet) wird. Das gilt wie für alle in der »Erlebnisgesellschaft« (Gerhard Schulze) erst recht für »Erlebnis-Anbieter«, wie Pfarrer und Pastorin es sind: Immer weniger ist es das »objektiv Gebotene«, das ihnen sagt, was zu tun ist; immer stärker die Selbstbefragung mit allem Risiko, an dem, was die Leute entscheiden und wählen, gerade vorbei zu entscheiden – ein Stress, der immerhin erklärt, woher so viel Müdigkeit, aber woher auch so viel Tingeltangel kommt. Was erreicht werden soll, sind nicht Leute, sondern die Erlebnislücken in der Innenwelt der Leute.

Nicht überraschend vielleicht, aber bemerkenswert ist es allemal, wie konform sich dazu dominante Konzepte Praktischer Theologie und kirchlich-offizieller Programme verhalten. Sie steuern dem nicht entgegen; sie verstärken das, was ist, und zwar in dreifacher Hinsicht.

1. Befragungen zum Zweck der funktionalen Bestimmung pastoraler »Identität«

Der Versuch, empirisch zu erforschen, was Hans und Grete von der Kirche, speziell von Pfarrern und Pastorinnen erwarten, verspricht auf den ersten Blick Kompensation für das, was seit Anfang der 70er Jahre an Stabilitätsverlust sowohl der Institution als auch des Berufsbildes zunehmend spürbar wurde. Worauf es dann aber hinauslief, war (in den hier relevanten Bezügen) zweierlei:

- Für das, was »Kirche« ist, steht und haftet in der Wahrnehmung der Leute jeweils die Pastorin, der Pfarrer in Person.
- Auf sie, die Person der Pastorin, des Pfarrers, richten sich inkongruente Rollenerwartungen, die allenfalls additiv gebündelt und nie enttäuschungsfrei erfüllt werden können.

Das in dieser Weise »funktional« rekonstruierte Berufsbild verwickelt die Betroffenen (und über sie die, die mit ihnen Erfahrungen machen) gleich doppelt in Widersprüche: Es zeichnet sie aus und wertet sie auf – aber durch einen Anspruch, den sie nicht erfüllen können, nämlich »für Kirche zu stehen«. Und es verspricht Orientierung in der Wahrnehmung ihres Berufs – jedoch durch Rollenvorgaben, die desorientierend, weil disparat, aber »gleich gültig« sind, nämlich mit gleicher Geltung begründet in den Erwartungen Dritter. Kein Zufall: »Authentizität« und »Identität im Beruf« werden zu Schlüsselbegriffen. Es meldet sich darin, was hier gesucht und so nicht zu finden ist.

2. Bildungsplanung mit dem Konzept pastoraler »Kompetenz«

So startet mit Ende der 70er Jahre ein neuer Begriff seine steile Karriere, zunächst in der Reflexion auf und sodann in Programmen für theologische Bildung in Studium und Beruf: »Kompetenz«. Die Grundfigur bleibt dabei gleich: Ihrer selbst im Umfeld der Gesellschaft unsicher geworden – und dies nun verstärkt durch die neue Erfahrung, dass es an kirchlichen Stellen für nachwachsende Theologinnen und Theologen zu mangeln begann –, hält die Kirche an einem fest, dass nämlich Wohl oder Wehe, dass Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit ihrer Sache an der Person des Pfarrers oder der Pastorin hängen, die Einzelne, der Einzelne – man weiß nicht, ob als rettender Strohhalm oder als Fels in der Brandung. Gebraucht ist in jedem Fall eins: »Kompetenz«, und zwar »theologische«, die als je eigene persönlich zu erwerben, biographisch zu entwickeln, situationsangemessen auszudifferenzieren, in sich aber invariant so strukturiert ist, dass fachtheologische Kenntnisse und Einsichten die Grundlage jeden Erwerbs berufsrelevanter Fertigkeiten bilden.

Man konnte in diesem Konzept auch Befreiendes finden: eine Fähigkeit, die als theologische die Kriterien und als Kompetenz das Vermögen beinhaltet, sich im Spannungsfeld konkurrierender Erwartungen zu begrenzen und zu profilieren. Das aber zeigt auch zugleich die Pointe: Es geht um ein Konzept beruflicher Selbststeuerung, das im Selbstbild der Pastorinnen und Pfarrer das Primat theologischen Wissens, im institutionellen Rahmen von Universität und Kirche das Primat entsprechender Wissensvermittlung und – hier entscheidend – im Leben und Leitbild von »Gemeinde« das Primat der Amtspersonen sichert – der »Profis« den »Laien«, der »Häupter« den »Gliedern« gegenüber. Wenn nicht alle Gewalt, so doch alles Gestalten geht von ihnen aus – und vom Innen: vom homo theologicus als Subjektkern und Kernsubjekt der Frauen und Männer in diesem Beruf. Die Gemeinde als Haus aus lebendigen Steinen, und zwar selber lebendigen Steinen, kommt dabei nicht in den Blick.

3. Marktanalyse zur Optimierung pastoraler »Effizienz«

Genau auf dieser Linie liegt, was die Finanznot der Kirchen seit Anfang/Mitte der 90er Jahre an Reaktionen hervortrieb. Das Fehlen des Geldes schlug nicht nur real auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen, ja überhaupt auf die Zugänglichkeit und Zukunft des Pfarrberufs durch. Es schlug gleichzeitig um in eine umfassende Ökonomisierung kirchlichen Denkens und Planens, geleitet vom tragenden Imperativ betrieblichen Wirtschaftens: Die Zukunft des Unternehmens zu sichern. Das Leben kam ins »Angebot«. Die Logik des Marktes wurde strukturbildend – nicht nur im Neubau von Sprache nicht nur im Umbau von Theologie, auch in Strategien und Projekten der Reorganisation von Kirche unter dem Gesichtspunkt höherer Attraktivität und verbesserter »Angebotskonzepte«.

Darin lag auch das Versprechen, veränderte Strukturen und voraussetzungsvolleres (Organisations-)Wissen würden die pastorale Arbeit weniger störungsanfällig und enttäuschend, damit für alle Beteiligten weniger frustrierend werden lassen. Aber zugleich verengte sich damit die Perspektive, in der diese Arbeit gesehen wurde, und es wuchs der Druck des Maßes, mit dem sie gemessen wurde: Erfolg war das Maß, Effizienz die Perspektive. Und der Markt fällt das Urteil.

Um ganz zu ermessen, was das bedeutet, muss man sich klar machen: »Der Markt ist der Kontingenzraum par excellence – ein höchst fluides Gewirr von Lücken und Nischen, die sich ebenso schnell auftun, wie sie wieder verschwinden oder von der Konkurrenz geschlossen werden. Jeder Versuch, die Dynamik stillzustellen, muss scheitern. Erfolg hat nur, wer sich ihr mimetisch angleicht oder sie gar zu überbieten sucht, mit anderen Worten: wer beweglich genug ist, seine Chance zu erkennen und zu ergreifen, bevor ein anderer es tut.« »Für den Einzelnen ergibt sich daraus eine paradoxe Situation: Einerseits ist er den Kräften des Marktes ausgeliefert wie einer Naturgewalt, andererseits kann er seinen Erfolg wie sein Scheitern niemandem zuschreiben als sich selbst.« »Empowerment und Demütigung gehen Hand in Hand.«

Mit anderen Worten: Die Übernahme markt­orientierter Führungskonzepte in die Programmatik kirchlicher Organisationsentwicklung (endgültig nun im Impulspapier »Kirche der Freiheit«) unterwirft beide – die Organisation wie die Einzelnen in ihr, die Kirche wie ihr Personal und darin besonders Pastorinnen und Pfarrer – dem Dauerstress nie abgeschlossener, weil unabschließbarer Optimierungsprozesse. Verlangt und prämiert wird »eine von umsichtiger Fürsorglichkeit geprägte Grundhaltung, die das Wort ›genug‹ nicht kennt und bestrebt ist, dem Kunden immer einen Schritt voraus zu sein.« Das schließt ein: Der Einzelne selbst wird »zum Agenten eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses an der eigenen Person.« Er spielt mit in einem Spiel, das eines nicht kennt: Gnade. Denn es erlaubt nicht nur nicht, sondern verbietet geradezu, (theologisch gesprochen) zwischen »Person« und »Werk« zu unterscheiden. Es »fordert und fördert« (nach eigenem Sprachspiel), aber es braucht, bringt hervor und implementiert in Wahrheit die Person als Werk.

Systematisch-theologisch steht damit die (Möglichkeit der) Fundamentalunterscheidung von »Gesetz« und »Evangelium«, damit die Freiheitsbotschaft der Rechtfertigungslehre und also – zumindest für die Kirchen der Reformation – nicht weniger als alles auf dem Spiel. Praktisch-theologisch, nämlich in der Perspektive empirischer Ekklesiologie, erschließt sich die Aussicht, dass es womöglich gelingt, mit den hier fraglichen Mitteln die Organisation der Kirche zu salvieren. Die Frage ist nur, ob sie es dann auch noch ist: Kirche.

»Identitätskrisen« sind das eine, »Krisenidentität« ist das andere. »Krisenidentität« ist dadurch gekennzeichnet, dass wachsende faktische Unsicherheit (also nicht nur »Verunsicherung«) in den Außenbezügen und der Außenorientierung einer Person oder Gruppe einseitig, weil »objektiv« nicht abzuwenden, in eben diese Person oder Gruppe hinein verlagert und zum Anspruch an sie wird, sich in ihren Selbstbezügen und in ihrer Binnenorientierung desto höher »subjektiv« zu sichern. Nicht »Es gibt viel zu tun, packen wir’s an!«, sondern »Du hast keine Chance, ergreife sie!« bestimmt diese Situation. Krisenidentität spiegelt die Unzugänglichkeit eines sich verschließenden oder sich entziehenden Außen in einem desto bemühteren, höher beanspruchten Innen. Theologisch gesprochen, aber nicht nur theologisch gemeint: Die Störung im Verhältnis zum »Extra nos« führt zu Hypertrophie des »In nobis«.

Zur Symptomatik gehört dementsprechend, dass Tugenden und Fähigkeiten wie »Flexibilität«, »Professionalität«, »Verzichtbereitschaft«, »Kompetenz« ebenso in aller Munde sind wie Klagen darüber, es fehle daran: Eins wie das andere, Tugend wie Tadel, spricht ja von objektiven Problemen äußerer Realität, als wären sie eigentlich nur eine Frage richtiger Ausstattung und Einstellung der Subjekte. Wer’s glaubt, wird nicht selig! Denn wieder ist nur ein desto bemühteres, höher beanspruchtes Innen die Folge – und zugleich damit so etwas wie ein resignativ-panischer Egoismus, der in die Vereinzelung führt, der die Kollegialität vergiftet und der Weltmeister macht in der Kunst, sich projektiv zu entlasten, d.h. Anspruch und Vorwurf mit Gegenanspruch und Gegenvorwurf zu beantworten. Kein Wunder, dass es in einer Erhebung des vergangenen Jahres zur Arbeitszufriedenheit im Pfarrberuf heißt: »Unter den Negativerfahrungen [der befragten Pfarrerinnen und Pastoren] stand […] eindeutig das Verhältnis zu den KollegInnen als Feld häufiger Frustrationen und Konflikte an erster Stelle.«

Der Grund alles dessen liegt im Verlust eines sicheren, sichernden Raumes, den nicht nur die Kirchen im Blick auf die Welt, sondern – verbunden damit – auch die Pastorinnen und Pfarrer in ihrem Verhältnis zur Kirche erfahren haben und erfahren. Die Welt braucht immer weniger die Kirche, die Kirche immer weniger Pastorinnen und Pfarrer – und sie, die Pfarrerinnen und Pastoren, sollen darüber nicht wütend oder müde werden, sondern desto flexibler, professioneller, genügsamer, kompetenter … wie ihrerseits ja auch die Kirche in ihrer Beziehung zur Welt sich ordentlich Mühe gibt, nicht gekränkt und verbiestert zu sein, sondern alert, effizient, up to date und mit marktoptimiertem Produkt: »Kirche der Freiheit«, statt einfach – und allerdings weniger schlicht – befreiende Kirche.

III. Lösungswege

Die Wurzel des Übels liegt in der Ekklesiologie – in einem engen, aus Existenz- und Zukunftsangst einseitig »machbarkeitslastig« gewordenen Kirchenverständnis. Theologisch geurteilt: Es herrscht das »Gesetz«.

Das hat mit einer Schwierigkeit zu tun, der wir nicht ausweichen können: Die Kirche ist als Menschenwerk, als Organisation unterwegs in der Zeit – mit allem, was das an sachlichen Zwängen und an Gestaltungsverantwortung einschließt; zugleich aber ist sie als Gotteswerk, als creatura verbi in der Welt – und wir sind verpflichtet, von da her, von der Bibel her zu bestimmen, was sie ist und sein soll. Überblickt man die Diskussion um Pfarrberuf und Pfarrerbild, wie ich sie dargestellt habe, so zeigt sich, dass sie konzentriert organisationstheoretisch und berufssoziologisch geführt worden ist – bezogen eben auf Kirche als Organisation. Unterbelichtet geblieben, wenn nicht ganz ausgefallen ist dagegen die Frage, was es für diesen Beruf und die berufliche Praxis bedeutet, dass er in erster Instanz als »Dienst am Wort« (ministerium verbi) ekklesiologisch begründet ist – verankert im »Extra nos«, gerade nicht nur der Organisation, sondern des Glaubensgrundes der Kirche, wofür als Kennzeichen die Ordination fungiert.

Noch einmal Fulbert Steffensky: »Wir müssten verzweifeln, wenn wir nur die wären, die wir sind. Wir müssten an unserer Kirche verzweifeln, wenn sie nur die wäre, die sie ist. Wir sind nicht die Garanten unserer selbst. Wir leben, weil wir bezeugt sind. ›Der Geist gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.‹ (Röm 8,16) […] Das gilt nicht nur für uns Einzelne. Es gilt für die Kirche. Und so ist die Kirche sich nicht nur aufgegeben, sie ist sich selber vorgegeben.«

Alles, was Pfarrern und Pastorinnen hilft, sich dieses Glaubens, dieses Grundes ihrer Arbeit zu vergewissern, begegnet dem Trend und wehrt der Gefahr, dass sie in ihrem beruflichen Leben unter die Dinge geraten. Und die Kirche – als Organisation – hat die Pflicht, für solche Vergewisserung die geeigneten Räume zu schaffen: Nicht nur aus Gründen der Fürsorge, sondern eingedenk dessen, dass sie Kirche ist.

Einige Beispiele als »Wegweiser« auf der Suche nach Lösungswegen:

1. Das Pastoralkolleg

Die Ursprungsidee des Pastoralkollegs gehört hierher – als die eines Ortes von Fortbildung, die nicht primär handlungsorientiert auf berufliche Qualifizierung abzielt, sondern die sich leiten lässt von dem (gut reformatorischen) Gedanken, dass die »persönliche Glaubensgewissheit der beruflichen Handlungsgewissheit voran[geht]« – »opus non facit personam, sed persona facit opus«. Das heißt konkret: Im Umgang mit der Bibel, in festen Zeiten des Gebets und in gemeinsamem Leben geht es darum, zurückzufinden zu den Quellen persönlichen Glaubens und beruflichen Lebens, sie zu klären, zu reinigen, neu daraus zu schöpfen; Zweifel und Enttäuschungen zu teilen; einander zu stärken in der Hoffnung und der Liebe; die eigene Praxis zu evaluieren; Mut zu fassen und Ideen zu spinnen im Blick auf die Arbeit, die kommt. Vergewisserung im Amt, und zwar konstitutiv in Gemeinschaft der Ordinierten: Dazu und darum wurde das Pastoralkolleg erfunden. Dies zunächst und noch lange ausdrücklich im Unterschied zu Konzepten der Fort- und Weiterbildung nach Maßgabe institutionellen »Bedarfs«, organisationstheoretischer Weisheitslehren oder kirchenleitender Zielvorgaben – ohne darum überhaupt deren Recht zu bestreiten. Sie haben ihren Ort wo immer, aber nicht im Pastoralkolleg. Dessen Qualität im Sinn und Interesse »respirativer Personalzurüstung« hängt entscheidend ab von der Klarheit und Ursprungstreue in diesem Punkt. Das gilt im Blick auf Themen und Methoden, nicht minder aber auch im Blick auf den Standort, die Räume, den in den Dingen wohnenden Geist der Arbeit im Pastoralkolleg.

2. Ein Kolleg für nicht-ordinierte Mitarbeiter/innen

Vor einem Vierteljahrhundert bereits (1982) hat man gefragt: »Wann […] werden die Landeskirchen den immer dringender werdenden Bedarf an ›Pastoralkollegs‹ für die große Zahl der nicht-ordinierten kirchlichen Mitarbeiter sehen? Viele von ihnen haben sich von ihrem Engagement eine Vergewisserung im Glauben erhofft und ihre Hoffnung noch nicht aufgegeben.« – Eine berechtigte Frage, aber immer noch offen! Berechtigt auch darum, weil sie auf ein Problem verweist, das die pastorale Praxis in hohem Maße belastet: Es ist zunehmend unklar geworden, was eigentlich »Amt« und »Ordination« für die berufliche Identität der Pastorinnen und Pfarrer und damit für das Verhältnis sowohl der Ordinierten zu den Nichtordinierten als auch der Ordinierten zueinander in der Sache bedeutet. Die Ausdifferenzierung immer neuer Handlungsfelder in der pastoralen Praxis, entsprechend die Spezialisierung der Arbeit hat alle Aufmerksamkeit berufssoziologisch auf das gelenkt, was »Professionalisierung« des Pfarrberufs heißt, aber mit anderem und vielleicht größerem Recht »Entprofessionalisierung« genannt werden könnte und wirklich genannt worden ist – schlicht, weil das Ende vom Lied ist: »In diesem Beruf wird es immer schwerer zu wissen, was man als Erstes und Wichtigstes zu tun hat«, und im Verhältnis zu Mitarbeitenden: …was man aus gutem Grund nicht zu tun hat. »Vergewisserung im Amt« verlangt heute Arbeit und Orte, sich neu und wieder berufstheologisch »des Amtes« zu vergewissern. Nicht zur Wiederbelebung vergangener Pfarrherrlichkeit, sondern genau, um Tendenzen dahin und der Versuchung dazu zu begegnen.

3. Die Praxis des Studiums

»Könnten [fragt Fulbert Steffensky] die Orte intellektueller Bildung nicht mehr, als sie es jetzt sind, Orte religiöser Bildung werden? Ich nehme als Beispiel die Universität. Es werden Lehren, Theorien, Methoden gelehrt. Wenn Praxis gelehrt wird, dann die Praxis der Vermittlung, selten aber die der religiösen Selbstgestaltung. Angehende Pfarrer und Pfarrerinnen lernen zu wenig spirituellen Benimm. Sie lernen etwas über das Wesen des Gebetes, sie lernen keine Formen des Betens. Der Korrespondent der universitären Theologie ist die Wissenschaft, nicht die Kirche. Darum ist sie oft auch so langweilig und optionsfrei. Unsere angehenden Pfarrer und Pfarrerinnen bräuchten einen Spiritual oder eine Spiritualin, einen Menschen, der sie in ihrer Studienzeit begleitete; der sie kennte; der sie einführte in geistliches Leben. Sie bräuchten Menschen, die sie nicht nur verstehen lehrten, was sie später selber lehren, sondern die sie lieben lehren, was sie lehren sollen. […] Zum ersten Mal stoßen junge Menschen im Predigerseminar auf eine andere Praxis, das aber ist spät.«

4. Retraiten

Zunehmend häufig ziehen sich Pfarrerinnen und Pastoren für Zeiten geistlicher Übung in Klöster oder Retraitenhäuser zurück. Auch wenn man darüber schmunzelt, dass »Protestanten gelegentlich Kloster spielen wie in Loccum oder Amelungsborn«: Es sind dies freie Initiativen Einzelner, die eher zeigen, woran es mangelt, und die den besonderen Schaden heutigen Pastorendaseins – den Unfrieden unter Kolleginnen und Kollegen – nicht heilen, gegebenenfalls sogar noch vertiefen. Es ist gut, geprägte Orte spiritueller Tradition zu haben; es wäre besser, sie auch noch anders zu nutzen als nur jeweils »für sich«.

5. Spirituelle Weggemeinschaften

Eine neue Form »Spiritueller Weggemeinschaft«, zu der sich Gruppen zusammenfinden, ist vom Pastoralkolleg in Thüringen entwickelt worden: Sie verbindet geistlich strukturierte »Oasentage« an verschiedenen Orten (»damit es niemand zu weit hat«) mit geistlicher Begleitung (»Einzelgespräche zur Beratung des inneren Wegs«) und einer »kleinen Regel« (»Verabredungen zur Stärkung auf dem gemeinsamen Weg«). Diese Regel verpflichtet zu Fünferlei:

- »Wir praktizieren eine Gestalt geistlichen Lebens im Alltag. Die kann individuell sehr unterschiedlich sein, ist aber auf Beständigkeit aus.«
- »Wir haben aufeinander Acht und begleiten einander auf dem inneren Weg, soweit es unseren Möglichkeiten und dem Bedürfnis des anderen entspricht.«
- »Wir beten füreinander.«
- »Wir kommen zu Oasentagen zusammen.«
- »Wir bleiben bei dieser Verabredung mindestens für ein Jahr.«

Das ist dem Grundgedanken nach ein Pastoralkolleg der Zelte, gebaut aus den Versprechen Gottes, aus Gebet und Geschwisterlichkeit.

Entscheidender, als zu wissen, wer sie sind, ist es für Pastorinnen und Pfarrer, zu wissen, wo sie sind. Das Hintergrundbild sagt: in der Wüste. Das Bild selber sagt: aber nicht ohne Haut.

Quelle: Deutsches Pfarrerblatt Nr. 4/2008, S. 192 ff.)

  "Erschöpfungszustände bis hin zum »Burnout-Syndrom« sind eine Gefahr für Menschen, die aus ideellen Gründen viel Energie in ihren Beruf investieren und hohe Erwartungen in ihre Arbeit und ihre Leistungsfähigkeit setzen, dabei aber Bedingungen unterworfen und Ansprüchen ausgesetzt sind, die auch beim besten subjektiven Willen objektiv nicht zu erfüllen sind – wenn beispielsweise der Rahmen fehlt, der dem beruflichen Handeln Maßstäbe, Ziele und Grenzen setzt und der es auf diese Weise überhaupt erst ermöglicht, in der Arbeit zur Ruhe zu kommen und in der Ruhe zum Frieden. Die Folge ist »negative Stress« des auf sich selbst zurückgeworfenen, nur noch sich selber richtenden Subjekts."

 

 

Konvergente Entwicklungen der letzten dreieinhalb Jahrzehnte haben dazu beigetragen, dass Pfarrerinnen und Pastoren ihre Kirche immer weniger als »Haus«, das heißt als einen Raum erfahren, der ihnen im Umgang mit sich und mit anderen als ihnen vorgegeben hilft, ihr eigenes Innen zu ordnen, zu wissen, was ihre Aufgabe ist, zu unterscheiden, was wichtig ist, zu bejahen, was Grund ihrer Autorität ist, zu begrenzen, was ihre Verantwortung ist – kurzum: als einen Raum, der es ihnen erlaubt und erleichtert, zu sein, was sie tun, und zu leben, was sie sind.

Für Pfarrerinnen und Pastoren ist es eng geworden – nicht nur unter dem Gesichtspunkt schrumpfender Gemeinden und schwindender Mittel, sondern erst recht, weil sich alles Erwarten auf sie als Person konzentriert, auf den engen Raum ihrer Subjektivität und die Fähigkeit, sich darin selbst zu ordnen.

 

 

"Das klamme Gefühl von Pfarrerinnen und Pastoren, das Leben lebe an ihnen vorbei, mag als solches nicht neu sein; neu aber ist, wie verbreitet und wie begründet dieses Gefühl ist. Denn in allem hier angedeuteten Wandel traditionaler Strukturen hat ja der Pfarrberuf teil am Gesellschaftsprozess insgesamt und der läuft darauf hinaus, dass bei schwindender Außenorientierung des Lebens und Handelns das binnengeleitete Wählen und Entscheiden immer stärker »beansprucht« (im Doppelsinn des Wortes: subjektiv verlangt und objektiv zugemutet) wird. Das gilt wie für alle in der »Erlebnisgesellschaft« (Gerhard Schulze) erst recht für »Erlebnis-Anbieter«, wie Pfarrer und Pastorin es sind: Immer weniger ist es das »objektiv Gebotene«, das ihnen sagt, was zu tun ist; immer stärker die Selbstbefragung mit allem Risiko, an dem, was die Leute entscheiden und wählen, gerade vorbei zu entscheiden – ein Stress, der immerhin erklärt, woher so viel Müdigkeit, aber woher auch so viel Tingeltangel kommt. Was erreicht werden soll, sind nicht Leute, sondern die Erlebnislücken in der Innenwelt der Leute."

 

"So startet mit Ende der 70er Jahre ein neuer Begriff seine steile Karriere, zunächst in der Reflexion auf und sodann in Programmen für theologische Bildung in Studium und Beruf: »Kompetenz«. Die Grundfigur bleibt dabei gleich: Ihrer selbst im Umfeld der Gesellschaft unsicher geworden – und dies nun verstärkt durch die neue Erfahrung, dass es an kirchlichen Stellen für nachwachsende Theologinnen und Theologen zu mangeln begann –, hält die Kirche an einem fest, dass nämlich Wohl oder Wehe, dass Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit ihrer Sache an der Person des Pfarrers oder der Pastorin hängen, die Einzelne, der Einzelne – man weiß nicht, ob als rettender Strohhalm oder als Fels in der Brandung. Gebraucht ist in jedem Fall eins: »Kompetenz«, und zwar »theologische«, die als je eigene persönlich zu erwerben, biographisch zu entwickeln, situationsangemessen auszudifferenzieren, in sich aber invariant so strukturiert ist, dass fachtheologische Kenntnisse und Einsichten die Grundlage jeden Erwerbs berufsrelevanter Fertigkeiten bilden."

 

 

"Genau auf dieser Linie liegt, was die Finanznot der Kirchen seit Anfang/Mitte der 90er Jahre an Reaktionen hervortrieb. Das Fehlen des Geldes schlug nicht nur real auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen, ja überhaupt auf die Zugänglichkeit und Zukunft des Pfarrberufs durch. Es schlug gleichzeitig um in eine umfassende Ökonomisierung kirchlichen Denkens und Planens, geleitet vom tragenden Imperativ betrieblichen Wirtschaftens: Die Zukunft des Unternehmens zu sichern. Das Leben kam ins »Angebot«. Die Logik des Marktes wurde strukturbildend – nicht nur im Neubau von Sprache nicht nur im Umbau von Theologie, auch in Strategien und Projekten der Reorganisation von Kirche unter dem Gesichtspunkt höherer Attraktivität und verbesserter »Angebotskonzepte«.

Darin lag auch das Versprechen, veränderte Strukturen und voraussetzungsvolleres (Organisations-)Wissen würden die pastorale Arbeit weniger störungsanfällig und enttäuschend, damit für alle Beteiligten weniger frustrierend werden lassen. Aber zugleich verengte sich damit die Perspektive, in der diese Arbeit gesehen wurde, und es wuchs der Druck des Maßes, mit dem sie gemessen wurde: Erfolg war das Maß, Effizienz die Perspektive. Und der Markt fällt das Urteil.... Für den Einzelnen ergibt sich daraus eine paradoxe Situation: Einerseits ist er den Kräften des Marktes ausgeliefert wie einer Naturgewalt, andererseits kann er seinen Erfolg wie sein Scheitern niemandem zuschreiben als sich selbst.« Empowerment und Demütigung gehen Hand in Hand."

 

 

"Der Einzelne selbst wird »zum Agenten eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses an der eigenen Person.« Er spielt mit in einem Spiel, das eines nicht kennt: Gnade. Denn es erlaubt nicht nur nicht, sondern verbietet geradezu, (theologisch gesprochen) zwischen »Person« und »Werk« zu unterscheiden. Es »fordert und fördert« (nach eigenem Sprachspiel), aber es braucht, bringt hervor und implementiert in Wahrheit die Person als Werk."

Systematisch-theologisch steht damit die (Möglichkeit der) Fundamentalunterscheidung von »Gesetz« und »Evangelium«, damit die Freiheitsbotschaft der Rechtfertigungslehre und also – zumindest für die Kirchen der Reformation – nicht weniger als alles auf dem Spiel. Praktisch-theologisch, nämlich in der Perspektive empirischer Ekklesiologie, erschließt sich die Aussicht, dass es womöglich gelingt, mit den hier fraglichen Mitteln die Organisation der Kirche zu salvieren. Die Frage ist nur, ob sie es dann auch noch ist: Kirche.

 

 

»Identitätskrisen« sind das eine, »Krisenidentität« ist das andere. »Krisenidentität« ist dadurch gekennzeichnet, dass wachsende faktische Unsicherheit (also nicht nur »Verunsicherung«) in den Außenbezügen und der Außenorientierung einer Person oder Gruppe einseitig, weil »objektiv« nicht abzuwenden, in eben diese Person oder Gruppe hinein verlagert und zum Anspruch an sie wird, sich in ihren Selbstbezügen und in ihrer Binnenorientierung desto höher »subjektiv« zu sichern. Nicht »Es gibt viel zu tun, packen wir’s an!«, sondern »Du hast keine Chance, ergreife sie!« bestimmt diese Situation. Krisenidentität spiegelt die Unzugänglichkeit eines sich verschließenden oder sich entziehenden Außen in einem desto bemühteren, höher beanspruchten Innen. Theologisch gesprochen, aber nicht nur theologisch gemeint: Die Störung im Verhältnis zum »Extra nos« führt zu Hypertrophie des »In nobis«.

 

 

Zur Symptomatik gehört dementsprechend, dass Tugenden und Fähigkeiten wie »Flexibilität«, »Professionalität«, »Verzichtbereitschaft«, »Kompetenz« ebenso in aller Munde sind wie Klagen darüber, es fehle daran: Eins wie das andere, Tugend wie Tadel, spricht ja von objektiven Problemen äußerer Realität, als wären sie eigentlich nur eine Frage richtiger Ausstattung und Einstellung der Subjekte. Wer’s glaubt, wird nicht selig! Denn wieder ist nur ein desto bemühteres, höher beanspruchtes Innen die Folge – und zugleich damit so etwas wie ein resignativ-panischer Egoismus, der in die Vereinzelung führt, der die Kollegialität vergiftet und der Weltmeister macht in der Kunst, sich projektiv zu entlasten, d.h. Anspruch und Vorwurf mit Gegenanspruch und Gegenvorwurf zu beantworten. Kein Wunder, dass es in einer Erhebung des vergangenen Jahres zur Arbeitszufriedenheit im Pfarrberuf heißt: »Unter den Negativerfahrungen [der befragten Pfarrerinnen und Pastoren] stand […] eindeutig das Verhältnis zu den KollegInnen als Feld häufiger Frustrationen und Konflikte an erster Stelle.«

 

 

"Der Grund alles dessen liegt im Verlust eines sicheren, sichernden Raumes, den nicht nur die Kirchen im Blick auf die Welt, sondern – verbunden damit – auch die Pastorinnen und Pfarrer in ihrem Verhältnis zur Kirche erfahren haben und erfahren. Die Welt braucht immer weniger die Kirche, die Kirche immer weniger Pastorinnen und Pfarrer – und sie, die Pfarrerinnen und Pastoren, sollen darüber nicht wütend oder müde werden, sondern desto flexibler, professioneller, genügsamer, kompetenter … wie ihrerseits ja auch die Kirche in ihrer Beziehung zur Welt sich ordentlich Mühe gibt, nicht gekränkt und verbiestert zu sein, sondern alert, effizient, up to date und mit marktoptimiertem Produkt: »Kirche der Freiheit«, statt einfach – und allerdings weniger schlicht – »befreiende Kirche«."

 

 

"Die Wurzel des Übels liegt in der Ekklesiologie – in einem engen, aus Existenz- und Zukunftsangst einseitig »machbarkeitslastig« gewordenen Kirchenverständnis. Theologisch geurteilt: Es herrscht das »Gesetz«.

Das hat mit einer Schwierigkeit zu tun, der wir nicht ausweichen können: Die Kirche ist als Menschenwerk, als Organisation unterwegs in der Zeit – mit allem, was das an sachlichen Zwängen und an Gestaltungsverantwortung einschließt; zugleich aber ist sie als Gotteswerk, als creatura verbi in der Welt – und wir sind verpflichtet, von da her, von der Bibel her zu bestimmen, was sie ist und sein soll. Überblickt man die Diskussion um Pfarrberuf und Pfarrerbild, wie ich sie dargestellt habe, so zeigt sich, dass sie konzentriert organisationstheoretisch und berufssoziologisch geführt worden ist – bezogen eben auf Kirche als Organisation. Unterbelichtet geblieben, wenn nicht ganz ausgefallen ist dagegen die Frage, was es für diesen Beruf und die berufliche Praxis bedeutet, dass er in erster Instanz als »Dienst am Wort« (ministerium verbi) ekklesiologisch begründet ist – verankert im »Extra nos«, gerade nicht nur der Organisation, sondern des Glaubensgrundes der Kirche, wofür als Kennzeichen die Ordination fungiert.

Noch einmal Fulbert Steffensky: »Wir müssten verzweifeln, wenn wir nur die wären, die wir sind. Wir müssten an unserer Kirche verzweifeln, wenn sie nur die wäre, die sie ist. Wir sind nicht die Garanten unserer selbst. Wir leben, weil wir bezeugt sind. ›Der Geist gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.‹ (Röm 8,16) […] Das gilt nicht nur für uns Einzelne. Es gilt für die Kirche. Und so ist die Kirche sich nicht nur aufgegeben, sie ist sich selber vorgegeben.«

 

Leserbrief zu Jörn Halbe, "Das Elend im Pfarrberuf heute" von Johannes Taig (Deutsches Pfarrerblatt Nr.6/2008, S.312)

Chapeau, Herr Halbe! Schon lange habe ich keine so treffliche Analyse zum Elend im Pfarrberuf gelesen. Es ist eine Tragikomödie: Gerade die verzweifelte Anstrengung, modern zu sein, ist in der Kirche die sicherste Methode, als ständig veraltet dazustehen. Denn für das Mithalten in unserer übertakteten Gesellschaft ist die Kirche ein zu großer Tanker und ihre Botschaft nicht wendig genug.

Es wäre aber ein Skandal, wenn die jetzigen Bedingungen und der kirchliche Ausbildungsbetrieb, bzw. die Vorgaben der kirchlichen Denkfabriken, Geistliche hervorbringen, die zwar das Evangelium zu predigten haben, aber in der von ihnen gnadenlos geforderten Offenheit für alle und alles, genau die Menschen bleiben, die Luther mit dem Begriff des „homo in se curvatus“ bezeichnet hat (vgl. "die Person als Werk“). Das ist der, in scheinbar zukunftsichernden Forderungen an den Pfarrberuf versteckte Zwang zur Existenz im Widerspruch zum Evangelium. Wie ja auch in Sachen „Ungedeihlichkeit“ die Gnade scheinbar aller Welt gilt, mit Ausnahme derer, die sie zu verkündigen haben.

Wo solche, sich selbst beweisen müssende und sich selbst darstellen müssende Menschen auch noch im Team schaffen sollen, müssen irgendwann die Fetzen fliegen und da hat auch der Christus keine Chance mehr mit der Mahnung: „so soll es aber unter euch nicht sein“! (Mt 20,26) Wer selbst überfordert ist, überfordert leicht andere. Das erhöht die Glaubwürdigkeit der eigenen Verkündigung in keiner Weise.

Es ist daher kaum verwunderlich, dass bei ehemals fortbildungsmüden PfarrerInnen der Leidensdruck im einsamen Hamsterrad so groß geworden ist, dass sie sich sogar für geistliche Angebote wie Retraiten und spirituelle Weggemeinschaften wieder interessieren. Auch von Kirchenleitungen wird das ja allseits gefördert. Es wäre freilich zynisch, wenn damit die Geistlichen lediglich wieder fit gemacht werden sollen für den alltäglichen Wahnsinn. Nicht nur unten, auch oben muss in der Kirche dringend umgedacht werden.


nach oben

Geistliche Kraftquellen/ Von Pfr. Martin Wirth, Selbitz
(Impulsreferat auf der Dekanatssynode Hof, 19.4.08)

I. Zum Thema

Die Schwachheit und die Kraft des Betens“ hat Fulbert Steffensky das Hauptreferat überschrieben, das er auf der Tagung der Generalsynode der Lutherischen Kirchen in Deutschland 2005 über das Thema Spiritualität gehalten hat. In Schwachheit strecke ich mich aus nach der Kraft des Gebets. Nach Kraftquellen schauen wir uns um, weil wir uns so oft am Rande unserer Kraft erleben: auch in unseren Gemeinden, in den Familien und Schulen, und in unserem beruflichen Einsatz. Und dabei geht es nicht nur um die körperliche und um die geistige Kraft. Nach geistlichen Kraftquellen fragen heißt Schwachheit auch im Glauben eingestehen. Unser Glaube und unsere Suche nach Gott ist angewiesen auf Quellen, aus denen der Heilige Geist hervorsprudelt, wo wir trinken und den Durst unserer Seele stillen können. Wo sind die Orte, wo uns Glaubensmut zuwächst, wo wir unser Leben und die Welt mit Gottes Augen ansehen und wo Träume und Initiativen aufblühen für die Welt Gottes mitten unter uns?

„Das Beten – Herzstück der Spiritualität“ ist der Titel der Entschließung, die die Synode als Wort an die Gemeinden weitergegeben hat. Mit dem Thema „Geistliche Kraftquellen“ fragen wir nach dem Gebet.

Ich will das Thema nicht so verstehen, wie es vielleicht auch naheliegen könnte: „Wo finde ich die Tankstelle, wo ich nachtanken kann, damit es wieder weitergeht, womöglich noch schneller und wirkungsvoller?“ Geistliche Kraftquelle als Supertankstelle für die Ziele und in den Rhythmen, in denen ich ermüde. Nein, sondern eher so: „Wo muss ich mich hinwenden, wo die Quelle aufsuchen, wo geistliche Kraft und Orientierung für mein Leben hervorsprudelt? Bin ich vielleicht abgekommen vom Quellgrund, habe mich womöglich verlaufen und will mich neu auf die Suche machen, wo frisches Quellwasser zu finden ist.

Damit will ich gleich in Erinnerung bringen, dass das Gebet als die Kraftquelle des Geistes und des Glaubens nicht unser Tun ist. „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf!“ heißt es im morgigen Predigttext. „Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. Dorothee Sölle, die große Theologin sagt: „Wir beginnen unsere Suche nach Gott nicht als Suchende, sondern als schon Gefundene!“ „Das ist der Grund einer großen Lebensheiterkeit, wenn wir uns in unseren religiösen Versuchen als Fragment, als lächerlich ungenügend erkennen“ und „Das Gebet ist die köstlichste Nutzlosigkeit, die unser Glaube kennt“, sagt Fulbert Steffensky und beschreibt damit die Weite des Gebetes als ein Geschehen, das unser Tun weit übersteigt.

Nach geistlichen Kraftquellen und nach einer Erneuerung des Gebetes fragen, bedeutet eine Dimension unseres Lebens als Christen in den Blick nehmen, die eben die Quelle ist, der Anfang, der Ursprung, der Motor und die Grundausrichtung unseres Lebens als Einzelne, als Gemeinde und Kirche. Haben wir möglicherweise die Quelle aus den Augen verloren? Trinken wir am Bach? Sind wir mit Brücken am Fluss beschäftigt oder mit den Kläranlagen unterhalb der großen Städte. Geistliche Kraftquellen suchen und aufsuchen könnte nichts weniger bedeuten als eine tiefe Infragestellung unseres Lebensstils, gerade als Christen und als Gemeinde. Zur Quelle des Gebets zurückzufinden, in dieses Geschehen eintreten, das mit dem Wort Gebet bezeichnet ist, verlangt von uns ein Umdenken, ja ein Umkehren.

II. Zehn konkrete Schritte auf der Suche nach Quellorten

Geistliche Kraftquelle ist da, wo der Heilige Geist hervorsprudelt.

Wort und Sakrament sind uns gleichsam als Instrumente - „tamquam per instrumenta“ - gegeben, sagt CA V und dazu ist das Predigtamt gesetzt, damit der Heilige Geist durch diese Instrumente unseren Glauben wirkt. So lautet spröde und korrekt die Auskunft unserer Tradition. Was „Wort und Sakrament“ konkret sein können, das will ich versuchen, in zehn Schritten „aufzudröseln“: Stille; Singen; Bibelteilen; Seelsorge aufsuchen; Psalmen beten; Pilgern; den Sonntag feiern; Wüsten durchqueren; Predigt vorbereiten; Abraham sein.

Aufs Hören und Empfangen kommt es dabei an. Das Wort muss gehört und in offener Erwartungshaltung empfangen werden in der Hoffnung, dass Gott tatsächlich zu mir und mit mir spricht. Das Sakrament will empfangen werden im Hören und Glauben des Wortes, das bei den Zeichen ist und sagt: „Du bist mein geliebtes und in Christus erlöstes Kind, herausgezogen aus der Flut der Sünde zum ewigen Leben!“ und „Du bist in Christus ein Glied am Leib Christi, in seinem Sterben und Auferstehen mit ihm im Aufbruch und unterwegs der neuen Welt Gottes entgegen im neuen Bund zur Vergebung der Sünden!“

Hören und Empfangen zielen auf diese Grundhaltung, dass wir vor Gott und mit ihm aus seiner Gnade leben: „aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“ (1. Korinther  15, 10)

Das Geschehen des Gebetes als Hören und Empfangen, wie es uns im Heiligen Geist zur Kraftquelle wird, lässt sich dann auch als unser Tun entfalten, weshalb ich jetzt eher pragmatisch ansetze.

  1. Stille und Schweigen – das Hören üben

    Unser Leben ist unerträglich laut geworden. Statt 15 Minuten Fußweg aufs Feld und stundenlang schweigender Sensenstrich inflationär sich beschleunigende Info-Flut und Kommunikation: Post, Telefon, Anrufbeantworter, Mails, Radio, Fernsehen, Internet, regionale und überregionale Zeitungen, kirchliche Nachrichten und Fachzeitschriften; und dabei bin ich noch nicht an die Tür gegangen, wo es klingelt und habe nicht reagiert auf das schreiende Kind, das Hilfe beim Hausaufgabenmachen braucht. Krank ist, wer das aushält und gesund, wer davon wahnsinnig wird.

    In den Retraiten und Einkehrzeiten Einzelner in unserem Gästehaus erleben wir, wie es erst einmal ein bis zwei Tage dauert, bis der Gewitterlärm des ganz normalen Alltagswahnsinns sich verzieht und das Donnergrollen verebbt.

    Stille und Schweigen. Was in landwirtschaftlichen Zeiten Teil des täglichen Lebens war, - kontemplative Existenz - braucht heute Schutz und Form, Rahmen und Übung. Nur wer schweigt, kann hören. Nur wer innehält fängt an, in die Stille hineinzuhorchen und aus ihr zu schöpfen.

    Den Musikern unter uns ist das selbstverständlich: die Pause hat die größte Spannung. Der Einsatz kann erst kommen, nachdem alle im erhobenen Taktstock auf den Dirigenten hin „harren“. Schweigen und Stille sind unverzichtbar für das Hören. „Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein“ (Jesaja 30, 16) und Samuel hört erst nach dem dritten Mal mitten in der Nacht (!), dass Gott es ist, der ihn ruft. „Rede, Herr, dein Knecht hört“, antwortet er schließlich. Schweigen üben manche durch einsame Spaziergänge oder Wüstentage. Andere sitzen 20 Minuten auf einem Gebetshocker und beten mit dem Rhythmus des Atems „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!“ Auch Yoga, autogenes Training und andere Entspannungsübungen, Joggen und Walken, gehören für manche zu dieser Sehnsucht nach Stille, die Schutz und Form braucht, die ohne regelmäßige Übung verlorengeht im „Lärm“ des Alltags.

  2. Singen – „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über!“

    „Wo man singt, da lass Dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder! Auch Martin Luther hat Singen „doppelt Beten“ genannt. Ich denke, weil singen mit dem Herzen geschieht und weil es in der Regel unser Herz ausschüttet. Ich selber habe mit den Singen beten gelernt: „Breit aus die Flügel beide…“ und „Führe mich, o Herr und leite …“. Und meine Mutter war in ihrer Stimmung zu erkennen an den Choral Melodien, die sie trällerte: „Herzlich lieb hab ich Dich o Herr!“, „O Herr lass Dein lieb Engelein …“ oder „Die güldne Sonne voll Freud und Wonne…“.

    In Lobpreisgottesdiensten und in hohen Bachkantaten, in Pop-Bands und in Posaunenchören, in Spatzen- oder Gospelchören singen und beten Menschen ihre Freude und Klage, ihre Fragen und den Trost des Glaubens aus dem Herzen und ins Herz hinein. Ich glaube, dass dies zu den wirksamsten Kraftquellen des Glaubens in unserer Gemeinde gehört. Oberkirchenrat Beyhl erzählte mir von einer schwedischen Stadt und 20.000 Evangelischen, dass sie vier hauptamtliche Kirchenmusiker angestellt haben und darin den Schwerpunkt ihrer kirchlichen Initiative sehen.

  3. Bibel teilen - die Botschaft der Heiligen Schrift gemeinsam hören und erschließen

    Längst sind neben dem reinen Lesen der Texte aus der Heiligen Schrift privat und im Gottesdienst und neben das Erzählen im Kindergottesdienst und Schule, und neben das Predigen eines Textes im Gottesdienst das Gespräch und der Austausch über einen Text getreten.

    Im KV und im Konfirmandenunterricht, auf Männerfreizeiten und mit Pilgergruppen und sonst wo, habe ich ganz hervorragende Erfahrungen damit gemacht biblische Texte durch die persönliche Betroffenheit meines Bruders, meiner Schwester hindurch zu hören und zu erschließen. In sieben Schritten leitet uns unser Gesangbuch auf hervorragende Weise methodisch an (EG 888). Entscheidend ist, dass wir nicht über den Text, oder gar von ihm weg über Allgemeinplätze diskutieren, sondern dass es gelingt, „Ich“ zu sagen: Was habe ich im Hören und Schweigen aus diesem Text gehört, heute und auf meine Situation bezogen ….

    Wir sind kommunikativer geworden. Und wir können die Heilige Schrift als Quelle unseres Glaubens im Austausch unserer inneren Bewegungen erschließen. Hier liegt eine große Chance, dass der Heilige Geist und die Schrift öffnet. Nicht immer, aber immer öfter!

  4. Seelsorge aufsuchen – die eigene persönliche Wahrheit vor Gott riskieren

    Jesus hat seiner Kirche, allen Jüngern und Gliedern seines Leibes den Auftrag und die Vollmacht gegeben zu befreien, zu binden und zu lösen. Aufzuschließen, was nach Befreiung verlangt: liegengebliebene Trauer, tiefe Kränkung, die uns lähmt, Bindung an die Eltern, Grundmuster aus Familie und Schule, die uns am Leben hindern, Ängste und Komplexe, die sich verselbstständigt haben.

    Seelsorge und Beichte im Schutz des Beichtgeheimnisses sind eine weithin ungenutzte Kraftquelle unseres Glaubens. „Geistliche Begleitung“ ist eine Form der Seelsorge, die nicht nur in Krisen und speziellen Lebensübergängen Menschen in ihrem Glaubensleben begleiten will. Einen Bruder, eine Schwester über eine Serie von Gesprächen aufsuchen, damit mein Glaube wachsen und reifen kann, damit ich bestimmte Schritte in die Versöhnung mit meiner Lebensgeschichte begleitet gehen kann, oder auch radikalen Mut fassen, die Gottesreich-Hoffnung in klaren Entscheidungen voranzubringen, das hat Verheißung. Warum sind wir da so schüchtern. Wir finden Mütter und Väter des Glaubens, denen wir zutrauen, uns über eine Wegstrecke hinweg zu begleiten.

  5. Psalmen beten

    Psalm 23 am Krankenlager und Sterbebett, als Stoßgebet in dunkler Nacht: Eine ganz besondere Kraftquelle in unserer evangelischen Tradition jahrelang gelernt im Konfirmandenunterricht!

    Diese Quelle ist fast versiegt. In unserer Lutherbibel aber sind fett gedruckt die Psalmen an ihren besonderen Juwelen herausgehoben. Eine Faustregel heißt: Wenn’s Dir schlecht geht, schlaflose Nacht, Prüfungsangst, unüberbrückbarer Streit: In den Psalmen oder Deuterojesaja blättern und (laut) lesen, immer wieder meditieren, wahllos oder mit dem Wochenpsalm, den Introiten, die schon eine Auswahl bieten. Wer es probiert hat, wird es bestätigen: Im Meditieren und Rezitieren der Psalmen quillt uns Glaubenstrost und Glaubensmut zu, überraschend und das Herz verändernd!

  6. Pilgern – die nackte Existenz des Gottsuchens

    Wer hat das Pilgern schon entdeckt? Beim Pilgern geht es um eine Übung, nicht um ein Verdienst, wie bei all diesen Schritten im Geschehen des Gebetes. Das Beten mit den Füßen, ja, mit dem Körper hat seinen Reiz:

    - auf einem gemeinsamen Weg und doch je allein
    - Suchen und doch ein Ziel haben: symbolisch die untergehende Sonne im Westen und das Apostelgrab. Auf der Suche neu die Nachfolgespur zu finden.
    - ausgesetzt und ausgeliefert. Was kommt? Ich bin so klein unter dem weiten Himmel und in jeder Zwetschke und in jedem Wasserglas am Weg entdecken: Gott sorgt für mich und zeigt mir neues Land.
    - Unterbrechung und Reduktion: Auszeit nehmen (spielerisch als Urlaub, ernst im Übergang in die Pension etc.).

  7. Den Sonntag feiern - Beten und Gemeinschaft und österlich Weitergehen

    Ausruhen und die Pflichten unterbrechen. Gott über alle Dinge fürchten lieben und vertrauen und deshalb: „Ohne Sonntage gibt es nur noch Werktage“, „Gott sei Dank, gibt es den Sonntag!“

    Das Symbol für das 1. Gebot ist und bleibt eine sehr ernste Sache; in unserer Zeit, auch unter uns Christen im Lebensstil eine ernsthafte Quellenvergiftung. Das Hamsterrad dreht und dreht sich…. Wir finden auch am Sonntag nicht mehr die heilsame Unterbrechung, die für das 1. Gebot steht. Das ist das eine.

    Das Andere aber ist die Gemeinschaft an der Quelle. In der gemeinsamen Anbetung und gemeinsamen Hören und im Heiligen Mahl an seinem uns gemeinsamen Tisch fängt wöchentlich das österlich bestimmte Leben neu an. Mit dem Sonntag beginnt für die Christen die Woche. Die Neuschöpfung des Ostermorgens ist unser Vorzeichen für Alltag und Pflicht. Die Vergebung der Sünden und die Freiheit des Erlösten gibt die Richtung an. Und der Aufbruch des Reiches Gottes im österlichen Mahl soll uns kreativ und fantasievoll in die Woche hineinschicken. Sonntagmorgen: Der gemeinsame Gottesdienst der Christen am Ort soll Zeugnis geben für unsere Neuausrichtung auf Gottes kommendes Reich im Hier und Jetzt. Diese Quelle gilt es freizulegen. Die Dekanatssynode steht für die Einheit des Evangelischseins im Landkreis. Manche verlieren sich dabei im Clubdenken. Der Sonntag ist unsere Chance, geistlich aufzutanken - miteinander!

  8. Wüsten durchqueren – „Lass Dir an meiner Gnade genügen, meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit“ (2. Kor. 12,9)

    Die Erfahrung des Krankenlagers, die Trauerzeit und die erste Lebenskrise sind Vielen zu einer Kraftquelle des Glaubens geworden, weil sie diese bittere und enttäuschende Erfahrung gemacht haben, mit dem eigenen Latein am Ende zu sein! Manche haben schon als Kind Wüsten durchschritten und wie oft ist menschliche und manchmal große geistliche Reife daraus erwachsen!

    Diese Tatsache hat ihren Grund in der Erfahrung, was Gnade ist. Eigener Stolz, jugendliche Kraft, Selbstgerechtigkeit auf Grund eigener Leistungen stehen dem im Weg, sich als von Gott Beschenkter und ganz und gar auf IHN Geworfener zu erfahren. Nur so aber lernen wir, was Gnade ist, und dass Gott noch mehr schenkt, als er uns nimmt. (vgl. Hanna -Lied, 1. Samuel 2/1 f.)

    Paulus, dem sein Wunsch nach Heilung nicht erfüllt wurde, hat gehört: „Meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“ Auch im Alter, auch in der Niederlage, ja sogar in unserer Sünde kann und will Gott uns adeln und verwenden, teilzunehmen am Bau seines Reiches. Aus Gnade leben, das lehrt uns auch die Erfahrung der Wüste. Es lohnt sich im eigenen Leben, diese Orte bewusst zu machen, sie auszugraben aus Verdrängtem. Als Lehre für Andere, die gerade in der Wüste sind, taugt diese Erfahrung nicht. Aber als eine Hoffnung in der Begleitung wird sie zum Segen.

  9. Predigt vorbereiten – sich dem Bibelwort aussetzen und sich seiner Verbindlichkeit stellen!

    In der konkreten Zumutung dieses oder jenes Wort in dieser ganz bestimmten Situation zu predigen, öffnen wir uns seinem Ausspruch. Wir sollen nicht über dieses Wort predigen, sondern diesem Wort hier und jetzt Gehör verschaffen. Darin müssen wir selber hören, verbindlich und konkret. Und uns dann als Hörender mit einbeziehen und zu Aussagen kommen. Ob ich das Losungswort aus legen, oder in der Jungschar eine biblische Geschichte erzähle, ob Seniorenkreis oder KV-Sitzung, eine Kraftquelle ist es, wenn wir in unserer Vorbereitung ernsthaft fragen: „Heiliger Geist, was willst Du uns geben! Rede, Herr, Dein Knecht hört.“

    Ein letzter Punkt ist eher formaler Natur: 

  10. Abraham sein – aus gewohntem heraus aufbrechen in Neuland

    Geistliche Kraftquelle - jenseits aller Kirchlichkeit - ist die Verheißung des Fremden. In biblischer Tradition hat das Aufbrechen die Verheißung des Segens.

    - Wer es wagt alte Waffenstillstände auszugraben, eine Brief zu schreiben, eine Geste zu riskieren und den Frieden, die Versöhnung zu suchen, betritt Neuland und hat die Verheißung auf seiner Seite.
    - Wer etwas probiert, was er noch nie gewagt hat, darf mit Gottes Segen rechnen: Ob es den türkischen Nachbarn Besuchen, oder erstmals die Wirtschaft nebenan ist, wo ich ein Bier trinke mit denen, die über die Frommen spotten, ob es der Kontakt mit pöbelnden Jugendlichen oder eine Kulturveranstaltung jenseits meines Milieus ist.

    Das Fremde hat Verheißung. Drei Fremde waren es, die Abraham begegnete und den Anfang des Gottesvolkes versprachen: „Geh heraus! Ich bin mit Dir und ich segne Dich! So sollst Du ein Segen sein!“

Pfr. Martin Wirth ist Spiritual der Communität Christusbruderschaft Selbitz.
Mail: martin.wirth@christusbruderschaft.de

  "Ich will das Thema nicht so verstehen, wie es vielleicht auch naheliegen könnte: „Wo finde ich die Tankstelle, wo ich nachtanken kann, damit es wieder weitergeht, womöglich noch schneller und wirkungsvoller?“ Geistliche Kraftquelle als Supertankstelle für die Ziele und in den Rhythmen, in denen ich ermüde. Nein, sondern eher so: „Wo muss ich mich hinwenden, wo die Quelle aufsuchen, wo geistliche Kraft und Orientierung für mein Leben hervorsprudelt? Bin ich vielleicht abgekommen vom Quellgrund, habe mich womöglich verlaufen und will mich neu auf die Suche machen, wo frisches Quellwasser zu finden ist."

 

 

 

 

"Haben wir möglicherweise die Quelle aus den Augen verloren? Trinken wir am Bach? Sind wir mit Brücken am Fluss beschäftigt oder mit den Kläranlagen unterhalb der großen Städte. Geistliche Kraftquellen suchen und aufsuchen könnte nichts weniger bedeuten als eine tiefe Infragestellung unseres Lebensstils, gerade als Christen und als Gemeinde. Zur Quelle des Gebets zurückzufinden, in dieses Geschehen eintreten, das mit dem Wort Gebet bezeichnet ist, verlangt von uns ein Umdenken, ja ein Umkehren."

 

 

 

 

"Dorothee Sölle, die große Theologin sagt: „Wir beginnen unsere Suche nach Gott nicht als Suchende, sondern als schon Gefundene!“ „Das ist der Grund einer großen Lebensheiterkeit, wenn wir uns in unseren religiösen Versuchen als Fragment, als lächerlich ungenügend erkennen“ und „Das Gebet ist die köstlichste Nutzlosigkeit, die unser Glaube kennt“, sagt Fulbert Steffensky und beschreibt damit die Weite des Gebetes als ein Geschehen, das unser Tun weit übersteigt."

 

 

 

 

"Unser Leben ist unerträglich laut geworden. Statt 15 Minuten Fußweg aufs Feld und stundenlang schweigender Sensenstrich inflationär sich beschleunigende Info-Flut und Kommunikation: Post, Telefon, Anrufbeantworter, Mails, Radio, Fernsehen, Internet, regionale und überregionale Zeitungen, kirchliche Nachrichten und Fachzeitschriften; und dabei bin ich noch nicht an die Tür gegangen, wo es klingelt und habe nicht reagiert auf das schreiende Kind, das Hilfe beim Hausaufgabenmachen braucht. Krank ist, wer das aushält und gesund, wer davon wahnsinnig wird."

 

 

 

 

"Stille und Schweigen. Was in landwirtschaftlichen Zeiten Teil des täglichen Lebens war, - kontemplative Existenz - braucht heute Schutz und Form, Rahmen und Übung. Nur wer schweigt, kann hören. Nur wer innehält fängt an, in die Stille hineinzuhorchen und aus ihr zu schöpfen."

 

 

 

 

"Den Musikern unter uns ist das selbstverständlich: die Pause hat die größte Spannung. Der Einsatz kann erst kommen, nachdem alle im erhobenen Taktstock auf den Dirigenten hin „harren“. Schweigen und Stille sind unverzichtbar für das Hören. „Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein“ (Jesaja 30, 16) und Samuel hört erst nach dem dritten Mal mitten in der Nacht (!), dass Gott es ist, der ihn ruft. „Rede, Herr, dein Knecht hört“, antwortet er schließlich. Schweigen üben manche durch einsame Spaziergänge oder Wüstentage. Andere sitzen 20 Minuten auf einem Gebetshocker und beten mit dem Rhythmus des Atems „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!“ Auch Yoga, autogenes Training und andere Entspannungsübungen, Joggen und Walken, gehören für manche zu dieser Sehnsucht nach Stille, die Schutz und Form braucht, die ohne regelmäßige Übung verlorengeht im „Lärm“ des Alltags."

 

 

 

 

"Jesus hat seiner Kirche, allen Jüngern und Gliedern seines Leibes den Auftrag und die Vollmacht gegeben zu befreien, zu binden und zu lösen. Aufzuschließen, was nach Befreiung verlangt: liegengebliebene Trauer, tiefe Kränkung, die uns lähmt, Bindung an die Eltern, Grundmuster aus Familie und Schule, die uns am Leben hindern, Ängste und Komplexe, die sich verselbstständigt haben."

 

 

 

 

"Seelsorge und Beichte im Schutz des Beichtgeheimnisses sind eine weithin ungenutzte Kraftquelle unseres Glaubens. „Geistliche Begleitung“ ist eine Form der Seelsorge, die nicht nur in Krisen und speziellen Lebensübergängen Menschen in ihrem Glaubensleben begleiten will. Einen Bruder, eine Schwester über eine Serie von Gesprächen aufsuchen, damit mein Glaube wachsen und reifen kann, damit ich bestimmte Schritte in die Versöhnung mit meiner Lebensgeschichte begleitet gehen kann, oder auch radikalen Mut fassen, die Gottesreich-Hoffnung in klaren Entscheidungen voranzubringen, das hat Verheißung. Warum sind wir da so schüchtern. Wir finden Mütter und Väter des Glaubens, denen wir zutrauen, uns über eine Wegstrecke hinweg zu begleiten."

 

 

 

 

"Psalm 23 am Krankenlager und Sterbebett, als Stoßgebet in dunkler Nacht: Eine ganz besondere Kraftquelle in unserer evangelischen Tradition jahrelang gelernt im Konfirmandenunterricht! Diese Quelle ist fast versiegt. In unserer Lutherbibel aber sind fett gedruckt die Psalmen an ihren besonderen Juwelen herausgehoben. Eine Faustregel heißt: Wenn’s Dir schlecht geht, schlaflose Nacht, Prüfungsangst, unüberbrückbarer Streit: In den Psalmen oder Deuterojesaja blättern und (laut) lesen, immer wieder meditieren, wahllos oder mit dem Wochenpsalm, den Introiten, die schon eine Auswahl bieten. Wer es probiert hat, wird es bestätigen: Im Meditieren und Rezitieren der Psalmen quillt uns Glaubenstrost und Glaubensmut zu, überraschend und das Herz verändernd!"

 

 

 

 

"Die Erfahrung des Krankenlagers, die Trauerzeit und die erste Lebenskrise sind Vielen zu einer Kraftquelle des Glaubens geworden, weil sie diese bittere und enttäuschende Erfahrung gemacht haben, mit dem eigenen Latein am Ende zu sein! Manche haben schon als Kind Wüsten durchschritten und wie oft ist menschliche und manchmal große geistliche Reife daraus erwachsen!

Diese Tatsache hat ihren Grund in der Erfahrung, was Gnade ist. Eigener Stolz, jugendliche Kraft, Selbstgerechtigkeit auf Grund eigener Leistungen stehen dem im Weg, sich als von Gott Beschenkter und ganz und gar auf IHN Geworfener zu erfahren. Nur so aber lernen wir, was Gnade ist, und dass Gott noch mehr schenkt, als er uns nimmt. (vgl. Hanna -Lied, 1. Samuel 2/1 f.)"

 

 

 

"In der konkreten Zumutung dieses oder jenes Wort in dieser ganz bestimmten Situation zu predigen, öffnen wir uns seinem Ausspruch. Wir sollen nicht über dieses Wort predigen, sondern diesem Wort hier und jetzt Gehör verschaffen. Darin müssen wir selber hören, verbindlich und konkret. Und uns dann als Hörender mit einbeziehen und zu Aussagen kommen. Ob ich das Losungswort aus legen, oder in der Jungschar eine biblische Geschichte erzähle, ob Seniorenkreis oder KV-Sitzung, eine Kraftquelle ist es, wenn wir in unserer Vorbereitung ernsthaft fragen: „Heiliger Geist, was willst Du uns geben! Rede, Herr, Dein Knecht hört.“

 

 

 

"Geistliche Kraftquelle - jenseits aller Kirchlichkeit - ist die Verheißung des Fremden. In biblischer Tradition hat das Aufbrechen die Verheißung des Segens.

- Wer es wagt alte Waffenstillstände auszugraben, eine Brief zu schreiben, eine Geste zu riskieren und den Frieden, die Versöhnung zu suchen, betritt Neuland und hat die Verheißung auf seiner Seite.

- Wer etwas probiert, was er noch nie gewagt hat, darf mit Gottes Segen rechnen: Ob es den türkischen Nachbarn Besuchen oder erstmals die Wirtschaft nebenan ist, wo ich ein Bier trinke mit denen, die über die Frommen spotten, ob es der Kontakt mit pöbelnden Jugendlichen oder eine Kulturveranstaltung jenseits meines Milieus ist.

Das Fremde hat Verheißung. Drei Fremde waren es, die Abraham begegnete und den Anfang des Gottesvolkes versprachen: „Geh heraus! Ich bin mit Dir und ich segne Dich! So sollst Du ein Segen sein!“


nach oben  
Hintergründe und Links

Geistliche Kraftquellen

Literatur/ Aufsätze

  • Und sie bewegt mich doch - Von der geistlichen Mitte der evangelischen Kirche/ Von Christian Möller (Deutsches Pfarrerblatt Nr. 3/2008)
  • Volkskirche auf dem Markt/ Von Manfred Josuttis (Deutsches Pfarrerblatt Nr. 12/2006)
  • "Die Torheit des Kreuzes und die Weisheit der Personalentwicklung - Acht Thesen"/ Von Prof. Jürgen Roloff (V) pdf-Datei, Acrobat-Reader erforderlich
  • Management und geistliche Kirchenleitung: Eine notwendige und beziehungsvolle Unterscheidung/ Von Prof. Dr. Volker Weymann pdf-Datei, Acrobat-Reader erforderlich
  • "Kirche der Freiheit" - Das Impulspapier der EKD zur Entwicklung der Kirche bis zum Jahr 2030  und der Zukunftskongress der EKD in Wittenberg
  • Berufszufriedenheit im heutigen Pfarrberuf Ergebnisse und Analysen der ersten Pfarrzufriedenheitsbefragung in Korrelation zu anderen berufssoziologischen Daten (Taschenbuch) von Karl W. Dahm (Autor), Peter Höhmann (Autor), Matthias Welsch (Autor), Dieter Becker (Herausgeber), Richard Dautermann (Herausgeber), AIM-Verlagshaus, 1. Auflage (Mai 2005)
  • Predigt

     

    Zur aktuellen Diskussion um den Gemeindeaufbau in der ELKB


    "Ein grundlegendes Problem besteht darin, dass die landesbischöfliche Sorge um den Pfarrberuf weitgehend nur als Hintergrundaufgabe ausgeübt werden kann, die in der medial orientierten Öffentlichkeit kaum Punktgewinne einträgt. Angesichts der in wenigen Jahren anstehenden Wahl eines neuen Landesbischofs in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern sind aus diesem Grund bereits jetzt Anfragen an das erforderliche Profil eines zukünftigen Landesbischofs oder einer Landesbischöfin zu richten. Gehört die Sorge für das Geistliche Amt noch zu den Kernaufgaben des Bischofsamtes? Wird dies bejaht, dann ist hier auch der Pfarrer- und Pfarrerinnenverein gefordert, seine Stimme zu erheben und an einer entsprechenden Bewusstseinsbildung innerhalb der Landessynode zu arbeiten.

    Ein Seitenblick in die Verfassung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern macht deutlich, dass sich auch hier bereits - sicherlich ungewollt und in bester Absicht - eine Verschiebung vollzogen hat. Artikel 61 (Aufgaben des Landesbischofs) nennt in Absatz (1) Ziffer 2 des Aufgabenkatalogs bezeichnenderweise das Gespräch mit den Gemeinden vor dem Gespräch mit den Pfarrerinnen und Pfarrern. Analog dazu ist auch Artikel 64 Absatz (3) Ziffer 2 der bayerischen Kirchenverfassung mit dem Aufgabenkatalog der Oberkirchenräte in den Kirchenkreisen konstruiert. Aufgabe des evangelischen Bischofsamtes ist es, neben der Sorge für den Pfarrberuf, die sich nicht zuletzt im Wachen über die Schrift- und Bekenntnisgemäßheit der Verkündigung vollzieht, das Gespräch in der Pfarrerschaft anzuregen und nicht lediglich Leitlinien für die Umsetzung vorgegebener Anliegen durch die Pfarrerinnen und Pfarrer zu kommunizieren. Ich sehe hierin letztlich eine mangelnde Bereitschaft, dem Geistlichen Amt im besten reformatorischen Sinne das zuzugestehen, was das römische Kirchenverständnis an Verantwortung für die Kirche allein dem Bischof zubilligt, und spüre in solchen Tendenzen immer wieder den fatalen Anpassungsdruck an die öffentlich wesentlich plausiblere Schwesterkirche. Besonders problematisch wird dies, wenn das implizite Leitbild der evangelischen als der »besseren katholischen Kirche« das öffentliche Handeln bei Konfliktfällen mit Pfarrerinnen und Pfarrern zu steuern beginnt und wir auch hier als evangelische Kirchen ungewollt an einer römischen Hierarchisierung partizipieren.

    Nach reformatorischem Selbstverständnis gibt es nur das eine Predigtamt. Aufsichtsämter wie das evangelische Bischofs- oder Superintendenten- bzw. Dekansamt, die streng genommen nur Funktionen des einen gleichberechtigten und nicht-hierarchisch gestuften Predigtamtes sind, gehören in den Bereich der menschlichen Ordnung. Es sollte nachdenklich stimmen, dass die frühen Wittenberger reformatorischen Ordinationsformulare sich gerade nicht an der spätmittelalterlichen Priesterweihe, sondern stattdessen an der Bischofsweihe orientierten. Pfarrerinnen und Pfarrer sind Bischöfinnen und Bischöfe ihrer Gemeinden, die getauften Glieder dieser Gemeinden aber sind nach reformatorischem Kirchenverständnis die Priesterinnen und Priester. Immer wieder beobachte ich in der kirchlichen Öffentlichkeit den fehlenden Mut, dazu zu stehen, dass die reformatorischen Kirchen von ihrem Amts- und Leitungsverständnis her nicht dem römischen Kirchenmodell vergleichbar sind und das reformatorische Kirchenverständnis sich durch die von Friedrich Schleiermacher entworfene Theorie der sich selbst steuernden Kirche auszeichnet, die gerade kein explizites bischöfliches oder päpstliches Leitungsamt als hierarchische Steuerungsinstanz an ihrer Spitze benötigt." (Dr. Klaus Raschzok)


    pdf-Datei, Acrobat-Reader erforderlichTipp: Zum Download von PDF- Dateien mit rechter Maustaste auf das Link klicken, dann auf "Ziel speichern unter".
    Holen Sie sich zum Lesen den Adobe Reader.

    nach obenZurück zu: Homepage Dekanat Hof    Dekanat aktuell    Archiv