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Das Thema des Monats im Mai 2007                                                                           Stand: 05.08.2011

"Lebensfäden - Frauenleben"
- Zur Integration von Emigrantinnen in Hof

"Über die Handarbeiten haben die Frauen eine gemeinsame Sprache gefunden - über alle Ländergrenzen, Kulturen und Migration hinweg."

So Hartmut Hendrich im Vorwort des Buches, das wir Ihnen vorstellen wollen. Über die "Integration" von EmigrantInnen bei uns werden viele Sonntagsreden gehalten - auf allen Seiten. Das Buch von Hülya Wunderlich und Ulrike Siebert erzählt aus der Praxis: wie die Evangelische Jugendsozialarbeit (EJSA) in Hof einen Beitrag zur Verständigung leistet - und doch immer von Sparzwängen bei Staat und Kirche bedroht ist, wie im Artikel in der Hofer Sonntagsblattbeilage zu lesen ist.

Hintergründe und Links

 


Standpunkte:  

LEBENSFÄDEN - FRAUENLEBEN
Vorwort von Hartmut Hendrich


Was verbindet Frauen aus Griechenland, der Türkei, Pakistan, Makedonien, Russland und Deutschland? Sie alle können handarbeiten. Um das Sticken, Stricken und Knüpfen herum ranken sich in dieser Dokumentation ihre Lebensgeschichten, die Einblick geben in Traditionen, Lebensverhältnisse und Kindheit. Sie ermöglichen gleichzeitig einen Rückblick in die eigene, deutsche Tradition – und auf einmal entdecken wir Gemeinsamkeiten.

Diese Gemeinsamkeiten haben zu tun mit der ökonomischen Entwicklung, der Stellung der Frau in der Gesellschaft. Mädchen werden - nach ihrer Heirat - in patriarchalischen Gesellschaften als zur Familie des Mannes gehörig erachtet. Besonders gering wird die Geburt von Mädchen dort geschätzt, wo ihre Verheiratung mit einer

hohen „Mitgift“ verbunden ist und die Eltern zu arm sind, um diese aufzubringen. Eine Mitgift gilt hier traditionell als Ausgleich für die zukünftige, von der Schwiegerfamilie zu leistende Versorgung der Frau. Wo Eltern dagegen einen „Brautpreis“ verlangen können für den Verlust der Arbeitskraft, ist die Wertschätzung von Mädchen in der eigenen Familie höher.

Ein zentraler Begriff, um den sich viele Geschichten ranken, ist die „Mitgift“, die „Aussteuer“. Sie sozialisiert Mädchen schon früh im Kindesalter und richtet sie auf ihre künftige Rolle als Ehefrau und Mutter aus. Auch in Deutschland war es nicht nur in gutbürgerlichen Familien noch zur Jahrhundertwende üblich, eine nach Art und Umfang genau beschriebene Aussteuer mit in die Ehe einzubringen. Hing in der Türkei und in Griechenland Ansehen und Wertschätzung der jungen Frau von der Aussteuer ab, so hatte diese Tradition in Russland offenbar nicht so einen hohen Stellenwert. Handarbeiten dienten hier mehr der Sicherung des Lebensunterhalts der Familie.

In modernen Gesellschaften verlieren solche Traditionen immer mehr an Bedeutung. Die Stellung der Frau hat sich gewandelt, soziale Mobilität, industrielle Arbeitsplätze oder Migration tragen dazu bei. Auf diese Weise entstehen variantenreiche Verknüpfungen zwischen „Altem“ und „Neuem“. So halten Töchter zwar fest an der „Aussteuertruhe“, deren Inhalt aber wird nicht mehr von ihnen selbst gefertigt, sondern gekauft oder von anderen hergestellt. Auch was unter Aussteuer zu verstehen ist, hat sich gewandelt.

In diesem Buch kommen Frauen selbst zu Wort, erfahren dadurch Anerkennung und Wertschätzung. Sie berichten nicht nur über ihre Handarbeiten, sie sind zugleich Zeitzeugen einer sich verändernden Gesellschaft. Manche macht dies ratlos, ihr Bild von Mädchen und jungen Frauen gerät ins Wanken. Sie verstehen die heutige Generation nicht mehr. Darum sind die aufgezeichneten Lebensgeschichten mehr: Sie schärfen den Blick für historische Entwicklungen und damit einhergehende Veränderungen kultureller Lebens- und Ausdrucksformen, regen an zur Auseinandersetzung mit Mädchen- und Frauenbildern und dem Umgang mit der Zeit.

Die Interviews machen neugierig auf die Erzählung von Frauen aus anderen Ländern, tragen zum Verstehen und interkulturellen Lernen bei. Jede der Frauen verbindet mit ihrer Handarbeit etwas anderes: Aufarbeitung von Erinnerungen, Entspannung, Pflicht, Genuss und Vergnügen, Überwindung von Einsamkeit oder schlicht eine Einnahmequelle.

Die Frauen erleben durch die Emigration einen Bruch der Tradition. Erwerbsarbeit erlaubt ihnen nicht mehr, dieser Beschäftigung nachzugehen, es sei denn als Hobby. Zeit gewinnt eine ganz andere Bedeutung in ihrem Leben. Es verändert die Beziehungen untereinander - auch der Frauen und das Verhältnis zu ihren Töchtern. Der Zusammenhalt wird brüchig, die Solidarität der Frauen, wie sie sie vom Herkunftsland her kannten, zerbröselt. Die Zeit, die die Erzählerinnen früher für Handarbeiten aufgewendet haben, weicht anderen Interessen und Notwendigkeiten in der modernen Gesellschaft.

Und doch offenbart die Dokumentation: Über die Handarbeiten haben die Frauen eine gemeinsame Sprache gefunden - über alle Ländergrenzen, Kulturen und Migration hinweg.

 

Verfasserinnen:
Hülya Wunderlich und Ulrike Siebert
Hof, Dezember 2006
Internet:
www.lebensfäden-frauenleben.de

Spinne den Faden der Begegnung
Spinne den Faden des Mutes

Klöpple die Fäden des Kampfes
Klöpple das Garn der Hoffnung

Schneide ab die Fäden der Verbitterung
Schneide durch die Knoten des Bedauerns

Sticke ein die Punkte der Weisheit
Sticke ein den hellen Schein der Sonne

Webe die Seide der Freundinschaft
Webe die Seide der Zärtlichkeit

(unbekannte Autorin)

Das Buch wird herausgegeben von:

Evangelische Jugendsozialarbeit Hof und Umgebung e.V. (EJSA Hof)
Landwehrstraße 38, 95028 Hof
Tel. 09281 86855
Mail: eiba-hof@freenet.de
Kontonummer 220 428 890, Sparkasse Hof, BLZ 780 50 00

Redaktion: Beate Franck
Gestaltung und technische Produktion: Harry Kurz
Druck und buchbinderische Verarbeitung:
Medienhaus Mintzel-Münch, Hof
Fotos: Hülya Wunderlich, Ulrike Siebert - © EJSA Hof 2006

Gefördert durch:

Das Buch ist direkt bei der EJSA, Königstr. 36, 95028 Hof oder im Kirchengemeindeamt, Maxplatz 1 in Hof für 5 € erhältlich!


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Die Tradition der Aussteuer/ Von Süreyya Erbas
("Lebensfäden-Frauenleben", S.36ff., Auszug)


Ich bin im August 1988 nach Deutschland gekommen. Mit 15 Jahren habe ich einen türkischen Mann geheiratet, der in Hof lebte. Unsere Ehe lief nicht gut und so ließ ich mich 1997 von meinem Ehemann scheiden. Aus unserer Ehe habe ich zwei Kinder. Meine Tochter ist 16, mein Sohn 15 Jahre alt. Ich lebe seit meiner Scheidung mit meinen Kindern alleine. Ich arbeite in einem Warenhaus in Teilzeit als Verkaufsgehilfin. Ich bin manchmal ganz stolz auf mich, dass ich auf meinen eigenen Füßen stehen kann. Unterstützung erfuhr ich dabei von Sozialarbeitern.

Ich habe erst nach der Scheidung die deutsche Sprache gelernt und auch gelernt, wie man den Alltag selbstständig bewältigt. Zuvor kannte ich weder meine Rechte, noch die Gesetze, und ich konnte kein Deutsch sprechen. Während meiner Ehe hatte man mir den Besuch eines Deutschkurses nicht erlaubt. Es waren sehr schwierige Zeiten für mich, die ich bewältigen musste.

Leider wurde mein Schicksal als Hausfrau und Mutter durch meine Eltern bereits nach der Grundschule besiegelt. Dabei war ich eine gute Schülerin. Sogar meine Klassenlehrerin kam zu uns nach Hause und bat meine Eltern, mich weiter auf die Schule zu schicken. In der Türkei gab es damals nur fünf Jahre Schulpflicht. Hauptsache, die Mädchen konnten lesen und schreiben. Nach Meinung der Mehrheit würden die Mädchen sowieso durch die zukünftigen Ehemänner versorgt werden. Wichtig war, dass die Jungen weiterführende Schulen besuchten. So war es auch in unserer Familie. Der jüngste Sohn nach den vier Töchtern durfte eine weiterführende
Schule besuchen, und meine Eltern waren sehr dahinterher, dass er etwas erreichte. Dabei habe ich mir mich immer gerne als berufstätige Frau an einem Schreibtisch oder als Krankenschwester vorgestellt.

Als ich in der Schule war, wohnten wir noch in einem Dorf nahe der Stadt Eregli. In unserem Umfeld war es selbstverständlich, dass jedes Mädchen handarbeitete. Ich glaube, ich war sieben oder acht, als ich mit anderen Mädchen zusammen spielerisch zu häkeln begann. Wir hatten alle keine kompletten Wollknäuel. So haben wir immer verschiedene Wollreste aneinander gebunden und versucht, damit zu häkeln und zu stricken. Viele Mädchen aus unserem Dorf trafen sich dabei und saßen auf Düngersäcken, unterhielten sich und handarbeiteten. Die meisten Mädchen fertigten Topf- und Waschlappen, um das Häkeln zu lernen. Ich weiß noch, dass meinen ersten gehäkelten Topflappen eine Nachbarin wollte. Es ist so ein Brauch, dass man die erste Handarbeit jemandem schenkt.

Meine Mutter hatte mit ihren handarbeitlichen Tätigkeiten eine große Bedeutung in meinem Leben. Sie war immer eifrig dabei, wenn etwas in Mode war, wenn sie etwas anderes bei anderen Frauen sah. Die Handarbeiten erlebten auch einen ständigen Wechsel. Einige Zeit war ganz feiner Stoff als Decke für Kühlschränke modern. An den Kanten waren – wie bei uns überall – feine Häkelspitzen angenäht. Solche Stoffe oder Häkelgarne waren sehr teuer und man musste erst mal das Geld dafür aufbringen.

Bereits als wir Mädchen noch klein waren, hatte meine Mutter angefangen, für uns die Aussteuer vorzubereiten. Sie versuchte immer, etwas vom Haushaltsgeld auf die Seite zu legen, um Stoff oder Garn kaufen zu können. Mein Vater gab uns während der Schulzeit immer Taschengeld, damit wir Sesamringel kaufen konnten. Doch unsere Mutter sagte: „Tochter, hast du Geld? Ich möchte etwas für eure Aussteuer kaufen.“ Wir hatten damals im Wohnzimmer auf dem Boden einen Schilfteppich. Darunter versteckte sie das Geld, das sie von uns bekommen hatte. Nachdem eine gewisse Summe unseres Taschengelds angespart war, konnte sie diese als Anzahlung für Stoffe und Garne bei ihrem Stoffhändler verwenden. Den Rest zahlte sie in Raten. So kam meine Aussteuer zustande. Wenn man diese Stoffe heute betrachtet, denkt man: „Ein einfacher Leinenstoff.“ Aber damals war es nicht so leicht, diesen Stoff und die Garne zu kaufen.

Meine Mutter mahnte mich dauernd: „Die anderen Mädchen handarbeiten alle, du solltest auch damit anfangen! Handarbeite, handarbeite, in kurzer Zeit wirst du Braut, was willst du mitnehmen?“ Dies ständig zu hören, ging mir ganz schön auf die Nerven. Wenn man aber sieht, dass alle Mädchen ständig etwas häkeln, sticken, stricken, bekommt man auch selbst Lust dazu. ...

Die Tradition der Aussteuer besteht auch heute weiter. In der Gegend, aus der ich stamme, handarbeiten alle Frauen. Diese Tradition ist immer noch gültig. Egal, aus welcher Schicht man kommt, ob man eine moderne Familie ist oder Akademikerin. Wenn Frauen zusammen sitzen, alle handarbeiten, nur man selbst nicht, wird man nicht so geschätzt. Da hat man keinen guten Status unter den Frauen. ...

Obwohl ich gar nicht so sehr willig bei meiner eigenen Aussteuerherstellung war, finde ich diese Tradition sehr gut. Ich selber habe für meine Tochter auch Wohnzimmer- und Tischdecken anfertigen lassen. Sie sind viel schöner als meine. Ich habe jedoch meiner Tochter nicht beigebracht, wie man häkelt oder strickt. Ich will nicht, dass sie wie ich alles unter Zwang machen muss. Ich will sie nicht zwingen, zu häkeln oder zu stricken. Sie hat eher eine Neigung zum Nähen. Aber sie hat auch ein starkes Interesse an ihrer Aussteuer. Während meines Urlaubs habe ich meiner Mutter gesagt, sie solle ihre Enkelin wie eine Tochter betrachten und Aussteuer für sie anfertigen. Daher häkelt sie für meine Tochter oder lässt etwas von anderen herstellen, wenn sie etwas Geld übrig hat. Auch meine Schwester häkelt für meine Tochter. Dies macht man bei uns so. Meine Schwester hat ebenfalls eine Tochter und fertigt auch für sie Aussteuer. ...

Ich lebe alleine. Vielleicht denken viele Leute, dass ich meine Zeit verschwende. Aber wenn Gott es erlaubt und meine Tochter heiratet, wünsche ich mir eine schöne Hochzeit. Die Leute, die dann ihre Wohnung anschauen, sollen sagen: „Sie hat sich mit 21 Jahren von ihrem Mann getrennt und hat doch bei der Aussteuer an alles gedacht. Sie hat ihre Tage nicht umsonst verbracht, und es sich nicht nur gemütlich
gemacht. Sie wurde für ihre Kinder Mutter und auch Vater.“

Man hat einfach immer im Kopf, was die anderen sagen würden. Das hat auch mit dem Erlebten zu tun. Wenn immer wieder von Aussteuer gesprochen wird und wenn man so aufwächst, bleiben eben Spuren. Man hat mir jeden Tag vierzigmal an den Kopf geworfen, dass ich handarbeiten solle. Deshalb sind diese Spuren vorhanden. Aber ich gehe mit meiner Tochter nicht genauso um.

Meine Mutter hat sehr viel Wert auf Aussteuer und Handarbeiten gelegt. Vielleicht wäre eine Schul- oder Ausbildung für ihre Töchter besser gewesen. Aber meine Mutter sagte immer: „Ein Mädchen soll wie Ton sein. Wenn man ihn gegen eine Wand wirft, so muss er kleben.“ So solle man die Mädchen erziehen. Wenn die Tochter das Haus verlasse, solle auch die neue Familie mit ihr zufrieden sein und sie nicht wieder in ihr Elternhaus zurückkehren. Solche Meinungen, die sie oft vertrat und noch vertritt, kann ich nicht mehr nachvollziehen. Ich sage immer: „Gott sei Dank, dass ich nicht mehr in der Türkei mit ihr leben muss.“ Ich glaube, ich habe mich hier sehr verändert.
 



SÜREYYA ERBAS

Fürs Handarbeiten bleibt Süreyya Erbas kaum Zeit. Die 33-Jährige, die in der Türkei ganz in der Tradition der Aussteuerherstellung aufwuchs, bezeichnet sich jetzt als moderne Frau. Sie sagt über sich selbst: „In Deutschland habe ich mich sehr verändert.“

(Alle Fotos und Texte mit freundlicher Genehmigung von Hülya Wunderlich)

"Füßlinge" hat Süreyyas Oma gestrickt und verkauft. Einige Erinnerungsstücke hat Süreyya aufbewahrt.

Aussteuertruhe, verziert mit Perlmutt

Aussteuer; Hochzeit in Höyük, Provinz Niğde

In vielen Gebieten der Türkei gehört eine Kopftuchtruhe zur Aussteuer, die ebenfalls meist aus hochwertigem massivem Holz, zum Teil aber aus Kostengründen aus furniertem Holz hergestellt ist. In der Kopftuchtruhe befinden sich meist bis zu sechzig mit
Oyas verzierte Kopftücher. Oyas sind die Bordüren um die Kopftücher, die mit verschiedenen Techniken angefertigt werden, z.B. mit Nadelspitzen (İğne Oyaları), mit Häkelspitzen (Tığ Oyaları), mit Weberschiffchen hergestellte Spitzen (Mekik Oyaları), mit Haarnadeltechnik (Firkete Oyaları), Perlenspitzen (Boncuk Oyaları) usw.. Dabei ist es wichtig, dass die Farben und Motive der Oyas gut zu den bedruckten Mustern der Tücher passen. Dies zeigt das Stilgefühl und den
Schönheitssinn der Frau.
(Hülya Wunderlich, S.10)


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EJSA Hof  - Evangelische Jugendsozialarbeit/ Von Katja Bude

Eine Menge Arbeit, zu wenig MitarbeiterInnen und zu wenig Geld – so lässt sich die Situation der Evangelischen Jugendsozialarbeit (EJSA) Hof beschreiben. Die EJSA ist bayernweit organisiert. Das Ziel der EJSA ist gesellschaftspolitische Jugendbildung. Schwerpunkte hierbei sind die Begleitung der Jugendlichen in Ausbildung und Beruf, genderbezogene Angebote, Sozialisations- und Integrationsangebote für junge Migrantinnen und Migranten, aber auch die Vermittlung von Medienkompetenzen, interkulturelle Bildung und offene Jugendarbeit.

Die EJSA Hof hat eigene Schwerpunkte gesetzt: die Mädchen- und Frauenarbeit, sowie Migration und Integration. Diese Schwerpunkte haben sich in den letzten 20 Jahren für Hof und Umgebung herausgebildet. Mitte der 80er Jahre sahen die Mitarbeiter, dass in Hof Räume fehlten, in denen Mädchen und Frauen unter sich sein und Freizeit- und Fortbildungsangebote nutzen konnten. Es entstand ein geschützter Raum für Mädchen und Frauen mit separatem Eingang – eine Grundvoraussetzung für Migrantinnen, denen die Teilnahme gemischt geschlechtlichen Veranstaltungen von den Eltern verboten wurde.

Im Laufe der Zeit hat sich das Angebot der EJSA den gesellschaftspolitischen Veränderungen angepasst. Die Qualifizierungs-, Integrations- und Freizeitangebote von früher sind anderen Angeboten gewichen. In den 90er Jahren lag der Schwerpunkt auf der präventiven Jugendarbeit. Inzwischen findet sich im Internationalen Mädchen- und Frauenzentrum in der Königstr. 36 die zweite und dritte Generation der Migrantinnen von damals ein. Die Arbeit hat sich zugunsten der Einzelberatung bei Konflikten und Problemen verschoben. Daneben werden immer noch Seminare, Workshops oder Qualifizierungsmaßnahmen angeboten.

Seit den 90er Jahren ist die Arbeit nicht mehr rein ehrenamtlich organisiert. Zwei halbe Stellen sind entstanden, die jedoch bei weitem nicht ausreichen, um die Arbeit zu bewältigen. Hülya Wunderlich kümmert sich vor allem um Migrantinnen aus muslimisch geprägten Ländern. Vera Demin betreut vor allem Aussiedlerinnen aus dem früheren Gebiet der Sowjetunion. Die Arbeit der beiden unterscheidet sich in einem Punkt. Aussiedlerinnen aus der ehemaligen Sowjetunion haben sich entschieden, für immer in Deutschland zu bleiben, so Vera Demin. Die Migrantinnengruppe – zumeist aus der Türkei – mit denen Hülya Wunderlich arbeitet ist im ständigen Umbruch. Nicht alle bleiben hier. Einige gehen wieder zurück in ihre alte Heimat. Neue Frauen ziehen mit ihrer Familie nach oder werden nach Deutschland verheiratet. Man fängt also immer wieder von vorne an, so Hülya Wunderlich.

Wie sieht die Finanzierung des Vereins aus? Schlecht, sagt mir der Geschäftsführer Hartmut Hendrich. Der Evangelische Dekanatsbezirk Hof und das Diakonische Werk waren zwar im Juli 1989 Gründungsmitglieder, aber die EJSA erhält keine regelmäßige finanzielle Unterstützung. Sie finanziert sich aus öffentlichen Zuschüssen der Stadt (z. B. wird ein Teil der Bußgelder, die die Stadt Hof erhält, an die EJSA vergeben), durch Eigenmittel (vor allem durch Mitgliedsbeiträge des Vereins), Spenden und durch projektbezogene Mittel. Um letztgenannte Mittel von staatlichen Stellen oder anderen Sponsoren zu erhalten, ist aber jede Menge Schreibtischarbeit nötig. Zeit, die uns in der Arbeit vor Ort fehlt, so Hülya Wunderlich.

Die Probleme, mit denen wir heute im Bereich der Migration zu kämpfen haben, stammen aus den früheren Jahren, als die Arbeit mit MigrantInnen vernachlässigt wurde. Die Probleme werden immer dringlicher und die Finanzierungsmöglichkeiten immer schlechter, fasst Hartmut Hendrich das Dilemma zusammen. Heute steht den MigrantInnen in den ersten drei Jahren in Deutschland Hilfe zu. “Doch die Probleme fangen meistens danach erst an”, so Vera Demin. Die zunehmende Arbeitslosigkeit verschärft das Problem. Dabei ist die Förderung der Integration verschiedener Kulturen und Religionen wichtiger denn je.

Hülya Wunderlich stellt bei ihrer Arbeit immer wieder fest, dass gerade die Frauen, die nach Deutschland kommen, denn Drang verspüren, jetzt alles nachzuholen, was ihnen vorher nicht möglich war. Einmal im Monat treffen sich Frauen aller Kulturen im Frauenkulturcafe (Ecke Liebig-/Bergstraße). Viele Frauen forderten regelrecht Bildungsangebote ein, so Hülya Wunderlich weiter. In den Migrantenfamilien sind die Frauen Motivatoren und Multiplikatoren. Deshalb ist neben der Arbeit mit Jugendlichen die Frauenarbeit mehr in den Mittelpunkt gerückt.

Montagabend von 17 bis 21 Uhr bietet Hülya Wunderlich einen Frauengesprächskreis mit gleichzeitiger Kinderbetreuung in den Räumen der EJSA an. An diesem Abend läuft oft eine "Beratung zwischen Tür und Angel", so Hülya Wunderlich. Dabei berät sie die Frauen auch in gerichtlichen und finanziellen Be-langen. Sind die Probleme gravierender, wie bei Familienkonflikten, Erziehungsproblemen, bei Diskriminierungsfällen oder im Falle von Gewalt in der Familie oder bevorstehender Scheidung, so sind natürlich auch Einzelgespräche tagsüber möglich.

Vera Demin arbeitet mit etwa 60 Mädchen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Ihr Hauptprojekt ist derzeit LEGEWALT - das Projekt "Lebensplanung und geschlechterbezogene Gewaltprävention" für Mädchen zwischen 14 und 26 Jahren. Ziel ist es, die Mädchen in ihrer Entwicklung zu unterstützen, ihr Selbstbewusstsein zu stärken und ihre Eigenverantwortlichkeit zu fördern. Bei der Berufsfindung erhalten sie Hilfe, indem sie ein Bewerbungstraining in Anspruch nehmen können. Sie können die Computer im Internetcafe zur Lehrstellensuche nutzen oder ihre Bewerbungsunterlagen erstellen. Das Internetcafe ist Donnerstagabend zwischen 18 und 22 Uhr aber auch einfach nur zum Surfen und Chatten geöffnet. Zur Stärkung des Selbstbewusstseins und zur Gewaltprävention hat die EJSA zusammen mit der Hofer Polizei bereits Selbstverteidigungskurse angeboten. Darüber hinaus werden verschiedene sportliche und kreative Aktivitäten angeboten. Mädchen gehen anders mit Frust um, so Vera Demin. Sie neigen eher zu Depressionen oder Essstörungen und brauchen deshalb besondere Angebote. Die russischen Mädchen sind motiviert, hier eine Lehrstelle zu bekommen und sich weiterzubilden, so Vera Demin weiter. Das Problem ist, dass die meisten nach der Lehre nicht übernommen werden.

Anders sieht es bei den deutsch-türkischen Mädchen aus. Bekommen Jungen im Raum Hof keinen Ausbildungsplatz, ziehen sie dorthin, wo es Lehrstellen gibt. Mädchen bleiben hier bei ihrer Familie. Deshalb sind sie vom Lehrstellenmangel in Hof besonders betroffen.

Inzwischen lässt sich eine zunehmende Konkurrenz um den Arbeits- oder Ausbildungsplatz unter den Jugendlichen feststellen. Das führt zu Spannungen unter den Gruppen. Aggressionen bauen sich schnell auf. Dabei kommen auch Vorurteile auf den Tisch. Vorurteile gibt es auf allen Seiten, so Vera Demin. Deshalb ist eine Diskussionsplattform nötig um Konflikte zu entschärfen. Alle sind sich einig, dass interkulturelles Lernen nötig ist. Nicht nur in der EJSA, sondern auch in der Schule und im Beruf. (Sonntagsblattbeilage des Dekanats Hof vom 19. und 26.02.2007)

Unterstützen Sie diese Arbeit durch eine Spende oder durch die Mitgliedschaft im "Verein für Evangelische Jugendsozialarbeit Hof und Umgebung e.V.":
Königstrasse 36, 95028 Hof, Tel. 09281 86855 oder 09281 3412
Kontonummer 220 428 890, Sparkasse Hof, BLZ 780 50 00.
 


(Foto Katja Bude)

Hülya Wunderlich (links) kümmert sich vor allem um Migrantinnen aus muslimisch geprägten Ländern. Vera Demin (rechts) betreut vor allem Aussiedlerinnen aus dem früheren Gebiet der Sowjetunion. Die Arbeit der beiden unterscheidet sich in einem Punkt. Aussiedlerinnen aus der ehemaligen Sowjetunion haben sich entschieden, für immer in Deutschland zu bleiben, so Vera Demin. Die Migrantinnengruppe – zumeist aus der Türkei – mit denen Hülya Wunderlich arbeitet ist im ständigen Umbruch. Nicht alle bleiben hier. Einige gehen wieder zurück in ihre alte Heimat. Neue Frauen ziehen mit ihrer Familie nach oder werden nach Deutschland verheiratet. Man fängt also immer wieder von vorne an, so Hülya Wunderlich.


"Meine ersten Spitzenbänder, die ich mühsam mit der feinen Nadel
häkelte, hießen Sütaj. Alle Anfängerinnen haben sicherlich in ihrem Leben Sütaj (Zackenband) gehäkelt. Auch deshalb, weil man dieses Spitzenband auf dem Kragen der Schuluniform annähen konnte, wenn man diese schön haben wollte" (Hülya Wunderlich, S.21)

"Als Neuankömmling aus der Türkei hatte ich wie viele Migranten Schwierigkeiten in meinem neuen Umfeld in Deutschland. Ich habe in der Türkei fast vier Jahre lang Deutsch als Fremdsprache gelernt und verfügte zumindest über einen Grundwortschatz. Allerdings hatte ich mit dem Hofer Dialekt etwas Schwierigkeiten. Manchmal saß ich im Park und versuchte mit älteren Frauen und Omas ins Gespräch zu kommen, konnte sie aber nur sehr schwer verstehen.

Unsere Familie wohnte in Hof in einem Mehrfamilienhaus, in dem auch weitere drei Familien aus der Türkei sowie eine deutsche Familie mit gleichaltrigen Kindern lebten. Leider
wollten die deutschen Kinder nicht mit uns reden oder versuchten es nicht. Der Kontakt beschränkte sich nur auf Begrüßungen.

Unsere Nachbarin, die gegenüber unserer Wohnung wohnte, „Gülseren Teyze“ genannt, hatte zwei Töchter, für die sie sehr schöne halbarmige Blusen aus weißem Baumwollgarn strickte. Aufgrund von anfangs mangelnden Kontakten zu Gleichaltrigen bat ich diese Nachbarin, mir das Stricken beizubringen. Ich war von ihren sehr schönen Mustern begeistert. In ihrem großen Wohnzimmer mit vielen Pflanzen saßen wir beide auf einem Sofa, sie nahm meine Hand und zeigte mir, wie Maschen gebildet werden. Die Nachbarin war im Gegensatz zu mir rechtshändig. Also blieb mir nichts anderes übrig, als mit der rechten Hand stricken zu lernen. So kam es dazu, dass ich mit der linken Hand häkeln und mit der rechten Hand stricken kann.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie oft ich sie beim Stricken eines Pullis gebeten habe, mir zu helfen oder Fragen gestellt habe.

Stricken konnte ich nur während der Ferien. Das Erlernen der deutschen Sprache war trotz meiner Kenntnisse in der Realschule in der Türkei eine große Herausforderung, so dass ich für Handarbeiten keine Zeit hatte. Weil es hier in Hof oft kalt und der Bedarf an warmen Bekleidungsstücken groß war, konnte ich mir meine Pullover nach meinen eigenen Vorstellungen selbst herstellen. Ich weiß nicht mehr, wie viele Pullis ich gestrickt habe. Auf jeden Fall machte es sehr viel Spaß, nach meinem Geschmack passende Pullis zu stricken, kreativ zu sein. Jedes erstellte Stück ist eigentlich ein Kunstwerk. Während der ersten schwierigen Zeit in Deutschland war für mich Stricken wie eine Beschäftigungstherapie."
(Hülya Wunderlich, S.19f.)


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Hintergründe und Links

Presse

 

"Als ich 1992 (von Pakistan) nach Deutschland kam, habe ich anfangs nicht gehandarbeitet. Ich war sehr viel allein, den ganzen Tag allein in der Wohnung, wenn mein Mann gearbeitet hat. Ich war sehr traurig und wie gelähmt, hatte Angst. Aus Pakistan war ich gewöhnt, immer mit vielen Menschen zusammen zu sein. ...

Es fällt mir schwer, hier keine Arbeit zu finden und auf die Hilfe des Staates angewiesen zu sein. Von zu Hause habe ich gelernt, selbstständig zu sein wie meine Eltern. Ich habe versucht, in Änderungsschneidereien Arbeit zu finden, aber die brauchen niemanden. Mein Traum wäre es, ein eigenes Geschäft zu haben, wo ich Produkte aus Pakistan und Selbstgemachtes verkaufen kann."
(Zaib-Un-Nisa Akram, S.70)


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