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Das Thema des Monats im Mai 2002/Mai 2003:

Der Amoklauf eines Schülers in Erfurt  - ein Jahr danach

Die Ereignisse vom 26. April 2002


im Mai 2002/2003


Alles nicht so schlimm? Die ARD entflammt die "Kerzen von Erfurt"
von Stefanie Schneider


Die Frau, deren verweintes Gesicht noch vor einem Jahr von den Titelseiten blickte, kann wieder lachen. "Danke", sagt sie, und: "Ihr seid unmöglich." Die Direktorin des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums hat von ihren Schülern gerade ein Geburtstagsständchen erhalten. Mit Blumen und Sekt.

Ein Jahr nach dem Massaker von Erfurt am 26. April 2002, bei dem der 19jährige Robert Steinhäuser 16 Mitschüler und Lehrer mit einer Pump-Gun erschoss, hat ein Team der ARD die Schule besucht. Herausgekommen ist "Die Kerzen von Erfurt" (Mittwoch, 23.04, 21.15 Uhr) . Unterlegt von der Popmusik der Skunk Anansie - "Hedonism" heißt das Lied - begleitet Autor Jens Becker die Schüler durch den Alltag. Hedonism. Er folgt ihnen bei Schneeballschlachten, beim Malen und Gitarrespielen, erklärt ihre Hilflosigkeit nach dem Geschehenen. Am Ende wird's noch mal richtig einfühlsam - die Kamera zeigt ein versonnenes Mädel beim Verzehr einer Packung Kartoffelchips.

Ungläubigkeit beim Zuschauer. Sind das die Folgen von Erfurt? Falls es die Beteiligten tatsächlich geschafft haben sollten, wieder glücklich zu werden, kann ihnen niemand einen Vorwurf machen. Aber wohl dem Film, der keine Anstrengung unternimmt, das Dunkel hinter den Gesichtern auszuleuchten, die wichtigsten Fragen offen lässt, ja nicht einmal stellt. Was wurde aus Lehrer Heise, dem tragischen Helden von Erfurt? Was aus der Familie des Täters, denen der Opfer, dem Schützenverein, über den Steinhäuser ganz legal seine Waffen beschaffte?

Eher zufällig schnappt die Kamera doch einen Hauch Kritik auf, zeigt, wie Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel die bohrenden Fragen einer Schülerin abbügelt. Ob man nicht mehr gegen die Überforderung der Lehrer hätte tun müssen. "Jetzt macht Euch mal nicht in die Hosen", hallt es jovial zurück, im Großen und Ganzen sei doch alles in Ordnung.

So verwebt sich das tragische Ereignis mit der unkritischen Herangehensweise der Autoren zu einer Art unfreiwilligem Zynismus. "Nach so einem Ereignis lernt man eben, das Leben zu genießen.", findet Sportlehrer Andreas Förster, und braust auf seiner neuen Harley in den Frühling. Ein Jahr danach - die erstaunlich positiven Folgen eines Massakers.

Quelle: Artikel erschienen in der Welt vom 25. April 2003

 

Hintergründe und Links ein Jahr danach:


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Ein Zwischenruf von Pfarrer Johannes Taig (im Mai 2002)

Dein Problem!

So höre ich das oft im Gespräch von Erwachsenen und Jugendlichen. Da ist ja was dran. Für mein Leben bin vor allem ich selbst verantwortlich und für die Konsequenzen, die mein Handeln für mich selbst und andere hat. In einer Zeit, in der es schick ist, die Schuld für die eigene Lage bei anderen, den Eltern, den Lehrern und der Gesellschaft zu suchen, ist eine solche Einsicht alles andere als selbstverständlich.

Der Todesschütze von Erfurt hat die Schuld für seine missliche Lage bei seinen Lehrern gesucht und sie hingerichtet. Er hat sich anschließend feige durch Selbstmord seiner Verantwortung entzogen. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Er hätte mehr als einen Grund gehabt, die Schuld für seine Situation auch bei sich selbst zu suchen, wie der Presse zu entnehmen war.

Nur dem, der bereit ist, sich seinen eigenen Problemen zu stellen, kann geholfen werden. Und dann muss ihm aber auch geholfen werden! Dein Problem! Das kann auch ein grausames Wort der Gleichgültigkeit sein: Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner! Lass mich mit deinen Problemen in Ruhe! Ich befürchte, so ist der Satz unter uns meistens gemeint. Wer keinen Menschen mehr findet und nicht zumindest ein Ohr für seine Sorgen, der verliert irgendwann seine Menschlichkeit – und wird zur Gefahr für sich selbst und die ganze Gesellschaft.

Christen verstehen ihr Leben als ein Geschenk Gottes. Mit einem solchen Geschenk geht man verantwortlich um. Man schmeißt es nicht weg. Auch das Leben meines Mitmenschen ist ein solches Geschenk. Darum kann es mir nicht gleichgültig sein. Das meint Jesus, wenn er sagt: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wenn Eltern heute keine Zeit mehr haben und nicht mehr wissen (wollen), was mit ihren Kindern wirklich passiert und was sie beschäftigt; wenn auf Jugendseiten vor allem der eigene Spaß und Lifestyle propagiert wird und dem, der nicht dazugehört, immer nur gesagt wird: Dein Problem! Dann haben wir alle ein großes Problem. Deshalb gehen die schrecklichen Ereignisse von Erfurt uns alle an. Wir trauern mit den Opfern und Traumatisierten.

Der Täter hat sich das Drehbuch für seine Tat aus Gewaltvideos und PC-Spielen geholt. Jeden Tag lassen wir uns im Fernsehen mit Gewalt berieseln. Müssen wir uns wirklich gespielt anschauen, was in Erfurt schreckliche Realität wurde? Erst wenn das keiner mehr sehen will und kein Geld mehr damit zu verdienen ist, wird sich wirklich etwas ändern.

meint Ihr Pfarrer Johannes Taig (Hospitalkirche Hof)
 

Hintergrundinformation zum Anschlag:

 

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