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Manieren - Warum Manieren?
Von Asfa-Wossen Asserate
(Auszug)
„Wer wird künftig deinen Kleinen lehren / Speere werfen und die
Götter ehren?“ In diesem Vers ist das pädagogische Programm
enthalten, das alle alten Gesellschaften
miteinander gemeinsam haben. Diese beiden
„Unterrichtsfächer“ enthielten die wichtigsten
sozialen Funktionen; alles Weitere entfaltete sich aus der Pflicht,
die Gemeinschaft zu verteidigen und die Gebote der Religion zu
respektieren. Während man auch zu Beginn des einundzwanzigsten
Jahrhunderts in Afrika noch auf viele Milieus stoßen kann,
in denen die Erziehung auf diesen beiden Säulen ruht, hat sich
Europa inzwischen vollständig anderen Idealen zugewandt.
Weder das Speere-Werfen noch das Götter-Ehren
begründen hier die Gesetze des Zusammenlebens.
Das Speere-Werfen ist an den Staat delegiert, der
das Gewaltmonopol besitzt und den Bürgern die
handgreifliche Verteidigung der eigenen Interessen, aber auch
den bewaffneten Schutz ihrer Ehre verbietet. Das republikanische
Pathos, mit dem den Monarchien das Bürgerrecht auf das
Waffentragen und auf die Teilnahme an der Landesverteidigung
einst abgetrotzt wurde, ist sehr leise geworden. Heute wünschen
die meisten Bürger in den westlichen Ländern die Rückkehr zum
Berufsheer, das unter dem gefürchteten Namen „Söldnerheer“
doch eben noch als höchst bedenklich galt.
Die Religion hingegen ist strikte Privatsache und
im öffentlichen Raum der Gesellschaft nur
geduldet; keinesfalls begründet sie Gemeinsamkeiten,
oft noch nicht einmal unter ihren Mitgliedern, die auf den
gesellschaftlichen
Druck, unter den die Religion geraten ist, höchst
unterschiedlich reagieren. Dennoch wäre es falsch, in einer
Betrachtung über die europäischen Manieren den
Umgang mit religiösen Verhaltensweisen
ausschließen zu wollen. Wie wir schon mehrfach
gesehen haben, sind es religiöse Verhaltensweisen, die
das Fundament vieler unserer Umgangsformen bilden.
Obwohl die Religion im europäischen Westen an einem
nun schon mehr als zweihundertjährigen
Schwächeanfall leidet, betrachten sich viele
Leute als gläubig. Die Verhältnisse in Deutschland bringen
es mit sich, dass sich beständig Anhänger verschiedener
Religionsgemeinschaften begegnen. Inzwischen
verhalten sie sich bei solchen Begegnungen
überwiegend friedlich. Die Zeiten, die regelrechte
Feindseligkeiten zwischen den Konfessionen auch im alltäglichen
Nebeneinander ausbrechen ließen, sind vorbei. Keinem
Gelehrten wird der Ruf auf einen Lehrstuhl mehr verweigert, weil
er Katholik oder Protestant ist. Die seit meiner Ankunft in
Deutschland mir häufig vorgetragene Anekdote (so
häufig, dass ich inzwischen an ihrer
Wahrscheinlichkeit zweifle), am katholischen
Fronleichnamsfest hätten die protestantischen Bauern Mist gefahren, um die
Prozession zu stören, am Reformationstag hingegen
hätten die Katholiken ein heftiges Teppichklopfen angefangen,
beschreibt schon geradezu legendär gewordene Verhältnisse.
Es gibt immer noch Milieus, in denen es mit Missvergnügen
aufgenommen wird, wenn die Tochter einen Mann
außerhalb des eigenen Bekenntnisses heiratet,
aber sie sind selten geworden. Hochzeiten sind
denn auch der Regelfall, bei dem Protestanten und
Katholiken in einer Kirche zu einem Gottesdienst zusammenzukommen
pflegen. Solche Fälle sind es, in denen sich
die Manieren mit der Religion berühren, und diese
ausschließlich sollen hier betrachtet werden.
Das ist eine bedeutende Einschränkung.Allen Religionen ist es
eigen, für ihren Gottesdienst, aber auch
außerhalb des gemeinschaftlichen Gottesdienstes,
Verhaltensmaßregeln für ihre Gläubigen zu
entwickeln. Wie bereits erwähnt, ist nach der
Überzeugung des französischen Moralisten Joubert die eigentliche
Schule der Manieren die Liturgie, und man könnte mühelos
darlegen, wie sich aus dem liturgischen Dienst der lateinischen und
der griechischen Kirche die wesentlichen Formen der Ehrfurcht und
des Respekts ableiten lassen, die in den europäischen Manieren
so lange bestimmend waren. Indessen fehlt mir die erforderliche
distanzierte Kälte, um das Knien und Weihwassernehmen eines
frommen Katholiken oder die ungezählten Kreuzzeichen und das
Küssen der Ikonen eines andächtigen Orthodoxen, die Bedeckung
des Hauptes eines Juden, die unablässigen Verneigungen eines
Muslims und das Ablegen der Schuhe in Moschee und Hindu-Tempel
unter dem profanen Begriff der Manieren zu behandeln.
Ich siedele die Manieren einige deutliche Stufen unter diesen das
Gebet begleitenden Verhaltensweisen an. Sie beginnen, wo die
religiöse Übereinstimmung aufhört, das heißt,
wenn der Fall eintritt, der für den religiös
Überzeugten eigentlich gar nicht eintreten
dürfte. Wer einer Religion anhängt, tut dies im besten Fall, weil
er von ihrer Wahrheit durchdrungen ist. Wer dieser Religion nicht
folgt, muss sich also im Irrtum befinden. Wir machen es uns mit
unserer inzwischen allgemeingültig gewordenen Auffassung des
Begriffes der Toleranz etwas zu leicht, wenn wir diese Tugend als
Konsequenz eines mild auf- und abgeklärten Indifferentismus
pflegen. Ihre Stärke entfaltet die Duldsamkeit erst, wenn sie
gegenüber dem als zutiefst irrig und falsch Erkannten geübt wird.
Gerade unter diesem Aspekt der Manieren ist Toleranz in religiösen
Fragen niemals ein Recht, auf das der Nichtreligiöse pochen
darf, sondern eine beträchtliche moralische Leistung, die mit
Dankbarkeit quittiert zu werden verdient. Vielmehr hat die Hindu-
oder Muslim- oder Sikh-Gemeinschaft, die Andersgläubigen
den Zutritt zu ihren heiligen Stätten verbietet, ein Recht zu einem
solchen Ausschluss, und keine kunsthistorischen Interessen und
kein Bildungsbedürfnis des kamerabewehrten Weltreisenden können
diesem Recht etwas abhandeln.
Unter den Christen glauben inzwischen nur noch die
Orthodoxen – keineswegs alle, aber doch in
Russland und Griechenland nicht wenige – das Recht zu besitzen,
Andersgläubigen die Teilnahme an ihren Riten zu verweigern.
Wer Religion ernst nimmt, wird daran nichts auszusetzen finden,
und wer es nicht tut, hat keine andere Behandlung verdient.
Und auch wer die Religion nicht ernst zu nehmen imstande ist,
sollte zunächst stets damit rechnen, dass der Angehörige einer
Religionsgemeinschaft das tut. Seine
Speisegesetze, seine Fastenzeiten, seine
Gottesdienste und Gebetsgewohnheiten müssen
durchaus unkommentiert bleiben. Religiöse Ehrfurcht ist ein
empfindliches
und leicht zu störendes Gefühl.
Gelassenheit und Überlegenheit gegenüber
verständnisloser Verletzung der Ehrfurcht zu
fordern obliegt allein den Gläubigen – der Außenstehende hat
dazu kein Recht. Es wäre eine Verdoppelung des Hohnes, wenn jemand,
der die religiöse Überzeugung eines anderen verletzt hat,
auch noch triumphierend darauf hinwiese, solche Angriffe müssten
eben mit dem Geist der Liebe ertragen werden. Eine wachsende
Unsicherheit der Amtsträger der Religion hat im Westen die
Gewohnheit entstehen lassen, anderer Leute
Religion, der man selbst weder angehört noch
anzugehören wünscht, vor ihnen dreist und
ungefragt ausführlich zu kritisieren und sogar mit
Verbesserungsvorschlägen
nicht zu geizen.
Liegt nicht eine ungeheure Komik darin, wenn sich
Leute über die Moralauffassungen des Papstes
entrüsten, die weder Christen sind noch sich dem Papst im
mindesten verpflichtet fühlen? Immer wieder erleben wir Wellen
von Forderungen, die religiösen Bücher aller möglichen
Religionsgemeinschaften sollten dem politischen
Konsensus der gerade eben herrschenden
Verhältnisse angepasst werden – sie dringen bis
in die Tischgespräche vor, wo sie im Rahmen der Manieren
jedenfalls nichts zu suchen haben.
Wer die Kirche einer Religionsgemeinschaft betritt, der er nicht
angehört, muss es in dem Bewusstsein tun, dass dieser Ort den
Leuten, die ihn zu ihren Gottesdiensten
aufsuchen, heilig ist. Wer kein Katholik ist,
braucht kein Weihwasser zu nehmen und keine
Kniebeugen zu machen, aber er muss wissen, dass der Altar und der
mit einer roten Lampe gekennzeichnete Schrein mit den gewandelten
Opfergaben für Katholiken Zonen der Ehrfurcht bilden.
Hier wird nur mit gedämpfter Stimme gesprochen, und es wird
vermieden, mit dem Rücken vor Altar oder
Tabernakel zu stehen, um ausführliche
kunstgeschichtliche Betrachtungen abzuhalten. Nach
christlichem Brauch nehmen Männer in der Kirche den Hut ab,
auch wenn es beinkalt ist und Erkältungen drohen – der Hut muss
herunter. Frauen hingegen sollen nach einer vom Apostel Paulus
ausgesprochenen Regel im Kirchenraum ihr Haar bedecken. Auch
wenn die schwarzen Kirchenschleier aus Spitze, die früher vor allem
im Süden üblich waren, heute nur noch selten zu sehen sind,
befolgen gerade die eleganten Damen, selbst wenn sie der Kirche
gleichgültig gegenüberstehen, keines ihrer Gebote mit mehr
Phantasie und Begeisterung. Wenige werden
freilich wissen, wenn sie sich für eine Mariage à
la mode ein winziges Gebilde aus rosa Tüll ins
Haar stecken, dass sie soeben dabei sind, die paulinische Anweisung,
die Frauen mögen „mit Rücksicht auf die Anwesenheit
der Engel“ den Schleier tragen, zu befolgen.
Anständig bekleidet sein soll, wer eine Kirche betritt. Was anständig ist,
unterliegt dem Zeitgeschmack; vielerorts ist man sich
wenigstens noch darüber einig, dass Badekleidung jedenfalls nichts
in der Kirche zu suchen hat. Die Kirchen sollten ermutigt werden,
in dieser Hinsicht fest zu bleiben und den kurzen Hosen auch
weiterhin den Eintritt zu verwehren, durchaus in ihrem eigensten
Interesse: Für viele ist heute ein solches Hindernis die erste
Begegnung mit dem Heiligen und damit ein
unschätzbares Bildungserlebnis, das gerade dem
aufgeklärten Proletariat nicht vorenthalten
werden sollte. Es unterliegt doch keinem Zweifel, dass
die staunenden Urlauber aus Manchester oder Zwickau, denen in
einer andalusischen Kirche das Eislutschen verboten wird, mehr
über die betreffende Kirche erfahren haben, als ihnen der
beredteste Fremdenführer hätte mitteilen können.
Wer an heiligen Handlungen teilnimmt, die ihm
nichts bedeuten, versuche sich im Hintergrund zu
halten. Es gibt bei Katholiken und Orthodoxen
Augenblicke in der Liturgie, in denen die Gläubigen sich tief verneigen
oder knien. Wer das aus gutem Grund nicht mitvollziehen
möchte, bleibe aber keinesfalls sitzen, sondern stelle sich
irgendwo am Rand des Geschehens auf, wo sein
Rücken nicht aus der Schar der Knienden einsam
herausragt. Sitzen gilt in solchen Momenten als
demonstrative Ehrfurchtslosigkeit.
Ich muss in diesem Zusammenhang immer an Goethe
denken, für den „Ehrfurcht“ ein Schlüsselbegriff
war und der in Rom bei der Begegnung mit dem ihm
verdächtigen Katholizismus doch so wenig davon besaß,
wenn er etwa beschreibt, wie er sein Mittagsschläfchen auf dem
Papstthron in der Sixtinischen Kapelle machte. Ich bin der
Überzeugung, dass kein gerecht Denkender ein
ernsthaftes Vergnügen an solchen Tabuverletzungen
empfinden kann. Die Unverschämtheit, die
Unfähigkeit, Grenzen zu akzeptieren, ist vielleicht der eigentliche
Charakterkern der Vulgarität. Zur
Anerkennung solcher Grenzen gehört auch, allfällige Segnungen,
heilige Handlungen, die Kommunion: alles, was für den
Gläubigen von sakramentalen Eigenschaften besetzt ist, als
Außenstehender nicht einfach auch für sich verlangen zu wollen.
Man sollte sich immer aufs neue klarmachen, dass in sakraler
Sphäre niemand und schon gar nicht der Außenstehende die mindesten
Ansprüche besitzt. Selbstverständlichkeit, Unbekümmertheit
und Ungezwungenheit, sonst so schöne und anmutige Gaben,
sind hier fehl am Platz. Der heilige Ort, sei er Kirche oder Tempel
oder Moschee, ist locus terribilis, schrecken- und
ehrfurchtgebietender Ort; wer sich solcher
Auffassung grundsätzlich verschließt, sollte
davon absehen, solche Orte zu betreten. Man muss
nicht überall sein wollen.
Das eigene Besser- und Mehr- und Neueres- Wissen
ist nicht der Maßstab für den Rest der Welt. An
der leichten Gereiztheit, die in diesen Bemerkungen unversehens
mitklingt, ist zu erkennen, dass in diesen Fragen im europäischen
Westen längst Verworrenheit herrscht. Bilderstürmerei und
Säkularisation haben die Entweihung von Kirchenräumen als vom
kunsthistorischen Standpunkt beklagenswert, vom politischen
aber erfreulich und fortschrittlich erscheinen lassen. Die nackte
Göttin der Vernunft auf dem Altar von Notre-Dame de Paris räumte
ihren Thron zwar bald wieder, ließ die Priester und Gläubigen
aber eingeschüchtert zurück. Von nun an war es der Glaube, der
sich immerfort zu rechtfertigen hatte. Seit Mitte des zwanzigsten
Jahrhunderts sehen die verbliebenen Gläubigen sich nun auch
noch durch einen antisakralen Affekt ihrer eigenen Theologen
attackiert. Wie soll man sich etwa verhalten,
wenn die Gemeinde nach Musikstücken oder gar
einer Predigt oder einer Begrüßung in der Kirche
unter Anleitung der eigenen Priester zu klatschen beginnt?
In Bayreuth darf nach dem ersten Akt des Parsifal nicht geklatscht
werden, und moderne Prälaten baden sich mit törichter
Selbstzufriedenheit beim Einzug in ihre Kathedralen im Applaus
der Frommen. Hier sind die Dinge derart aus dem Lot geraten, dass
an die Verse Robert Gernhardts erinnert werden muss: „Paulus
schrieb an die Apatschen / Ihr sollt nicht nach der Predigt
klatschen.“ Das Klatschen gehört ins Theater und
auf den Parteitag, in der Kirche ist es ein
Zeichen von Nichtachtung. Vom Standpunkt der
Manieren aus gesehen, ist es das Angemessenste, sich von allen
demonstrativen Zeichen der Nichtachtung
fernzuhalten, was immer man in diesen Fragen denken mag.
Wer nicht imstande ist, in der Religion die
Wahrheit zu erkennen, der kann sie um ihres
Alters willen verehren. Das sehr Alte ist immer
verehrungswürdig. Was sich über die vielen tiefen Brüche in der
Kultur über Jahrtausende am Leben erhalten konnte, verdient
auch jenseits religiöser Einsicht Bewunderung wie ein riesiger
Baum. Uns Afrikanern ist der leichtfertige Umgang westlicher
Großstädter mit der Religion ohnehin unheimlich. An einem der
heiligsten Orte Äthiopiens, in Kulubi Gabriel, kommen Christen,
Muslime und heidnische Animisten zusammen, um den Erzengel
Gabriel zu verehren. Wir hängen nicht alle demselben Glauben an,
aber „religionsfreier Raum“ ist uns fremd.
In Bezug auf die Religion bewährt sich für uns eine
Regel, die für die Manieren ganz allgemein gilt:
lieber zu respektvoll sein als ein klein wenig zu respektlos.
In England hatte man wahrscheinlich schon aus den Tagen der
Religionskriege zu der Übereinkunft gefunden, die
Religion zu den verbotenen Themen in der
gesellschaftlichen Konversation zu zählen, da
immer einer anwesend sein könne, der sich durch die
Behandlung religiöser Fragen so oder so verletzt fühlen würde. Verbotene
Themen in der Unterhaltung bei Tisch sind natürlich eine
praktikable, aber doch etwas unbehaglich stimmende Lösung. Sie
haben für sich, dass in dieser Hinsicht jedenfalls keine
Missstimmung aufkommen kann, aber sie stellen den
gesellschaftlichen Fähigkeiten der Anwesenden ein
trauriges Zeugnis aus. Warum sollten nicht auch
heikle Themen in einer Form besprochen werden
können, die für jeden am Tisch akzeptabel ist?
Das Religionsthema vermag allerdings mehr als
heikel zu sein: unversehens öffnet es Schluchten
zwischen Personen, die bis dahin glaubten, sich in
allen wichtigen Fragen einig zu sein. Ein Religionsgespräch kann
in heftige Feindschaft münden, die auch geschliffenen
Gesellschaftsmenschen nur noch schwer zu
verbergen gelingt. Das Religionsthema ist
womöglich noch gefährlicher als das politische,
weil es nicht nur Meinungen streift, sondern die Fundamente der
Person berührt; hier werden Unvereinbarkeiten sichtbar, und das
ist für die Manieren schwer zu verwinden, die den Gedanken des
Irreversiblen scheuen und immer Ausschau nach letzten verbindenden
Strohhalmen halten.
Nicht allen Religionen, aber der christlichen und auch der islamischen
etwa ist es eigen, dass sie von ihren Anhängern das offene
Bekenntnis und auch ein apostolisches Wirken verlangen. Das
Bekenntnis „Ich bin Christ“ werden die Manieren
noch gestatten, wenn auch widerstrebend, denn
Bekenntnisse sind nicht so recht nach ihrem
Geschmack. Was die Manieren wahrscheinlich verbieten,
ist das Werben für den Glauben, das Missionieren, das den
Christen aber ganz ausdrücklich aufgegeben ist. Dies ist einer der
Fälle, die zeigen, dass mit den Manieren nicht jedes erdenkliche
Lebensverhältnis zu lösen ist. In England hört
man allein mit dieser Überlegung bereits auf, ein
Gentleman zu sein, denn das Gentleman-Sein besteht in der Überzeugung,
dass die Manieren einen Raum umgrenzen, der in
einem ganzen Leben nicht ein einziges Mal
verlassen werden muss. Deshalb sagt man in England auch: „Ein
Baptist kann kein Gentleman sein“ – denn als Mitglied einer Sekte
empfindet er das eigentlich allgemeingültige Missionsgebot als
noch frisch und verbindlich, während die Mitglieder der
Staatskirche sich der Segnungen der Religion nur
in entspannter Beiläufigkeit bedienen.
In der katholischen Kirche gab es in ihrer Weltzugewandtheit
übrigens gelegentlich Versuche, das Missionsgebot
mit den Manieren zu versöhnen. François de Sales, der Bischof von
Genf, und der englische Kardinal Newman, beide unter
protestantischer Majorität wirkend, stehen in dem
Ruf, ihr Apostolat mit den Geboten der
Weltläufigkeit vollendet verbunden zu haben. Wer unter
den Freunden der Manieren Bedürfnis nach geistlicher Lektüre
empfindet, schlage die Werke dieser Herren auf.
Asfa-Wossen Asserate, "Manieren
- Warum Manieren"
(in "Die Manieren
und der Protestantismus - Annäherungen an ein weithin vergessenes
Thema", EKD Texte Nr. 79, 2004, S.17-40) |

im Juli/ August 2004
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