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Das Thema des Monats im Juli/ August 2004                                                                Stand: 14.08.2010

Die Manieren und die Religion - Annäherung an ein weithin vergessenes Thema

"Das eigene Besser- und Mehr- und Neueres- Wissen ist nicht der Maßstab für den Rest der Welt. An der leichten Gereiztheit, die in diesen Bemerkungen unversehens mitklingt, ist zu erkennen, dass in diesen Fragen im europäischen Westen längst Verworrenheit herrscht. Bilderstürmerei und Säkularisation haben die Entweihung von Kirchenräumen als vom kunsthistorischen Standpunkt beklagenswert, vom politischen aber erfreulich und fortschrittlich erscheinen lassen. Die nackte Göttin der Vernunft auf dem Altar von Notre-Dame de Paris räumte ihren Thron zwar bald wieder, ließ die Priester und Gläubigen aber eingeschüchtert zurück. Von nun an war es der Glaube, der sich immerfort zu rechtfertigen hatte. Seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts sehen die verbliebenen Gläubigen sich nun auch noch durch einen antisakralen Affekt ihrer eigenen Theologen attackiert. Wie soll man sich etwa verhalten, wenn die Gemeinde nach Musikstücken oder gar einer Predigt oder einer Begrüßung in der Kirche unter Anleitung der eigenen Priester zu klatschen beginnt?" ... Hier sind die Dinge derart aus dem Lot geraten, dass an die Verse Robert Gernhardts erinnert werden muss: „Paulus schrieb an die Apatschen / Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.“ (Asfa-Wossen Asserate) Lesen Sie mehr...

Hintergründe und Links


Manieren - Warum Manieren?
Von Asfa-Wossen Asserate
(Auszug)

„Wer wird künftig deinen Kleinen lehren / Speere werfen und die Götter ehren?“ In diesem Vers ist das pädagogische Programm enthalten, das alle alten Gesellschaften miteinander gemeinsam haben. Diese beiden „Unterrichtsfächer“ enthielten die wichtigsten sozialen Funktionen; alles Weitere entfaltete sich aus der Pflicht, die Gemeinschaft zu verteidigen und die Gebote der Religion zu respektieren. Während man auch zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts in Afrika noch auf viele Milieus stoßen kann, in denen die Erziehung auf diesen beiden Säulen ruht, hat sich Europa inzwischen vollständig anderen Idealen zugewandt.

Weder das Speere-Werfen noch das Götter-Ehren begründen hier die Gesetze des Zusammenlebens. Das Speere-Werfen ist an den Staat delegiert, der das Gewaltmonopol besitzt und den Bürgern die handgreifliche Verteidigung der eigenen Interessen, aber auch den bewaffneten Schutz ihrer Ehre verbietet. Das republikanische Pathos, mit dem den Monarchien das Bürgerrecht auf das Waffentragen und auf die Teilnahme an der Landesverteidigung einst abgetrotzt wurde, ist sehr leise geworden. Heute wünschen die meisten Bürger in den westlichen Ländern die Rückkehr zum Berufsheer, das unter dem gefürchteten Namen „Söldnerheer“ doch eben noch als höchst bedenklich galt.

Die Religion hingegen ist strikte Privatsache und im öffentlichen Raum der Gesellschaft nur geduldet; keinesfalls begründet sie Gemeinsamkeiten, oft noch nicht einmal unter ihren Mitgliedern, die auf den gesellschaftlichen Druck, unter den die Religion geraten ist, höchst unterschiedlich reagieren. Dennoch wäre es falsch, in einer Betrachtung über die europäischen Manieren den Umgang mit religiösen Verhaltensweisen ausschließen zu wollen. Wie wir schon mehrfach gesehen haben, sind es religiöse Verhaltensweisen, die das Fundament vieler unserer Umgangsformen bilden.

Obwohl die Religion im europäischen Westen an einem nun schon mehr als zweihundertjährigen Schwächeanfall leidet, betrachten sich viele Leute als gläubig. Die Verhältnisse in Deutschland bringen es mit sich, dass sich beständig Anhänger verschiedener Religionsgemeinschaften begegnen. Inzwischen verhalten sie sich bei solchen Begegnungen überwiegend friedlich. Die Zeiten, die regelrechte Feindseligkeiten zwischen den Konfessionen auch im alltäglichen Nebeneinander ausbrechen ließen, sind vorbei. Keinem Gelehrten wird der Ruf auf einen Lehrstuhl mehr verweigert, weil er Katholik oder Protestant ist. Die seit meiner Ankunft in Deutschland mir häufig vorgetragene Anekdote (so häufig, dass ich inzwischen an ihrer Wahrscheinlichkeit zweifle), am katholischen Fronleichnamsfest hätten die protestantischen Bauern Mist gefahren, um die Prozession zu stören, am Reformationstag hingegen hätten die Katholiken ein heftiges Teppichklopfen angefangen, beschreibt schon geradezu legendär gewordene Verhältnisse. Es gibt immer noch Milieus, in denen es mit Missvergnügen aufgenommen wird, wenn die Tochter einen Mann außerhalb des eigenen Bekenntnisses heiratet, aber sie sind selten geworden. Hochzeiten sind denn auch der Regelfall, bei dem Protestanten und Katholiken in einer Kirche zu einem Gottesdienst zusammenzukommen pflegen. Solche Fälle sind es, in denen sich die Manieren mit der Religion berühren, und diese ausschließlich sollen hier betrachtet werden.

Das ist eine bedeutende Einschränkung.Allen Religionen ist es eigen, für ihren Gottesdienst, aber auch außerhalb des gemeinschaftlichen Gottesdienstes, Verhaltensmaßregeln für ihre Gläubigen zu entwickeln. Wie bereits erwähnt, ist nach der Überzeugung des französischen Moralisten Joubert die eigentliche Schule der Manieren die Liturgie, und man könnte mühelos darlegen, wie sich aus dem liturgischen Dienst der lateinischen und der griechischen Kirche die wesentlichen Formen der Ehrfurcht und des Respekts ableiten lassen, die in den europäischen Manieren so lange bestimmend waren. Indessen fehlt mir die erforderliche
distanzierte Kälte, um das Knien und Weihwassernehmen eines frommen Katholiken oder die ungezählten Kreuzzeichen und das Küssen der Ikonen eines andächtigen Orthodoxen, die Bedeckung des Hauptes eines Juden, die unablässigen Verneigungen eines Muslims und das Ablegen der Schuhe in Moschee und Hindu-Tempel unter dem profanen Begriff der Manieren zu behandeln.

Ich siedele die Manieren einige deutliche Stufen unter diesen das Gebet begleitenden Verhaltensweisen an. Sie beginnen, wo die religiöse Übereinstimmung aufhört, das heißt, wenn der Fall eintritt, der für den religiös Überzeugten eigentlich gar nicht eintreten dürfte. Wer einer Religion anhängt, tut dies im besten Fall, weil er von ihrer Wahrheit durchdrungen ist. Wer dieser Religion nicht folgt, muss sich also im Irrtum befinden. Wir machen es uns mit unserer inzwischen allgemeingültig gewordenen Auffassung des Begriffes der Toleranz etwas zu leicht, wenn wir diese Tugend als Konsequenz eines mild auf- und abgeklärten Indifferentismus pflegen. Ihre Stärke entfaltet die Duldsamkeit erst, wenn sie gegenüber dem als zutiefst irrig und falsch Erkannten geübt wird.

Gerade unter diesem Aspekt der Manieren ist Toleranz in religiösen Fragen niemals ein Recht, auf das der Nichtreligiöse pochen darf, sondern eine beträchtliche moralische Leistung, die mit Dankbarkeit quittiert zu werden verdient. Vielmehr hat die Hindu- oder Muslim- oder Sikh-Gemeinschaft, die Andersgläubigen den Zutritt zu ihren heiligen Stätten verbietet, ein Recht zu einem solchen Ausschluss, und keine kunsthistorischen Interessen und kein Bildungsbedürfnis des kamerabewehrten Weltreisenden können diesem Recht etwas abhandeln.

Unter den Christen glauben inzwischen nur noch die Orthodoxen – keineswegs alle, aber doch in Russland und Griechenland nicht wenige – das Recht zu besitzen, Andersgläubigen die Teilnahme an ihren Riten zu verweigern. Wer Religion ernst nimmt, wird daran nichts auszusetzen finden, und wer es nicht tut, hat keine andere Behandlung verdient. Und auch wer die Religion nicht ernst zu nehmen imstande ist, sollte zunächst stets damit rechnen, dass der Angehörige einer Religionsgemeinschaft das tut. Seine Speisegesetze, seine Fastenzeiten, seine Gottesdienste und Gebetsgewohnheiten müssen durchaus unkommentiert bleiben. Religiöse Ehrfurcht ist ein empfindliches und leicht zu störendes Gefühl.

Gelassenheit und Überlegenheit gegenüber verständnisloser Verletzung der Ehrfurcht zu fordern obliegt allein den Gläubigen – der Außenstehende hat dazu kein Recht. Es wäre eine Verdoppelung des Hohnes, wenn jemand, der die religiöse Überzeugung eines anderen verletzt hat, auch noch triumphierend darauf hinwiese, solche Angriffe müssten eben mit dem Geist der Liebe ertragen werden. Eine wachsende Unsicherheit der Amtsträger der Religion hat im Westen die Gewohnheit entstehen lassen, anderer Leute Religion, der man selbst weder angehört noch anzugehören wünscht, vor ihnen dreist und ungefragt ausführlich zu kritisieren und sogar mit Verbesserungsvorschlägen nicht zu geizen.

Liegt nicht eine ungeheure Komik darin, wenn sich Leute über die Moralauffassungen des Papstes entrüsten, die weder Christen sind noch sich dem Papst im mindesten verpflichtet fühlen? Immer wieder erleben wir Wellen von Forderungen, die religiösen Bücher aller möglichen Religionsgemeinschaften sollten dem politischen Konsensus der gerade eben herrschenden Verhältnisse angepasst werden – sie dringen bis in die Tischgespräche vor, wo sie im Rahmen der Manieren jedenfalls nichts zu suchen haben.

Wer die Kirche einer Religionsgemeinschaft betritt, der er nicht angehört, muss es in dem Bewusstsein tun, dass dieser Ort den Leuten, die ihn zu ihren Gottesdiensten aufsuchen, heilig ist. Wer kein Katholik ist, braucht kein Weihwasser zu nehmen und keine Kniebeugen zu machen, aber er muss wissen, dass der Altar und der mit einer roten Lampe gekennzeichnete Schrein mit den gewandelten Opfergaben für Katholiken Zonen der Ehrfurcht bilden. Hier wird nur mit gedämpfter Stimme gesprochen, und es wird vermieden, mit dem Rücken vor Altar oder Tabernakel zu stehen, um ausführliche kunstgeschichtliche Betrachtungen abzuhalten. Nach christlichem Brauch nehmen Männer in der Kirche den Hut ab, auch wenn es beinkalt ist und Erkältungen drohen – der Hut muss herunter. Frauen hingegen sollen nach einer vom Apostel Paulus ausgesprochenen Regel im Kirchenraum ihr Haar bedecken. Auch wenn die schwarzen Kirchenschleier aus Spitze, die früher vor allem
im Süden üblich waren, heute nur noch selten zu sehen sind, befolgen gerade die eleganten Damen, selbst wenn sie der Kirche gleichgültig gegenüberstehen, keines ihrer Gebote mit mehr Phantasie und Begeisterung. Wenige werden freilich wissen, wenn sie sich für eine Mariage à la mode ein winziges Gebilde aus rosa Tüll ins Haar stecken, dass sie soeben dabei sind, die paulinische Anweisung, die Frauen mögen „mit Rücksicht auf die Anwesenheit der Engel“ den Schleier tragen, zu befolgen.

Anständig bekleidet sein soll, wer eine Kirche betritt. Was anständig ist, unterliegt dem Zeitgeschmack; vielerorts ist man sich wenigstens noch darüber einig, dass Badekleidung jedenfalls nichts in der Kirche zu suchen hat. Die Kirchen sollten ermutigt werden, in dieser Hinsicht fest zu bleiben und den kurzen Hosen auch weiterhin den Eintritt zu verwehren, durchaus in ihrem eigensten Interesse: Für viele ist heute ein solches Hindernis die erste Begegnung mit dem Heiligen und damit ein unschätzbares Bildungserlebnis, das gerade dem aufgeklärten Proletariat nicht vorenthalten werden sollte. Es unterliegt doch keinem Zweifel, dass die staunenden Urlauber aus Manchester oder Zwickau, denen in einer andalusischen Kirche das Eislutschen verboten wird, mehr über die betreffende Kirche erfahren haben, als ihnen der beredteste Fremdenführer hätte mitteilen können.

Wer an heiligen Handlungen teilnimmt, die ihm nichts bedeuten, versuche sich im Hintergrund zu halten. Es gibt bei Katholiken und Orthodoxen Augenblicke in der Liturgie, in denen die Gläubigen sich tief verneigen oder knien. Wer das aus gutem Grund nicht mitvollziehen möchte, bleibe aber keinesfalls sitzen, sondern stelle sich irgendwo am Rand des Geschehens auf, wo sein Rücken nicht aus der Schar der Knienden einsam herausragt. Sitzen gilt in solchen Momenten als demonstrative Ehrfurchtslosigkeit.

Ich muss in diesem Zusammenhang immer an Goethe denken, für den „Ehrfurcht“ ein Schlüsselbegriff war und der in Rom bei der Begegnung mit dem ihm verdächtigen Katholizismus doch so wenig davon besaß, wenn er etwa beschreibt, wie er sein Mittagsschläfchen auf dem Papstthron in der Sixtinischen Kapelle machte. Ich bin der Überzeugung, dass kein gerecht Denkender ein ernsthaftes Vergnügen an solchen Tabuverletzungen empfinden kann. Die Unverschämtheit, die Unfähigkeit, Grenzen zu akzeptieren, ist vielleicht der eigentliche Charakterkern der Vulgarität. Zur Anerkennung solcher Grenzen gehört auch, allfällige Segnungen, heilige Handlungen, die Kommunion: alles, was für den Gläubigen von sakramentalen Eigenschaften besetzt ist, als Außenstehender nicht einfach auch für sich verlangen zu wollen.

Man sollte sich immer aufs neue klarmachen, dass in sakraler Sphäre niemand und schon gar nicht der Außenstehende die mindesten Ansprüche besitzt. Selbstverständlichkeit, Unbekümmertheit und Ungezwungenheit, sonst so schöne und anmutige Gaben, sind hier fehl am Platz. Der heilige Ort, sei er Kirche oder Tempel oder Moschee, ist locus terribilis, schrecken- und ehrfurchtgebietender Ort; wer sich solcher Auffassung grundsätzlich verschließt, sollte davon absehen, solche Orte zu betreten. Man muss nicht überall sein wollen.

Das eigene Besser- und Mehr- und Neueres- Wissen ist nicht der Maßstab für den Rest der Welt. An der leichten Gereiztheit, die in diesen Bemerkungen unversehens mitklingt, ist zu erkennen, dass in diesen Fragen im europäischen Westen längst Verworrenheit herrscht. Bilderstürmerei und Säkularisation haben die Entweihung von Kirchenräumen als vom kunsthistorischen Standpunkt beklagenswert, vom politischen aber erfreulich und fortschrittlich erscheinen lassen. Die nackte Göttin der Vernunft auf dem Altar von Notre-Dame de Paris räumte ihren Thron zwar bald wieder, ließ die Priester und Gläubigen aber eingeschüchtert zurück. Von nun an war es der Glaube, der sich immerfort zu rechtfertigen hatte. Seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts sehen die verbliebenen Gläubigen sich nun auch noch durch einen antisakralen Affekt ihrer eigenen Theologen attackiert. Wie soll man sich etwa verhalten, wenn die Gemeinde nach Musikstücken oder gar einer Predigt oder einer Begrüßung in der Kirche unter Anleitung der eigenen Priester zu klatschen beginnt?

In Bayreuth darf nach dem ersten Akt des Parsifal nicht geklatscht werden, und moderne Prälaten baden sich mit törichter Selbstzufriedenheit beim Einzug in ihre Kathedralen im Applaus der Frommen. Hier sind die Dinge derart aus dem Lot geraten, dass an die Verse Robert Gernhardts erinnert werden muss: „Paulus schrieb an die Apatschen / Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.“ Das Klatschen gehört ins Theater und auf den Parteitag, in der Kirche ist es ein Zeichen von Nichtachtung. Vom Standpunkt der Manieren aus gesehen, ist es das Angemessenste, sich von allen demonstrativen Zeichen der Nichtachtung fernzuhalten, was immer man in diesen Fragen denken mag.

Wer nicht imstande ist, in der Religion die Wahrheit zu erkennen, der kann sie um ihres Alters willen verehren. Das sehr Alte ist immer verehrungswürdig. Was sich über die vielen tiefen Brüche in der Kultur über Jahrtausende am Leben erhalten konnte, verdient auch jenseits religiöser Einsicht Bewunderung wie ein riesiger Baum. Uns Afrikanern ist der leichtfertige Umgang westlicher Großstädter mit der Religion ohnehin unheimlich. An einem der heiligsten Orte Äthiopiens, in Kulubi Gabriel, kommen Christen, Muslime und heidnische Animisten zusammen, um den Erzengel Gabriel zu verehren. Wir hängen nicht alle demselben Glauben an, aber „religionsfreier Raum“ ist uns fremd.

In Bezug auf die Religion bewährt sich für uns eine Regel, die für die Manieren ganz allgemein gilt: lieber zu respektvoll sein als ein klein wenig zu respektlos. In England hatte man wahrscheinlich schon aus den Tagen der Religionskriege zu der Übereinkunft gefunden, die Religion zu den verbotenen Themen in der gesellschaftlichen Konversation zu zählen, da immer einer anwesend sein könne, der sich durch die Behandlung religiöser Fragen so oder so verletzt fühlen würde. Verbotene Themen in der Unterhaltung bei Tisch sind natürlich eine praktikable, aber doch etwas unbehaglich stimmende Lösung. Sie haben für sich, dass in dieser Hinsicht jedenfalls keine Missstimmung aufkommen kann, aber sie stellen den gesellschaftlichen Fähigkeiten der Anwesenden ein trauriges Zeugnis aus. Warum sollten nicht auch heikle Themen in einer Form besprochen werden können, die für jeden am Tisch akzeptabel ist?

Das Religionsthema vermag allerdings mehr als heikel zu sein: unversehens öffnet es Schluchten zwischen Personen, die bis dahin glaubten, sich in allen wichtigen Fragen einig zu sein. Ein Religionsgespräch kann in heftige Feindschaft münden, die auch geschliffenen Gesellschaftsmenschen nur noch schwer zu verbergen gelingt. Das Religionsthema ist womöglich noch gefährlicher als das politische, weil es nicht nur Meinungen streift, sondern die Fundamente der Person berührt; hier werden Unvereinbarkeiten sichtbar, und das ist für die Manieren schwer zu verwinden, die den Gedanken des Irreversiblen scheuen und immer Ausschau nach letzten verbindenden Strohhalmen halten.

Nicht allen Religionen, aber der christlichen und auch der islamischen etwa ist es eigen, dass sie von ihren Anhängern das offene Bekenntnis und auch ein apostolisches Wirken verlangen. Das Bekenntnis „Ich bin Christ“ werden die Manieren noch gestatten, wenn auch widerstrebend, denn Bekenntnisse sind nicht so recht nach ihrem Geschmack. Was die Manieren wahrscheinlich verbieten, ist das Werben für den Glauben, das Missionieren, das den Christen aber ganz ausdrücklich aufgegeben ist. Dies ist einer der Fälle, die zeigen, dass mit den Manieren nicht jedes erdenkliche Lebensverhältnis zu lösen ist. In England hört man allein mit dieser Überlegung bereits auf, ein Gentleman zu sein, denn das Gentleman-Sein besteht in der Überzeugung, dass die Manieren einen Raum umgrenzen, der in einem ganzen Leben nicht ein einziges Mal verlassen werden muss. Deshalb sagt man in England auch: „Ein Baptist kann kein Gentleman sein“ – denn als Mitglied einer Sekte empfindet er das eigentlich allgemeingültige Missionsgebot als noch frisch und verbindlich, während die Mitglieder der Staatskirche sich der Segnungen der Religion nur in entspannter Beiläufigkeit bedienen.

In der katholischen Kirche gab es in ihrer Weltzugewandtheit übrigens gelegentlich Versuche, das Missionsgebot mit den Manieren zu versöhnen. François de Sales, der Bischof von Genf, und der englische Kardinal Newman, beide unter protestantischer Majorität wirkend, stehen in dem Ruf, ihr Apostolat mit den Geboten der Weltläufigkeit vollendet verbunden zu haben. Wer unter den Freunden der Manieren Bedürfnis nach geistlicher Lektüre empfindet, schlage die Werke dieser Herren auf.

Asfa-Wossen Asserate, "Manieren - Warum Manieren"
(in "Die Manieren und der Protestantismus - Annäherungen an ein weithin vergessenes Thema", EKD Texte Nr. 79, 2004, S.17-40)


im Juli/ August 200
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