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Das Thema des Monats im Juli 2001

"Verwahrlost und verendet" von Notarzt Michael de Ridder (Berlin) zum Pflegenotstand in Deutschland


"Pflegenotstand ist ein Tabuthema, die Situation in vielen Heimen gespenstisch. Von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden seit 1998 in Berlin – 26000 Menschen leben hier in 336 Pflegeeinrichtungen – 18 Heime geschlossen; kürzlich erst „Haus Mannack“ in Berlin-Spandau, dem der MDK gravierende Missstände bescheinigte: mangelhafte Patientenbetreuung, inkompetentes Personal, nicht tragbare hygienische Zustände. Die Überprüfung zahlreicher anderer Pflegeheime förderte zu Tage, dass 75 Prozent der Bewohner keinerlei Ansprache hatten, bei 40 Prozent die Trinkmengen nicht ausreichten und Brei auch dann auf dem Speiseplan stand, wenn das Essen fester Kost noch möglich war, von Unterhaltungsangeboten ganz zu schweigen.

Niemand kennt die Zahl der Krankenhausaufnahmen, die allein schweren Pflegemängeln geschuldet sind. Niemand will es auch wissen. Mit bornierter Ignoranz leben Gesundheitspolitik und Pflegeversicherungsbürokratie allemal bequemer als mit harten Zahlen zur gesundheitlichen und seelischen Verfassung der Alten, würden doch solche Zahlen die Schlagseite unseres chronisch schlingernden Gesundheitswesens nur noch deutlicher werden lassen. Denn die Krankenkassen honorieren mit Milliardenbeträgen eher eine Unzahl unnötiger Herzkatheteruntersuchungen oder Tomografenaufnahmen als die personal und zuwendungsintensive Versorgung von Alzheimer-Patienten oder den Hausarztbesuch bei hilflosen Parkinson-Kranken. ...

Für immer mehr Alte bedingen sich Krankheit und soziale Situation wechselseitig: Armut, Isolation, Partnerverlust, Depressionen, Mangelernährung, Kräfteverfall und nachlassende Hygiene verschränken sich mit diversen physischen Leiden oftmals zu stummer, nicht mehr erreichbarer Verzweiflung, die irgendwann nur noch erschöpft danach verlangt, ein Ende zu finden. ...

Angesichts der erbärmlichen und hoffnungslosen Lage vieler Pflegebedürftiger bleiben Scham und Zorn. Scham - weil eine Gesellschaft, die sich ihr gesundheitliches Wohlergehen mehr als 500 Milliarden Mark jährlich kosten lässt, ihre Gebrechlichsten zu Almosenempfängern degradiert und manchen gar das Nötigste vorenthält. Scham - weil nicht wenige Junge die gesetzliche Pflegeversicherung als Alibi betrachten, den Alten Zuwendung und Sorge zu entziehen, oder sich sogar an ihnen bereichern. Zorn - weil die Ärzteschaft, seit langem unfähig zur Selbststeuerung, sich ihre Ertragslage mehr angelegen sein lässt als die Erfüllung ihres Versorgungsauftrags. Zorn - weil die Budgetierung der von den Kassen getragenen Gesundheitsausgaben nur Sinn machte, würde man sie von überflüssigen Leistungen und anderer Quacksalberei zu Gunsten des Unverzichtbaren befreien. Zorn schließlich auch auf eine Politik, die Pflicht und Kür nicht mehr zu trennen vermag: Sie schenkt den Sirenengesängen der kommenden Biomedizin mehr Aufmerksamkeit als den aktuellen medizinischen Behandlungs- und Versorgungsnotwendigkeiten einer alternden Gesellschaft." 
(Der Spiegel, Nr. 23/2001, S. 208ff.)

Im Juli 2001


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