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Das Thema des Monats im Februar 2005

Protestantismus mit Zukunft?! - Zum Wesen des Protestantismus und seinen Perspektiven

Eine Kirche, in der weniger als drei Prozent am Gottesdienst teilnehmen, in der es an den Werktagen kaum gemeinsames geistliches Leben gibt und die darüber nicht beunruhigt ist, sondern sich mit dem Slogan "allgemeines Priestertum" darüber hinweghilft, hat als Alternative zu Katholizismus und Orthodoxie ausgedient. Als kritische Fußnote zum Katholizismus ist der Protestantismus nicht überlebensfähig. Er muss, wie es Bonhoeffer schon früh klar geworden ist, für sich den Sinn des Wortes "Kirche" wieder entdecken. Der späte Karl Barth sprach im Blick auf den Protestantismus von "Kirche im Defekt". (Walter Schöpsdau)

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im
Februar 2005


Standpunkte:  

Protestantisches Profil
Von
Dr. Walter Schöpsdau

Der Protestantismus steht heute vor der Überlebensfrage. Die Reformation war angetreten mit dem Anspruch, nicht nur nicht weniger, sondern mehr und besser als die katholische Kirche Kirche zu sein: Kirche als das menschliche Mittel der Offenbarung in der Hand Gottes, als menschliche Gemeinschaft, in der dem Reden Gottes durch Menschen gedient wird und dieses Reden Gottes an Menschen Ereignis wird.

Eine Kirche, in der weniger als drei Prozent am Gottesdienst teilnehmen, in der es an den Werktagen kaum gemeinsames geistliches Leben gibt und die darüber nicht beunruhigt ist, sondern sich mit dem Slogan "allgemeines Priestertum" darüber hinweghilft, hat als Alternative zu Katholizismus und Orthodoxie ausgedient. Als kritische Fußnote zum Katholizismus ist der Protestantismus nicht überlebensfähig. Er muss, wie es Bonhoeffer schon früh klar geworden ist, für sich den Sinn des Wortes "Kirche" wieder entdecken. Der späte Karl Barth sprach im Blick auf den Protestantismus von "Kirche im Defekt".

Im Unterschied zur "Kirche im Exzess", die vergisst, dass Christus der auch ihr gegenüber frei handelnde und redende Herr ist, ist das Problem der Kirche im Defekt, dass sie nicht damit rechnet, dass ihr Herr auch der Lebendige ist. Und so ist sie ihrer selbst nur halb gewiss und wagt sich nur schüchtern zu ihrem Auftrag zu bekennen. Wohl schaut auch sie auf Christus, aber nicht ohne den Nebengedanken, ob er am Ende eine bloße Idee, ein Mythos, ein Stück Vergangenheit sein möchte, dem sie selbst dann zum Leben verhelfen müsste: durch ihre kluge Theologie, ihre liturgische Kompetenz oder ihre soziale Aktion. Und da zeigt sich plötzlich die Kirche im Defekt als selbstgewisse Kirche im Exzess, die Christi Sache selbst führen zu können meint, wie umgekehrt hinter der Kirche im Exzess auch die kleinmütige Kirche im Defekt zu ahnen ist, der es an österlicher Getrostheit fehlt.

Um dieser wie jener Versuchung nicht zu erliegen, sondern Zukunft zu haben, muss der Protestantismus den Gottesdienst wiedergewinnen: das Gebet, die Anbetung, die Feier der Gegenwart Gottes und die Erwartung seines Handelns. Die Menschen suchen in der Kirche keine Moral. Entertainment gibt es woanders besser. Kirche muss den Hunger nach Heiligem und Heilung stillen. Menschen müssen in ihr Orte, Gestalten und Zeichen finden können, die ihnen helfen, im Alltag der Welt aus Gott und mit Gott zu leben. Ein gestaltloser Glaube hört auf, das Leben zu prägen, und muss verdunsten.

Lesen Sie hier den gesamten Artikel (Pfälzisches Pfarrerblatt, 60 KB) pdf-Datei, Acrobat-Reader erforderlich


Protestantismus

Weltanschauung und Werthaltung, die durch den protestantischen (evangelischen) Glauben geprägt ist. Die Reformation (der katholischen Lehre) durch die Protestanten (16. Jh.) stellte das Individuum (und dessen unmittelbaren Zugang zu Gott) in den Mittelpunkt des Glaubens und hatte bedeutenden Anteil am Erfolg der Aufklärung und der Durchsetzung des Vernunftprinzips. Der P. bewirkte eine Pluralisierung christlich-religiöser Strömungen (Lutheraner, Calvinisten) sowie eine Vielfalt von Kirchen und missionarischen Aktivitäten. Nach M. Weber schuf der P. die zentralen Grundlagen für die Entstehung kapitalistischer Wirtschaftssysteme und die rationalistisch gefassten Gesellschaftsordnungen des Westens (protestantische Ethik). P. umfasst alle theologischen und konfessionellen - im einzelnen recht unterschiedlichen - Richtungen und Gruppen, die in der Reformation und in der Folgezeit entstanden sind (Lutheraner, Reformierte, Calvinisten, Freikirchen, Freie Gemeinden u.a.).
(Quelle: bpb)

"Reformatorische Theologie und Spiritualität haben sich geformt als Antwort auf das „Wort vom Kreuz“ (1.Kor. 1,18), d.h. die Botschaft des Evangeliums, dass Gott sich selbst in Christus verwundbar machte bis zum Tod am Kreuz, und gerade so den Weg der Versöhnung eröffnete. Die Einsicht in die Verwundbarkeit und Machtlosigkeit Gottes am Kreuz ist die geistliche Grundlage der Kritik einer Politik der Stärke, die Sicherheit durch überlegene Machtdemonstration zu gewährleisten sucht." (Konrad Raiser)


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Semper reformanda?

Von Hans Christian Knuth
(Zeitzeichen, Nr.10/2004, S.25)

Es gibt Veränderungen, die sind unvermeidbar. Man muss sie akzeptieren, ja erdulden, auch wenn sie lästig und anstrengend sind. Technische und gesellschaftliche Umwälzungen erfordern neue Antworten. Man muss sich umstellen, wenn ganze Berufszweige wegrationalisiert werden, man muss neu gestalten, wenn neue Grenzen, neue Märkte entstehen. Aber muss man solche Sachzwänge auch begrüßen?

Ich gestehe, dass ich all die Strukturreformen und -reförmchen allmählich lästig finde. Landauf, landab wird verändert, umorganisiert, neu strukturiert und, wie man dann auch meint, „reformiert”. Dabei beruft man sich gerne auf Martin Luther, von dem angeblich der Ausspruch stammt: „Ecclesia semper reformanda est” – die Kirche muss ständig reformiert werden. Tatsächlich stammt das Wort aber aus der reformierten hugenottischen Tradition, ein Jahrhundert nach der Reformation: „Ecclesia reformata semper reformanda.” Luther war kein Bilderstürmer und kein Revolutionär. Und wenn er von Reformation sprach, dann nicht von Strukturveränderungen, sondern von entschiedener Kehrtwendung zu Jesus Christus, und zwar dem Gekreuzigten, also von innerer Erneuerung aus dem Glauben. So begann die Reformation mit der ersten der 95 Thesen, nach der das ganze Leben des Christen eine Buße sein sollte, eine entschlossene Kehre zum Herrn der Kirche, nicht aber zu den Idealen der Organisationsberater und Sparkommissare.

Niemand schmücke sich mit fremden Federn! Ich träume manchmal davon, wir würden all den Einsatz an Sitzungen, Gremien, Dienstfahrten und Papieren, den wir im vergangenen Jahr für Reformkommissionen aufgebracht haben, in missionarisches Handeln investieren. All die Ehrenamtlichen, die in aufopferungsvoller Weise ihre freie Zeit zur Verfügung gestellt haben, alle die Hauptamtlichen, die viele ihrer sonstigen Aufgaben vernachlässigt haben, weil sie sich am Umbau der Kirche beteiligten – war das immer nötig? Haben wir nicht auch im Stillen, im Eifer des Einsatzes unbemerkt, die Reformen mit Reformation verwechselt? Ja, verpassen, verdrängen, überspielen wir gar die eigentlich notwendige Reformation durch die angestrengte Bemühung um Reform?

Es ist wahr, im Neuen Testament geht es immer um Erneuerung, um den neuen Menschen, die neue Gemeinschaft, die neue Schöpfung. Aber dann ist überraschenderweise das Neue oft das Alte: die wieder gefundene Quelle, der ursprüngliche Sinn, die elementare Kraft des Wortes. Immerwährende Reformation der Kirche heißt jedenfalls nicht, wie ein Spötter übersetzt hat: „Die Kirche ist wegen Bauarbeiten ständig geschlossen!” Die Reform beinhaltet kein Heilsversprechen!

Reformation ist das Kriterium der Reform. Die Reformen müssen sich daran messen lassen, ob sie der theologischen Reformation in Kirche und Gesellschaft dienen. Das relativiert die Reform. Und den Eifer. Und hilft, das Maß zu finden, die Balance zwischen kluger Strukturanpassung und innerer Erneuerung und Stärkung. Dann dürfen wir auch wieder Hoffnungen mit der Reform verknüpfen. Weil sie ihr Ziel, den Sinn des kirchlichen Auftrags im Auge behält: Wege frei zu halten zur Begegnung mit der Kraft und der Herrlichkeit des Wortes vom Kreuz, Verwandlung zu ermöglichen, zur Umkehr einzuladen und Gesellschaft human mitzugestalten. .

Foto: VELKD

Hans Christian Knuth, Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und Mitherausgeber von Zeitzeichen

 

 

"Die evangelische Kirche ist weder Anwalt einer moralisierenden Kulturverteufelung noch eines rückwärtsgewandten Kulturpessimismus. Sie will Menschen nicht bevormunden, wohl aber zum Unterscheiden der Geister ermutigen. Der Respekt vor der Ehre Gottes, die gleiche Würde aller Menschen, die Toleranz gegenüber anderer Überzeugungen und Lebensformen, die Abkehr von der Gewalt und die Bewahrung der Natur gehören zu den Maßstäben, für die sich die Kirche in der Öffentlichkeit einsetzt." (EKD Text 64, 1999)

 

"Die Zukunft des Protestantismus liegt weder in einer freikirchlichen Existenz noch in einer katholisierenden Sehnsucht nach dem Großen und Ganzen, das eh nur in Rom zu haben ist. Der Protestantismus sollte endlich realisieren, dass er seinem Wesen gemäß am angemessensten existieren kann in einer kirchlichen Institution, die das religiöse Suchen der Individuen nicht durch Gesetze und Vorschriften behindert, sondern durch herrschaftsfreie Glaubenskommunikation nach Kräften fördert."  (Martin Schuck)


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Geschichte

  • Protestantismus [lateinisch] der, Bezeichnung für die Gesamtheit der aus der Reformation hervorgegangenen christlichen Kirchen und Gemeinschaften sowie für das ihnen zugrunde liegende theologische Selbstverständnis. Der ursprüngliche politische Begriff des Protestantismus leitet sich ab von der feierlichen Protestation (Einspruch) der 19 evangelischen Reichsstände auf dem 2.Reichstag von Speyer (19.4.1529) gegen den Beschluss der "altgläubigen" Mehrheit, die weitere Ausbreitung der Reformation zu verhindern. Im konfessionellen Sinn hat sich der Begriff Protestantismus erst im 17. Jahrhundert durchgesetzt, während im 16. Jahrhundert die Reformatoren und ihre Anhänger die Selbstbezeichnung evangelisch wählten.
    (c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2004
  • Die politische Rolle des Protestantismus in der Nachkriegszeit/ Von Gerhard Besier
  • Bücher zum Thema "Protestantismus"

"Nicht der Dialog als solcher, sondern der qualifizierte Dialog, nämlich der Dialog über den Glauben, dessen Implikationen und Konsequenzen (und die können gesellschaftlich durchaus brisant sein; Beispiel "Gentechnik") macht das Profil des Protestantismus aus. Wie dabei beides, Freiheit bzw. Pluralität und Rückbezug auf die Christusoffenbarung, Protest und Profil miteinander verbunden werden kann, dafür gibt es keine einfache Formel; das ist je neu zu diskutieren und zu versuchen und wird immer nur fragmentarisch gelingen. Schleiermacher hat den Versuch, zwei in dialektischer Spannung stehende Momente miteinander zu verknüpfen, als "Kunst" bezeichnet. Den Protestantismus angesichts der ihm eigentümlichen Dialektik zu profilieren - das ist die Kunst."
(Claus Müller)

"Protestanten in der Demokratie, Demokratie im Protestantismus: Wir haben uns in summa, so denke ich, vor beiden Gefahren zu schützen – vor einer theologischen Überforderung, ja Abwertung politischer Entscheidungsfindung ebenso wie vor einer demokratischen Unterforderung und Aufwertung unserer kirchlichen Entscheidungsprozeduren. Und wenn wir uns mit irgendetwas gläubig zu identifizieren haben, dann mit Gottes Gerechtigkeit, nicht aber mit unserer Selbstgerechtigkeit, auch dann nicht, wenn sie Mehrheiten erfasst."
(Robert Leicht)

"Es wird deutlich geworden sein, das wir noch nicht wirklich von einer neuen Weltordnung sprechen können. Was sich zeigt, ist vielmehr das Ringen um die Grundlagen und Ziele einer solchen Ordnung. Die reformatorischen Kirchen haben guten Grund sich in diese Suche einzubringen, nicht um eigene Interessen und Positionen zu verteidigen, sondern um die Zukunftsfähigkeit der menschlichen Gemeinschaft willen." (Konrad Raiser)

"Eine Kirche, die glaubte, auf jedem Gebiet kompetenter zu sein als die jeweils Zuständigen, die dürfte sich nicht wundern, wenn sie eines Tages auch in den Fragen nicht mehr ernst genommen würde, auf die sie wirklich tragfähige Antworten hat. Ich habe immer wieder erlebt, dass kirchliches Bekenntnis und Engagement Menschen mit einer anderen Perspektive, mit etwas „ganz Anderem“ konfrontieren kann. Zu vieles, was Staat und Gesellschaft bewegt oder bewegen soll, kommt heute als Allerletztes und Allerwichtigstes daher. Die Kirchen und Religionsgemeinschaften sollten daran erinnern – und sie können es auch – dass sich die meisten unserer Debatten um vorletzte Dinge drehen." (Johannes Rau) 


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