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Das Thema des Monats im Dezember 2004/Januar 2005                                                            Stand: 14.08.2010

Die Diskussion um die multikulturelle Gesellschaft

Seit der Ermordung des umstrittenen Filmemachers Theo van Gogh durch einen Islamisten in den Niederlanden ist die Diskussion um die (Un-) Möglichkeit einer multikulturellen Gesellschaft, um Parallelgesellschaften und die Grundwerte unserer Gesellschaft neu entbrannt. Der "Karikaturenstreit" zu Beginn des Jahres 2006 zeigte, dass dieses Thema weiter aktuell ist.

In diesem Thema des Monats versuchen wir Ihnen Material zu bieten, das Ihnen hilft, sich selbst eine Meinung zu bilden ...

Hintergründe und Links - Zum Karikaturenstreit

 


im Dezember 200
4/
Januar 2005


Standpunkte:  

Die Muslime sind längst unter uns

Der Islam profitierte schon immer von der religiösen Schwäche des Westens. Das Christentum muss jetzt die Auseinandersetzung suchen

Von Klaus Berger


Wenn Christen im Orient von ihrem Gott sprechen, sagen sie allah. Dieses arabische Wort ist das Äquivalent zum hebräischen el(ohim) und meint zweifellos denselben Gott. Vier Milliarden Menschen, Juden, Christen und Muslime in aller Welt, berufen sich auf Abraham und seine Bekehrung zum einen und einzigen Gott. Angesichts dessen kann man unsere gegenwärtige Art der Auseinandersetzung mit dem Islam nur als stümperhaft bezeichnen. Vor allem ist sie ängstlich. Der unselige Kopftuchstreit hängt ein Detail viel zu hoch, abgesehen davon, dass seine „Lösung“ auf Dauer ein christliches Eigentor sein wird. Gerade weil die inneren Motive nicht am äußeren Tuch zu sehen sind, sind Trotzreaktionen der Muslime schon spürbar, und das Stichwort Berufsverbot hat eine unselige Vorgeschichte.

Tatsächlich gibt es eine große Tradition der Auseinandersetzung mit dem Islam. Das Mittelalter hat sie geführt mit Thomas von Aquins Summe gegen die Heiden, im 17. Jahrhundert gab es die großartige Koran-Ausgabe des gelehrten Mönchs Ludivico Marraccio mit dem Versuch der „internen Widerlegung“. Zu dieser Auseinandersetzung müssen wir zurückfinden: An Stelle überlieferter Ängstlichkeit und untauglicher Versuche zur abschirmenden Bemutterung sollten die Christen eine klare und offensive Position gegenüber dem Islam gewinnen. Sie wird im Augenblick nur von ultrarechts her eingenommen und hat oft nicht mehr als Dämonisierung des Islams zum Inhalt. Die Mitte zwischen Verteufelung und blinder Sympathie zu finden ist die Aufgabe. Wenn es gut geht, wird die Auseinandersetzung mit dem Islam auch die Verständigung zwischen den christlichen Konfessionen voranbringen. Ein heillos zerstrittenes Christentum war schon im 8. Jahrhundert die große Chance des Islams.

Das gegenwärtig aufgebaute Szenario der Angst ist die falsche Reaktion. Wenn irgendetwas Indikator für den inneren Zustand unseres Volkes ist, dann die Mechanismen des Verbietens, Nichthinguckens und Nichtwahrhabenwollens. Wir haben über zwei Millionen Muslime im Land. Weggucken gilt nicht. Genau das aber praktizieren wir. Wenn ich Seminare anbiete mit dem Titel: „Bibel und Koran. Eine Klärung“, kommt nahezu kein Student. „Nicht examensrelevant“ ist die Antwort. Für welche Wirklichkeit studieren wir eigentlich?

Wir fürchten, islamische Kultur, Geburtenfreudigkeit und Glaubensstärke könnten uns gleich dreifach treffen. Unsere Situation erinnert an die der christlichen Länder Anatolien und Nordafrika im 7. und 8. Jahrhundert, als ein morsches Christentum einfach überrannt wurde. Auch der Schock von 1683 (Türken vor Wien) sitzt noch, besonders den Süddeutschen, in den Knochen. Eine harte Auseinandersetzung um unsere Identität kommt zu uns zurück. Wir können unsere Schwäche beschwören und hinter Verbote und scheinbare Schutzwälle flüchten. Wir werden dadurch nichts aufhalten. Unsere Versuchung ist die Neigung zu Wehleidigkeit und Leidensscheu.

Lesen Sie hier den gesamten Artikel...

"Problematisch sind die Grenzen der Autonomie einer religiösen Minderheit. Inwieweit kann von einer neu auftretenden Minderheitsreligion - auch rechtlich - eine Rücksichtnahme auf die historisch und kulturell verankerte Mehrheitsreligion verlangt werden? Jedenfalls dürfen die Verhaltensweisen einer religiösen Minderheit - seien sie auch in deren religiösem Recht verankert - sich nicht im Widerspruch zu den Grundwerten unserer Verfassung setzen. Religiöse Praktiken, die etwa Kinder oder Frauen zum Objekt (...) herabwürdigen oder deren Recht auf körperliche Unversehrtheit irreversibel schädigen, sind nicht vom Schutz der Religionsfreiheit gedeckt."

Dr. Jutta Limbach

 

"Die Menschen können und sollen auf ihren Glauben und ihr kulturelles Erbe stolz sein. Aber wir können in Ehren halten, was wir sind, ohne zu hassen, was wir nicht sind".

Kofi Annan


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EKD-Ratsvorsitzender Huber gegen Umwandlung von Kirchen in Moscheen

München (epd). Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, hat sich gegen eine Umwandlung von nicht mehr genutzten christlichen Kirchen in Moscheen ausgesprochen. «Wird eine Kirche zur Moschee, erwecken wir den Anschein, der Unterschied zwischen Christentum und Islam sei geringfügig», sagte der Berliner Bischof dem Münchner Nachrichtenmagazin «Focus». Huber: «Wir haben als Christen keinen Grund zu sagen, wir würden uns zum gleichen Gott wie die Muslime bekennen.»

Zugleich rief Huber die Muslime auf, Deutsch als Predigtsprache in den Moscheen zu fördern und zu praktizieren. «Es wäre im Interesse der Moscheegemeinden, wenn sie sagen würden, wir haben nichts zu verstecken, wir können, was wir predigen, öffentlich vertreten.» Er glaube allerdings nicht, dass die Predigtsprache per Gesetz festgelegt werden könne, so der Repräsentant von rund 26 Millionen deutschen Protestanten. Unter anderen hatte die CDU-Politikerin Annette Schavan vorgeschlagen, für Predigten in Moscheen die deutsche Sprache vorzuschreiben.

Alle Religionen müssten mit den Schattenseiten ihrer Geschichte und ihrer Aggressivität in der Gegenwart kritisch umgehen, fügte Huber hinzu. «Ich habe aber den Eindruck, dass diese Fähigkeit bei islamischen Organisationen bisher nicht sehr ausgeprägt war.» Huber kündigte an, er werde sich im Januar als EKD-Ratsvorsitzender mit islamischen Repräsentanten treffen.

Der Berliner Bischof kritisierte zudem die zahlreichen Rechtsklagen von Muslimen, die ihre Kinder vom Sport- und Sexualkundeunterricht und Klassenfahrten befreien wollen. Sollten Muslime ihre Interessen weiter so durch die Instanzen vorantreiben, würden sie die Gerichte dazu zwingen, eigene und engere Vorstellungen von Religion zu entwickeln. Das wäre laut Huber eine «große Niederlage für unsere Rechtskultur».

Huber plädierte für einen gesunden Realismus im Dialog der Religionen. Er warnte zum einen vor einer idealisierenden Multi-Kulti-Stimmung, denn interreligiöse Schummelei funktioniere nicht mehr. Zum anderen dürfe der Islam nicht dämonisiert werden.
(
22. 11.04)
Lesen Sie hier das gesamte Focus-Interview im Wortlaut ...



"Identität hat mit eigener Überzeugung, mit Echtheit, mit Glaubwürdigkeit zu tun. Identität heißt, sich einer Gruppe, einer Nation, einem Land zugehörig zu fühlen und sich gleichzeitig seiner Individualität bewusst zu sein. Identität ist nichts Glattes und unveränderbar Ganzes, sondern etwas Zusammengesetztes und Zerbrechliches, etwas, das gepflegt und genährt, aber auch immer wieder überprüft werden muss. Ohne das Bewusstwerden der eigenen Identität kann man auch die Identität Anderer nicht wahrnehmen und deshalb auch nicht akzeptieren."

Johannes Rau

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"Sollten Regeln für das friedliche Miteinander in der Unvereinbarkeit festgelegt werden, so hätte als eine der ersten zu gelten, dass man Christen nicht als "Ungläubige" denunziert. Um eine weitere Regel wird gegenwärtig gestritten: ob der Meinungsfreiheit eine Grenze zu setzen sei. Sie findet sie bereits beim Schutz der Person. Es ist nicht einzusehen, weshalb ein solcher Schutz nicht auch für die Sakralsphäre gewährt werden sollte, ohne dass damit demokratische Grundrechte aufs Spiel gesetzt würden.

Die religiös Indifferenten leben nicht mehr ganz unter sich in diesem Land. Der Verletzung sakraler Gefühle kommt daher eine andere Bedeutung zu als in der früheren Bundesrepublik. Sie sollte ebenso strafbar sein wie die Verletzung der Ehre. Wie oft beschrieben, bezieht der Islam seine stärkste Wirkung aus seiner sozialen Integrationskraft. Seine diesseitigen Vorteile lässt man leicht außer acht, wenn man sich mit dem politisch-spirituellen Konflikt beschäftigt. Gleichwohl werden liberale Systeme mit ihrem Integrationsangebot, ihren Assimilierforderungen immer mit der innerislamischen Integration konkurrieren.

Mit anderen Worten, die angebliche Parallelgesellschaft ist eigentlich eine Vorbereitungsgesellschaft. Sie lehrt uns andere, die wir von Staat, Gesellschaft, Öffentlichkeit abhängiger sind als von der eigenen Familie, den Nicht-Zerfall, die Nicht-Gleich-Gültigkeit, die Regulierung der Worte, die Hierarchien der sozialen Verantwortung, den Zusammenhalt in Not und Bedrängnis. Selbstverständlich ist es für den aufgeklärten Westeuropäer der Born der Finsternis, der dies Leben in der Gemeinschaft unterhält und gut organisiert.

Als Experte für passagere Krisen fällt es ihm schwer, mit einem auf Dauer nicht lösbaren Konflikt zu leben. Mit seinem Sinn für das Vorübergehende muss er an ebendieser Dauer scheitern. Da nützt es ihm wenig, wenn er - zwischenzeitlich und vorübergehend - neue Quellen der Religiosität in seiner Welt entdeckt. Sie hören meistens nach dem Kirchentag schon wieder auf zu sprudeln. Andererseits gibt es eine Chance der Inspiration und der indirekten Beeinflussung, die von der unmittelbaren Nähe einer fremden und gegnerischen sakralen Potenz herrührt.

Sie sollte uns allerdings zu etwas mehr als zu Spott und Satire provozieren. In dieser Konkurrenz gilt es, unser eigenes Bestes aufzubieten, es neu zu bestimmen oder wiederzubeleben: das Differenziervermögen an oberster Stelle, das Schönheitsverlangen, geprägt von großer europäischer Kunst, Reflexion und Sensibilität - lauter Sinnes- und Geistesgaben, die in der westlichen Gesellschaft der Gegenwart von geringer Bedeutung, geringem Ansehen sind.

Wir sind ja nicht bloß eine säkulare, sondern weitgehend eine geistlose Gesellschaft. Schon das macht den "Dialog" nicht leichter. Für die Vorbereitungsgesellschaft wäre zwar auch unser Bestes heute nichts als Häresie, und doch - gäb's je ein globales Toledo, zumindest eine kurze Blütezeit westöstlicher Synergien, dann führte der Weg dorthin weniger über die Weltmärkte, technische Innovationen, Sitten und Moden, sondern wiederum über die Annäherung und den Disput zwischen den Schriftkulturen.

Der Konflikt ist nicht zu lösen, dafür aber fest umrissen und beendet die Periode der "neuen Unübersichtlichkeit". Mit der westlichen Einfühlung in einen unüberwindlichen Antagonismus, sakral/säkular, ist die herrschende Beliebigkeit, sind Synkretismus und Gleich-Gültigkeit in eine Krise geraten. Vielleicht darf man sogar sagen: Wir haben sie hinter uns. Es war eine schwache Zeit!"

(Botho Strauß, Der Konflikt, Der Spiegel, Nr. 7/2006, S.121)


ESSAY - "WIR KAPITULIEREN!"  VON HENRYK M. BRODER (DER SPIEGEL 33/2006 vom 14.08.2006, Seite 38)

Vor zehn Jahren, im Frühjahr 1996, war die Welt noch weitgehend in Ordnung. Die Türme des World Trade Center dominierten die Skyline von Manhattan, der amerikanische Präsident hatte eine Affäre mit einer Praktikantin, in Deutschland neigte sich die Ära Kohl ihrem Ende zu, die Intellektuellen vertrieben sich die Zeit mit Debatten, ob Francis Fukuyama mit seiner Behauptung vom "Ende der Geschichte" richtiglag und ob der Kapitalismus wirklich gesiegt oder der Sozialismus nur einen Probelauf verloren hatte. Auch die feinsinnige Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus war noch nicht im Schwange.

Man musste schon sehr genau hinschauen, um die ersten Anzeichen einer heraufkommenden Krise zu bemerken: In Berlin spielte die Theatergruppe Rote Grütze ein Aufklärungsstück mit dem Titel "Was heißt hier Liebe?". Um auf das Stück aufmerksam zu machen, wurden an Schulen Plakate verteilt, auf denen ein junger Mann und eine junge Frau zu sehen waren, nackt und voller Unschuld.

Die Schulen hatten kein Problem damit, die Plakate aufzuhängen, bis eine Schulrätin aus dem Bezirk Tiergarten eine Genehmigung des Berliner Landesschulamts verlangte. Diese wurde verweigert. Das Plakat, entschied die Behörde, sei dazu angetan, "die Gefühle nicht christlicher Schüler" zu verletzen. Das Landesschulamt handelte präventiv, aus überzogener Fürsorge gegenüber einer kulturellen Minderheit, die noch nicht in der permissiven Gesellschaft angekommen war. Weder hatten sich muslimische Schüler über eine Verletzung ihrer Gefühle beklagt noch deren Eltern über die unsittliche Anmache beschwert.

Zehn Jahre später ist alles anders. Gleich geblieben ist allein die Entschlossenheit, die Gefühle der Muslime nicht zu verletzen. Nur dass es inzwischen nicht um Berliner Schüler mit "Migrationshintergrund" geht, sondern um 1,3 Milliarden Muslime in aller Welt, die chronisch zum Beleidigtsein und unvorhersehbaren Reaktionen neigen. Es geht um Meinungsfreiheit, den Kern der Aufklärung und der Demokratie, und um die Frage, ob Respekt, Rücksichtnahme und Toleranz die richtigen Mittel im Umgang mit Kulturen sind, die sich ihrerseits respektlos, rücksichtslos und intolerant gegenüber allem verhalten, was sie für dekadent, provokativ und minderwertig halten, von Frauen in kurzen Röcken bis hin zu Karikaturen, von denen sie sich provoziert fühlen, ohne sie gesehen zu haben.

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