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Das Thema des Monats im April 2007

"Die Bibel in gerechter Sprache" - Anmerkungen zu einer umstrittenen Unternehmung

"Die Bibel in gerechter Sprache" erschien im Oktober 2006 und hat inzwischen schon die dritte Auflage erreicht. Ist sie ein großer Wurf oder gehört sie zu den Dingen, die die Welt nicht braucht?

Evang. Kirche lehnt Gebrauch der "Bibel in gerechter Sprache für den Gottesdienst ab.

Hintergründe und Links

Schreiben Sie Ihre Meinung im Diskussionsforum des Dekanats

 


Standpunkte:  

Aus dem Text des Gütersloher Verlagshauses:

Warum eine Bibel in gerechter Sprache?

Stellen Sie sich vor:
Sie schlagen Ihre Bibel auf und können im Wortlaut entdecken, es gab sie,
die Jüngerin,
die Apostelin,
die Diakonin...
Sie lesen in Ihrer Bibel und können sicher sein,
hier wird ernst genommen, dass Jesus Jude war.

Die Bibel in gerechter Sprache ist das Buch der Bücher für das neue Jahrtausend auf der Höhe der derzeitigen Forschung, so verständlich wie möglich.

Diese Bibel fordert heraus zur eigenen Stellungnahme und ermöglicht diese.
 

 


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"Sie kommt zu früh und doch auch zu spät" /Von Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter (Begrüßung zur Disputation über die Bibel in gerechter Sprache, Forum Nordelbien - 19. Februar 2007)

"Herzlich begrüße ich Sie alle, die Sie gekommen sind, weil Ihnen die Bibel wichtig ist. Oder weil sie neugierig sind, wie ein Streit unter Christinnen und Christen ausgeht. Herzlich willkommen, von nah und von fern. Auch im Namen meiner bischöflichen Kollegen, Bischof Knuth und Bischöfin Jepsen. Die Nordelbische Kirche veranstaltet eine Disputation über die Bibel, die Bibel in gerechter Sprache. Seit Martin Luther muss sich jede Reformbewegung an ihrem Verhältnis zur Schrift messen lassen. Disputieren ist eine Form, Wahrheit und Klarheit zu suchen. Ich freue mich, dass wir dies hier in Lübeck tun. Was kann Besseres passieren als dass Menschen neu über Gott und die Bibel nachdenken.

Die Wogen schlagen hoch, mit starken Worten wird nicht gespart über diese Übersetzung und ihre UnterstützerInnen. Nun disputieren wir nicht nur am 19. Februar 2007, sondern zufällig auch noch am Rosenmontag. Hat das etwas zu bedeuten? Ich gebe zu, dass mir hier im Norden der kalendermäßig erlaubte Frohsinn und ein wenig augenzwinkernder Humor, auch bei dieser ernsten Sache, fehlt. Ich kann mir Gott nicht ohne Humor vorstellen. Den Menschen zu erschaffen, wie könnte das ohne Humor gelingen? An Fastnacht nun darf man sich kurzzeitig in einen anderen Menschen verwandeln, am liebsten ins pure Gegenteil dessen, was man sonst so ist oder zu sein hat.

In meiner Schulzeit, im Otfried von Weissenburg Gymnasiums in Dahn war ich in meiner Klasse das einzige Mädchen und dazu noch die einzige Protestantin, wie wir uns in der Pfalz nannten. Während des Religionsunterrichtes hatte ich das Klassenbuch zu den Katholischen zu bringen. Als ich das Klassenzimmer betrat, zischelten mir meine Klassenkameraden zu: „Ketzer, Ketzer, Ketzer,“ Hinterher erzählten sie mir, der fromme Kaplan habe dazu angemerkt: „ Ist ja gut, dass ihr das wisst, aber so deutlich braucht ihr sie das nicht merken zu lassen.“ Damals trug ich den Ketzerhut mit Stolz, sind wir Protestanten doch zum Widerspruch gegen dogmatische Erstarrungen qua Bekenntnis verpflichtet.

Letzten Freitag nun (am 16.02.2007) titelten die Lübecker Nachrichten auf Seite eins mit Blick auf die „Bibel in gerechter Sprache“: „Ketzerei!“ In der 5. Jahreszeit, in der wir uns ja befinden, könnte man gutlaunig denken – und das habe ich gemacht- , dass es sich dabei um einen speziell originellen Kostümvorschlag für leitende Geistliche am Rosenmontag handelt. Ich erinnere mich an den hussitischen Pfarrer in Prag, der mir vor dem Standbild von Jan Hus, des verbrannten Vorkämpfers der Reformation, erklärte: „Ketzer sagen nichts Falsches, sie sagen es einfach zu früh.“

Die „Bibel in gerechter Sprache“ kommt wohl zu früh, und doch auch zu spät. Es geht kein Weg daran vorbei: Antijudaistische und antisemitische Lesarten biblischer Sätze haben ihren Beitrag geleistet zur größten Katastrophe des letzten Jahrhunderts: der Vernichtung des europäischen Judentums.

Heute, in Zeiten der Globalisierung wird das Elend der Armen von vielen ohne Leidenschaft hingenommen und die Stimme der sozialen Gerechtigkeit im öffentlichen Leben wird kaum noch gehört. Die Gläubigen wissen nicht und hören zu wenig, dass dies unvereinbar ist mit den Weisungen der Hebräischen Bibel und des Neuen Testamentes. Bis heute schließen die Kirchen, die römisch-katholische, die orthodoxen und viele evangelische Kirchen in großer Einmütigkeit mit dem Islam, dem Buddhismus und Teilen des Judentums Frauen von der gleichberechtigten Teilnahme am Kultus und leitenden Ämtern aus.

Ein mögliches Ergebnis dieses Abends wäre die Übereinstimmung, dass nicht Willkür und launischer Zeitgeist diese neue Übersetzung inspiriert, sondern der Versuch, Sprache, die so wirkungsmächtig ist wie die Bibel, in Verantwortung vor der Geschichte und in Respekt vor dem Wortsinn zu benutzen. Ob dies legitim ist, ob dies gelungen ist, ob Martin Luther den Übersetzenden darin beisteht, darüber werden wir disputieren. Das Lernen in diesen Fragen ist deshalb so schwer, weil man nicht einfach etwas Neues dazulernen kann, sondern weil man etwas Altes verlernen müsste. Das ist konfliktreich und schwer. Aber um des Evangeliums willen, muss man es versuchen.

Die Bibel neu zu entdecken: diese Freude ist zahllosen Menschen zuteil worden, die auf Kirchentagen, in Frauen- und Bibliodramagruppen, in den Gemeinden, im christlich jüdischen Dialog, mit den Augen der Armen gelesen die Bibel als ein befreiendes, lebendiges Buch wiederentdeckt haben. Wo sonst in der jüngsten Kirchengeschichte wurde denn die Bibel so zentral in den Mittelpunkt gestellt und - gelesen? Wir werden darüber streiten: ob die Deutungsmacht über biblische Texte heute von Männern und Frauen geteilt werden kann. Eines ist schon heute sichtbar: Mündige Menschen beginnen sich die Bibel neu anzueignen. Glauben und Vertrauen werden so gestärkt. Willkommen bei dem Abenteuer des Geistes. Die Kraft der Heiligen Ruach, die Geistkraft, möge uns leiten." (Quelle)
  "Ich träume. Ich träume einen Traum von einer Kirche, in der „gerechte Sprache“ kein Thema mehr ist. Fast ungläubig blicke ich zurück und kann mir gar nicht mehr vorstellen, warum es damals, vor fast 15 Jahren, solche Diskussionen um die „Bibel in gerechter Sprache“ gegeben hat. Es hat tatsächlich Menschen gegeben, die erst durch diese Bibelübersetzung darauf gestoßen wurden, dass es Jüngerinnen gab und dass Junia eine herausragende Apostelin war, dass es in der Bibel eben nicht nur 12 männliche Apostel gab.

Merkwürdig, dass ausgerechnet diese Bibelübersetzung das Halbwissen vieler so erschütterte. Es gab ja schon zahlreiche Bibelübersetzungen, in denen jedenfalls an diesen Stellen genau der gleiche Sachverhalt zu erkennen war. Ist denn vorher die Überschrift zu Lukas 8 in der damaligen Lutherrevision von 1984 übersehen worden? Dort stand doch auch „Jüngerinnen Jesu“. Und dass in Römer 16,7 im Laufe der Traditionsgeschichte der Bibel aus einer Apostelin Junia ein Apostel mit dem erfundenen Namen Junias gemacht wurde ist ja nun auch breit belegt gewesen und die Korrektur zurück zu dem, was dort im Brief an die Gemeinde in Rom wirklich steht, hat auch vor der „Bibel in gerechter Sprache“ schon in andere Übersetzungen Eingang gefunden.

Aber vielleicht hing das alles eher mit der damaligen Zeit zusammen. Es war ja vor 15 Jahren eher noch etwas Ungewöhnliches, wenn eine Frau Bischöfin wurde. Frauen waren in kirchlichen Leitungsebenen noch überall die Minderheit. Das können wir uns heute bei unseren Treffen kaum noch vorstellen. Gut, dass wir Evangelischen diese Diskussion schon hinter uns haben und sich mittlerweile die theoretischen Erkenntnisse auch ganz selbstverständlich in der Praxis auswirken. ...

Es hat den Kirchen sicher nicht geschadet, sich der eigenen Tradition zu vergewissern und manches konnte dadurch in den Gemeinden neu entdeckt und in das gemeindliche Leben integriert werden. Aber auf Dauer war natürlich das ängstliche Festhalten am Überkommenen nicht durchzuhalten. Tradition ohne Innovation verkäme zum Museumsobjekt, zur leeren Hülse. Gottes Geistkraft war nicht in Beschlüsse, dringende Empfehlungen und verbindlich gemachte Wortlaute zu zwängen. Und siehe da, die Angst, dass das ganze Glaubensgebäude zusammenbrechen würde, wenn an dieser oder an jener Stelle Neues gewagt würde, war ganz unberechtigt. Mittlerweile ist uns wieder selbstverständlich, dass es zum Sprachfähigwerden in Bezug auf den eigenen Glauben auch gehört, nicht nur frühere Glaubenssätze zu wiederholen, sondern in eigenen Worten zu sagen: was mir wichtig ist, was ich in der Bibel gelesen habe, was beim Austausch mit anderen für mich und uns wichtig geworden ist."

(Bärbel Wartenberg-Potter, "Gerechte Sprache für eine gerechte Kirche", Begleitwort zur 3. Auflage. pdf-Datei, Acrobat-Reader erforderlich)


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Brücke zur Heiligen Schrift - Sieben Thesen zur »Bibel in gerechter Sprache« / Von Prof. Dr. Hans-Martin Barth, Marburg
(Stellungnahme zur »Bibel in gerechter Sprache« beim Feministischen Studientag des FB Evangelische Theologie Marburg am 24.1.07)

Kleine Vorbemerkung zu meiner persönlichen Geschichte mit der Bibel in gerechter Sprache: Ich habe, sobald das möglich war, die Bibel in gerechter Sprache für meine Frau subskribiert; inzwischen hat jeder von uns ein Exemplar. Wir lesen, wenn möglich, die täglichen Herrnhuter Losungen; ich brauche das als etwas, das mich durch den Tag begleitet und orientiert. Da wir sie im Urtext lesen, lag es für mich dann nahe, jeweils die Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache zu vergleichen – und ich mich muss gestehen, dass das nicht selten ein Kopfschütteln ausgelöst hat. Seither bin ich zunehmend skeptischer und kritischer geworden. Eine ausführliche Stellungnahme werde ich demnächst veröffentlichen. Heute nur Sieben Thesen:

  1. Ich nehme die Bibel in gerechter Sprache mindestens in Teilen wahr als einen oft interessanten, an einigen Stellen wichtigen Kommentar, aber nicht als Übersetzung. Sie ist insofern ein Kommentar, der sich als Text ausgibt. Die Verwechslung bzw. Vertauschung von Kommentar und Text halte ich für höchst problematisch. Ob der Kommentar sachgemäß ist, ist dann ohnehin noch eine andere Frage.
  2. Geschlechtergerechtigkeit lässt sich m. E. nicht dadurch erreichen, dass man Maskulinformen um Femininformen ergänzt oder zwischen beiden abwechselt. Die Bibel artikuliert sich nicht im heutigen Sinn geschlechtergerecht, und das ist durch eine bestimmte - noch dazu mechanistisch formalisierte - Übersetzungstechnik weder zu vertuschen noch wettzumachen. Das gilt insbesondere im Blick auf die »Gottesnamen«. Gott ist nicht Mann und Frau, sondern weder Mann noch Frau.
  3. Gerechtigkeit gegenüber Juden ist ebenso wie Geschlechtergerechtigkeit ein notwendiges Desiderat, aber sie lässt sich m. E. nicht durch eine verfremdende Bibelübersetzung erreichen, zumal nicht dadurch, dass eine Übersetzung im Neuen Testament jüdischem Empfinden so weit wie möglich entgegenkommt und im Alten Testament den Juden einen völlig ihre Tradition verfremdenden Text zumutet. Aber hier müssen natürlich jüdische Leser und Leserinnen selbst urteilen.
  4. Widerständiges eines Textes darf nicht durch »Übersetzung« geglättet werden. Die Bibel ist in mancher Hinsicht ein »garstiges« Buch (C. Halkes), und eine Provokation. Es ist sorgsam zu prüfen, wo es um Provokationen geht, die sich aus der zeitlichen und kulturellen Differenz zur Gegenwart ergeben, und wo um die Provokation des Evangeliums, die sich nun einmal auch in Begriffen wie »Sünde« oder in Wendungen wie »in Christus« ausspricht.
  5. Die Bibel in gerechter Sprache lebt nicht aus dem Geist der Reformation und eines aus diesem Geist sich speisenden evangelischen Christentums. Wer R 1, 17 übersetzt mit »Gerecht ist, wer Vertrauen lebt« oder R 3, 28 choris ergon nomou mit »ohne dass schon alles geschafft wurde, was die Tora fordert« oder kyrios übersetzt mit »dem wir uns anvertraut haben«, kann kaum behaupten, damit auf dem Boden reformatorischer Theologie zu stehen. Hier wird zu Grundeinsichten der Reformation programmatisch Distanz gesucht.
  6. Die Bibel in gerechter Sprache ist keine Bibel, auf die man sich berufen kann. Wenn man – als Christ oder Nichtchristin – wissen will, was in der Bibel steht, muss man zu einer anderen Bibelausgabe greifen.
  7. Chancen und Gefahren: Eine Gefahr - und zwar Gefahr für den einzelnen wie für unsere evangelische Kirche – sehe ich dann gegeben, wenn die Bibel in gerechter Sprache isoliert gebraucht und nicht mehr in Verbindung mit dem Urtext und auch mit dem Luthertext herangezogen wird. Die Bibel in gerechter Sprache bietet aber die Chance, dass nun wohl mehr über die Bibel oder auch einzelne Bibelstellen gesprochen wird. Ich wünschte ihr, dass sie viele Menschen dazu motivieren kann, nach der Heiligen Schrift zu fragen und zu greifen. (Korrespondenzblatt Nr. 3/März 2007, S. 35f.)
  Beispiele aus der "Bibel in gerechter Sprache".

"So also betet.
Du, Gott, bist uns Vater und Mutter im Himmel,
dein Name werde geheiligt.
Deine gerechte Welt komme.
Dein Wille geschehe,
Das Brot, das wir brauchen,
gib uns heute.
Erlass uns unsere Schulden,
wie auch wir denen vergeben,
die uns etwas schuldig sind.
Führe uns nicht zum Verrat an dir,
sondern löse uns aus dem Bösen."
(Mt 5,9-13)


"Eure Liebe sei ohne Hintergedanken. Nennt das Böse beim Namen und werft euch dem Guten in die Arme. Liebt einander von Herzen wie Geschwister und übertrefft euch gegenseitig darin, einander Achtung zu erweisen.

Haltet euch mit eurer Begeisterung nicht zurück; lasst euch von der Geistkraft entzünden und setzt euch für die Lebendige ein. Freut euch, weil ihr Hoffnung habt. Haltet durch, wenn ihr in Not seid und hört nicht auf zu beten. Teilt das, was ihr habt, mit den heiligen Geschwistern, wenn sie in Not sind.

Seid jederzeit gastfreundlich. Segnet die, die euch verfolgen, setzt auf das Gute in ihnen und verflucht sie nicht. Freut euch mit den Glücklichen und weint mit den Traurigen. Zieht alle an einem Strang und richtet euch dabei nicht an den Mächtigen aus, sondern lasst euch zu den Erniedrigten ziehen.

Bildet euch nicht zuviel auf eure eigene Klugheit ein. Auch wenn euch jemand Unrecht zugefügt hat, zahlt es nicht durch weiteres Unrecht zurück. Bemüht euch darum, allen Menschen gegenüber aufrichtig zu sein. Soweit es auf euch ankommt, lebt mit allen Menschen in Gottes Frieden. Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt dem gerechten Gericht Gottes Raum; denn es ist geschrieben: Die Rache liegt in meinen Händen, ich werde alles Unrecht vergelten, spricht die Lebendige. Wenn dein Gegner hungert, gib ihm etwas zu essen. Wenn deine Feindin Durst leidet, gib ihr zu trinken. Ein solches Verhalten häuft glühende Kohlen auf ihrem Kopf auf."

(Römer 12,  9-20).


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Theologisches Gutachten zur „Bibel in gerechter Sprache“
Von Ulrich Wilckens

Der Übersetzung der Bibel „in gerechter Sprache“ liegt ein dreifaches Leitinteresse zugrunde: ein „geschlechtergerechtes“, ein Interesse des gegenwärtigen christlich-jüdischen Dialogs und ein Interesse an der Bedeutung der biblischen Texte für die gesellschaftliche Lebenswirklichkeit.

Das folgende Gutachten betrifft weder sprachwissenschaftliche noch allgemein-hermeneutische Aspekte der Übersetzungskunst; auch nicht die tiefgreifenden Probleme, die diese Übersetzung für jedwede kirchliche Praxis in Gottesdienst, Unterricht und im Umgang einzelner Christen mit der Heiligen Schrift aufwirft, vor allem was ihre Verständlichkeit angeht. Es konzentriert sich vielmehr ganz darauf, welche Folgen für die Glaubenslehre der Kirche durch die konsequente Durchsetzung dieser drei Leitinteressen bei der Übersetzung des Neuen Testaments (ob bewusst oder unwissentlich) angerichtet worden sind: Diese Übersetzung beraubt das Neue Testament der Wahrheit der beiden Grundbekenntnisse aller christlichen Kirchen, die sie in ihrer Heiligen Schrift begründet wissen: Der Wahrheit der Gottessohnschaft Jesu Christi und damit der Wahrheit des Drei-einen Gottes. Dies springt dem Leser der „Bibel in gerechter Sprache“ vor allem in der Übersetzung von Joh. 1,14 ins Gesicht: statt „Das Wort ward Fleisch“ ist hier zu lesen: „Die Weisheit wurde Materie“!

Statt der „großen Freude“ (Lk. 2,14) darüber, dass der lebendige Gott „in unser armes Fleisch und Blut“ eingegangen und uns in dem neugeborenen Menschenkind in der Krippe „der Heiland geboren ist“, durch den wir „leben nun und ewiglich“ (Martin Luther, EG 24,4), wird hier als Gegenbotschaft verkündet, dass der lebendige Gott tote Materie geworden sei.

Wir sollen es nicht mit dem Weihnachtswunder zu tun haben, dass Gott Mensch geworden, dass dieses Menschenkind der einzig-geborene Sohn des einzig-einen Gottes selbst ist, sondern damit, dass Gottes Weisheit als Schöpferin und Ursprung allen Lebens Materie geworden sei. Der „Glanz“, der von ihr ausgeht (wie immer das auch vorzustellen sein mag) ist vielmehr lediglich wie der „eines einzig-geborenen Kindes von Mutter und Vater“. Wenn dieser textfremden Übersetzung von Johannes 1,14 überhaupt ein Sinn abzugewinnen ist, dann der, dass Jesus ganz und gar nichts anderes sei als ein sterblicher Mensch unter sterblichen Menschen. Wieso er als solcher voller „Gnade und Wahrheit“ ist, ist ganz unerfindlich.

Sieht man nun näher zu, dann zeigt sich: Dass Jesus ein Mensch sei, der von Gott erwählt und gesandt worden ist, ist ein Aspekt, der in einem Großteil der „Bibel in gerechter Sprache“ zu finden ist. Vor allem das Interesse an einer „geschlechtergerechten Sprache“ ist so konsequent zum primären Gebot des Übersetzens aller neutestamentlichen Texte geworden, dass überall dort eine Rücksichtslosigkeit gegenüber deren eigenem Sinn in Kauf genommen ist. Vor allem geht es den Übersetzerinnen darum, bestimmte Wörter, Begriffe oder Namen, die Menschen auszuschließen oder gar zu kränken scheinen, die sich „bestimmten Bewegungen der vergangenen Jahrzehnte“ zurechnen, durch andere neu gewählte Wörter, Begriffe und Namen zu ersetzen, die solche Assoziationen nicht auslösen. Zwar soll dabei der biblische „Ausgangs(!)text“ keine sachlich-inhaltliche Veränderung erfahren. Aber das gelingt den Übersetzerinnen nicht nur an vielen Einzelstellen nicht – das ist auch in anderen Übersetzungen der Fall – vielmehr kann es dort nicht gelingen, wo die Eigeninteressen gegenüber dem Interesse der Texttreue dominieren sollen. Dieser Vorwurf ist gegenüber dieser Übersetzung als ganzer zu erheben. Der Text der neutestamentlichen Schriften ist eben nicht „Ausgangstext“ für das, was in einer „gerechten“ Bibel daraus gemacht wird, sondern er ist als Wortlaut Heiliger Schrift Grundtext für alle Christen aller Kirchen. Dies gilt vor allem für die Rede vom Verhältnis zwischen Gott und Jesus Christus

...

Das Schlussurteil muss lauten:

Die „Bibel in gerechter Sprache“ ist nicht nur für den Gebrauch in der Praxis der Kirche nicht zu empfehlen, weder für den Gottesdienst, noch auch für den kirchlichen Unterricht und nicht einmal für die persönliche Lektüre. Sie ist vielmehr für jeglichen Gebrauch in der Kirche abzulehnen. Denn diese „Übersetzung“ unterwirft den Text der Bibel – jedenfalls des Neuen Testaments - sachfremden Interessen ideologischer Art und verfälscht so in entscheidenden Grundaspekten ihren Sinn. Weil aber die Bibel als Heilige Schrift die Wurzel und der Grund alles Glaubens und Lebens der Kirche und aller Christen ist, und weil deshalb das Bekenntnis der Kirche seine Wahrheit in der Wahrheit der Heiligen Schrift hat, darum ist die „Bibel in gerechter Sprache“ als bekenntniswidrig zu beurteilen und aus jeglichem Gebrauch in der Praxis des Lebens in der Kirche auszuscheiden.

 

Lesen Sie hier den ganzen Aufsatz von Prof. em. Ulrich Wilkens. pdf-Datei, Acrobat-Reader erforderlich
(Quelle)

  "Die Schlange hatte weniger an, aber mehr drauf als alle anderen Tiere des Feldes, die Adonaj, also Gott, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: "Also wirklich - hat Gott etwa gesagt: 'Ihr dürft von allen Bäumen des Gartens nichts essen'?" Da sagte die Frau zur Schlange: "Von den Früchten der Bäume im Garten können wir essen. Nur von der Frucht des Baumes in der Mitte des Gartens hat Gott gesagt: 'Esst nicht von ihr und rührt sie nicht an, damit ihr nicht sterbt." Die Schlange sagte zu der Frau: "Ganz bestimmt werdet ihr nicht sterben. Vielmehr weiß Gott genau, dass an dem Tag, an dem ihr davon esst, eure Augen geöffnet und ihr so wie Gott sein werdet, wissend um gut und böse." Da sah die Frau, dass es gut wäre, von dem Baum zu essen, dass er eine Lust war für die Augen, begehrenswert war der Baum, weil er klug und erfolgreich machte. Sie nahm von seiner Frucht und aß.

Und sie gab auch ihrem Mann neben ihr. Und er aß. Da wurden beiden die Augen geöffnet und sie erkannten, dass sie nichts anhatten. Sie hefteten Feigenblätter aneinander und machten sich Schurze. Dann hörten sie ein Geräusch. Adonaj, Gott, ging im Garten umher in der täglichen Brise. Adam, der Mensch als Mann, und seine Frau versteckten sich vor dem Antlitz Adonajs, also Gottes, in der Mitte der Bäume des Gartens. Da rief Adonaj, also Gott, den männlichen Menschen herbei und sagte zu ihm: "Wo warst du?" Der sagte: "Ein Geräusch von dir habe ich im Garten gehört und mich gefürchtet, denn ich habe nichts an und da hab ich mich versteckt". Darauf: "Wer hat dir denn gesagt, dass du nichts anhast? Hast du etwa von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, nicht zu essen?"

Da sagte der Mann-Mensch: "Die Frau, die du mir selbst an die Seite gegeben hast, die hat mir von dem Baum gegeben. Und da habe ich gegessen." Da sagte Adonaj, also Gott, zur Frau: "Was hast du da getan?" Und die Frau sagte: "Die Schlange hat mich reingelegt, so dass ich gegessen habe." Da sprach Adonaj, also Gott, zur Schlange: "Weil du das getan hast, bist du verflucht - als Einziges von allem Vieh und von allen Tieren des Feldes. Auf deinem Bauch sollst du kriechen und Erde essen alle Tage deines Lebens. Feindschaft stifte ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachwuchs und ihrem Nachwuchs. Der wird deinen Kopf angreifen, du wirst seine Ferse angreifen."...

Da gab der Mann-Mensch seiner Frau einen Namen: Chawwa, Eva, denn sie wurde zur Mutter aller, die leben. Und Adonaj, also Gott, machte selbst für den Menschen als Mann und für seine Frau Gewänder für die Haut und bekleidete sie. Und Adonaj, also Gott, sprach: "Schau, der Mensch ist im Blick auf die Erkenntnis von Gut und Böse wie einer von uns geworden. Dass er nur nicht auch noch seine Hand ausstreckt, vom Baum des Lebens nimmt, isst und so ewig lebt."

Da schickte Adonaj, also Gott, sie fort aus dem Garten Eden, damit sie auf dem Acker arbeiteten, von dem sie genommen wurden. So vertrieb sie die Menschen und ließ östlich des Gartens Eden die Kerubim lagern, dazu die Flamme des zuckenden Schwertes, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen.
(1.Mose, Kapitel 3)

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Hintergründe und Links

Presse

Literatur

Weitere Links zur Bibel

   

 

Rezensionsnotiz - Neue Zürcher Zeitung, 14.12.2006

Die Theologin Elisabeth Gössmann befürchtet, dass die gesamte feministische Theologie durch die in großen Teilen nicht gelungene "Bibel in gerechter Sprache" in Misskredit gebracht wird. Hier habe der Leser es mit einer Bibelauslegung und keiner Bibel zu tun, merkt die Rezensentin an. Sie moniert daran die "häufigen Ideologisierungen" und die oft unmotiverte Einbeziehung der weiblichen Person, auch wenn dies inhaltlich gar nicht angebracht ist, die protestantische Färbung des Projekts sowie eine zu beobachtende "Vergewaltigung der deutschen Sprache". Ihre handwerkliche Kritik belegt Gössmann mit detaillierten Beispielen. (Quelle: Perlentaucher)

Rezensionsnotiz - Neue Zürcher Zeitung, 18.11.2006

"Schon das Unternehmen an sich, nämlich eine "gesinnungsgerechte" Bibelübersetzung zu schaffen, ist für den Rezensenten und Theologen Ingolf U. Dalferth ein Missverständnis. Das Ergebnis betrachtet er in weiten Teilen als "theologische Bankrotterklärung", die "ein trauriges Licht" auf den Zustand der protestantischen Theologie werfe. So regt er sich nicht nur über "Hirtinnen und Hirten" und "Pharisäerinnen und Pharisäer" auf, sondern auch über andere politisch korrekte Absurditäten. Auch dass der Bibeltext seiner Beobachtung zufolge oft "gezielt umgedeutet" wird, ruft seinen Widerspruchsgeist auf den Plan. Als Tiefpunkt empfindet er dann die "durchgehende Tendenz" dieser Übersetzung, "sachliche Differenzen zu verharmlosen" und "theologische Entwicklungen aus ideologischen Gründen" einfach auszublenden oder in banalen Allerweltsfloskeln zu neutralisieren. Schlichtweg unverantwortlich findet Dalferth den Umgang mit biblischen Gottesbezeichnungen und auch Willkürakte, die der Rezensent letztlich auch deshalb indiskutabel findet, weil sie eine kritische Auseinandersetzung mit dem Bibeltext schier unmöglich machen, der in dieser Version nicht mehr kenntlich ist." (Quelle: Perlentaucher)


Beschluss zu neueren deutschen Bibelübersetzungen

Die Bischofskonferenz der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), die Verantwortung auch für die Ordnung des Gottesdienstes trägt, hat sich mit der „Bibel in gerechter Sprache“ im Zusammenhang mit anderen neueren Übersetzungen befasst. Die Bischofskonferenz ist sich in der Beurteilung in folgenden Punkten einig:

1) Die „Bibel in gerechter Sprache“ ist von keinem kirchlichen Gremium autorisiert und muss im Zusammenhang mit anderen Versuchen der Übersetzung oder Übertragung der Bibel geprüft und beurteilt werden.

2) Die „Bibel in gerechter Sprache“ kann eine Hilfe sein, auf Auslegungsprobleme und -möglichkeiten der Heiligen Schrift hinzuweisen. Diese sind innerhalb der „Bibel in gerechter Sprache“ durch die verschiedenen Übersetzerinnen und Übersetzer selbst ungleich bis widersprüchlich und in unterschiedlicher Qualität bearbeitet worden.

3) Die „Bibel in gerechter Sprache“ ist ungeeignet, als einzige Bibelübersetzung gebraucht zu werden. Denn viele Übersetzerinnen und Übersetzer lassen ausreichende Hinweise auf die kulturelle und religiöse Welt vermissen, in denen diese Texte entstanden sind. So entsteht oft ein falsches Bild des Textsinnes, das ein differenziertes Verständnis der biblischen Texte erschwert. Stattdessen tragen sie bewusst moderne Vorstellungen ein. Das widerspricht dem von der Reformation wieder eingeschärften Respekt vor der Heiligen Schrift.

4) Für den gottesdienstlichen Gebrauch hält die Bischofskonferenz der VELKD die „Bibel in gerechter Sprache“ darum für ungeeignet. Die Mitglieder der Konferenz werden in ihren Kirchen deutlich machen, dass die Luther-Übersetzung die Übersetzung ist, die im Gottesdienst verwendet wird und die die Grundlage für die agendarischen Texte ist.

5) Die Bischofskonferenz wird darauf achten, dass auch andere Übersetzungen in gleicher Weise sorgfältig geprüft und bewertet werden. Sie bittet das Amt der VELKD, ihr auf der nächsten Sitzung über die Debatte um die „Bibel in gerechter Sprache“ und andere Übersetzungen zu berichten.

Meißen/Hannover, den 06.03.2007

Am 31. März hat die EKD eine im Ergebnis gleichlautende Stellungnahme abgegeben. Lesen Sie mehr ...


Auseinandersetzung über die "Bibel in gerechter Sprache" neu entflammt

Lübeck/München (epd). In der evangelischen Kirche ist die Auseinandersetzung über die "Bibel in gerechter Sprache" neu entflammt. Der Lübecker Altbischof Ulrich Wilckens nennt die Übersetzung in einem theologischen Gutachten "bekenntniswidrig". Sie tauge nicht einmal für die persönliche Lektüre, heißt es in der am Donnerstag bekannt gewordenen Stellungnahme. Auch Nordelbiens leitender Bischof Hans Christian Knuth hält die Bibelübersetzung im Gottesdienst für "untauglich".

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, sagte, er halte die Übersetzung "nicht für gelungen". Die EKD empfehle sie auch nicht für den Gebrauch, so Bischof Huber in der "Süddeutschen Zeitung". Ziel der "Bibel in gerechter Sprache" ist nach Angaben der Übersetzerinnen, die Rolle der Frauen neu zu beleuchten und Angriffe auf das Judentum zu tilgen. Die Lübecker Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter gehört zu den Förderern des Projekts. Auffälliges Merkmal der Übersetzung ist, dass der Ausdruck "Herr" ersetzt wurde durch Begriffe wie "die Heilige", "Ich-bin-da", "Adonaj" oder "der Ewige".

Altbischof Wilckens, der als Hamburger Theologieprofessor selbst das Neue Testament übersetzte, nennt den Geist der neuen Bibel-Übersetzung "Häresie" (Ketzerei). Mit der Vermeidung des Begriffs "Vater" für Gott werde das Wesen des biblischen Gottes mutwillig verändert. Jesus erscheine nicht als Sohn Gottes und Erlöser, sondern als "vorbildlicher Mensch", der den Menschen die weiblichen Züge seiner Gotteserfahrung nahe bringt.

Wenn die Übersetzerinnen statt vom "Sohn" nur von "Gottes Kind" sprächen, verwandele sich der "feierliche Zuspruch Gottes aus dem geöffneten Himmel" in eine menschliche Familienidylle, argumentiert Wilckens. Die Bibel sei nicht nur ein "Ausgangstext" für eine Übersetzung, die durch "sachfremde Interessen ideologischer Art" den Sinn verfälscht, sondern der "Grundtext" für alle Christen.

Die Anliegen der Übersetzerinnen gehörten in einen Kommentar und nicht in eine Übersetzung, schreibt Bischof Knuth in der Kirchenzeitung "Die Nordelbische". Sie mache aber auf Probleme der kirchlichen Tradition aufmerksam, die aufgearbeitet werden müssten. Einige Passagen führten "theologisch zur Irrlehre", deshalb müsse sich die Kirche aber nicht gleich von dem Werk distanzieren. (16. Februar 2007)


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