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Das Thema des Monats
im
März-Mai
2005
Stand:
14.08.2010 Anmerkungen zur Wertediskussion in Bildung, Kirche und Gesellschaft |
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Theologische Anmerkungen zur gegenwärtigen
Bildungs- und Wertediskussion/ Von
Kirchenrat Gerald Scheil (Impulsreferat auf der Tagung „Kirche und Schule“ am 22.02.2005 in Bad Alexandersbad) Im Folgenden möchte ich als Pfarrer und Theologe etwas Grundsätzliches zu Religion und Werten sagen. Es handelt sich dabei um keine Feldstudien und keine wissenschaftliche Untersuchungen, sondern um ein paar theologische Anmerkungen eines Christen und Vaters, dem manchmal Angst wird, wenn er die Zeitung liest und die Entwicklungen in der Bildungspolitik verfolgt. Was ist das überhaupt „Religion“ oder „Glaube“? Wenn ich mit den Schülern der 9. Klasse über das Thema „Religion“ spreche, dann versuche ich ihnen das Wesen von Religion mit einem Bild klar zu machen:
Ich denke, dieses Bild ist von einem ungeheuer fähigen Fotografen aufgenommen, der das Wesen von Glaube und Religion in einer ganz geschickten, symbolischen Weise zum Ausdruck gebracht hat:
Viel besser kann man m.E. das Wesen des Glaubens bildnerisch
nicht ausdrücken. Das Leben ist so gefährlich und bedrohlich wie ein
Sprung ins Ungewisse. Für diese Gefährlichkeit des Lebens steht die
Tiefe des Abgrundes, die Frau hat keinen Boden mehr unter den Füßen,
unter ihr tut sich die Weite des Meeres auf. In der Religion, der
Dichtung und Literatur wird unser Leben immer wieder mit einer
gefährlichen Seefahrt verglichen. In fast allen Kulturen und
Religionen - von den Wikingern bis ins Alte Ägypten - ist das Schiff
Symbol für die Seele und das menschliche Leben. Die Klippen sind ein
weiteres Symbol für die Gefahren des Lebens, an denen wir
zerschellen können. Das ist aber nur die Hälfte der Wahrheit dieses Bildes. Ursprünglich sieht es so aus:
Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei geht. Die Schülerinnen und
Schüler meiner 9. Klassen müssen, wenn ich das Bild aufdecke, lachen
und gleichzeitig gefriert ihnen das Lächeln. Soeben haben sie
ernsthaft erarbeitet, was wirklich wichtig ist im Leben. Sie sind
selber ganz ergriffen von der Tiefe und Bedeutung ihrer Gedanken und
dann bricht in ihre tiefsinnigen Gedanken plötzlich die Banalität
einer Zigarettenmarke. „Pervers“ ist ein häufiger Kommentar der
Schülerinnen und Schüler. Ich möchte damit nicht Peter Stuyvesant
oder das Rauchen schlecht machen. Meinen Schülern möchte ich damit
klarmachen: Neben wahrer Religion, gibt es auch falsche Religion,
neben Glaube gibt es auch Aberglaube, ein falsches Vertrauen in
etwas, das keinen wirklichen Halt gibt. Das, was Peter Stuyvesant
hier vor zwölf Jahren gemacht hat, ist kein Einzelfall.
Das alles zeigt: Das Heilige wird zum Werbegag für den
Kaufanreiz. Was unserer Gesellschaft bisher das Heiligste und
Wertvollste war, wird vor den Karren der Umsatzsteigerung gespannt,
denn Umsatzsteigerung scheint inzwischen unserer Gesellschaft und
auch den Gerichten, - ich denke da an die verlorene Klage der
Kirchen gegen eine Speiseeisfirma, die für ihre neuen Produkten mit
„die Versuchung zu den sieben Todsünden warb“ - das Wichtigste
geworden zu sein. Alles was uns heilig ist und war, kommt unter das
Diktat der Ökonomie. Die Ökonomie bestimmt heute alles. Sie ist zu
Beginn des 21. Jahrhunderts das, was in den 60er die Soziologie, in
den 70er die Psychologie und in den 80er die Ökologie war. Die
Wirtschaft versucht mit der Okkupation des Heiligen und der Werte
den Wert ihrer Produkte zu steigern, gleichzeitig aber erleben die
wirklichen Werte dadurch eine ungeheure Inflation. Da wird Bildung als „Rohstoff“ bezeichnet und als „Kapital“ verstanden. Von Menschen wird bevorzugt als „Humankapital“ gesprochen. Dieses Wort ist mit Recht zum Unwort des Jahres 2004 gekürt worden. Gero von Billerbeck hat, um die Abartigkeit dieses Wortes deutlich zu machen, im Nordbayerischen Kurier, den Wert eines Menschen berechnet. Ausgehend von dem in der Bundesrepublik vorhandenen Gesamtvermögen, kommt er auf den Wert von 40.000 € für den einzelnen Bundesbürger. Er fragt sich, ob es sich von daher nicht lohnen würde, seine Frau für diesen Preis zu verkaufen.
Ich musste dabei unwillkürlich an Michael Endes Kinder-Buch „Momo“
denken. Die Verfasser von „bildung neu denken“ erinnern mich
frappierend an die grauen Männer aus Momo, die die Menschen
terrorisieren, ihnen die Freude am Leben nehmen und das soziale
Miteinander zerstören, in dem sie die Menschen zum Sparen von
Lebenszeit anhalten.
KR Gerald Scheil ist
Schulbeauftragter für den Kirchenkreis Bayreuth |
"An machen Tagen rauft man sich als Journalist in einer Redaktion, die auf Religion und Kirche spezialisiert ist, schon die Haare. Fast die Hälfte der Deutschen, heißt es da in einer KNA-Meldung vom letzten Donnerstag, würde den Religionsunterricht zu Gunsten von Deutsch und Mathematik streichen. Das hat eine von der "Zeit" in Auftrag gegeben Umfrage ergeben. 48 Prozent der Befragten plädieren für die Abschaffung der religiösen Erziehung, 15 Prozent sind außerdem der Meinung, auf Kunst und Philosophie-Unterricht könne man verzichten, 10 Prozent halten den Musikunterricht für überflüssig. Bildungs-Utilitarismus nennt man so etwas wohl. Die platte Nützlichkeitserwägung steht im Vordergrund. Wahrscheinlich beklagen dieselben Befragten aber auch, dass heutzutage keine Werte mehr vermittelt und die Neonazis wieder auf dem Vormarsch sind. Wir halten dagegen." Wolfgang Küpper (BR-Kirchen-Newsletter vom 25.02.05)
"Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon." (Jesus von Nazareth, Matthäus 6,24)
"Gewinnstreben und Fürsorgepflicht schließen sich nicht aus. Wer das in seinem Verantwortungsbereich vorlebt, wird zum glaubwürdigen Vertreter, zur glaubwürdigen Vertreterin der christlichen Botschaft in der Welt." (Landesbischof Johannes Friedrich)
"In
der spirituellen Wüste der Moderne besetzen Marketingstrategen die
vakant gewordene Stelle der Religion mit Werbung im allgemeinen und
die Stellen, die bisher Gott und das Heilige innehatten, mit
Produkten im speziellen und allem, was mit dem Gebrauch eben eines
solchen Produktes in Verbindung steht: statt Religionsausübung
Konsum, statt ‘Göttern’ Idole des Konsums, statt Kirchen
‘Konsumtempel’, statt religiöser Glaubensgemeinschaften
Glaubensgemeinschaften des Konsums. Dabei gilt die Zugehörigkeit zur
Ingroup bei gleicher Markenwahl als konstitutiv und es droht die
Exkommunikation bei Wahl der falschen Marke in ebenso konsequenter
Weise.
Die Thesen von Gerald Scheil im Überblick:
"Unser
Bildungssystem befindet sich in einer Krise. Eine solche Entwicklung
ist nicht neu. Vor über 30 Jahren sprach man schon einmal von einer
»Bildungskatastrophe«. Damals wurde eine Bildungsoffensive
gestartet, die mit vielen Idealisierungen verbunden war. Das große
Ziel, mehr Bildungszugänge und mehr Chancengerechtigkeit zu
schaffen, wurde allerdings bis heute nur ansatzweise verwirklicht.
Das zeigen die aktuellen Studien erschreckend deutlich. Zahlreiche
Programme wollen Abhilfe schaffen. Manche preisen einseitig die
angeblich unbegrenzten Möglichkeiten von Wissen und Lernen. Die
alten Fehler sollten sich nicht wiederholen. Gefragt ist ein
realistischer Blick auf den Menschen. Die Bibel spricht davon, dass
er wenig niedriger gemacht ist als Gott (Psalm 8). Darin liegt ein
großartiges Potential. Gleichzeitig zeigt das Bußgebet »Herr, sei
mir gnädig, denn ich bin schwach« (Psalm 6), dass sich der Mensch
immer wieder schmerzlich seines Unvermögens bewusst wird. (Vorwort zur Denkschrift der EKD, "Maße des Menschlichen")
"Dürfte ich das Unwort des Zeitalters bestimmen, so käme nur eines in Frage: kommunizieren. Ein Autor kommuniziert nicht mit seinem Leser. Er sucht ihn zu verführen, zu amüsieren, zu provozieren, zu beleben. Welch einen Reichtum an (noch lebendigen) inneren Bewegungen und entsprechenden Ausdrücken verschlingt ein solch brutales Müllschluckerwort! Mann und Frau kommunizieren nicht miteinander. Die vielfältigen Rätsel, die sie einander aufgeben, fänden ihre schalste Lösung, sobald dieser nichtige Begriff zwischen sie tritt. Ein Katholik, der meint, er kommuniziere mit Gott, gehört auf der Stelle exkommuniziert. Zu Gott betet man, und man unterhält nicht, sondern man empfängt eine Heilige Kommunion. All unsere glücklichen und vergeblichen Versuche, uns mit der Welt zu verständigen, uns zu berühren und zu beeinflussen, die ganze Artenvielfalt unserer Regungen und Absichten fallen der Ödnis und der Monotonie eines soziotechnischen Kurzbegriffs zum Opfer. Damit leisten wir dem Nichtssagenden Vorschub, das unsere Sprache mit großem Appetit auffrisst." (Botho Strauß, "Der Untenstehende auf Zehenspitzen, Hanser 2004, S.41)
"Es gehört zu den üblesten Unsitten unserer Soziozentrik, alles, was man als das Höhere ausgemacht hat, vor allem in Kunstwerken, zu sich zu herabzuholen und mit sich selber zu vergleichen. Auf Kanzeln, Kongressen, Theaterbühnen geschieht es bis zum Überdruß, der immergleiche Orpheus aus der Tiefgarage. Aber auch im Gefühlsleben, in der Begegnung von Mann und Frau ist sie weit vorgerückt, diese unerträglich scheele Anmaßung des korrekten Demokraten, der, was immer er an Höherem erwischen kann, ins Breite und ihm Passende verziehen muß. Erstes Gesetz dem entgegen: erkenne, was höher ist als du selbst. Lerne die Fremdsprache. Beachte den Menschen als ein Geschöpf in der Senkrechten, eine Linie, die ihn erdet, aber auch übersteigt. Meide die Pädo-kata-gogen: die Herunter-Erzieher." (ebd. S.59f.)
"Was nützt mir eine Welt ohne kindliche Mythologie? Wir brauchten sie nicht, weil wir eben keine Kinder mehr wären? Kommt ganz drauf an. Vielleicht sind wir sogar nur Kleinkinder des universalen Wissens, wer will das von hier aus bestimmen? Mythologien jedenfalls, die etwas üppiger gestaltet wären als Animationsfiguren, würden gewiß die rational foolishness ein wenig einschränken, die Vernunft dafür aber festigen und beschweren und ihr windiges Mitläufertum drosseln. Mythologien halten die Welt an. Rationalität gehört längst dem Denken der Dinge, die andere Dinge befördern und emsig alles tun, was ihrem Zusammenhalt nützt. Man erkennt nur noch schemenhaft die Herkunft aus einer menschlichen Begabung oder Veranlagung." (ebd. S.29)
"Natürlich konnte Nietzsche lediglich eine Attrappe, eine Maske Gottes für tot erklären. Natürlich ist der Mensch bereits ein Maschinenkomplize, bevor die Nanoboter in seine Zellen eindringen. Natürlich ist er thymisch längst erledigt, bevor er genetisch mutiert. Und ist sein ausgeblasenes Innenleben die Voraussetzung für den unbegrenzten Erfolg alles Machbaren." (ebd. S.75)
"Seit der Verfehlung im Garten Eden sucht der Vertriebene vergeblich nach einem haltbaren Verbot. Aber es ist nicht die verlorene Unschuld, sondern die verlorene Furcht, welche die Suche vergeblich, alle Verbote vor-läufig macht." (ebd. S.123)
"Nimm das Übernatürliche weg und was bleibt, ist das Unnatürliche." (Chesterton)
"Wer für die alten Werte plädiert, muss auch sagen, was er nicht mehr will. Eine Gesellschaft, die sich daran gewöhnt hat, die Menschen als Mittel zum Zweck zu betrachten, als Konsumenten einer florierenden Medien- und Genussmittelwirtschaft, als Beitragszahler für die Altersvorsorge, als Objekte für Emanzipationsbewegungen und Quotenregelungen, hat den Boden für immer verlassen, auf dem die alten Werte des Abendlandes sich entwickelt haben. Wer Computer in den Klassenraum stellt, rechnet mit anderen Verhaltensformen, Arbeitsmechanismen, mit anderen Auffassungen vom Menschen, von der Gesellschaft, von der Natur - mit anderen Werten also, als sie eine vordigitale Gesellschaft gekannt hat. So wichtig die Diskussion ist, so misstrauisch macht es, dass mit ihr die Politik jetzt einen der letzten politikfreien Räume okkupiert. Werte an die Jugend zu vermitteln ist für den Staat eine der leichtesten Aufgaben. Wie das geht, hat das vergangene Jahrhundert bedrückend gezeigt. Aber Werte haben ihren Sitz im Leben, nicht im Parlament und nicht in den Regierungen. Sie sind Bürgersache - die Politik soll die Finger davon lassen. Wenigstens das ist eine Lehre, die man aus dem 20. Jahrhundert ziehen kann." (Peter Brenner, Die Welt vom 17.05.2001)
Die erste Voraussetzung für die freie Präsenz der Religion im öffentlichen Raum ist die scharfe Trennung zwischen politischer Macht und geistlicher Vollmacht. Religionsgemeinschaften dürfen nur an die freien Gewissen ihrer Anhänger appellieren und niemals Zwang ausüben. Der Staat hingegen muss oft Zwang ausüben – und hat deshalb in Sachen Religion keinerlei Kompetenz zu beanspruchen (übrigens auch nicht die Kompetenz, im vermeintlichen Auftrag Gottes die Demokratie über die Welt zu verbreiten). Das ist gewissermaßen die Kehrseite der Böckenförde-Formel: Der moderne Staat lebt zwar von Voraussetzungen, die er selber nicht garantieren kann – er darf sich allerdings auch nicht anmaßen, sie selber zu produzieren. Die Religionsgesellschaften haben keinerlei staatliches Mandat, der Staat hat keinerlei religiöses Mandat, weder positiv noch negativ. Zugespitzt ausgedrückt: Nur ein Staat, der nicht darauf aus ist, Gott abzuschaffen, kann ein wahrhaft säkularer Staat sein. (Robert Leicht, Die ZEIT Nr.16/2004)
"Die
Zukunft gehört denen, die von allem befreit sind, was uns
beschwerte. Man macht sich ja keine Vorstellung, wie gut alles gehen
wird, sobald wir vom Guten nichts mehr wissen."
„Der Rationalismus der Aufklärung ist innerhalb des Szientismus längst dem Glauben an die Ohnmacht der menschlichen Vernunft gewichen, dem Glauben, dass wir nicht das sind, wofür wir uns halten, vernünftige, freie, selbstbestimmte Wesen. Der christliche Glaube hat den Menschen zwar nie für so vernünftig und so frei gehalten, wie es die Aufklärung des 18. Jahrhunderts tat. Er hält ihn aber auch nicht für so unvernünftig und so unreif, wie es der heutige Szientismus tut. Und er traut der Vernunft, der ratio, eine größere Reichweite zu als der Szientismus. Ratio heißt sowohl Vernunft wie Grund. Die wissenschaftliche Weltanschauung hält die Welt und damit auch sich selbst für grundlos und irrational.“ (Robert Spaemann, Am Anfang, die WELT vom 31.12.04) |
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Werte-Bildung Von Landesbischof Johannes Friedrich (Auszug) "Entgegen
landläufiger Vorurteile erlebe ich in meinen regelmäßigen Gesprächen
mit Vertretern aus dem Bereich der Wirtschaft, dass das Thema Werte
auch dort eine wichtige Rolle spielt. Auch in wirtschaftlich
schwierigen Zeiten werden in den Führungsetagen der Unternehmen
offenbar nicht alle ethischen Maximen über Bord geworfen.
Lesen Sie hier den ganzen
Vortrag
von Landesbischof Friedrich
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"Die Beachtung christlicher Werte trägt zum Erfolg eines Unternehmens bei. Das hat eine Studie von Wissenschaftlern des Bonner Unternehmens "Deep White" und der Universität St. Gallen ans Licht gebracht. Bei einer Untersuchung von 33 Firmen fanden sie heraus, dass Faktoren wie Ehrlichkeit, Anerkennung, Selbstachtung und Gerechtigkeit ein Viertel des über Indikatoren erfassten betriebswirtschaftlichen Erfolges erklären. Darüber berichtet der Rheinische Merkur in seiner Ausgabe vom 13.1.05. Um nun noch genauer zu klären, welche ethischen Standards am prägendsten sind, wollen die Forscher als nächstes das Unternehmen "Underberg" unter die Lupe nehmen, das sich in seinem Leitbild zur christlichen Weltanschauung bekennt." (Kongress christlicher Führungskräfte,13.01.2005)
"Wie
wird aus einer „normalen“ Firma eine God@work-Company? Aus gutem Grund
glauben (Aus dem Vorprogramm zum Kongress christlicher Führungskräfte 2005)
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Hintergründe und Links
Kirchenstimmen
Weiteres zum Thema auf dekanat-hof.de
Literatur
„ … jede Setzung eines »positiven Wertes« (setzt) die Entwertung seines Gegenteils zum Unwert ebenso voraus wie die Evaluierung der Nichtexistenz des »positiven Wertes« als eines Unwertes. Ja, die Negation ist es offenbar, die den Wert allererst als Wert ausweist, so »daß die Verneinung« geradezu »ein Wertkriterium bildet«. Diese »ontologische Aggressivität« des Denkens in Werten wiederholt sich im Bereich der »positiven Werte« in Gestalt der Dialektik von Aufwertung und Abwertung. Kann es da verwundern, daß das »theoretische« Bewerten von allem und jedem zur »praktischen« Auswertung und Verwertung dessen, was ist, geradezu drängt? Der Aggressivität des Denkens folgt die Aggressivität der Tat. Wahrscheinlich soll die Etablierung von »Grundwerten« dem aggressiven Denken und Handeln gewisse Grenzen setzen. In Wahrheit läuft ein solches Unternehmen jedoch auf den Versuch hinaus, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben. Kirche und Theologie sind also schlecht beraten, wenn sie die Relevanz des christlichen Glaubens ausgerechnet dadurch erweisen zu können meinen, daß sie sich immer tiefer in die »Logik des Wertes« verstricken lassen. Was wäre das für ein Gott, den man als höchsten Wert zu verehren hätte? Ganz abgesehen davon, daß seine Höchststellung in der Hierarchie der Werte ihn keineswegs davor bewahrt, aus irgendeinem Anlaß seinerseits abgewertet oder gar zur Negation aller Werte entwertet zu werden (womit er freilich noch eher als Gott ernstgenommen sein dürfte als in der Position des höchsten Wertes) - ein solcher Gott wäre nichts anderes als die Heiligsprechung der Aggressivität menschlichen Denkens und Handelns, der er dann wohl auch selber zum Opfer fallen muß. Nichts bewahrt den als höchsten Wert in Stellung gebrachten Gott davor, religiös ausgewertet und verwertet zu werden. »Zu lang ist alles Göttliche dienstbar schon / Und alle Himmelskräfte verscherzt, verbraucht / ..., danklos ein / Schlaues Geschlecht ...« (Hölderlin) Die Transformation der Wahrheit des Evangeliums in sogenannte Grundwerte (mit einem göttlichen Höchstwert als Gegenüber) kann für den, der die »Logik des Wertes« begreift, keine christliche Möglichkeit sein. (Eberhard Jüngel, Wertlose Wahrheit, Mohr Siebeck, 2. Auflage 2003, S. X (Vorwort)) |
"Aus der Wertedebatte ist bemerkenswert
schnell eine Erziehungs- und damit eine Schuldebatte geworden - als
ob die Erwachsenen, die Politiker und Eltern, die Unternehmer und
die Medienmacher, nichts damit zu tun hätten; nicht die Profiteure
öffentlicher Ämter, nicht die Steuerhinterzieher, nicht die
Konsumrauschdealer und nicht die Big-Brother-Produzenten. Es wird so
getan, als ob Werte eine Sache seien, die zwischen Lehrern und
Schülern verhandelt werden müssten. Die Schule muss also wieder ran;
am besten als Ganztagsschule. Da können Werte vermittelt werden,
ohne dass die Eltern - die Wähler - damit belästigt werden müssen.
" "Da, wo es (in der Familie) keine argumentative Diskussion gibt, kein gemeinsames Leben nach erkennbaren und begründbaren Regeln und Wertvorstellungen, bleiben Kinder orientierungslos. Sie haben die Freiheit der Ratlosigkeit. Und diese Leere wird dann von außerfamiliären Einflüssen gefüllt, von der Popkultur, den Medien und Glücksverheißungen der Konsumgesellschaft. Hier werden dann jene fragwürdigen Wertmaßstäbe und Ideale gesetzt, die es Kindern so schwer machen, sich in der gesellschaftlichen Realität zurechtzufinden, Lernen und Leistung, Wissen und Bildung als sinnvolle, interessante Ziele zu verfolgen. Wer tagtäglich in den vorabendlichen Soap-Operas nach dem Muster „Verbotene Liebe“ und „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ junge Kids in Designerklamotten erlebt, die in gestylten Wohnungen und bei popfarbigen Cocktails in Schickimicki-Bistros ihre Scheinprobleme lösen, der verliert den Blick für die Wirklichkeit des eigenen Lebens. ...
Alle sind irgendwie klug
und flexibel, haben immer Geld in der Tasche und lösen ihre
Schwierigkeiten durch Gelaber. Wer tagtäglich diese anstrengungslose
Leichtlebigkeit der hübschen Lifestyle-Vorbilder sieht, dazu die
Show-Castings künstlerischer Nichtskönner, die zu Kurzzeit-
„Superstars“ hochgepusht werden, dem erscheint das eigene Leben
langweilig und trist, der Gang zur Schule, der „Zwang“, etwas zu
leisten und zu lernen, was auf den ersten Blick nicht reich und
berühmt macht, als Qual. Und es ist bequemer, dem Leben und Lieben
anderer zuzusehen, mit ihnen zu träumen und zu leiden, als sich den
alltäglichen Schwierigkeiten des eigenen Lebens zu stellen. Die von
der Popkultur und Werbung gesetzten (Joachim Kutschke, Unbehauste Kinder, Spiegel, Nr. 17, 2006, S. 56f.) |
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