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Das Thema des Monats im März-Mai 2005                                                                                                               Stand: 14.08.2010

Anmerkungen zur Wertediskussion in Bildung, Kirche und Gesellschaft

 

  • Theologische Anmerkungen zur gegenwärtigen Bildungs-
    und Wertediskussion/ Von Kirchenrat Gerald Scheil
  • Werte-Bildung/ Von Landesbischof Johannes Friedrich
    (Auszug)


im März
-Mai 2005


Standpunkte:  

Theologische Anmerkungen zur gegenwärtigen Bildungs- und Wertediskussion/ Von Kirchenrat Gerald Scheil

(Impulsreferat auf der Tagung „Kirche und Schule“ am 22.02.2005 in Bad Alexandersbad)

Im Folgenden möchte ich als Pfarrer und Theologe etwas Grundsätzliches zu Religion und Werten sagen. Es handelt sich dabei um keine Feldstudien und keine wissenschaftliche Untersuchungen, sondern um ein paar theologische Anmerkungen eines Christen und Vaters, dem manchmal Angst wird, wenn er die Zeitung liest und die Entwicklungen in der Bildungspolitik verfolgt.

Was ist das überhaupt „Religion“ oder „Glaube“?

Wenn ich mit den Schülern der 9. Klasse über das Thema „Religion“ spreche, dann versuche ich ihnen das Wesen von Religion mit einem Bild klar zu machen:

Ich denke, dieses Bild ist von einem ungeheuer fähigen Fotografen aufgenommen, der das Wesen von Glaube und Religion in einer ganz geschickten, symbolischen Weise zum Ausdruck gebracht hat:

  • Eine junge Frau springt, gehalten von einem Bunjee-Seil, das an einer Brücke befestigt ist, von einer Felsenklippe.
  • Unter ihr tut sich die Weite des Meeres auf.
  • Die Höhe der Klippe, die Gefahr des Sprunges wird deutlich daran, wie winzig das Boot unten in der Bucht ist.
  • Das Seil, das ihr Halt gibt, geht geradewegs durch das Wort „glaube“.

Viel besser kann man m.E. das Wesen des Glaubens bildnerisch nicht ausdrücken. Das Leben ist so gefährlich und bedrohlich wie ein Sprung ins Ungewisse. Für diese Gefährlichkeit des Lebens steht die Tiefe des Abgrundes, die Frau hat keinen Boden mehr unter den Füßen, unter ihr tut sich die Weite des Meeres auf. In der Religion, der Dichtung und Literatur wird unser Leben immer wieder mit einer gefährlichen Seefahrt verglichen. In fast allen Kulturen und Religionen - von den Wikingern bis ins Alte Ägypten - ist das Schiff Symbol für die Seele und das menschliche Leben. Die Klippen sind ein weiteres Symbol für die Gefahren des Lebens, an denen wir zerschellen können.

These 1
Glaube ist ein letzter Halt, eine letzte Bindung an etwas Höheres, die mir das Vertrauen schenkt, den Sprung in das Leben zu wagen. Diese Geborgenheit kann ich mir nicht selber geben.

Ganz geschickt gewählt ist dieses Rettungsseil an einer Brücke festgemacht. Für die Katholiken unter uns wird die Assoziation an den heiligen Vater, den „pontifex maximus“, den größten Brückenbauer, nahe liegen. Katholiken und Protestanten denken dabei aber vor allem an Jesus Christus, der die Brücke zwischen Gott und Welt, Immanenz und Transzendenz, Diesseits und Jenseits bildet.

Das ist aber nur die Hälfte der Wahrheit dieses Bildes. Ursprünglich sieht es so aus:

Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei geht. Die Schülerinnen und Schüler meiner 9. Klassen müssen, wenn ich das Bild aufdecke, lachen und gleichzeitig gefriert ihnen das Lächeln. Soeben haben sie ernsthaft erarbeitet, was wirklich wichtig ist im Leben. Sie sind selber ganz ergriffen von der Tiefe und Bedeutung ihrer Gedanken und dann bricht in ihre tiefsinnigen Gedanken plötzlich die Banalität einer Zigarettenmarke. „Pervers“ ist ein häufiger Kommentar der Schülerinnen und Schüler. Ich möchte damit nicht Peter Stuyvesant oder das Rauchen schlecht machen. Meinen Schülern möchte ich damit klarmachen: Neben wahrer Religion, gibt es auch falsche Religion, neben Glaube gibt es auch Aberglaube, ein falsches Vertrauen in etwas, das keinen wirklichen Halt gibt. Das, was Peter Stuyvesant hier vor zwölf Jahren gemacht hat, ist kein Einzelfall.

Seit etwa 20 Jahren ist zu beobachten, dass die Industrie, die Werbung, die Wirtschaft immer häufiger religiöse oder biblische Motive aufgreift, um ihre Produkte aufzuwerten. (Diese und andere Beispiele finden sich auch im Internet unter: www.glauben-und-kaufen.de/.)

  • Levis-Jeans vergleichen ihre Hosen mit der Versuchung im Paradies.
  • Nissan „verkündet“ im Jahr 1997: 10 Angebote sind 10 Gebote!
  • Paulaner lässt den Bierkasten von einem göttlichen Blitz teilen, wie einst Mose das Rote Meer.
  • Nissan beruhigt seine Kunden: „Seid versichert: Nissan ist bei Euch!“
  • Fahre dich in Versuchung, dein Micra kommt!
  • Fahren ist seliger als laufen.
  • Titelstory der HÖRZU im Dezember 2002: Die 10 Gebote der Wellness.
  • Und Aral wirbt für das Autowaschen am Sonntag mit dem Slogan: „Sie haben ja doch nichts besseres vor“. (vgl. Gronemeyer, Eiszeit der Ethik, S.32f)

Das alles zeigt: Das Heilige wird zum Werbegag für den Kaufanreiz. Was unserer Gesellschaft bisher das Heiligste und Wertvollste war, wird vor den Karren der Umsatzsteigerung gespannt, denn Umsatzsteigerung scheint inzwischen unserer Gesellschaft und auch den Gerichten, - ich denke da an die verlorene Klage der Kirchen gegen eine Speiseeisfirma, die für ihre neuen Produkten mit „die Versuchung zu den sieben Todsünden warb“ - das Wichtigste geworden zu sein. Alles was uns heilig ist und war, kommt unter das Diktat der Ökonomie. Die Ökonomie bestimmt heute alles. Sie ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts das, was in den 60er die Soziologie, in den 70er die Psychologie und in den 80er die Ökologie war. Die Wirtschaft versucht mit der Okkupation des Heiligen und der Werte den Wert ihrer Produkte zu steigern, gleichzeitig aber erleben die wirklichen Werte dadurch eine ungeheure Inflation.

These 2:
Die totale Ökonomisierung unserer Lebenswirklichkeit ist ein wesentlicher Faktor bei dem, was man allseits als Werteverlust beklagt: Die Ökonomie verschlingt die Transzendenz.

Überall beklagt man das Schwinden der alten Werte. Der Ruf nach den Kopfnoten wird in den Bundesländern, die sie in den 70er Jahren (Niedersachsen) abgeschafft haben, wieder laut. Man spricht vom Werteverfall und vom Werteverlust, bzw. ruft nach neuen Werten in der Erziehung (so z.B. eine Abendveranstaltung des EBW-Bayreuth im letzten Jahr). Auch der Ruf nach den Kirchen wird manchmal in diesem Zusammenhang laut, so z.B. Ministerpräsident Stoiber im Jahr 2002. Dies führt mich zu meiner dritten, geistesgeschichtlichen These:

These 3
Die Rede von den Werten ist letztlich unmoralisch, weil sie selbst schon Ausdruck eines pervertierten, ökonomisierten Welt- und Lebensverständnisses ist.
Die Rede von den Werten soll nämlich letztlich die Rede von Gott ersetzen.

Wie ist das zu verstehen?
Der Philosoph Martin Heidegger (1889–1976) sah im Denkansatz des Philosophen Renee Descartes (1596–1650) die verhängnisvolle Weichenstellung der abendländischen Geistesgeschichte. Descartes teilte die Welt in zwei Gruppen ein, in die res extensae, die ausgedehnten Körperdinge und in die res cogitantes, die geistigen Wirklichkeiten, wie z.B. Gott. Der Mensch selber ist ein seltsam zweigeteiltes, oder besser doppeltes Wesen: Aufgrund seines Körpers ist er ein Körperwesen, aufgrund seiner Denkfähigkeit gehört er zu den res cogitantes. Die res extensae haben nun den großen Vorteil, dass sie sichtbar, greifbar, messbar und berechenbar sind. Heidegger sieht in dieser Unterscheidung die Voraussetzung und die Grundlage einerseits für den Siegeszug der Technik, andererseits aber auch die Ursache für die Seinsvergessenheit des modernen Menschen. Der Mensch flüchtet sich immer mehr in die Welt der berechenbaren, machbaren, seienden Dinge und verliert damit aber die Verbindung zu seinem eigentlichen Urgrund, dem Sein.

Dieses Gerede von den Werten ist selber schon Ausdruck einer Welt- und Lebenseinstellung, die - philosophisch formuliert - die Verbindung zum Urgrund des Seins verloren hat, oder - theologisch ausgedrückt - den Glauben an Gott verloren hat. Das Wort „Wert“ ist ursprünglich ein wirtschaftlicher Begriff, der den Tauschwert von Arbeit, Boden und Kapital umschreibt. Dieser Tauschwert bestimmt sich durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Der ökonomische Wertbegriff ist vollkommen wertfrei und gibt nicht an, was gut oder böse ist. Jeder Unfall, jede Krankheit, selbst Katastrophen bei der Menschen ums Leben kommen, steigern das Bruttossozialprodukt, da zu deren Behebung Güter und Dienstleistungen erbracht werden müssen.

Die Rede von den Werten im philosophischen und ethischen Sinn ist relativ neu und kam erst im 19. Jahrhundert auf. Luther z.B. kannte den Begriff „Werte“ nicht, sondern sprach statt dessen von „Gütern“ und die Antike sprach von „Tugenden“. Diese Worte bringen den menschlichen und ethischen Aspekt dessen, was wir heute mit Werten bezeichnen, viel besser zum Ausdruck. In dem Wort „Güter“ steckt das Wort „gut“ und enthält somit eine Erinnerung an Gott, das summum bonum, das höchste Gut. Das Wort Tugend bringt zum Ausdruck, dass es sich nicht um eine Ware handelt, die man nach Belieben verschieben und handeln kann, sondern dass es um eine Grundhaltung geht, die mich als Mensch fordert.

Reimer Gronemeyer schreibt ziemlich sarkastisch in seinem Buch „Eiszeit der Ethik“: "Wenn wir das Schwinden der alten Werte beklagen, bekommen die sogenannten Werte die Gestalt eines schmelzenden Eisblockes oder eines in die Baisse geratenden Aktienpaketes. Gern wird dabei auch von moralischen Ressourcen, die angeblich knapp werden, gesprochen, als handle es sich um Braunkohle.“ (ebd. S.17)

Genau dies meinte Heidegger: Der Mensch verliert sich an das Seiende, an die Dinge und vergisst das Sein. Er behandelt sich selbst und das Leben wie res extensae. Theologisch gesprochen: Der Mensch verliert sich an die Immanenz, an die Diesseitigkeit und vergisst die Transzendenz, das Nicht-Sichtbare, das Geistige.

Mit der Rede von den Werten wird aber gleichzeitig auch ein neues Existenzverständnis zum Ausdruck gebracht: Die Rede von den Werten hat die Rede von Gott ersetzt. Nicht mehr Gott setzt, was gut und böse ist, sondern wir versuchen uns selbst, dessen zu vergewissern, was wir für wichtig halten. Denn Werte beruhen auf Wertschätzungen und Wertsetzungen, die wir selber vornehmen. Um im Bild vom Anfang zu sprechen: Wir wollen uns nicht mehr von Gott an dem Seil halten lassen, sondern wir versuchen selber einen Anknüpfungspunkt zu finden, an dem wir uns fest machen können.

Das Gefährliche an der Rede von den Werten ist, dass jenes Größere, in dem der Mensch Sicherheit und Halt gefunden hat, nennen wir es Gott oder mit Heidegger das Sein, mit den Dingen dieser Welt verschwimmt. Ein BMW-Vorstandsmitglied hat es einmal so formuliert: „Wir produzieren keine Autos, sondern Lebenswerte!“ In diesem selbstbewussten Ausspruch über ein sicher sehr gutes und wertvolles Produkt der Automobilindustrie kommt genau jenes Verfließen von Transzendenz und Immanenz zum Ausdruck. Die Produkte, die wir selber geschaffen haben, werden zum bestimmenden Lebensinhalt.

Biblisch gesprochen sind solche Werte aber Götzen, die nicht helfen, die keine Lebensorientierung geben können. In Apg 19,26 heißt es: „Götter, die von Händen gemacht sind, sind keine Götter.“ In unseren Kontext übersetzt heißt das: Werte, die wie uns selber geben, bieten keinen Halt. Die Ökonomie drängt nun immer stärker in den Bereich der Werte, der Güter, der Tugenden und somit der Bildung und der Schule, und meint, sich zum Halter des Seils machen zu können. In diesen Zusammenhang fügt sich die heute so beliebte Rede von den Kompetenzen. Es wird persönliche Kompetenz, kommunikative Kompetenz, soziale Kompetenz, Sprachkompetenz, Fremdsprachenkompetenz, fachliche Kompetenz bis hin zur religiösen und spirituellen Kompetenz gefordert.

These 4
Die Rede von den Kompetenzen ist eine starke Verkürzung eines humanistischen und christlichen Bildungsbegriffes und Menschenbildes, weil sie in der Gefahr steht die Grenzen des Menschen zu vernachlässigen.


Spirituelle oder religiöse Kompetenz ist nach protestantischem Verständnis reine Blasphemie, Gotteslästerung.

Martin Luther schreibt im Kleinen Katechismus in der Auslegung des 3. Artikels:
„..ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten....“

Die Kompetenz zum Glauben hat hier nicht das menschliche Ich, sondern allein der Heilige Geist. Deshalb habe ich – ehrlich gesagt - als Theologe mit großer Besorgnis die Reform der Grundschulzeugnisse verfolgt und es sehr bedauert, dass unsere Kirche die Beurteilung der Schüler nach religiösen Kompetenzen mitgetragen hat. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob man ernsthaft von Sprachkompetenz reden darf. Bei Sprache geht es um mehr als um ein Puzzlespiel von 26 Buchstaben. Sprache ist mehr als die Fähigkeit, Buchstaben zu verschieben. Die großen Denker haben Sprache immer verstanden als etwas, das größer ist als der Mensch:

Heidegger sagt, es ist ursprünglich die Sprache, die spricht, nicht der Mensch. Rückert bezeichnet die Sprache als etwas Göttliches, das wir verehren müssen. In dem Gedicht „Die Sprache und ihre Lehrer“ hat Rückert das, was wir heute „Sprachkompetenz“ nennen, in einer herrlich ironischen Weise folgendermaßen karikiert:

Die Sprache ging durch Busch und Gehege,
Sie bahnte sich ihre eigenen Wege.
Und wenn sie einmal verirrt im Wald,
Doch fand sie zurecht sich wieder bald.
Sie ging einmal den gebahnten Steg,
Da trat ein Mann ihr in den Weg.
Die Sprache sprach: Wer bist du, Dreister?
Er sprach: Dein Lehrer und dein Meister.
Die Sprache dacht' in ihrem Sinn:
Bin ich nicht selber die Meisterin?
Aber sie ließ es sich gefallen,
Ein Streckchen mit ihrem Meister zu wallen.
Der Meister sprach in einem fort,
Er ließ die Sprache nicht kommen zum Wort....

Die Sprache hat also Kompetenz über uns, nicht wir über die Sprache. Und das Johannes-Evangelium geht noch weiter, es identifiziert Gott mit dem Wort (Joh. 1,1ff). Gronemeyer konstatiert in dem oben zitierten Buch ein Verschwinden der Sprache, somit ein Verschwinden der Intellektualität und damit der Kritikfähigkeit. Er führt dies auf die Verwandlung der Sprache in Ware zurück:

„Immer mehr Wörter werden zu Plastikbegriffen, die als Chiffren eines universalen Uniquacks die Verwüstung des Denkens befördern. Es sind jene Wörter, die in den Konferenzsprachen sich immer mehr zu gleichen beginnen. Development, planning, controlling, identity – wer fünfzig dieser Vokabeln kennt, kann jeder Konferenz in den üblichen Konferenzsprachen folgen – und wer hundert kennt, hat gute Aussichten, Präsident einer solchen Veranstaltung zu sein.“ (ebd. S.68f)

Professor Ulrich Schwab sagte zum Thema Fremdsprachenkompetenz in seinem Vortrag „Maß nehmen – Bildung in evangelischer Perspektive“ am 22.10.2004 im RPZ Heilsbronn:

„...geht denn der Bildungsauftrag der Schule darin auf, Kinder und Jugendliche für das Wirtschaftsleben zu optimieren? ... Die Frage nach der nötigen Fremdsprachenkompetenz wird in der Gestalt diskutiert, dass der offensichtlich allein entscheidende Faktor für Sprachenkenntnis der Nutzen im Berufsleben ist: da wird dann an erster Stelle Englisch, dann Chinesisch und Spanisch genannt. Die Bedeutung des Englischen als wirtschaftlicher Verkehrssprache No. 1 führt nun in Bayern dazu, dass Englisch seit ein paar Jahren ab der Klasse 3 Grundschule gelehrt wird. Dass es auch noch andere gute Gründe gäbe, eine Sprache zu lernen – das nachbarschaftliche Verhältnis zur Tschechischen oder Polnischen Republik, die Bedeutung der skandinavischen Kultur, der kulturelle und religiöse Austausch mit der muslimischen Welt, oder, in Anlehnung an Werner Heisenberg, Nobelpreisträger für Physik, der einmal sagte: ‚man kann ohne klassisches Griechisch kein guter Physiker werden’ – spielt kaum eine Rolle, weil im Vordergrund zumeist Argumente unmittelbarer wirtschaftlicher Verwertung stehen.“ (Ulrich Schwab: Maß nehmen – Bildung in evangelischer Perspektive, S. 1f, AH 2004/1,hg. v. der Gymnasialpädagogischen Materialstelle der Evang.-Luth. Kirche in Bayern)

Es ist auch ein fundamentaler Unterschied, ob ich von „sozialer Kompetenz“ oder von „Erziehung zur Mitmenschlichkeit“ spreche. Spreche ich von Mitmenschlichkeit, dann impliziert dies, dass der andere mir als Nächster begegnet, spreche ich von sozialer Kompetenz, dann bin ich in Gefahr den Mitmenschen als Objekt des Potenzials meiner sozialen Verhaltensmöglichkeiten misszuverstehen.

These 5
Die Ökonomisierung der Lebenswirklichkeit hat in der Schrift „bildung neu denken“ der ‚Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft’ (vbw) aus dem Jahr 2003 ihren derzeitigen Höhepunkt erreicht.

Auch wenn ich in einzelnen Punkten der Analyse der Gesellschaft durchaus zustimmen kann, halte ich diese Schrift als ganzes für gefährlich. Ich kann hier keine umfassende Analyse dieser Arbeit geben, aber auf einige Stellen, die mir als Theologe und Vater besonders bedenklich erscheinen, möchte ich hinweisen, - verzeihen Sie mir, wenn ich dabei vielleicht etwas polemisch werde. Die Sprache ist beängstigend, wenn nicht geradezu totalitär: der Mensch wird ganz unter den Anspruch der Ökonomie gestellt. Bereits das Vorwort zeigt, dass die Sprache ganz der cartesianischen Begrifflichkeit der res extensae, der ausgedehnten Körperdinge verfallen ist:

Da wird Bildung als „Rohstoff“ bezeichnet und als „Kapital“ verstanden. Von Menschen wird bevorzugt als „Humankapital“ gesprochen.

Dieses Wort ist mit Recht zum Unwort des Jahres 2004 gekürt worden. Gero von Billerbeck hat, um die Abartigkeit dieses Wortes deutlich zu machen, im Nordbayerischen Kurier, den Wert eines Menschen berechnet. Ausgehend von dem in der Bundesrepublik vorhandenen Gesamtvermögen, kommt er auf den Wert von 40.000 € für den einzelnen Bundesbürger. Er fragt sich, ob es sich von daher nicht lohnen würde, seine Frau für diesen Preis zu verkaufen.

  • Ich finde es erschreckend, wenn ein Bildungskonzept ein solches Menschenbild hat.
  • Im Schulunterricht habe ich noch gelernt, und versuche es auch heute noch meinen Schülern zu vermitteln, dass Kants kategorischer Imperativ lautet: „Handle stets so, dass der andere und du dir selbst nie Mittel zum Zweck, sondern immer Selbstzweck ist!“
  • Ich möchte nicht, dass irgend ein Bildungspolitiker oder Pädagoge meine beiden Söhne als Humankapital begreift. Unsere Schüler und Kinder sollten wir als Ebenbilder Gottes und nicht als Humankapital verstehen.
  • Es ist das erklärte Ziel der Verfasser „Bildung inhaltlich, methodisch und institutionell so zu gestalten, dass die menschlichen Fähigkeiten und Ressourcen (verantwortungsvoll und) ökonomisch genutzt werden können.“ (S.101)
  • Die Vermittlung von kulturellen Traditionen soll unter dem Aspekt der Nachfrageorientierung geschehen.
  • Ich frage mich, welches Kind, welcher Jugendliche wird eigenständig nachfragen, einen Mörike auswendig zu lernen, oder Goethes Faust zu lesen?
  • Die Einführung von Marktmechanismen soll dazu führen, dass nicht alles, was alt ist, schon für kulturell bedeutsam gehalten wird, sondern dass ein Wettbewerb um kulturelle Traditionen stattfindet. Auf diese Weise wird verhindert, dass die Tradierung von Werten und kulturellen Gütern ausschließlich von den Prioritäten abhängt, die wechselnde parlamentarische Mehrheiten jeweils für richtig halten. (S.111)
  • Das Demokratieverständnis dieser Schrift ist mir schleierhaft! Ich dachte bisher, dass die gewählten Parlamente die Souveränität und den Willen des Volkes darstellen. Offensichtlich sind die Verfasser von „bildung neu denken“ der Meinung, dass dieser Wille im freien Markt besser zum Ausdruck kommt. Vielleicht sollten wir uns die Parlamente und Regierungen ganz sparen?
  • Die konservativen Parteien haben in den 80er Jahren einer neu entstandenen kleinen Partei vorgeworfen, sie sei verfassungswidrig, da sie eine andere Republik anstrebe. Ein Engagement der konservativen Parteien in Bezug auf „bildung neu denken“ hielte ich heute für viel angebrachter: Hier will man wirklich eine andere Republik!
  • Besonders erschreckend fand ich folgende Passage zum sparsamen Umgang mit der Lebenszeit. Es wird uns versichert, dass ein sparsamer Umgang mit Lebenszeit bei gesteigerten Lerneffekten möglich ist durch:
  1. Eine Verfrühung des Lernens, indem das Einschulungsalter auf das 4. Lebensjahr vorverlegt wird,
  2. eine Begrenzung der Schulpflicht auf das vollendete 14. Lebensjahr
  3. den Verzicht auf Klassenwiederholung
  4. durch die Nutzung von Teilen der Schulferien für Sommerschulen
  5. durch eine Begrenzung der Schulferien auf den Urlaubsumfang bei Auszubildenden im Jugendalter (S.35)
  6. eine Verkürzung der Gymnasialzeit auf 8 Jahre
  7. Verkürzung des Studiums auf 6 – 7 Semester u.v.m.

Ich musste dabei unwillkürlich an Michael Endes Kinder-Buch „Momo“ denken. Die Verfasser von „bildung neu denken“ erinnern mich frappierend an die grauen Männer aus Momo, die die Menschen terrorisieren, ihnen die Freude am Leben nehmen und das soziale Miteinander zerstören, in dem sie die Menschen zum Sparen von Lebenszeit anhalten.

Oder sie erinnern mich an den Pillenhändler im 23. Kapitel des kleinen Prinzen von Antoine de St. Exupery, der Pillen gegen den Durst entwickelt hat und damit 53 min Zeit pro Woche einsparen kann, die er für Trinken verbrauchen würde. Auf die Frage des kleinen Prinzen „Und was macht man mit diesen 53 min?“
„Man macht damit, was man will...“
„Wenn ich 53 min übrig hätte“, sagte der kleine Prinz, „würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen ...“
Ich würde den Verfassern gerne diese Bücher zur Pflichtlektüre aufgeben, damit sie ein tieferes und geistreicheres Verständnis von Lebenszeit entwickeln könnten.

Die nicht zu übertreffende Formulierung aus „Bildung neu denken“ aber ist:

„ ... aufgrund der steigenden Lebenserwartung und der schwindenden Ritualisierung des Lebens muss man den Menschen zu einem ‚Arrangement mit der Todestatsache’ verhelfen“.

Diese menschenverachtende Geistlosigkeit ist nicht mehr zu überbieten. Die Bibel nennt den Tod, den letzten und größten Feind des Menschen. Und wer schon einmal ein paar Tage und Nächte am Bett eines Sterbenden verbracht hat, weiß, was Sterben bedeutet. Der christliche Glaube bekennt, dass Gott es sich seinen eigenen Sohn kosten ließ, um Sünde und Tod zu besiegen. Wenn Gott einen Beratervertrag mit Randolf Rodenstock und dem Bayerischen Wirtschaftsverband gehabt hätte, dann hätte sich Jesus Christus das Leiden am Kreuz und die Todesangst ersparen können, - er hätte dann einfach ein Arrangement mit der Todestatsache einrichten können.

Es bleibt nach Auffassung von „bildung neu denken“ Aufgabe des Staates, den Kindern und Jugendlichen den Unterschied zwischen Gut und Böse beizubringen und sie von einem Handlungskriterium, das nur zwischen „effizient und nichteffizient“ unterscheidet, abzuhalten. Ich frage mich, wie das geschehen soll, wenn das propagierte Bildungssystem in dem unsere Kinder aufwachsen sollen, kein anderes Kriterium als „effizient-nichteffizient“ kennt. Die Kinder und Jugendlichen werden nicht die Werte übernehmen, die wir ihnen vorsagen, sondern die, die wir ihnen vorleben.

These 6:
Unser Land und unsere Politik ist schlecht beraten, wenn sie sich einem ökonomisch bestimmten Bildungsbegriff verschreibt.


Das Bildungskonzept der „Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft“ ruft bei mir eine echte Besorgnis hervor, vor allem wenn ich an die Zukunft unserer Bildungspolitik und an die Zukunft überhaupt denke. Ich weiß nicht, ob unser Land gut beraten ist, wenn der Mann, der für diese Schrift „bildung neu denken“ verantwortlich zeichnet, durch den „Bildungspakt Bayern“ so großen Einfluss auf unsere Bildungspolitik nimmt.

Ich bin mir auch nicht sicher, wie ernst man die Rede eines Unternehmers von der Verantwortung für unsere Kinder als zukünftige Arbeitnehmer nehmen kann, wenn er selbst gleichzeitig die Hälfte seiner Belegschaft in Regen (400 Arbeiter) entlässt, um seine Produktion in das billigere Tschechien zu verlagern.

Ich habe in den letzten Tagen verschiedentlich in den Internet-Suchmaschinen
die Namen „Hohlmeier - Landesbischof Friedrich“ eingegeben, sowie die Kombination „Hohlmeier – Rodenstock“. Für die erste Kombination „Hohlmeier – Landesbischof Friedrich“ habe ich 88 Einträge eingefunden. Alle waren mehr oder weniger belangloser und repräsentativer Natur. Der aktuellste pädagogische und bildungspolitische Eintrag war vom 06.04.2004. Es handelte sich um die durchaus erfreuliche Nachricht, dass die dritte Stunde Religion in den Jahrgangsstufen 3 und 4 erhalten bleibt. (Bei den Namenskombinationen „Hohlmeier - Erzbischof Schick“ , bzw. „Hohlmeier - Bischof Müller“ war es übrigens ähnlich).

Gibt man die Kombination „Hohlmeier – Rodenstock“ ein, erhält man 115 Einträge, die meisten sehr aktuell zu pädagogischen Themen, angefangen von KidZ bis zu rhythmisierter Schule. Herr Randolf Rodenstock scheint seinen Zweitwohnsitz im Kultusministerium zu haben. Ich würde mir allerdings wünschen, dass unsere Kultusministerin mit unseren evangelischen und katholischen Bischöfen genauso viel über Pädagogik spricht wie mit der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Über das Menschenbild hätten ihr die kirchlichen Würdenträger sicher Tiefsinnigeres zu sagen.

Ich befürchte, dass es der vbw – wie in der Schrift „bildung neu denken“ gefordert - um eine weitgehende Einflussnahme der Privatwirtschaft auf das Bildungswesen geht. Damit wäre aber unser Land m.E. schlecht beraten. Schule und Bildung ist eine Aufgabe des Staates. Das hat schon mein Kirchenvater Martin Luther so gesehen und mit seinen Worten möchte ich schließen. Im Jahr 1524 verfasste er eine Schrift mit dem Titel „An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“. Dort heißt es: „Darum wills hie dem Rat und der Obrigkeit gebühren, die allergrößte Sorge und Fleiß aufs junge Volk zu haben. Denn weil der ganzen Stadt Gut, Ehr, Leib und Leben ihnen zu treuer Hand befohlen ist, so täten sie nicht redlich vor Gott und der Welt, wo sie der Stadt Gedeihen und Besserung nicht suchten, mit allem Vermögen Tag und Nacht. Nun liegt einer Stadt Gedeihen nicht alleine darin, dass man große Schätze sammle, feste Mauern, schöne Häuser, viel Büchsen und Harnisch zeuge; ... sondern das ist einer Stadt bestes und allerreichstes Gedeihen, Heil und Kraft, dass sie viel feiner, gelehrter, vernünftiger, ehrbarer, wohlerzogener Bürger hat ...“ (WA 15,35)

Literatur:

  • Gronemeyer, Reimer, Eiszeit der Ethik, Die Zehn Gebote als Grenzpfähle für eine humane Gesellschaft, 2003, 179 S., Echter
  • Bildung neu denken! Das Zukunftsprojekt. Hrsg.: Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, Red: Dieter Lenzen, 2003, 353 S., VS Verlag
  • Ulrich, Hans G.: Bildung woraufhin – Bildung woran? Theologische Anmerkungen zur Bildung in der Kompetenzgesellschaft, in: Nach Bildung fragen, Arbeitshilfe Aktuelle Information 38, hg. v. der Gymnasialpädagogischen Materialstelle der Evang.-Luth. Kirche in Bayern
  • Schwab, Ulrich: Maß nehmen – Bildung in evangelischer Perspektive, S. 1f, AH 2004/1, hg. v. der Gymnasialpädagogischen Materialstelle der Evang.-Luth. Kirche in Bayern

KR Gerald Scheil ist Schulbeauftragter für den Kirchenkreis Bayreuth
Hans-Meiser-Str. 1, 95447 Bayreuth, E-Mail:
Gerald.Scheil@gmx.de
Der Vortrag von Gerald Scheil als PDF (130 KB)
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"An machen Tagen rauft man sich als Journalist in einer Redaktion, die auf Religion und Kirche spezialisiert ist, schon die Haare. Fast die Hälfte der Deutschen, heißt es da in einer KNA-Meldung vom letzten Donnerstag, würde den Religionsunterricht zu Gunsten von Deutsch und Mathematik streichen. Das hat eine von der "Zeit" in Auftrag gegeben Umfrage ergeben. 48 Prozent der Befragten plädieren für die Abschaffung der religiösen Erziehung, 15 Prozent sind außerdem der Meinung, auf Kunst und Philosophie-Unterricht könne man verzichten, 10 Prozent halten den Musikunterricht für überflüssig. Bildungs-Utilitarismus nennt man so etwas wohl. Die platte Nützlichkeitserwägung steht im Vordergrund. Wahrscheinlich beklagen dieselben Befragten aber auch, dass heutzutage keine Werte mehr vermittelt und die Neonazis wieder auf dem Vormarsch sind. Wir halten dagegen."

Wolfgang Küpper (BR-Kirchen-Newsletter vom 25.02.05)

 

 

"Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon."

(Jesus von Nazareth, Matthäus 6,24)

 

 

"Gewinnstreben und Fürsorgepflicht schließen sich nicht aus. Wer das in seinem Verantwortungsbereich vorlebt, wird zum glaubwürdigen Vertreter, zur glaubwürdigen Vertreterin der christlichen Botschaft in der Welt."

(Landesbischof Johannes Friedrich)

 

 

"In der spirituellen Wüste der Moderne besetzen Marketingstrategen die vakant gewordene Stelle der Religion mit Werbung im allgemeinen und die Stellen, die bisher Gott und das Heilige innehatten, mit Produkten im speziellen und allem, was mit dem Gebrauch eben eines solchen Produktes in Verbindung steht: statt Religionsausübung Konsum, statt ‘Göttern’ Idole des Konsums, statt Kirchen ‘Konsumtempel’, statt religiöser Glaubensgemeinschaften Glaubensgemeinschaften des Konsums. Dabei gilt die Zugehörigkeit zur Ingroup bei gleicher Markenwahl als konstitutiv und es droht die Exkommunikation bei Wahl der falschen Marke in ebenso konsequenter Weise.

Durch den um eine Marke entstehenden Mythos erhalten deren Produkte einen spirituellen Mehrwert, der sie aus der Masse qualitativ gleichwertiger Konkurrenzprodukte herausheben soll. (Vgl.: Bolz Norbert, Bosshart David: Kult-Marketing – Die neuen Götter des Marktes. Düsseldorf 1995. 206.)

Eine Anzeige, in der Religion vorkommt, auf Religiöses angespielt wird, in der Themen und Mythen des Christentums angesprochen werden, oder auch eine Werbung, die sich kritisch mit Religion auseinandersetzt, ist selbstverständlicher Bestandteil der Lebenswelt. Religion ist und bleibt ein wichtiges Element der alltäglichen Kommunikation, wenn auch die Sprache sich von der der institutionalisierten Religion, also der Kirchen, zunehmend abkoppelt. Es wäre bezeichnend, wenn Religion in der Werbung überhaupt nicht mehr vorkäme, weil das zugleich bedeuten würde, dass sie in der Lebenswelt der Menschen keine Bedeutung mehr hätte, dass also Werbung, Kunst, Nationalismus, Medien und all die anderen sinnproduzierenden Diskurse, Religion tatsächlich ersetzen könnten. (Vgl.: Mertin, Andreas: Alle Werbung ist (nur) ein Gleichnis, Oktober 1999)"

(Glauben und Kaufen)

 

 

Die Thesen von Gerald Scheil im Überblick:

  1. Glaube ist ein letzter Halt, eine letzte Bindung an etwas Höheres, die mir das Vertrauen schenkt, den Sprung in das Leben zu wagen. Diese Geborgenheit kann ich mir nicht selber geben.
     
  2. Die totale Ökonomisierung unserer Lebenswirklichkeit ist ein wesentlicher Faktor bei dem, was man allseits als Werteverlust beklagt: Die Ökonomie verschlingt die Transzendenz.
     
  3. Die Rede von den Werten ist letztlich unmoralisch, weil sie selbst schon Ausdruck eines pervertierten, ökonomisierten Welt- und Lebensverständnisses ist. Die Rede von den Werten soll nämlich letztlich die Rede von Gott ersetzen.
     
  4. Die Rede von den Kompetenzen ist eine starke Verkürzung eines humanistischen und christlichen Bildungsbegriffes und Menschenbildes, weil sie in der Gefahr steht die Grenzen des Menschen zu vernachlässigen.
     
  5. Die Ökonomisierung der Lebenswirklichkeit hat in der Schrift „bildung neu denken“ der ‚Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft’ (vbw) aus dem Jahr 2003 ihren derzeitigen Höhepunkt erreicht.
     
  6. Unser Land und unsere Politik ist schlecht beraten, wenn sie sich einem ökonomisch bestimmten Bildungsbegriff verschreibt.

 

 

"Unser Bildungssystem befindet sich in einer Krise. Eine solche Entwicklung ist nicht neu. Vor über 30 Jahren sprach man schon einmal von einer »Bildungskatastrophe«. Damals wurde eine Bildungsoffensive gestartet, die mit vielen Idealisierungen verbunden war. Das große Ziel, mehr Bildungszugänge und mehr Chancengerechtigkeit zu schaffen, wurde allerdings bis heute nur ansatzweise verwirklicht. Das zeigen die aktuellen Studien erschreckend deutlich. Zahlreiche Programme wollen Abhilfe schaffen. Manche preisen einseitig die angeblich unbegrenzten Möglichkeiten von Wissen und Lernen. Die alten Fehler sollten sich nicht wiederholen. Gefragt ist ein realistischer Blick auf den Menschen. Die Bibel spricht davon, dass er wenig niedriger gemacht ist als Gott (Psalm 8). Darin liegt ein großartiges Potential. Gleichzeitig zeigt das Bußgebet »Herr, sei mir gnädig, denn ich bin schwach« (Psalm 6), dass sich der Mensch immer wieder schmerzlich seines Unvermögens bewusst wird.

Wissen braucht daher ein menschliches Maß. Naturwissenschaftlich-technische Kenntnisse zu erweitern, ist für das Leben der Menschen wichtig. Aber das reicht nicht aus. Mehr Wissen bedeutet nicht automatisch mehr Orientierung. In einer Zeit, in der das Wissen mit großer Geschwindigkeit wächst, drohen die wirklich wichtigen Fakten und Informationen im »Informationsmüll« unterzugehen. Es geht nicht allein darum, über Wissen zu verfügen, sondern vor allem darum, es richtig zu verarbeiten und anzuwenden. Das erfordert nicht zuletzt moralisch-ethische Maßstäbe zur Beurteilung des Wissens.

Lernen darf nicht zum Selbstzweck werden. Die Aufforderung zum »Lebenslangen Lernen« ist ambivalent. Zwar sind wir Menschen nie »fertig«, und es ist ein Geschenk, wenn Menschen bis ins hohe Alter geistig beweglich bleiben, immer noch lernend verstehen. Aber wenn das »Lebenslange Lernen« zu einem Diktat der lebenslänglichen Anpassung an sich ständig verändernde wirtschaftliche Erfordernisse und Ziele verengt wird, müssen wir widerstehen. Wir Menschen sind mehr, als wir gelernt haben und jemals lernen können.

Die Kirchen werden immer wieder aufgefordert, sich für die »Werte« in unserer Gesellschaft einsetzen. Das tun wir gern, aber Werte sind nicht zum Nulltarif zu haben. Es gibt Qualitäten unserer Existenz, die nicht in geldwerter Zeit zu verrechnen sind. Zuneigung, Liebe, Dankbarkeit, Würde und Geschmack benötigen andere Zeitformen als die Beherrschung von Computer-Software. Bildung ist mehr als Wissen und Lernen. Sie fragt nach dem Selbstverständnis und dem Weltverständnis des Menschen. Die religiöse Dimension darf darin nicht ausgeblendet werden.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich auf zwei Synoden 1971 und 1978 mit dem Bildungsbereich grundsätzlich befasst. Die Entwicklungen in der Bildungspolitik, der genaue Blick auf die Lebenslage des Einzelnen in Familie und Gesellschaft und die Frage nach einer zukunftsorientierten Bildung im Zusammenhang des Beschäftigungssystems waren damals und sind heute von entscheidender Bedeutung.

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat den von der Kammer der EKD für Bildung und Erziehung, Kinder und Jugend erarbeiteten vorliegenden Text dankbar und zustimmend entgegengenommen und seine Veröffentlichung als Denkschrift beschlossen. Damit würdigt der Rat in dem angedeuteten geschichtlichen Rahmen nachdrücklich die Bedeutung des Bildungsbereiches für Kirche und Gesellschaft. Die Denkschrift will dazu beitragen, die Herausforderungen, die uns heute im Bildungsbereich bedrängen, konsequent und mit einer langfristigen Perspektive anzugehen. Der Rat dankt allen, die sich für eine Bildung und Erziehung einsetzen, die dem menschlichen Leben dient und es durch Brüche und Ambivalenzen hindurch zu entfalten sucht.

Hannover, im Januar 2003
Präses Manfred Kock
ehm. Vorsitzender des Rates der
Evangelischen Kirche in Deutschland

(Vorwort zur Denkschrift der EKD, "Maße des Menschlichen")

 

 

"Dürfte ich das Unwort des Zeitalters bestimmen, so käme nur eines in Frage: kommunizieren. Ein Autor kommuniziert nicht mit seinem Leser. Er sucht ihn zu verführen, zu amüsieren, zu provozieren, zu beleben. Welch einen Reichtum an (noch lebendigen) inneren Bewegungen und entsprechenden Ausdrücken verschlingt ein solch brutales Müllschluckerwort! Mann und Frau kommunizieren nicht miteinander. Die vielfältigen Rätsel, die sie einander aufgeben, fänden ihre schalste Lösung, sobald dieser nichtige Begriff zwischen sie tritt. Ein Katholik, der meint, er kommuniziere mit Gott, gehört auf der Stelle exkommuniziert. Zu Gott betet man, und man unterhält nicht, sondern man empfängt eine Heilige Kommunion. All unsere glücklichen und vergeblichen Versuche, uns mit der Welt zu verständigen, uns zu berühren und zu beeinflussen, die ganze Artenvielfalt unserer Regungen und Absichten fallen der Ödnis und der Monotonie eines soziotechnischen Kurzbegriffs zum Opfer. Damit leisten wir dem Nichtssagenden Vorschub, das unsere Sprache mit großem Appetit auffrisst."

(Botho Strauß, "Der Untenstehende auf Zehenspitzen, Hanser 2004, S.41)

 

"Es gehört zu den üblesten Unsitten unserer Soziozentrik, alles, was man als das Höhere ausgemacht hat, vor allem in Kunstwerken, zu sich zu herabzuholen und mit sich selber zu vergleichen. Auf Kanzeln, Kongressen, Theaterbühnen geschieht es bis zum Überdruß, der immergleiche Orpheus aus der Tiefgarage. Aber auch im Gefühlsleben, in der Begegnung von Mann und Frau ist sie weit vorgerückt, diese unerträglich scheele Anmaßung des korrekten Demokraten, der, was immer er an Höherem erwischen kann, ins Breite und ihm Passende verziehen muß. Erstes Gesetz dem entgegen: erkenne, was höher ist als du selbst. Lerne die Fremdsprache. Beachte den Menschen als ein Geschöpf in der Senkrechten, eine Linie, die ihn erdet, aber auch übersteigt. Meide die Pädo-kata-gogen: die Herunter-Erzieher." (ebd. S.59f.)

 

"Was nützt mir eine Welt ohne kindliche Mythologie? Wir brauchten sie nicht, weil wir eben keine Kinder mehr wären? Kommt ganz drauf an. Vielleicht sind wir sogar nur Kleinkinder des universalen Wissens, wer will das von hier aus bestimmen? Mythologien jedenfalls, die etwas üppiger gestaltet wären als Animationsfiguren, würden gewiß die rational foolishness ein wenig einschränken, die Vernunft dafür aber festigen und beschweren und ihr windiges Mitläufertum drosseln. Mythologien halten die Welt an. Rationalität gehört längst dem Denken der Dinge, die andere Dinge befördern und emsig alles tun, was ihrem Zusammenhalt nützt. Man erkennt nur noch schemenhaft die Herkunft aus einer menschlichen Begabung oder Veranlagung." (ebd. S.29)

 

"Natürlich konnte Nietzsche lediglich eine Attrappe, eine Maske Gottes für tot erklären. Natürlich ist der Mensch bereits ein Maschinenkomplize, bevor die Nanoboter in seine Zellen eindringen. Natürlich ist er thymisch längst erledigt, bevor er genetisch mutiert. Und ist sein ausgeblasenes Innenleben die Voraussetzung für den unbegrenzten Erfolg alles Machbaren." (ebd. S.75)

 

"Seit der Verfehlung im Garten Eden sucht der Vertriebene vergeblich nach einem haltbaren Verbot. Aber es ist nicht die verlorene Unschuld, sondern die verlorene Furcht, welche die Suche vergeblich, alle Verbote vor-läufig macht." (ebd. S.123)

 

"Nimm das Übernatürliche weg und was bleibt, ist das Unnatürliche." (Chesterton)

 

 

"Wer für die alten Werte plädiert, muss auch sagen, was er nicht mehr will. Eine Gesellschaft, die sich daran gewöhnt hat, die Menschen als Mittel zum Zweck zu betrachten, als Konsumenten einer florierenden Medien- und Genussmittelwirtschaft, als Beitragszahler für die Altersvorsorge, als Objekte für Emanzipationsbewegungen und Quotenregelungen, hat den Boden für immer verlassen, auf dem die alten Werte des Abendlandes sich entwickelt haben. Wer Computer in den Klassenraum stellt, rechnet mit anderen Verhaltensformen, Arbeitsmechanismen, mit anderen Auffassungen vom Menschen, von der Gesellschaft, von der Natur - mit anderen Werten also, als sie eine vordigitale Gesellschaft gekannt hat.

So wichtig die Diskussion ist, so misstrauisch macht es, dass mit ihr die Politik jetzt einen der letzten politikfreien Räume okkupiert. Werte an die Jugend zu vermitteln ist für den Staat eine der leichtesten Aufgaben. Wie das geht, hat das vergangene Jahrhundert bedrückend gezeigt. Aber Werte haben ihren Sitz im Leben, nicht im Parlament und nicht in den Regierungen. Sie sind Bürgersache - die Politik soll die Finger davon lassen. Wenigstens das ist eine Lehre, die man aus dem 20. Jahrhundert ziehen kann."

(Peter Brenner, Die Welt vom 17.05.2001)

 

Die erste Voraussetzung für die freie Präsenz der Religion im öffentlichen Raum ist die scharfe Trennung zwischen politischer Macht und geistlicher Vollmacht. Religionsgemeinschaften dürfen nur an die freien Gewissen ihrer Anhänger appellieren und niemals Zwang ausüben. Der Staat hingegen muss oft Zwang ausüben – und hat deshalb in Sachen Religion keinerlei Kompetenz zu beanspruchen (übrigens auch nicht die Kompetenz, im vermeintlichen Auftrag Gottes die Demokratie über die Welt zu verbreiten). Das ist gewissermaßen die Kehrseite der Böckenförde-Formel: Der moderne Staat lebt zwar von Voraussetzungen, die er selber nicht garantieren kann – er darf sich allerdings auch nicht anmaßen, sie selber zu produzieren. Die Religionsgesellschaften haben keinerlei staatliches Mandat, der Staat hat keinerlei religiöses Mandat, weder positiv noch negativ. Zugespitzt ausgedrückt: Nur ein Staat, der nicht darauf aus ist, Gott abzuschaffen, kann ein wahrhaft säkularer Staat sein.

(Robert Leicht, Die ZEIT Nr.16/2004)

 

"Die Zukunft gehört denen, die von allem befreit sind, was uns beschwerte. Man macht sich ja keine Vorstellung, wie gut alles gehen wird, sobald wir vom Guten nichts mehr wissen."
(Botho Strauß, Die Fehler des Kopisten, Hanser 1997, S.87)

 

„Der Rationalismus der Aufklärung ist innerhalb des Szientismus längst dem Glauben an die Ohnmacht der menschlichen Vernunft gewichen, dem Glauben, dass wir nicht das sind, wofür wir uns halten, vernünftige, freie, selbstbestimmte Wesen. Der christliche Glaube hat den Menschen zwar nie für so vernünftig und so frei gehalten, wie es die Aufklärung des 18. Jahrhunderts tat. Er hält ihn aber auch nicht für so unvernünftig und so unreif, wie es der heutige Szientismus tut. Und er traut der Vernunft, der ratio, eine größere Reichweite zu als der Szientismus. Ratio heißt sowohl Vernunft wie Grund. Die wissenschaftliche Weltanschauung hält die Welt und damit auch sich selbst für grundlos und irrational.“ (Robert Spaemann, Am Anfang, die WELT vom 31.12.04)


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Werte-Bildung

Von Landesbischof Johannes Friedrich
(Auszug)

"Entgegen landläufiger Vorurteile erlebe ich in meinen regelmäßigen Gesprächen mit Vertretern aus dem Bereich der Wirtschaft, dass das Thema Werte auch dort eine wichtige Rolle spielt. Auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten werden in den Führungsetagen der Unternehmen offenbar nicht alle ethischen Maximen über Bord geworfen.

Mich hat beeindruckt, mit welcher Konsequenz an vielen Stellen für christliche Werte eingetreten wird. Nicht selten verzichten die Verantwortlichen auf eigene Vorteile zugunsten des Wohlergehens ihrer Mitarbeitenden. Ein vorbildliches christliches Engagement, für das ich ausdrücklich danke. Auch finde ich es anerkennenswert, dass sich immer mehr Manager bei dem Projekt „Seitenwechsel“ engagieren. „Seitenwechsel“ ist ein Projekt, bei dem Führungskräfte für einen Tag oder eine Woche in einer diakonischen oder caritativen Organisation mitarbeiten, um sich einen Einblick über diese für unsere Gesellschaft wichtige Arbeit zu verschaffen.

Aber leider gibt es auch andere Beispiele. So ist mir nach wie vor unverständlich, warum manche Spitzenmanager sich immer noch weigern, ihre Gehälter offen zu legen. Schon die Höhe der Abfindungen im Falle des Ausscheidens lässt ahnen, um welche Größenordnungen es sich dabei handelt. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Huber, hat in seiner sozialpolitischen Grundsatzrede vom 30. September dazu treffend formuliert, dass man fragen muss, welche Unterschiede unsere Gesellschaft akzeptieren will. Glaubwürdigkeit in der Wirtschaft beginnt – wie in allen anderen Bereichen – mit Transparenz.

Dass man mit christlichen Werten in Führung gehen kann, dafür gibt es zahlreiche positive Beispiele. Ich bin froh und dankbar, dass es auch in den Chefetagen von Unternehmen so viele engagierte Christinnen und Christen gibt. Gewinnstreben und Fürsorgepflicht schließen sich nicht aus. Wer das in seinem Verantwortungsbereich vorlebt, wird zum glaubwürdigen Vertreter, zur glaubwürdigen Vertreterin der christlichen Botschaft in der Welt.

Bei dem Kongress Christlicher Führungskräfte vom 20. bis 22. Januar in Nürnberg, zu dem die Nachrichtenagentur idea und die Firma tempus-Zeitsysteme in Kooperation mit zahlreichen weiteren Veranstaltern einladen, wird viel an Erfahrungen dazu ausgetauscht werden. Mit rund 2.500 Anmeldungen wurde das hervorragende Ergebnis von Hannover vor zwei Jahren nochmals übertroffen. Das zeigt, wie groß das Interesse an diesem Thema ist."

Lesen Sie hier den ganzen Vortrag von Landesbischof Friedrich
im PresseClub München am 12. Januar 2005 (100 KB) pdf-Datei, Acrobat-Reader erforderlich

 

"Die Beachtung christlicher Werte trägt zum Erfolg eines Unternehmens bei. Das hat eine Studie von Wissenschaftlern des Bonner Unternehmens "Deep White" und der Universität St. Gallen ans Licht gebracht. Bei einer Untersuchung von 33 Firmen fanden sie heraus, dass Faktoren wie Ehrlichkeit, Anerkennung, Selbstachtung und Gerechtigkeit ein Viertel des über Indikatoren erfassten betriebswirtschaftlichen Erfolges erklären. Darüber berichtet der Rheinische Merkur in seiner Ausgabe vom 13.1.05. Um nun noch genauer zu klären, welche ethischen Standards am prägendsten sind, wollen die Forscher als nächstes das Unternehmen "Underberg" unter die Lupe nehmen, das sich in seinem Leitbild zur christlichen Weltanschauung bekennt."

(Kongress christlicher Führungskräfte,13.01.2005)

 

"Wie wird aus einer „normalen“ Firma eine God@work-Company?
So entwickelt sich Ihr Unternehmen zu einer geistlich geprägten Organisation
Jim Dismore, Ultimate Support Systems, Fort Collins, USA

Aus gutem Grund glauben
Dieses Seminar fällt aus."

(Aus dem Vorprogramm zum Kongress christlicher Führungskräfte 2005)

 


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Hintergründe und Links

Kirchenstimmen

Weiteres zum Thema auf dekanat-hof.de

Literatur

  • Eberhard Jüngel, Wertlose Wahrheit, Mohr Siebeck, 2. Auflage 2003
    (bestellen)

„ … jede Setzung eines »positiven Wertes« (setzt) die Entwertung seines Gegenteils zum Unwert ebenso voraus wie die Evaluierung der Nichtexistenz des »positiven Wertes« als eines Unwertes. Ja, die Negation ist es offenbar, die den Wert allererst als Wert ausweist, so »daß die Verneinung« geradezu »ein Wertkriterium bildet«. Diese »ontologische Aggressivität« des Denkens in Werten wiederholt sich im Bereich der »positiven Werte« in Gestalt der Dialektik von Aufwertung und Abwertung. Kann es da verwundern, daß das »theoretische« Bewerten von allem und jedem zur »praktischen« Auswertung und Verwertung dessen, was ist, geradezu drängt? Der Aggressivität des Denkens folgt die Aggressivität der Tat. Wahrscheinlich soll die Etablierung von »Grundwerten« dem aggressiven Denken und Handeln gewisse Grenzen setzen. In Wahrheit läuft ein solches Unternehmen jedoch auf den Versuch hinaus, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben.

Kirche und Theologie sind also schlecht beraten, wenn sie die Relevanz des christlichen Glaubens ausgerechnet dadurch erweisen zu können meinen, daß sie sich immer tiefer in die »Logik des Wertes« verstricken lassen. Was wäre das für ein Gott, den man als höchsten Wert zu verehren hätte? Ganz abgesehen davon, daß seine Höchststellung in der Hierarchie der Werte ihn keineswegs davor bewahrt, aus irgendeinem Anlaß seinerseits abgewertet oder gar zur Negation aller Werte entwertet zu werden (womit er freilich noch eher als Gott ernstgenommen sein dürfte als in der Position des höchsten Wertes) - ein solcher Gott wäre nichts anderes als die Heiligsprechung der Aggressivität menschlichen Denkens und Handelns, der er dann wohl auch selber zum Opfer fallen muß. Nichts bewahrt den als höchsten Wert in Stellung gebrachten Gott davor, religiös ausgewertet und verwertet zu werden. »Zu lang ist alles Göttliche dienstbar schon / Und alle Himmelskräfte verscherzt, verbraucht / ..., danklos ein / Schlaues Geschlecht ...« (Hölderlin)

Die Transformation der Wahrheit des Evangeliums in sogenannte Grundwerte (mit einem göttlichen Höchstwert als Gegenüber) kann für den, der die »Logik des Wertes« begreift, keine christliche Möglichkeit sein.

(Eberhard Jüngel, Wertlose Wahrheit, Mohr Siebeck, 2. Auflage 2003, S. X (Vorwort))

   

"Aus der Wertedebatte ist bemerkenswert schnell eine Erziehungs- und damit eine Schuldebatte geworden - als ob die Erwachsenen, die Politiker und Eltern, die Unternehmer und die Medienmacher, nichts damit zu tun hätten; nicht die Profiteure öffentlicher Ämter, nicht die Steuerhinterzieher, nicht die Konsumrauschdealer und nicht die Big-Brother-Produzenten. Es wird so getan, als ob Werte eine Sache seien, die zwischen Lehrern und Schülern verhandelt werden müssten. Die Schule muss also wieder ran; am besten als Ganztagsschule. Da können Werte vermittelt werden, ohne dass die Eltern - die Wähler - damit belästigt werden müssen. "
(Peter Brenner, Die Welt vom 17.05.2001)

"Da, wo es (in der Familie) keine argumentative Diskussion gibt, kein gemeinsames Leben nach erkennbaren und begründbaren Regeln und Wertvorstellungen, bleiben Kinder orientierungslos. Sie haben die Freiheit der Ratlosigkeit. Und diese Leere wird dann von außerfamiliären Einflüssen gefüllt, von der Popkultur, den Medien und Glücksverheißungen der Konsumgesellschaft. Hier werden dann jene fragwürdigen Wertmaßstäbe und Ideale gesetzt, die es Kindern so schwer machen, sich in der gesellschaftlichen Realität zurechtzufinden, Lernen und Leistung, Wissen und Bildung als sinnvolle, interessante Ziele zu verfolgen. Wer tagtäglich in den vorabendlichen Soap-Operas nach dem Muster „Verbotene Liebe“ und „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ junge Kids in Designerklamotten erlebt, die in gestylten Wohnungen und bei popfarbigen Cocktails in Schickimicki-Bistros ihre Scheinprobleme lösen, der verliert den Blick für die Wirklichkeit des eigenen Lebens. ...

Alle sind irgendwie klug und flexibel, haben immer Geld in der Tasche und lösen ihre Schwierigkeiten durch Gelaber. Wer tagtäglich diese anstrengungslose Leichtlebigkeit der hübschen Lifestyle-Vorbilder sieht, dazu die Show-Castings künstlerischer Nichtskönner, die zu Kurzzeit- „Superstars“ hochgepusht werden, dem erscheint das eigene Leben langweilig und trist, der Gang zur Schule, der „Zwang“, etwas zu leisten und zu lernen, was auf den ersten Blick nicht reich und berühmt macht, als Qual. Und es ist bequemer, dem Leben und Lieben anderer zuzusehen, mit ihnen zu träumen und zu leiden, als sich den alltäglichen Schwierigkeiten des eigenen Lebens zu stellen. Die von der Popkultur und Werbung gesetzten
Wert- und Weltvorstellungen untergraben all das, was Schule, was Bildung eigentlich will, was eine humane und soziale Gesellschaft eigentlich benötigt. Und je mehr Eltern und Schule ihren Erziehungsauftrag aus der Hand geben, sich ihrer Verantwortung entziehen, umso mehr werden diese Wert- und Weltvorstellungen fremdbestimmt, verwirren die virtuellen Verführer die Köpfe unserer Kids – oder sie werden, auf ihrer mühsamen Sinnsuche allein gelassen, Opfer radikaler politischer oder religiöser Gruppen."

(Joachim Kutschke, Unbehauste Kinder, Spiegel, Nr. 17, 2006, S. 56f.)


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