Zurück zu: Homepage Dekanat Hof     Dekanat aktuell    Archiv


Das Thema des Monats im April 2002                                 

Ein protestantisches Schwergewicht ging von Bord: Der ausgeschiedene bayerische Synodenpräsident Dieter Haack in einem Interview mit der Nachrichtenagentur idea: "In der Kirche geht es manchmal schlimmer zu als in der Politik."


Der ehemalige Synodenpräsident Dieter HaackDas Erzübel – auch des Protestantismus

Es gibt gegenwärtig nur zwei Politiker, die sowohl in ihrem Metier als auch in der evangelischen Kirche hohe Posten bekleidet haben bzw. noch bekleiden: der Präses der EKD-Synode, Jürgen Schmude (Moers), und der Präsident der bayerischen Landessynode, Dieter Haack (Erlangen). Beide SPD-Politiker waren Mitglieder des Bundeskabinetts unter Helmut Schmidt. Haack gehörte 21 Jahre dem Bundestag an, war vier Jahre Bundesbauminister und letzter Vorsitzender des 1992 aufgelösten Kuratoriums Unteilbares Deutschland. 1990 wurde er zum Präsidenten der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern gewählt. Nach zwölf Jahren im Amt gab er auf der Frühjahrssynode im März in Bayreuth sein Amt ab. Der 67jährige Jurist gilt als der mutigste Landessynodenpräsident in Deutschland. Mit dem Vater von vier Kindern sprach Helmut Matthies.

idea: Herr Präsident, Sie haben große Verantwortung in der Politik wie in der Kirche getragen. Ist man in der Politik eigentlich dankbar für politische Stellungnahmen der Kirche?
Haack: Nicht immer, viele Politiker empfinden die Zahl kirchlicher Stellungnahmen als zu hoch. Je öfter sich die Kirche äußert, um so geringer ist ihre Wirkung. Die Kirche sollte sich auf Schwerpunkte konzentrieren, bei denen auch einsichtig ist, warum sie von ihr kommentiert werden – wie die Gentechnik.

Bischöfe wünschten keinen Rat des Politikers

idea: Sie haben nach Ihrer politischen Karriere als Präsident der bayerischen Landessynode viele bischöfliche Äußerungen zu politischen Fragen erlebt. Sind Sie als Sachverständiger in Politik von den Bischöfen zu Rate gezogen worden?
Haack: Es wird Sie vielleicht wundern, doch dies ist in keinem einzigen Fall geschehen. Hier wird vielleicht ein Grundproblem deutlich, dass bei bischöflichen Stellungnahmen zuwenig vorbereitende Gespräche geführt werden. Das sollte sich um der Glaubwürdigkeit der Stellungnahmen willen unbedingt ändern.

idea: Haben Sie große Unterschiede im Umgang miteinander zwischen Politik und Kirche festgestellt?
Haack: Fehler passieren überall. Aber manchmal hatte ich den Eindruck, dass es in der Kirche schlimmer zugeht als in der Politik. Das hängt auch damit zusammen, dass an Christen höhere Erwartungen gestellt werden. Dann ist es natürlich um so enttäuschender, wenn sie nicht erfüllt werden. Dazu kommt, dass von Seiten der Kirche Politiker immer wieder zur Umkehr gerufen werden. Dann aber, wenn diese Umkehr in der Kirche selbst nötig wäre, ist man inkonsequent, kehrt selbst nicht um.

idea: Wo haben Sie das erlebt?
Haack: Ich möchte nur zwei Beispiele nennen. Auf der einen Seite wird von der Gesellschaft allgemein gefordert, solidarisch mit Ärmeren zu sein. Wenn es aber dann um die kirchlichen Gehälter geht, ist von Besitzstandswahrung die Rede. Ein zweiter Punkt: Es gab vor zwei Jahren einen Finanzskandal im Kirchengemeindeamt München. Ich habe damals etwas gefordert, was in der Politik jahrelang normal war, nämlich dass die Verantwortlichen auch wirklich Verantwortung übernehmen, also zurücktreten. Dies ist nicht geschehen.

Keine Umkehr bei Kirchenleuten?

idea: Wie erklären Sie sich, dass Kirchenleute nicht zur Umkehr bereit sind?
Haack: Es ist immer leichter, Forderungen an andere zu stellen, als sie selbst zu erfüllen. Das hat die kirchliche Vergangenheitsbewältigung nach den beiden Diktaturen im letzten Jahrhundert deutlich gezeigt.

idea: Inwiefern?
Haack: Die Zahl derer, die im Dritten Reich aus christlicher Überzeugung dem nationalsozialistischen Unrechtsregime widerstanden haben, ist sehr gering gewesen. Das hat dann natürlich dazu geführt, dass die große Mehrheit der Angepassten schon aus mangelnder Selbstkritik heraus, nicht bereit war, Fehler einzugestehen. Und die wenigen, die im Widerstand waren, wurden nach 1945 kaum geehrt, sondern jahrelang auch mehr oder weniger totgeschwiegen.

Geradezu peinlich: das Gerangel um die Wiedervereinigung

idea: Was ist denn kirchlich vor und auch nach der friedlichen Revolution 1989 falsch gelaufen?
Haack: Ich sehe hier gewisse Parallelen zur Zeit vor und nach 1945. Weithin in der Politik, aber eben auch in der evangelischen Kirche, die sich wieder dem Trend anpasste, hatte man von der völlig berechtigten Forderung nach Wiedervereinigung Abschied genommen. Damit aber wurde das diktatorische SED-Regime verharmlost. Nach 1990 war innerhalb der Kirche keinerlei Bereitschaft vorhanden, diesen Fehler einzugestehen. Geradezu als peinlich wurde dann empfunden, dass man noch nach der staatlichen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 innerkirchlich darüber diskutiert hat, ob und wie man sich nun zu einer gesamtdeutschen EKD zusammenschließen soll – eigentlich die selbstverständlichste Sache der Welt. Die kirchliche Einheit wurde dann erst 9 (!) Monate nach der staatlichen vollzogen.

idea: Wie ist diese Zurückhaltung zu erklären?
Haack: Es gab einen übertriebenen Nationalismus vor 1933 und vor allem danach. Nach Kriegsende ist man dann wieder ins andere Extrem gefallen – das alte deutsche Erzübel, von dem die evangelische Kirche leider auch nicht frei ist. Nun wurde Patriotismus geradezu zum Tabu. Das aber ist schädlich, denn ein Nationalgefühl ist gerade im zusammenwachsenden Europa notwendig, damit sich die Bürger beheimatet fühlen. Die Nation ist nun einmal eine Standortanweisung Gottes. Die Zerstörung des Turmbaus zu Babel zeigt, dass Gott verschiedene Nationen und ebenso auch verschiedene Sprachen bewusst wollte.

Widerspruch üben – auch gegenüber Bischöfen

idea: Sie gelten als der mutigste Präsident in den Synoden der 24 deutschen Landeskirchen, weil Sie es immer wieder wagen, eine Meinung öffentlich zu vertreten, auch wenn sie quer steht zu der des Bischofs.
Haack: Jemandem zu widersprechen, wenn man es für notwendig hält, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Das ist auch schon deshalb notwendig, weil Bischöfe nicht die alleinigen Repräsentanten einer Kirche sind. Das wäre völlig unevangelisch.

idea: Welcher Bischof, den Sie außerhalb Bayerns kennen gelernt haben, entspricht eigentlich Ihrem Idealbild?
Haack: Der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, Hans Christian Knuth (Schleswig), weil er unabhängig von modischen Zeitströmungen ist. Zu einer solchen Haltung möchte ich um der Kirche und ihres Zeugnisses willen ausdrücklich Mut machen.

idea: Wir danken für das Gespräch.
nach obenQuelle: idea


 

im April 2002

 

 

“Den Personen, mit denen die Behörden in Kontakt kommen, ist freundlich und mit Verständnis für ihre Belange aber auch klar und ehrlich zu begegnen.” Und an anderer Stelle lesen wir: “Dienstliche Schreiben sollen höflich, klar und für die Empfänger verständlich sein.” Hoffen wir, dass diese Regelungen in die Praxis umgesetzt werden. Und wenn dann auch noch eine Antwort in angemessener Frist kommt, bricht ein neues Zeitalter an."

Dieter Haack in seinem letzten Rechenschaftsbericht vor der Frühjahrssynode 2002 zur Reform des Landeskirchenamts in München.

 

Dieter Haack ist Erlanger Ehrenbürger
Auszeichnung für früheren Präsidenten der Landessynode


Dieter Haack, ehemaliger SPD-Bundesminister und Präsident der bayerischen evangelischen Landessynode, hat die Ehrenbürgerwürde von Erlangen erhalten. Damit würdigte seine Heimatstadt laut Ehrenbrief die vorbildliche demokratische Gesinnung, die unverkrampfte Bürgernähe und den fairen politischen Stil des 70-jährigen Juristen. In politischen wie kirchlichen Ämtern sei Haack stets zu seinen Grundüberzeugungen gestanden, auch wenn ihm der Wind ins Gesicht blies, sagte der Erlanger Oberbürgermeister Siegfried Balleis in seiner Laudatio. Wendehalsige Manöver seien ihm zuwider gewesen.
(epd, 12.07.2004)


Zurück zu: Homepage Dekanat Hof    Dekanat aktuell    Archiv