Das Erzübel –
auch des Protestantismus
Es gibt
gegenwärtig nur zwei Politiker, die sowohl
in ihrem Metier als auch in der
evangelischen Kirche hohe Posten bekleidet
haben bzw. noch bekleiden: der Präses der
EKD-Synode, Jürgen Schmude (Moers), und der
Präsident der bayerischen Landessynode,
Dieter Haack (Erlangen). Beide
SPD-Politiker waren Mitglieder des
Bundeskabinetts unter Helmut Schmidt. Haack
gehörte 21 Jahre dem Bundestag an, war vier
Jahre Bundesbauminister und letzter
Vorsitzender des 1992 aufgelösten
Kuratoriums Unteilbares Deutschland. 1990
wurde er zum Präsidenten der Landessynode
der Evangelisch-Lutherischen Kirche in
Bayern gewählt. Nach zwölf Jahren im Amt
gab
er auf der
Frühjahrssynode im März in Bayreuth
sein Amt ab. Der 67jährige Jurist gilt als
der mutigste Landessynodenpräsident in
Deutschland. Mit dem Vater von vier Kindern
sprach Helmut Matthies.
idea: Herr Präsident, Sie haben
große Verantwortung in der Politik wie in
der Kirche getragen. Ist man in der Politik
eigentlich dankbar für politische
Stellungnahmen der Kirche?
Haack: Nicht immer, viele Politiker empfinden die Zahl kirchlicher
Stellungnahmen als zu hoch. Je öfter sich
die Kirche äußert, um so geringer ist ihre
Wirkung. Die Kirche sollte sich auf
Schwerpunkte konzentrieren, bei denen auch
einsichtig ist, warum sie von ihr
kommentiert werden – wie die Gentechnik.
Bischöfe wünschten keinen Rat des Politikers
idea: Sie haben nach Ihrer politischen Karriere als Präsident der
bayerischen Landessynode viele bischöfliche Äußerungen zu politischen Fragen
erlebt. Sind Sie als Sachverständiger in Politik von den Bischöfen zu Rate
gezogen worden?
Haack: Es wird Sie vielleicht wundern, doch dies ist in keinem einzigen
Fall geschehen. Hier wird vielleicht ein Grundproblem deutlich, dass bei
bischöflichen Stellungnahmen zuwenig vorbereitende Gespräche geführt werden. Das
sollte sich um der Glaubwürdigkeit der Stellungnahmen willen unbedingt ändern.
idea: Haben Sie große Unterschiede im Umgang miteinander zwischen
Politik und Kirche festgestellt?
Haack: Fehler passieren überall. Aber manchmal hatte ich den Eindruck,
dass es in der Kirche schlimmer zugeht als in der Politik. Das hängt auch damit
zusammen, dass an Christen höhere Erwartungen gestellt werden. Dann ist es
natürlich um so enttäuschender, wenn sie nicht erfüllt werden. Dazu kommt, dass
von Seiten der Kirche Politiker immer wieder zur Umkehr gerufen werden. Dann
aber, wenn diese Umkehr in der Kirche selbst nötig wäre, ist man inkonsequent,
kehrt selbst nicht um.
idea: Wo haben Sie das erlebt?
Haack: Ich möchte nur zwei Beispiele nennen. Auf der einen Seite wird von
der Gesellschaft allgemein gefordert, solidarisch mit Ärmeren zu sein. Wenn es
aber dann um die kirchlichen Gehälter geht, ist von Besitzstandswahrung die
Rede. Ein zweiter Punkt: Es gab vor zwei Jahren einen Finanzskandal im
Kirchengemeindeamt München. Ich habe damals etwas gefordert, was in der Politik
jahrelang normal war, nämlich dass die Verantwortlichen auch wirklich
Verantwortung übernehmen, also zurücktreten. Dies ist nicht geschehen.
Keine Umkehr bei Kirchenleuten?
idea: Wie erklären Sie sich, dass Kirchenleute nicht zur Umkehr bereit
sind?
Haack: Es ist immer leichter, Forderungen an andere zu stellen, als sie
selbst zu erfüllen. Das hat die kirchliche Vergangenheitsbewältigung nach den
beiden Diktaturen im letzten Jahrhundert deutlich gezeigt.
idea: Inwiefern?
Haack: Die Zahl derer, die im Dritten Reich aus christlicher Überzeugung
dem nationalsozialistischen Unrechtsregime widerstanden haben, ist sehr gering
gewesen. Das hat dann natürlich dazu geführt, dass die große Mehrheit der
Angepassten schon aus mangelnder Selbstkritik heraus, nicht bereit war, Fehler
einzugestehen. Und die wenigen, die im Widerstand waren, wurden nach 1945 kaum
geehrt, sondern jahrelang auch mehr oder weniger totgeschwiegen.
Geradezu peinlich: das Gerangel um die
Wiedervereinigung
idea: Was ist denn kirchlich vor und auch nach der friedlichen
Revolution 1989 falsch gelaufen?
Haack: Ich sehe hier gewisse Parallelen zur Zeit vor und nach 1945.
Weithin in der Politik, aber eben auch in der evangelischen Kirche, die sich
wieder dem Trend anpasste, hatte man von der völlig berechtigten Forderung nach
Wiedervereinigung Abschied genommen. Damit aber wurde das diktatorische
SED-Regime verharmlost. Nach 1990 war innerhalb der Kirche keinerlei
Bereitschaft vorhanden, diesen Fehler einzugestehen. Geradezu als peinlich wurde
dann empfunden, dass man noch nach der staatlichen Wiedervereinigung am 3.
Oktober 1990 innerkirchlich darüber diskutiert hat, ob und wie man sich nun zu
einer gesamtdeutschen EKD zusammenschließen soll – eigentlich die
selbstverständlichste Sache der Welt. Die kirchliche Einheit wurde dann erst 9
(!) Monate nach der staatlichen vollzogen.
idea: Wie ist diese Zurückhaltung zu erklären?
Haack: Es gab einen übertriebenen Nationalismus vor 1933 und vor allem
danach. Nach Kriegsende ist man dann wieder ins andere Extrem gefallen – das
alte deutsche Erzübel, von dem die evangelische Kirche leider auch nicht frei
ist. Nun wurde Patriotismus geradezu zum Tabu. Das aber ist schädlich, denn ein
Nationalgefühl ist gerade im zusammenwachsenden Europa notwendig, damit sich die
Bürger beheimatet fühlen. Die Nation ist nun einmal eine Standortanweisung
Gottes. Die Zerstörung des Turmbaus zu Babel zeigt, dass Gott verschiedene
Nationen und ebenso auch verschiedene Sprachen bewusst wollte.
Widerspruch üben – auch gegenüber Bischöfen
idea: Sie gelten als der mutigste Präsident in den Synoden der 24
deutschen Landeskirchen, weil Sie es immer wieder wagen, eine Meinung öffentlich
zu vertreten, auch wenn sie quer steht zu der des Bischofs.
Haack: Jemandem zu widersprechen, wenn man es für notwendig hält, ist
eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Das ist auch schon deshalb notwendig,
weil Bischöfe nicht die alleinigen Repräsentanten einer Kirche sind. Das wäre
völlig unevangelisch.
idea: Welcher Bischof, den Sie außerhalb Bayerns kennen gelernt haben,
entspricht eigentlich Ihrem Idealbild?
Haack: Der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen
Kirche Deutschlands, Hans Christian Knuth (Schleswig), weil er unabhängig von
modischen Zeitströmungen ist. Zu einer solchen Haltung möchte ich um der Kirche
und ihres Zeugnisses willen ausdrücklich Mut machen.
idea: Wir danken für das Gespräch.
Quelle:
idea |

im April 2002
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“Den Personen, mit denen die Behörden in Kontakt kommen, ist
freundlich und mit Verständnis für ihre Belange aber auch
klar und ehrlich zu begegnen.” Und an anderer Stelle lesen
wir: “Dienstliche Schreiben sollen höflich, klar und für die
Empfänger verständlich sein.” Hoffen wir, dass diese
Regelungen in die Praxis umgesetzt werden. Und wenn dann
auch noch eine Antwort in angemessener Frist kommt, bricht
ein neues Zeitalter an."
Dieter Haack in seinem letzten
Rechenschaftsbericht
vor der Frühjahrssynode 2002 zur Reform des Landeskirchenamts
in München. |
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Dieter Haack ist Erlanger Ehrenbürger
Auszeichnung für früheren Präsidenten der Landessynode
Dieter Haack, ehemaliger SPD-Bundesminister und Präsident der
bayerischen evangelischen Landessynode, hat die
Ehrenbürgerwürde von Erlangen erhalten. Damit würdigte seine
Heimatstadt laut Ehrenbrief die vorbildliche demokratische
Gesinnung, die unverkrampfte Bürgernähe und den fairen
politischen Stil des 70-jährigen Juristen. In politischen
wie kirchlichen Ämtern sei Haack stets zu seinen
Grundüberzeugungen gestanden, auch wenn ihm der Wind ins
Gesicht blies, sagte der Erlanger Oberbürgermeister
Siegfried Balleis in seiner Laudatio. Wendehalsige Manöver
seien ihm zuwider gewesen.
(epd, 12.07.2004) |
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