|
»Heute ist ein guter Tag für die CDU« sagte der Laurenz Meyer zu dem
Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts am 31. Januar 2001. Weit
untertrieben hat General mit dieser ersten Einschätzung. Nun gut, man
kann ihm diese neue Bescheidenheit verzeihen. Zuviel Schläge hat er in
der letzten Woche abbekommen. Und wer 41 verloren geglaubte Millionen
zugesprochen bekommt, der kann schon einmal die Fassung verlieren. Dem
General muss entschieden widersprochen werden, denn:
»das Berliner Urteil ist auch ein guter Tag für alle
anderen Parteien.«
Rechenschaftsberichte müssen fortan nur rechtzeitig abgegeben werden, was
drin steht, ist egal. »Welch eine Erleichterung! Wenn wir das schon
früher gewusst hätten! …«, hat manch eine
Schatzmeisterin gesagt, letzten Mittwoch. »Was haben wir uns all die
Jahre für Gewissensbisse gemacht, ganz umsonst!« Danach ging sie zum
Kühlschrank, um je nach politischem Standpunkt, Champagner, Krimsekt
oder einen feinen Orvieto »classico« kaltzustellen. Aber nicht nur die
Parteien, für alle Steuerzahler war Mittwoch ein Befreiungsschlag.
»Ja, das Berliner Urteil ist auch ein guter Tag für
alle Steuerzahler!«
Wie viele haben jahrelang gezittert und sich mit der Frage gemartert, was
sie beim Finanzamt angeben sollen und was sie weglassen können? Manch
einer schreckte nachts schweißgebadet auf wegen der nächsten
Steuererklärung. Alles umsonst, seit Mittwoch ist klar. Es kommt nur
darauf an, die Steuererklärung rechtzeitig abzugeben. Was drin steht,
ist egal. Nun ist das Berliner Urteil nicht nur für die Steuerzahler,
sondern auch für alle Schüler ein Meilenstein.
»Ja, das Berliner Urteil ist ein guter Tag für alle
Schüler!«
Die Angst vor Klassenarbeiten gehört nun der Vergangenheit an. Bei
Klassenarbeiten kommt es nun nicht mehr darauf an, dass die Aufgaben
gelöst wurden, alle Fragen beantwortet wurden. Wichtig ist nun, dass die
Schülerin ihr Blatt rechtzeitig auf dem Pult der Lehrerin abgegeben hat.
Aber das Berliner Urteil ist nicht nur für die Schüler ein großer Tag,
alle Bürger profitieren von diesem Richterspruch im Namen des Volkes.
»Ja, das Berliner Urteil ist ein guter Tag für alle
Bundesbürger!«
Haben Sie schon einmal im Supermarkt etwas im Mantel verschwinden lassen?
Wenn ja, dann wissen Sie, dass ein Ladendieb Nerven haben muss wie
Drahtseile, bei all den Videokameras und Detektiven. Bange Minuten
mussten die Langfinger an der Kasse durchstehen. Kommt gleich ein Herr
in grauem Trenchcoat, der sagt: »Bitte folgen Sie mir in mein Büro!«
oder geht alles glatt? Dieses Zittern der Ladendiebe ist vorbei. Ab
jetzt reicht es, mit dem Einkaufswagen an der Kasse vorzufahren. Was nun
im Wagen liegt und was im Mantel verschwunden ist, ist egal. Mit dem
Heranfahren an die Kasse macht der Kunde deutlich, dass er nichts gegen
das Bezahlen hat. Das Wort »Ladendieb« hat seit Mittwoch seinen Platz im
Buch der Geschichte. Wir jedenfalls werden dieses Wort zukünftig nicht
mehr brauchen. Im Altersheim werden uns unsere Enkel vielleicht einmal
fragen, was denn das eigentlich gewesen sei, »ein Ladendieb«. Manche
werden darauf antworten können, andere werden die Enkel ohne Antwort
lassen müssen, denn
»der vergangene Mittwoch war ein großer Tag für
Deutschland.«
Später wird man sagen: Seit diesem Tag hatte das Wort Freiheit einen ganz
neuen Klang bekommen. Man sprach seit diesem Tag mehr und mehr von
Wertefreiheit.
Pfr. Peter Schaal-Ahlers
Pfarrgasse 6
74535 Mainhardt
Quelle:
Deutsches Pfarrerblatt |

im April 2001
aus dem
Deutschen Pfarrerblatt,
Heft 3/2001
|