|
Das Hohe Lied der Liebe
Auch das Hohe Lied der Liebe
gehört zu den weisheitlichen Büchern. Sie Tradition schreibt es König
Salomo, dem weisen Sohn und Nachfolger König Davids zu:
1:1 Das Hohelied Salomos.
2 Mit Küssen seines Mundes bedecke er mich. Süßer als Wein ist deine
Liebe.
3 Köstlich ist der Duft deiner Salben, dein Name hingegossenes Salböl;
darum lieben dich die Mädchen.
4 Zieh mich her hinter dir! Laß uns eilen! Der König führt mich in seine
Gemächer. Jauchzen laßt uns, deiner uns freuen, deine Liebe höher rühmen
als Wein. Dich liebt man zu Recht.
5 Braun bin ich, doch schön, ihr Töchter Jerusalems, wie die Zelte von
Kedar, wie Salomos Decken.
6 Schaut mich nicht so an, weil ich gebräunt bin. Die Sonne hat mich
verbrannt. Meiner Mutter Söhne waren mir böse, ließen mich Weinberge
hüten; den eigenen Weinberg konnte ich nicht hüten.
7 Du, den meine Seele liebt, sag mir: Wo weidest du die Herde? Wo lagerst
du am Mittag? Wozu soll ich erst umherirren bei den Herden deiner
Gefährten?
8 Wenn du das nicht weißt, du schönste der Frauen, dann folge den Spuren
der Schafe, dann weide deine Zicklein dort, wo die Hirten lagern.
9 Mit der Stute an Pharaos Wagen vergleiche ich dich, meine Freundin.
10 Schön sind deine Wangen zwischen den Kettchen, dein Hals in der
Perlenschnur.
11 Machen wir dir noch goldene Kettchen, kleine Silberkugeln daran.
12 Solange der König an der Tafel liegt, gibt meine Narde ihren Duft.
13 Mein Geliebter ruht wie ein Beutel mit Myrrhe an meiner Brust.
14 Eine Hennablüte ist mein Geliebter mir aus den Weinbergen von En-Gedi.
15 Schön bist du, meine Freundin, ja, du bist schön. Zwei Tauben sind
deine Augen.
16 Schön bist du, mein Geliebter, verlockend. Frisches Grün ist unser
Lager,
17 Zedern sind die Balken unseres Hauses, Zypressen die Wände.
2:1 Ich bin eine Blume auf den Wiesen des Scharon, eine Lilie der Täler.
2 Eine Lilie unter Disteln ist meine Freundin unter den Mädchen.
3 Ein Apfelbaum unter Waldbäumen ist mein Geliebter unter den Burschen. In
seinem Schatten begehre ich zu sitzen. Wie süß schmeckt seine Frucht
meinem Gaumen!
4 In das Weinhaus hat er mich geführt. Sein Zeichen über mir heißt Liebe.
5 Stärkt mich mit Traubenkuchen, erquickt mich mit Äpfeln; denn ich bin
krank vor Liebe.
6 Seine Linke liegt unter meinem Kopf, seine Rechte umfängt mich.
7 Bei den Gazellen und Hirschen auf der Flur beschwöre ich euch,
Jerusalems Töchter: Stört die Liebe nicht auf, weckt sie nicht, bis es ihr
selbst gefällt.
8 Horch! Mein Geliebter! Sieh da, er kommt. Er springt über die Berge,
hüpft über die Hügel.
9 Der Gazelle gleicht mein Geliebter, dem jungen Hirsch. Ja, draußen steht
er an der Wand unsres Hauses; er blickt durch die Fenster, späht durch die
Gitter.
10 Der Geliebte spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so
komm doch!
11 Denn vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen.
12 Auf der Flur erscheinen die Blumen; die Zeit zum Singen ist da. Die
Stimme der Turteltaube ist zu hören in unserem Land.
13 Am Feigenbaum reifen die ersten Früchte; die blühenden Reben duften.
Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch!
14 Meine Taube im Felsennest, versteckt an der Steilwand, dein Gesicht laß
mich sehen, deine Stimme hören! Denn süß ist deine Stimme, lieblich dein
Gesicht.
15 Fangt uns die Füchse, die kleinen Füchse! Sie verwüsten die Weinberge,
unsre blühenden Reben.
16 Der Geliebte ist mein, und ich bin sein; er weidet in den Lilien.
17 Wenn der Tag verweht und die Schatten wachsen, komm du, mein Geliebter,
der Gazelle gleich, dem jungen Hirsch auf den Balsambergen.
3:1 Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn, den meine Seele liebt. Ich
suchte ihn und fand ihn nicht.
2 Aufstehen will ich, die Stadt durchstreifen, die Gassen und Plätze, ihn
suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht.
3 Mich fanden die Wächter bei ihrer Runde durch die Stadt. Habt ihr ihn
gesehen, den meine Seele liebt?
4 Kaum war ich an ihnen vorüber, fand ich ihn, den meine Seele liebt. Ich
packte ihn, ließ ihn nicht mehr los, bis ich ihn ins Haus meiner Mutter
brachte, in die Kammer derer, die mich geboren hat.
5 Bei den Gazellen und Hirschen der Flur beschwöre ich euch, Jerusalems
Töchter: Stört die Liebe nicht auf, weckt sie nicht, bis es ihr selbst
gefällt.
6 Wer ist sie, die da aus der Steppe heraufsteigt in Säulen von Rauch,
umwölkt von Myrrhe und Weihrauch, von allen Wohlgerüchen der Händler?
7 Sieh da, das ist Salomos Sänfte; sechzig Helden geleiten sie, Israels
Helden,
8 alle vertraut mit dem Schwert, geschult für den Kampf; jeder trägt sein
Schwert an der Hüfte gegen die Schrecken der Nacht.
9 Einen Tragsessel ließ König Salomo zimmern aus Holz vom Libanon,
10 die Pfosten in Silber, die Lehne in Gold, der Sitz in Purpur, das
Innere mit Steinen belegt.
11 Ihr Töchter Jerusalems, kommt heraus und schaut, ihr Töchter Zions,
König Salomo mit der Krone! Damit hat ihn seine Mutter gekrönt am Tage
seiner Hochzeit, an dem Tag seiner Herzensfreude.
4:1 Schön bist du, meine Freundin, ja, du bist schön. Hinter dem Schleier
deine Augen wie Tauben. Dein Haar gleicht einer Herde von Ziegen, die
herabzieht von Gileads Bergen.
2 Deine Zähne sind wie eine Herde frisch geschorener Schafe, die aus der
Schwemme steigen. Jeder Zahn hat sein Gegenstück, keinem fehlt es.
3 Rote Bänder sind deine Lippen; lieblich ist dein Mund. Dem Riß eines
Granatapfels gleicht deine Schläfe hinter dem Schleier.
4 Wie der Turm Davids ist dein Hals, in Schichten von Steinen erbaut;
tausend Schilde hängen daran, lauter Waffen von Helden.
5 Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, wie die Zwillinge einer Gazelle,
die in den Lilien weiden.
6 Wenn der Tag verweht und die Schatten wachsen, will ich zum Myrrhenberg
gehen, zum Weihrauchhügel.
7 Alles an dir ist schön, meine Freundin; kein Makel haftet dir an.
8 Komm doch mit mir, meine Braut, vom Libanon, weg vom Libanon komm du mit
mir! Weg vom Gipfel des Amana, von den Höhen des Senir und Hermon; weg von
den Lagern der Löwen, den Bergen der Panther.
9 Verzaubert hast du mich, meine Schwester Braut; ja verzaubert mit einem
(Blick) deiner Augen, mit einer Perle deiner Halskette.
10 Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester Braut; wieviel süßer ist
deine Liebe als Wein, der Duft deiner Salben köstlicher als alle
Balsamdüfte.
11 Von deinen Lippen, Braut, tropft Honig; Milch und Honig ist unter
deiner Zunge. Der Duft deiner Kleider ist wie des Libanon Duft.
12 Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut, ein verschlossener
Garten, ein versiegelter Quell.
13 Ein Lustgarten sproßt aus dir, Granatbäume mit köstlichen Früchten,
Hennadolden, Nardenblüten,
14 Narde, Krokus, Gewürzrohr und Zimt, alle Weihrauchbäume, Myrrhe und
Aloe, allerbester Balsam.
15 Die Quelle des Gartens bist du, ein Brunnen lebendigen Wassers, Wasser
vom Libanon.
16 Nordwind, erwache! Südwind, herbei! Durchweht meinen Garten, laßt
strömen die Balsamdüfte! Mein Geliebter komme in seinen Garten und esse
von den köstlichen Früchten.
5:1 Ich komme in meinen Garten, Schwester Braut; ich pflücke meine Myrrhe,
den Balsam; esse meine Wabe samt dem Honig, trinke meinen Wein und die
Milch. Freunde, eßt und trinkt, berauscht euch an der Liebe!
2 Ich schlief, doch mein Herz war wach. Horch, mein Geliebter klopft: Mach
auf, meine Schwester und Freundin, meine Taube, du Makellose! Mein Kopf
ist voll Tau, aus meinen Locken tropft die Nacht.
3 Ich habe mein Kleid schon abgelegt - wie soll ich es wieder anziehen?
Die Füße habe ich gewaschen - soll ich sie wieder beschmutzen?
4 Mein Geliebter streckte die Hand durch die Luke; da bebte mein Herz ihm
entgegen.
5 Ich stand auf, dem Geliebten zu öffnen. Da tropften meine Hände von
Myrrhe am Griff des Riegels.
6 Ich öffnete meinem Geliebten: Doch der Geliebte war weg, verschwunden.
Mir stockte der Atem: Er war weg. Ich suchte ihn, ich fand ihn nicht. Ich
rief ihn, er antwortete nicht.
7 Da fanden mich die Wächter bei ihrer Runde durch die Stadt; sie
schlugen, sie verletzten mich. Den Mantel entrissen sie mir, die Wächter
der Mauern.
8 Ich beschwöre euch, Jerusalems Töchter: Wenn ihr meinen Geliebten
findet, sagt ihm, ich bin krank vor Liebe.
9 Was hat dein Geliebter den andern voraus, du schönste der Frauen? Was
hat dein Geliebter den andern voraus, daß du so uns beschwörst?
10 Mein Geliebter ist weiß und rot, ist ausgezeichnet vor Tausenden.
11 Sein Haupt ist reines Gold. Seine Locken sind Rispen, rabenschwarz.
12 Seine Augen sind wie Tauben an Wasserbächen; (die Zähne), in Milch
gebadet, sitzen fest.
13 Seine Wangen sind wie Balsambeete, darin Gewürzkräuter sprießen, seine
Lippen wie Lilien; sie tropfen von flüssiger Myrrhe.
14 Seine Finger sind wie Stäbe aus Gold, mit Steinen aus Tarschisch
besetzt. Sein Leib ist wie eine Platte aus Elfenbein, mit Saphiren
bedeckt.
15 Seine Schenkel sind Marmorsäulen, auf Sockeln von Feingold. Seine
Gestalt ist wie der Libanon, erlesen wie Zedern.
16 Sein Mund ist voll Süße; alles ist Wonne an ihm. Das ist mein
Geliebter, ja, das ist mein Freund, ihr Töchter Jerusalems.
6:1 Wohin ist dein Geliebter gegangen, du schönste der Frauen? Wohin
wandte sich dein Geliebter? Wir wollen ihn suchen mit dir.
2 In seinen Garten ging mein Geliebter zu den Balsambeeten, um in den
Gartengründen zu weiden, um Lilien zu pflücken.
3 Meinem Geliebten gehöre ich, und mir gehört der Geliebte, der in den
Lilien weidet.
4 Schön wie Tirza bist du, meine Freundin, lieblich wie Jerusalem,
prächtig wie Himmelsbilder.
5 Wende deine Augen von mir, denn sie verwirren mich. Dein Haar gleicht
einer Herde von Ziegen, die von Gilead herabziehen.
6 Deine Zähne sind wie eine Herde von Mutterschafen, die aus der Schwemme
steigen. Jeder Zahn hat sein Gegenstück, keinem fehlt es.
7 Dem Riß eines Granatapfels gleicht deine Schläfe hinter deinem Schleier.
8 Sechzig Königinnen (hat Salomo), achtzig Nebenfrauen und Mädchen ohne
Zahl.
9 Doch einzig ist meine Taube, die Makellose, die Einzige ihrer Mutter,
die Erwählte ihrer Gebärerin. Erblicken sie die Mädchen, sie preisen sie;
Königinnen und Nebenfrauen rühmen sie.
10 Wer ist, die da erscheint wie das Morgenrot, wie der Mond so schön,
strahlend rein wie die Sonne, prächtig wie Himmelsbilder?
11 In den Nußgarten stieg ich hinab, um nach dem Sprossen der Palme zu
sehen, um zu sehen, ob der Weinstock treibt, die Granatbäume blühen.
12 Da entführte mich meine Seele, ich weiß nicht wie, zu den Wagen meines
edlen Volkes.
7:1 Wende dich, wende dich, Schulammit! Wende dich, wende dich, damit wir
dich betrachten. Was wollt ihr an Schulammit sehen? Den Lager-Tanz!
2 Wie schön sind deine Schritte in den Sandalen, du Edelgeborene. Deiner
Hüften Rund ist wie Geschmeide, gefertigt von Künstlerhand.
3 Dein Schoß ist ein rundes Becken, Würzwein mangle ihm nicht. Dein Leib
ist ein Weizenhügel, mit Lilien umstellt.
4 Deine Brüste sind wie zwei Kitzlein, wie die Zwillinge einer Gazelle.
5 Dein Hals ist ein Turm aus Elfenbein. Deine Augen sind wie die Teiche zu
Heschbon beim Tor von Bat-Rabbim. Deine Nase ist wie der Libanonturm, der
gegen Damaskus schaut.
6 Dein Haupt gleicht oben dem Karmel; wie Purpur sind deine Haare; ein
König liegt in den Ringeln gefangen.
7 Wie schön bist du und wie reizend, du Liebe voller Wonnen!
8 Wie eine Palme ist dein Wuchs; deine Brüste sind wie Trauben.
9 Ich sage: Ersteigen will ich die Palme; ich greife nach den Rispen.
Trauben am Weinstock seien mir deine Brüste, Apfelduft sei der Duft deines
Atems,
10 dein Mund köstlicher Wein, der glatt in mich eingeht, der Lippen und
Zähne mir netzt.
11 Ich gehöre meinem Geliebten, und ihn verlangt nach mir.
12 Komm, mein Geliebter, wandern wir auf das Land, schlafen wir in den
Dörfern.
13 Früh wollen wir dann zu den Weinbergen gehen und sehen, ob der
Weinstock schon treibt, ob die Rebenblüte sich öffnet, ob die Granatbäume
blühen. Dort schenke ich dir meine Liebe.
14 Die Liebesäpfel duften; an unsrer Tür warten alle köstlichen Früchte,
frische und solche vom Vorjahr; für dich hab' ich sie aufgehoben,
Geliebter.
8:1 Ach, wärst du doch mein Bruder, genährt an der Brust meiner Mutter.
Träfe ich dich dann draußen, ich würde dich küssen; niemand dürfte mich
deshalb verachten.
2 Führen wollte ich dich, in das Haus meiner Mutter dich bringen, die mich
erzogen hat. Würzwein gäbe ich dir zu trinken, Granatapfelmost.
3 Seine Linke liegt unter meinem Kopf, seine Rechte umfängt mich.
4 Ich beschwöre euch, Jerusalems Töchter: Was stört ihr die Liebe auf,
warum weckt ihr sie, ehe ihr selbst es gefällt?
5 Wer ist sie, die aus der Steppe heraufsteigt, auf ihren Geliebten
gestützt? Unter dem Apfelbaum hab' ich dich geweckt, dort, wo deine Mutter
dich empfing, wo deine Gebärerin in Wehen lag.
6 Leg mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel an deinen Arm!
Stark wie der Tod ist die Liebe, die Leidenschaft ist hart wie die
Unterwelt. Ihre Gluten sind Feuergluten, gewaltige Flammen.
7 Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen; auch Ströme
schwemmen sie nicht weg. Böte einer für die Liebe den ganzen Reichtum
seines Hauses, nur verachten würde man ihn.
8 Wir haben eine kleine Schwester, noch ohne Brüste. Was tun wir mit
unsrer Schwester, wenn jemand um sie wirbt?
9 Ist sie eine Mauer, bauen wir silberne Zinnen auf ihr. Ist sie eine Tür,
versperren wir sie mit einem Zedernbrett.
10 Ich bin eine Mauer, meine Brüste gleichen Türmen. Da hab' ich in seinen
Augen Gefallen gefunden.
11 Salomo besaß einen Weinberg in Baal-Hamon; den Weinberg übergab er
Hütern. Für seine Frucht würde jeder tausend Silberstücke bezahlen.
12 Mein eigener Weinberg liegt vor mir. Die tausend laß ich dir, Salomo,
und zweihundert noch denen, die seine Früchte hüten.
13 Die du in den Gärten weilst, auf deine Stimme lauschen die Freunde; laß
sie mich hören!
14 Fort, fort, mein Geliebter, der Gazelle gleich, dem jungen Hirsch auf
den Balsambergen.
|