|
Buch der Richter Kapitel 11
Israel hat das von Gott
versprochene Land in Besitz genommen. Aber immer wieder wird es von den
umliegenden Völkern bedroht. Das Volk ruft Gott um Hilfe und er
beruft Menschen zu Heerführern, und schlägt durch sie die Feinde zurück
oder schlichtet Streit im Volk. Diese Menschen werden "Richter"
genannt, da Israel noch keine Könige hat. Einer dieser Richter ist
Jiftach:
11:1 Jiftach, der Gileaditer,
war ein tapferer Held; er war der Sohn einer Dirne, und Gilead war sein
Vater.
2 Auch Gileads Ehefrau gebar ihm Söhne. Als nun die Söhne der Ehefrau
herangewachsen waren, jagten sie Jiftach fort und sagten zu ihm: Du sollst
im Haus unseres Vaters nicht erben; denn du bist der Sohn einer anderen
Frau.
3 Da floh Jiftach vor seinen Brüdern. Er ließ sich im Land Tob nieder, und
Männer, die nichts zu verlieren hatten, scharten sich um ihn und zogen mit
ihm (zu Streifzügen) aus.
4 Nach einiger Zeit begannen die Ammoniter Krieg mit Israel.
5 Als nun die Ammoniter mit Israel Krieg begannen, machten sich die
Ältesten Gileads auf den Weg, um Jiftach aus dem Land Tob zu holen.
6 Sie sagten zu Jiftach: Komm, sei unser Anführer, dann können wir gegen
die Ammoniter kämpfen.
7 Jiftach erwiderte den Ältesten Gileads: Habt ihr mich nicht gehaßt und
aus dem Haus meines Vaters verjagt? Warum kommt ihr jetzt zu mir, da ihr
in Bedrängnis seid?
8 Die Ältesten Gileads antworteten Jiftach: Eben darum haben wir uns jetzt
dir wieder zugewandt. Du sollst mit uns gehen und gegen die Ammoniter
kämpfen; du sollst unser Oberhaupt und der Anführer aller Bewohner Gileads
werden.
9 Jiftach entgegnete den Ältesten Gileads: Wenn ihr mich zum Kampf gegen
die Ammoniter zurückholt und der Herr sie vor meinen Augen preisgibt,
werde ich dann wirklich euer Oberhaupt sein?
10 Die Ältesten Gileads antworteten Jiftach: Der Herr soll unser Zeuge
sein: Wirklich, so wie du es eben gesagt hast, so werden wir es machen.
11 Daraufhin ging Jiftach mit den Ältesten Gileads, und die Leute machten
ihn zu ihrem Oberhaupt und Anführer. Jiftach aber brachte in Mizpa alle
seine Angelegenheiten vor den Herrn.
12 Danach schickte Jiftach Boten zum König der Ammoniter und ließ ihn
fragen: Was haben wir gegeneinander, daß du herangerückt bist, um in
meinem Land Krieg zu führen?
13 Der König der Ammoniter antwortete den Boten Jiftachs: Israel hat mir
mein Land zwischen dem Arnon und dem Jabbok, bis hin zum Jordan,
weggenommen, als es aus Ägypten heraufzog. Gib es jetzt freiwillig wieder
zurück!
14 Darauf schickte Jiftach noch einmal Boten zum König der Ammoniter
15 und ließ ihm sagen: So spricht Jiftach: Israel hat das Land Moabs und
das Land der Ammoniter nicht weggenommen.
16 Als Israel aus Ägypten heraufzog, wanderte es durch die Wüste bis zum
Schilfmeer und kam nach Kadesch.
17 Da schickte Israel Boten zum König von Edom und ließ ihm sagen: Ich
möchte durch dein Land ziehen. Aber der König von Edom hörte nicht darauf.
Auch zum König von Moab schickten sie, aber auch er wollte nicht (hören).
Deshalb blieb Israel in Kadesch.
18 Es zog dann durch die Wüste, umging das Land Edoms und das Land Moabs
und kam so in das Gebiet östlich vom Land Moabs. Sie schlugen jenseits des
Arnon ihr Lager auf, kamen also gar nicht in das Gebiet Moabs; denn der
Arnon ist die Grenze Moabs.
19 Dann sandte Israel Boten zu Sihon, dem König der Amoriter, dem König
von Heschbon, und ließ ihm sagen: Wir möchten durch dein Gebiet in unser
Land ziehen.
20 Sihon aber glaubte nicht, daß Israel nur durch sein Gebiet durchziehen
wollte. Er sammelte daher seine Männer, schlug in Jahaz sein Lager auf und
eröffnete den Kampf gegen Israel.
21 Der Herr, der Gott Israels, aber gab Sihon und alle seine Männer in die
Gewalt Israels. Israel schlug sie und eroberte das ganze Land, das die
Amoriter bewohnten.
22 So nahmen sie das ganze Land der Amoriter vom Arnon bis zum Jabbok und
von der Wüste bis zum Jordan in Besitz.
23 Der Herr, der Gott Israels, hat also die Amoriter vor den Augen seines
Volkes Israel vertrieben. Und du willst es nun aus seinem Besitz
vertreiben?
24 Ist es nicht so: Wen Kemosch, dein Gott, vertreibt, dessen Besitz
nimmst du, und wen immer der Herr, unser Gott, vor unseren Augen
vertreibt, dessen Besitz nehmen wir.
25 Bist du denn wirklich besser als der Moabiterkönig Balak, der Sohn
Zippors? Hat er denn mit Israel einen Streit oder einen Krieg angefangen?
26 Israel saß dreihundert Jahre lang in Heschbon und seinen
Tochterstädten, in Aroër und seinen Tochterstädten und in allen Städten,
die zu beiden Seiten des Arnon liegen. Warum habt ihr diese Städte nicht
in jener Zeit an euch gerissen?
27 Was mich betrifft, so habe ich dir kein Unrecht getan, aber du willst
mir Böses antun, indem du den Kampf gegen mich eröffnest. Der Herr soll
unser Richter sein; er möge heute im Streit zwischen den Israeliten und
den Ammonitern entscheiden.
28 Doch der König der Ammoniter hörte nicht auf die Botschaft, die ihm
Jiftach schickte.
29 Da kam der Geist des Herrn über Jiftach, und Jiftach zog durch Gilead
und Manasse nach Mizpa in Gilead, und von Mizpa in Gilead zog er gegen die
Ammoniter.
30 Jiftach legte dem Herrn ein Gelübde ab und sagte: Wenn du die Ammoniter
wirklich in meine Gewalt gibst
31 und wenn ich wohlbehalten von den Ammonitern zurückkehre, dann soll,
was immer mir (als erstes) aus der Tür meines Hauses entgegenkommt, dem
Herrn gehören, und ich will es ihm als Brandopfer darbringen.
32 Darauf zog Jiftach gegen die Ammoniter in den Kampf, und der Herr gab
sie in seine Gewalt.
33 Er schlug sie im ganzen Gebiet zwischen Aroër und Minnit bis hin nach
Abel-Keramim vernichtend (und nahm) zwanzig Städte (ein). So wurden die
Ammoniter vor den Augen der Israeliten gedemütigt.
34 Als Jiftach nun nach Mizpa zu seinem Haus zurückkehrte, da kam ihm
seine Tochter entgegen; sie tanzte zur Pauke. Sie war sein einziges Kind;
er hatte weder einen Sohn noch eine andere Tochter.
35 Als er sie sah, zerriß er seine Kleider und sagte: Weh, meine Tochter!
Du machst mich niedergeschlagen und stürzt mich ins Unglück. Ich habe dem
Herrn mit eigenem Mund etwas versprochen und kann nun nicht mehr zurück.
36 Sie erwiderte ihm: Mein Vater, wenn du dem Herrn mit eigenem Mund etwas
versprochen hast, dann tu mit mir, was du versprochen hast, nachdem dir
der Herr Rache an deinen Feinden, den Ammonitern, verschafft hat.
37 Und sie sagte zu ihrem Vater: Nur das eine möge mir gewährt werden: Laß
mir noch zwei Monate Zeit, damit ich in die Berge gehe und zusammen mit
meinen Freundinnen meine Jugend beweine.
38 Er entgegnete: Geh nur!, und ließ sie für zwei Monate fort. Sie aber
ging mit ihren Freundinnen hin und beweinte ihre Jugend in den Bergen.
39 Als zwei Monate zu Ende waren, kehrte sie zu ihrem Vater zurück, und er
tat mit ihr, was er gelobt hatte; sie aber hatte noch mit keinem Mann
Verkehr gehabt. So wurde es Brauch in Israel,
40 daß Jahr für Jahr die Töchter Israels (in die Berge) gehen und die
Tochter des Gileaditers Jiftach beklagen, vier Tage lang, jedes Jahr.
|