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Liebe Festgemeinde!
„Bevor man weiß, wohin man geht, muss klar sein, woher man kommt und
wo man steht.“ Dieser Satz des Schriftstellers Leo Bernadis passt
für unseren persönlichen Lebensweg. An den Wegkreuzungen unseres
Lebens ist es gut innezuhalten, nach zu denken: - Woher komme ich?
Wo stehe ich, jetzt? Wo will ich hin?
„Bevor ich weiß, wohin ich will, muss klar sein, woher ich komme und
wo ich stehe“. Diese Einsicht gilt nicht nur für jeden Einzelnen von
uns. Sie gilt auch für soziale Gruppen und Organisationen, für
Vereine, für politische Parteien, für Gewerkschaften und nicht
zuletzt für die Kirche.
In diesem Gottesdienst erinnern wir an den Start der Reformation. Am
31. Oktober 1517 hat Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlicht.
Er hat damit den Stein der Reformation ins Rollen gebracht.
Missstände wie den Ablasshandel hat er angeprangert. Die
Reliquienverehrung kritisiert. Er hat die Kirche und die Gläubigen
zur Umkehr gerufen. In diesem Gottesdienst erinnern wir auch den
Start der Reformation in Hof. 1529, also vor 480 Jahren hielt Kaspar
Löner, - nach ihm ist denke ich eine Straße hier in Hof benannt -
den ersten evangelischen Gottesdienst in deutscher Sprache; das
kleine Abendmahl mit Brot und Wein.
Ich finde es gut, dass Sie hier in Hof an den Start der Reformation
erinnern und danke Ihnen für die Einladung zu diesem Gottesdienst.
Meine Frau und ich sind gerne aus Nürnberg nach Hof gekommen. Dekan
Saalfrank hat es ja schon gesagt, von 1979 bis 1984, also vor vielen
Jahren haben wir im Pfarrhaus in Trogen gelebt. Neben dem Dienst in
Trogen habe ich auch die Dekanatsjugendarbeit danach begleitet. Ich
will nicht in persönlichen Erinnerungen schwelgen, aber doch sagen,
wie sehr es mich berührt, 20 Jahre nach der sogenannten Wende, heute
hier zu sein. Ich denke wir alle können froh und dankbar sein, dass
wieder zusammenwächst, was zusammengehört. Ich bitte die Hofer und
Hoferinnen und den Herrn Dekan um Nachsicht, wenn ich die anwesenden
Trogener und Feilitzscher auch von meiner Frau besonders begrüße.
Wir freuen uns, dass sie gekommen sind.
1. Evangelisch aus gutem Grund
Evangelisch – aus gutem Grund steht über diesem Gottesdienst. Es
geht mit nicht um konfessionelle Eigenheiten: Das offene Gespräch
mit anderen Geschwistern im Glauben, der ökumenische Dialog ist
unverzichtbar. Gestern und heute in Augsburg wird an die gemeinsame
Erklärung zur Rechtfertigungslehre erinnert, die vor zehn Jahren
verabschiedet wurde. Wir sollten nicht nur nach oben schauen, welche
Erklärungen der Papst oder der Vatikan oder die EKD abgeben.
Mindestens genauso wichtig ist die offene Zusammenarbeit und das
Gespräch vor Ort in den Gemeinden.
Uns verbindet als evang. und kath. Christen eine gemeinsame
Geschichte von über 1500 Jahren. Uns verbindet die Taufe. Uns
verbindet das Bekenntnis zu Jesus Christus. Uns verbindet das
Apostolische Glaubensbekenntnis. Uns verbindet die Bibel als
Fundament des Glaubens. Uns verbindet seit 10 Jahren die gemeinsame
Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Uns verbindet der Konsens in
ethischen Fragen, z.B. wenn es um die Bewahrung der Schöpfung, um
Frieden und Gerechtigkeit geht. Ich bin der festen Überzeugung, dass
uns viel, viel mehr verbindet als trennt. Diese Vor – Bemerkung ist
mir wichtig. Dennoch: Es ist heilsam und gut, dass wir Evangelische
uns auf unsere Basics, auf unsere Grundlagen im Glauben besinnen –
vier Basics, vier Kennzeichen hat Martin Luther benannt. Ich möchte
Sie in der Predigt erinnern und entfalten. Er hat dies in
lateinischer Sprache getan:
- sola scriptura - Allein die heilige Schrift
- solus christus - Allein Christus
- sola gratia - Allein die Gnade
- sola fide - Allein durch den Glauben
Die Bibel, Jesus Christus, die Gnade und der Glaube sind für Martin
Luther und für uns Evangelische die Basics. Allein die heilige
Schrift, allein Christus, allein die Gnade, das sind die Basics für
das ökumenische Gespräch und für die persönliche Frömmigkeit heute.
Das ist auch die Basis für das Gespräch mit dem Islam, mit anderen
Religionen und mit den Verächtern der Religion.
2. Zunächst zur Heiligen Schrift als
Grundlage.
Für Martin Luther steht das Studium der Bibel im Zentrum seines
Lebens. Als Mönch im „Schwarzen Kloster“ in Erfurt prägen das
Stundengebet und die persönliche Schriftmeditation seinen Tag. Als
Doktor der Theologie an der Universität in Wittenberg legt er in
Vorlesungen die Bibel aus. Mit großer Begeisterung die Psalmen und
den Römerbrief. Martin Luther ging es darum, dass die Worte der
heiligen Schrift im Herzen wohnen. Er lehrt seine Studenten, dass
Sie die Worte der Bibel meditieren, innerlich bewegen, wiederkäuen.
Martin Luther war von der heilenden Kraft der heiligen Schrift
überzeugt. Deshalb wollte er, dass die Menschen selbst in der Bibel
lesen können. Deshalb hat er das Neue Testament ins Deutsche
übersetzt. Deshalb hat er unermüdlich gepredigt. Deshalb hat er
persönlich immer wieder um das rechte Verständnis der heiligen
Schrift gerungen.
Die heilige Schrift als Grundlage, da stimmen katholische und
orthodoxe Christen, auch die sogenannten Freikirchen mit uns heute
überein. Gott sei Dank. Sola scriptura, allein die heilige Schrift,
diese Front verläuft heute nicht zwischen den Konfessionen. Die
Front besteht zum Zeitgeist der säkularen Welt heute. Die
christliche Frontstellung heute ist angesagt gegenüber dem
Relativismus: „Alles ist relativ“, „anything goes“. – Alles ist
möglich? Nein, es ist nicht alles gleich gültig. Dem sollen und
können wir als Christinnen und Christen gemeinsam die Stirn bieten.
Nein, der Mensch ist Geschöpf Gottes und auf ihn hin angelegt. Es
kann eben nicht jeder tun, was er will. Gottes Gebote geben Weisung
und Orientierung. Die Gleichnisse Jesu zeigen uns, vom barmherzigen
Samariter oder vom verlorenen Sohn, wer Gott ist und was er von uns
will. Er hat uns gesagt, was Gott von uns fordert. -
Wichtiger aber als die Klage über die kollektive Verwirrung unserer
Zeit ist es, dass wir selber in der heiligen Schrift wohnen. Jeden
Tag dürfen wir mit den mahnenden und tröstenden Worten der heiligen
Schrift leben. Viele von uns haben bei ihrer Taufe, bei ihrer
Konfirmation oder bei ihrer Trauung ein Wort der Bibel mit auf den
Weg bekommen. Manche von uns lesen jeden Tag die Losungen der
„Herrnhuter Brüdergemeinde“. Manche lesen jeden Tag einen Psalm oder
einen Abschnitt aus der Heiligen Schrift. Ich möchte Sie anstiften,
das weiterhin zu tun, oder wieder zu tun, immer öfter. Gleich jetzt.
Erinnern Sie in der Stille ein Wort der Bibel, ein Wort der Bibel,
das für Sie wegweisend ist und wichtig. Bewegen Sie dieses Wort in
Ihren Herzen. Sagen Sie es sich immer wieder vor. „Dein Wort ist
meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“ Die Orgel wird
uns in die Stille begleiten.
Orgelmeditation
3. Solus christus – Allein Christus
„Allein die Heilige Schrift „- „Sola scriptura“ mit den Hinweis auf
die Bibel als Ur -kunde des christlichen Glaubens, sind freilich
nicht alle Fragen unseres Lebens und unseres Glaubens bewortet:
- Wie ist die heilige Schrift zu verstehen?
- Sind alle biblischen Texte aus dem AT und NT gleich wichtig?
Wenn wir die Bibel studieren, stellen wir fest:
- In der Bibel stehen viele unterschiedliche Stimmen nebeneinander:
Die Evangelien, die Paulusbriefe, die Offenbarung des Johannes.
- Eigentlich ist die Bibel ja kein Buch, sondern eine Bibliothek, in
der verschiedene Bücher nebeneinander stehen. Die Bibel selbst ist
in einem langen Prozess gewachsen.
Das sind wichtige Einsichten und sie weisen darauf hin, dass es mit
dem Hinweis auf die Bibel allein nicht getan ist. Es braucht einen
Schlüssel, um sie zu öffnen. Es braucht ein Kriterium, um die Bibel
recht zu verstehen. Martin Luther gibt uns diesen Schlüssel. Er
zeigt uns den Schlüssel: Solus christus – allein Christus. Im
Zweifelsfall, so Martin Luther, wenn wir ein Bibelwort oder eine
biblische Geschichte, eine Epistel, nicht so recht verstehen, dann
können wir fragen: Wie verhält sich dieses Bibelwort zu Jesus
Christus? Geht dieser Gedanke mit der Botschaft Jesu, den
Gleichnissen oder der Bergpredigt zusammen oder nicht? Für Martin
Luther ist das entscheidende Kriterium: „Das, was Christus treibet“.
Das was, auf ihn hinweist oder von ihm herkommt. Dieses Kriterium
hat Martin Luther dazu gebracht, den Jakobusbrief eine „Stroherne
Epistel“ zu nennen. Deshalb hat er ihn in der Lutherbibel nach
hinten gerückt.
Dieses Kriterium hat Martin Luther dazu gebracht, dass er in den
Römerbrief besonders schätzte, weil er Gnade Gottes und die Erlösung
durch Christus betont. Diese Kriterium hat Martin Luther dazu
gebracht, die Psalmen zu lieben, weil sie Gottes große Taten rühmen:
„Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er Dir Gutes
getan hat.“ Martin Luther ist biblischer Theologe mit einem klaren
Bezugspunkt: Jesus Christus. In der Stadtkirche in Wittenberg, nicht
in der Schlosskirche, gibt es ein Bild, das genau Christus als
Kriterium zeigt, Lukas Cranach der Ältere stellt Martin Luther dar,
wie er predigt. Luther ist auf der Kanzel zu sehen. Sein Zeigefinger
weist auf den gekreuzigten Christus, der in der Mitte das Bild
dominiert. Die Botschaft des Bildes ist klar:
Luther weist weg von sich, hin auf den, der allein wichtig ist:
Jesus Christus. Er ist das Kriterium Gottes. Er ist der Bezugspunkt.
An ihm scheiden sich die Geister. In ihm leuchtet die Gnade Gottes
auf. Er ist Heilige Gottes. Die ersten Christen haben das so
formuliert: Jesu ist der Herr! Nicht der Kaiser ist der Herr. Nicht
Caesar, nicht andere Herren, nicht andere Dichter oder Denker. Nicht
der Mammon der Welt.
„Allein Jesus Christus“. Dieses Bekenntnis wurde für die ersten
Christen gefährlich, viele wurden deshalb verfolgt. Viele Christen
und Christinnen sind für dies Bekenntnis in den Tod gegangen. Martin
Luther selber war vogelfrei. Sein Leben bedroht: „Allein die
Schrift" - "Allein Christus" und eben nicht: „allein die Kirche“.
Eben nicht: „Allein der Papst“. Eben nicht: „Allein der Kaiser“
Nicht "allein die Fürsten".
Wenn Luther das gesagt hätte, wäre er der Liebling der Mächtigen
seiner Zeit gewesen. Aber darum ging es ihm nicht. Darum sollte es
uns auch nicht gehen. Für uns, für unser Leben, für unseren Glauben,
für unser Sterben ist es entscheidend, woran wir unser Herz hängen.
Woran hängt mein Herz? Woran klammere ich mich fest? Wo suchen Sie
Glück und Seligkeit? Allein der Beruf? Allein die Familie und die
Kirche? Allein mein persönliches Glück?
Irgendwann in meinem Leben, ich war so 17 oder 18, da ist das in mir
gewachsen und groß geworden: Jesus Christus, das Kriterium, der Weg
und das Ziel für mich. Seine Worte sind wahr – Worte und Taten
stimmen bei ihm überein. Er ging konsequent seinen von Gott
geführten Weg. Sein Werk sind klar. In ihm ist Heil und Leben. Sein
heiliger Mund hat Kraft und Grund, all Feind zu überwinden. „Such,
wer da will ein ander Ziel“, die Seligkeit zu finden, mein Herz
allein bedacht soll sein auf Christum sich zu gründen, sein Wort
sind wahr, sein Werk sind klar, sein heiliger Mund hat Kraft und
Grund all Feind zu überwinden“. Die Orgel spielt uns nun diese Worte
und die Melodie ins Herz. „Such wer da will, ein ander Ziel die
Seligkeit zu finden.“
Orgelmeditation
4. Allein die Gnade – allein der Glaube
Sola gratia – sola fide, allein die Gnade, allein der Glaube. Es ist
nicht leicht zu verstehen, weshalb Luther die Gnade Gottes so groß
macht. Es ist auch nicht so ohne weiteres zu verstehen, warum Martin
Luther den Glauben und nicht das Handeln ins Zentrum rückt.
Wir verstehen das besser, wenn wir in die Zeit Luthers, Anfang des
16. Jahrhunderts zurückgehen. Was beschäftigte die Menschen? Was war
damals los? Hätte es damals große Tageszeitungen gegeben, wären
Schlagzeilen – die gewesen:
- Papst plant Petersdom in Rom größte Kirche der Welt.
- Der Handel mit dem Ablass boomt!
- Kann man die Seligkeit kaufen?
- Spenden für den Petersdom werden im Himmel belohnt!
- Luther wettert gegen Tetzel
- Luther geißelt Geschäft mit der Angst
Die Schlagzeilen weisen auf den Irr-Glauben hin, dass die Kirche die
Macht und die Möglichkeit habe, Menschen vor dem Fegefeuer zu
bewahren. Diese Schlagzeilen weisen darauf hin, dass die Kirche den
Verlockungen der Macht und des Geldes erlegen ist. Stellen wir uns
das mal kurz so vor: Angenommen es wäre so: Wir könnten unser
Seelenheil erarbeiten, selber schaffen bzw. verdienen? Was wäre die
Konsequenz? Die Konsequenz wäre, dass wir immer in der Angst und
Sorge leben würden, ob wir denn genug getan hätten. Die Konsequenz
wäre, dass Menschen, die an den 10 Geboten scheitern im Beruf oder
in der Ehe oder in Erziehung ihrer Kinder, Fehltritte begehen, Angst
vor der ewigen Verdammnis plagen würden. Verzweiflung wäre für viele
Menschen die Konsequenz.
Verzweifelt hat ja Martin Luther gerade das versucht: Es Gott recht
zu machen, ihn zu lieben. Aber diesen Buchhaltergott, der die Sünden
und Fehltritte zählt, den konnte er nicht lieben. Deshalb dichtet er
in einem Kirchenlied:
„Die Angst mich zu verzweifeln trieb
der nichts dem Sterben bei mir blieb.
Zur Hölle musst ich sinken.“
Wie aus dieser Sackgasse herauskommen?
Wie aus dieser Höllenangst herauskommen?
Wo also Hoffnung und Heil finden?
Nun, Luther findet den Weg aus der Höllenangst, durch die Heilige
Schrift. Martin Luther findet den Weg aus der Höllenangst durch
seinen Seelsorger Staupitz. Im Römerbrief Kap.3, Vers 28 findet
Martin Luther dieses sola fide, allein durch den Glauben. Paulus
schreibt dort: „So halten wir nun dafür, das der Mensch (vor Gott)
gerecht wird, …. allein durch den Glauben“. Wie ein Blitz der
Erleuchtung hat das Martin Luther getroffen. Wie neu geboren hat er
sich gefühlt. Vor lauter Freude hat er gleich zur Feder gegriffen
und ein Lied geschrieben: “Nun freut euch liebe Christengmein und
lasst uns fröhlich singen.“
„Aus Gottes Gnade bin ich was ich bin“. Allein durch den Glauben
werde ich vor Gott gerecht. Diese tiefe Glaubenserfahrung hat eine
befreiende Wirkung:
- Sie befreit davor, verzweifelt etwas aus sich machen zu wollen.
„Aus Gottes Gnade
bin ich …“
- Sie befreit von dem Irrglauben, dass ich mein Glück und Heil
selbst schaffen kann.
- Sie befreit vor Selbstgerechtigkeit.
- Dieser Glaube befreit aus der Bevormundung durch eine Kirche, die
selber zum Machtapparat, zum vermeintlichen Hüter der Gnade Gottes
geworden ist.
„Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“ Das ist gewisslich wahr.
„Mein Leben habe ich mir nicht selber gegeben, das ist gewisslich….
Meine Gesundheit habe ich nicht verdient ….
Frieden und Freiheit habe ich nicht verdient….
Ich bin nicht meines Glückes Schmied.
Geschweige denn, dass ich mir mein Heil selber erwerben kann.
Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Wem die Gnade Gottes zu wenig
ist, wer meint er sei zu wenig geworden. Der sei daran erinnert,
dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig sein kann. Sola gratia –
Sola fide. Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin und: Allein durch
den Glauben sind wir Gott gerecht. Das ist gewisslich wahr.
Dr. Karlheinz Röhlin |
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