Predigt     Reformationsfest 2009   31.10.09

„Evangelisch - aus gutem Grund“
(von Rektor Dr. Karlheinz Röhlin, Nürnberg/Neuendettelsau in St. Michaelis)

Liebe Festgemeinde!

„Bevor man weiß, wohin man geht, muss klar sein, woher man kommt und wo man steht.“ Dieser Satz des Schriftstellers Leo Bernadis passt für unseren persönlichen Lebensweg. An den Wegkreuzungen unseres Lebens ist es gut innezuhalten, nach zu denken: - Woher komme ich? Wo stehe ich, jetzt? Wo will ich hin?

„Bevor ich weiß, wohin ich will, muss klar sein, woher ich komme und wo ich stehe“. Diese Einsicht gilt nicht nur für jeden Einzelnen von uns. Sie gilt auch für soziale Gruppen und Organisationen, für Vereine, für politische Parteien, für Gewerkschaften und nicht zuletzt für die Kirche.

In diesem Gottesdienst erinnern wir an den Start der Reformation. Am 31. Oktober 1517 hat Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlicht. Er hat damit den Stein der Reformation ins Rollen gebracht. Missstände wie den Ablasshandel hat er angeprangert. Die Reliquienverehrung kritisiert. Er hat die Kirche und die Gläubigen zur Umkehr gerufen. In diesem Gottesdienst erinnern wir auch den Start der Reformation in Hof. 1529, also vor 480 Jahren hielt Kaspar Löner, - nach ihm ist denke ich eine Straße hier in Hof benannt - den ersten evangelischen Gottesdienst in deutscher Sprache; das kleine Abendmahl mit Brot und Wein.

Ich finde es gut, dass Sie hier in Hof an den Start der Reformation erinnern und danke Ihnen für die Einladung zu diesem Gottesdienst. Meine Frau und ich sind gerne aus Nürnberg nach Hof gekommen. Dekan Saalfrank hat es ja schon gesagt, von 1979 bis 1984, also vor vielen Jahren haben wir im Pfarrhaus in Trogen gelebt. Neben dem Dienst in Trogen habe ich auch die Dekanatsjugendarbeit danach begleitet. Ich will nicht in persönlichen Erinnerungen schwelgen, aber doch sagen, wie sehr es mich berührt, 20 Jahre nach der sogenannten Wende, heute hier zu sein. Ich denke wir alle können froh und dankbar sein, dass wieder zusammenwächst, was zusammengehört. Ich bitte die Hofer und Hoferinnen und den Herrn Dekan um Nachsicht, wenn ich die anwesenden Trogener und Feilitzscher auch von meiner Frau besonders begrüße. Wir freuen uns, dass sie gekommen sind.

1. Evangelisch aus gutem Grund

Evangelisch – aus gutem Grund steht über diesem Gottesdienst. Es geht mit nicht um konfessionelle Eigenheiten: Das offene Gespräch mit anderen Geschwistern im Glauben, der ökumenische Dialog ist unverzichtbar. Gestern und heute in Augsburg wird an die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre erinnert, die vor zehn Jahren verabschiedet wurde. Wir sollten nicht nur nach oben schauen, welche Erklärungen der Papst oder der Vatikan oder die EKD abgeben. Mindestens genauso wichtig ist die offene Zusammenarbeit und das Gespräch vor Ort in den Gemeinden.

Uns verbindet als evang. und kath. Christen eine gemeinsame Geschichte von über 1500 Jahren. Uns verbindet die Taufe. Uns verbindet das Bekenntnis zu Jesus Christus. Uns verbindet das Apostolische Glaubensbekenntnis. Uns verbindet die Bibel als Fundament des Glaubens. Uns verbindet seit 10 Jahren die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Uns verbindet der Konsens in ethischen Fragen, z.B. wenn es um die Bewahrung der Schöpfung, um Frieden und Gerechtigkeit geht. Ich bin der festen Überzeugung, dass uns viel, viel mehr verbindet als trennt. Diese Vor – Bemerkung ist mir wichtig. Dennoch: Es ist heilsam und gut, dass wir Evangelische uns auf unsere Basics, auf unsere Grundlagen im Glauben besinnen – vier Basics, vier Kennzeichen hat Martin Luther benannt. Ich möchte Sie in der Predigt erinnern und entfalten. Er hat dies in lateinischer Sprache getan:

- sola scriptura - Allein die heilige Schrift
- solus christus - Allein Christus
- sola gratia - Allein die Gnade
- sola fide - Allein durch den Glauben

Die Bibel, Jesus Christus, die Gnade und der Glaube sind für Martin Luther und für uns Evangelische die Basics. Allein die heilige Schrift, allein Christus, allein die Gnade, das sind die Basics für das ökumenische Gespräch und für die persönliche Frömmigkeit heute. Das ist auch die Basis für das Gespräch mit dem Islam, mit anderen Religionen und mit den Verächtern der Religion.

2. Zunächst zur Heiligen Schrift als Grundlage.

Für Martin Luther steht das Studium der Bibel im Zentrum seines Lebens. Als Mönch im „Schwarzen Kloster“ in Erfurt prägen das Stundengebet und die persönliche Schriftmeditation seinen Tag. Als Doktor der Theologie an der Universität in Wittenberg legt er in Vorlesungen die Bibel aus. Mit großer Begeisterung die Psalmen und den Römerbrief. Martin Luther ging es darum, dass die Worte der heiligen Schrift im Herzen wohnen. Er lehrt seine Studenten, dass Sie die Worte der Bibel meditieren, innerlich bewegen, wiederkäuen. Martin Luther war von der heilenden Kraft der heiligen Schrift überzeugt. Deshalb wollte er, dass die Menschen selbst in der Bibel lesen können. Deshalb hat er das Neue Testament ins Deutsche übersetzt. Deshalb hat er unermüdlich gepredigt. Deshalb hat er persönlich immer wieder um das rechte Verständnis der heiligen Schrift gerungen.

Die heilige Schrift als Grundlage, da stimmen katholische und orthodoxe Christen, auch die sogenannten Freikirchen mit uns heute überein. Gott sei Dank. Sola scriptura, allein die heilige Schrift, diese Front verläuft heute nicht zwischen den Konfessionen. Die Front besteht zum Zeitgeist der säkularen Welt heute. Die christliche Frontstellung heute ist angesagt gegenüber dem Relativismus: „Alles ist relativ“, „anything goes“. – Alles ist möglich? Nein, es ist nicht alles gleich gültig. Dem sollen und können wir als Christinnen und Christen gemeinsam die Stirn bieten. Nein, der Mensch ist Geschöpf Gottes und auf ihn hin angelegt. Es kann eben nicht jeder tun, was er will. Gottes Gebote geben Weisung und Orientierung. Die Gleichnisse Jesu zeigen uns, vom barmherzigen Samariter oder vom verlorenen Sohn, wer Gott ist und was er von uns will. Er hat uns gesagt, was Gott von uns fordert. -

Wichtiger aber als die Klage über die kollektive Verwirrung unserer Zeit ist es, dass wir selber in der heiligen Schrift wohnen. Jeden Tag dürfen wir mit den mahnenden und tröstenden Worten der heiligen Schrift leben. Viele von uns haben bei ihrer Taufe, bei ihrer Konfirmation oder bei ihrer Trauung ein Wort der Bibel mit auf den Weg bekommen. Manche von uns lesen jeden Tag die Losungen der „Herrnhuter Brüdergemeinde“. Manche lesen jeden Tag einen Psalm oder einen Abschnitt aus der Heiligen Schrift. Ich möchte Sie anstiften, das weiterhin zu tun, oder wieder zu tun, immer öfter. Gleich jetzt. Erinnern Sie in der Stille ein Wort der Bibel, ein Wort der Bibel, das für Sie wegweisend ist und wichtig. Bewegen Sie dieses Wort in Ihren Herzen. Sagen Sie es sich immer wieder vor. „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“ Die Orgel wird uns in die Stille begleiten.

Orgelmeditation

3. Solus christus – Allein Christus

„Allein die Heilige Schrift „- „Sola scriptura“ mit den Hinweis auf die Bibel als Ur -kunde des christlichen Glaubens, sind freilich nicht alle Fragen unseres Lebens und unseres Glaubens bewortet:
- Wie ist die heilige Schrift zu verstehen?
- Sind alle biblischen Texte aus dem AT und NT gleich wichtig?

Wenn wir die Bibel studieren, stellen wir fest:
- In der Bibel stehen viele unterschiedliche Stimmen nebeneinander: Die Evangelien, die Paulusbriefe, die Offenbarung des Johannes.
- Eigentlich ist die Bibel ja kein Buch, sondern eine Bibliothek, in der verschiedene Bücher nebeneinander stehen. Die Bibel selbst ist in einem langen Prozess gewachsen.

Das sind wichtige Einsichten und sie weisen darauf hin, dass es mit dem Hinweis auf die Bibel allein nicht getan ist. Es braucht einen Schlüssel, um sie zu öffnen. Es braucht ein Kriterium, um die Bibel recht zu verstehen. Martin Luther gibt uns diesen Schlüssel. Er zeigt uns den Schlüssel: Solus christus – allein Christus. Im Zweifelsfall, so Martin Luther, wenn wir ein Bibelwort oder eine biblische Geschichte, eine Epistel, nicht so recht verstehen, dann können wir fragen: Wie verhält sich dieses Bibelwort zu Jesus Christus? Geht dieser Gedanke mit der Botschaft Jesu, den Gleichnissen oder der Bergpredigt zusammen oder nicht? Für Martin Luther ist das entscheidende Kriterium: „Das, was Christus treibet“. Das was, auf ihn hinweist oder von ihm herkommt. Dieses Kriterium hat Martin Luther dazu gebracht, den Jakobusbrief eine „Stroherne Epistel“ zu nennen. Deshalb hat er ihn in der Lutherbibel nach hinten gerückt.

Dieses Kriterium hat Martin Luther dazu gebracht, dass er in den Römerbrief besonders schätzte, weil er Gnade Gottes und die Erlösung durch Christus betont. Diese Kriterium hat Martin Luther dazu gebracht, die Psalmen zu lieben, weil sie Gottes große Taten rühmen: „Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat.“ Martin Luther ist biblischer Theologe mit einem klaren Bezugspunkt: Jesus Christus. In der Stadtkirche in Wittenberg, nicht in der Schlosskirche, gibt es ein Bild, das genau Christus als Kriterium zeigt, Lukas Cranach der Ältere stellt Martin Luther dar, wie er predigt. Luther ist auf der Kanzel zu sehen. Sein Zeigefinger weist auf den gekreuzigten Christus, der in der Mitte das Bild dominiert. Die Botschaft des Bildes ist klar:

Luther weist weg von sich, hin auf den, der allein wichtig ist: Jesus Christus. Er ist das Kriterium Gottes. Er ist der Bezugspunkt. An ihm scheiden sich die Geister. In ihm leuchtet die Gnade Gottes auf. Er ist Heilige Gottes. Die ersten Christen haben das so formuliert: Jesu ist der Herr! Nicht der Kaiser ist der Herr. Nicht Caesar, nicht andere Herren, nicht andere Dichter oder Denker. Nicht der Mammon der Welt.

„Allein Jesus Christus“. Dieses Bekenntnis wurde für die ersten Christen gefährlich, viele wurden deshalb verfolgt. Viele Christen und Christinnen sind für dies Bekenntnis in den Tod gegangen. Martin Luther selber war vogelfrei. Sein Leben bedroht: „Allein die Schrift" - "Allein Christus" und eben nicht: „allein die Kirche“. Eben nicht: „Allein der Papst“. Eben nicht: „Allein der Kaiser“ Nicht "allein die Fürsten".

Wenn Luther das gesagt hätte, wäre er der Liebling der Mächtigen seiner Zeit gewesen. Aber darum ging es ihm nicht. Darum sollte es uns auch nicht gehen. Für uns, für unser Leben, für unseren Glauben, für unser Sterben ist es entscheidend, woran wir unser Herz hängen. Woran hängt mein Herz? Woran klammere ich mich fest? Wo suchen Sie Glück und Seligkeit? Allein der Beruf? Allein die Familie und die Kirche? Allein mein persönliches Glück?

Irgendwann in meinem Leben, ich war so 17 oder 18, da ist das in mir gewachsen und groß geworden: Jesus Christus, das Kriterium, der Weg und das Ziel für mich. Seine Worte sind wahr – Worte und Taten stimmen bei ihm überein. Er ging konsequent seinen von Gott geführten Weg. Sein Werk sind klar. In ihm ist Heil und Leben. Sein heiliger Mund hat Kraft und Grund, all Feind zu überwinden. „Such, wer da will ein ander Ziel“, die Seligkeit zu finden, mein Herz allein bedacht soll sein auf Christum sich zu gründen, sein Wort sind wahr, sein Werk sind klar, sein heiliger Mund hat Kraft und Grund all Feind zu überwinden“. Die Orgel spielt uns nun diese Worte und die Melodie ins Herz. „Such wer da will, ein ander Ziel die Seligkeit zu finden.“

Orgelmeditation

4. Allein die Gnade – allein der Glaube

Sola gratia – sola fide, allein die Gnade, allein der Glaube. Es ist nicht leicht zu verstehen, weshalb Luther die Gnade Gottes so groß macht. Es ist auch nicht so ohne weiteres zu verstehen, warum Martin Luther den Glauben und nicht das Handeln ins Zentrum rückt.

Wir verstehen das besser, wenn wir in die Zeit Luthers, Anfang des 16. Jahrhunderts zurückgehen. Was beschäftigte die Menschen? Was war damals los? Hätte es damals große Tageszeitungen gegeben, wären Schlagzeilen – die gewesen:

- Papst plant Petersdom in Rom größte Kirche der Welt.
- Der Handel mit dem Ablass boomt!
- Kann man die Seligkeit kaufen?
- Spenden für den Petersdom werden im Himmel belohnt!
- Luther wettert gegen Tetzel
- Luther geißelt Geschäft mit der Angst

Die Schlagzeilen weisen auf den Irr-Glauben hin, dass die Kirche die Macht und die Möglichkeit habe, Menschen vor dem Fegefeuer zu bewahren. Diese Schlagzeilen weisen darauf hin, dass die Kirche den Verlockungen der Macht und des Geldes erlegen ist. Stellen wir uns das mal kurz so vor: Angenommen es wäre so: Wir könnten unser Seelenheil erarbeiten, selber schaffen bzw. verdienen? Was wäre die Konsequenz? Die Konsequenz wäre, dass wir immer in der Angst und Sorge leben würden, ob wir denn genug getan hätten. Die Konsequenz wäre, dass Menschen, die an den 10 Geboten scheitern im Beruf oder in der Ehe oder in Erziehung ihrer Kinder, Fehltritte begehen, Angst vor der ewigen Verdammnis plagen würden. Verzweiflung wäre für viele Menschen die Konsequenz.

Verzweifelt hat ja Martin Luther gerade das versucht: Es Gott recht zu machen, ihn zu lieben. Aber diesen Buchhaltergott, der die Sünden und Fehltritte zählt, den konnte er nicht lieben. Deshalb dichtet er in einem Kirchenlied:

„Die Angst mich zu verzweifeln trieb
der nichts dem Sterben bei mir blieb.
Zur Hölle musst ich sinken.“
Wie aus dieser Sackgasse herauskommen?
Wie aus dieser Höllenangst herauskommen?
Wo also Hoffnung und Heil finden?

Nun, Luther findet den Weg aus der Höllenangst, durch die Heilige Schrift. Martin Luther findet den Weg aus der Höllenangst durch seinen Seelsorger Staupitz. Im Römerbrief Kap.3, Vers 28 findet Martin Luther dieses sola fide, allein durch den Glauben. Paulus schreibt dort: „So halten wir nun dafür, das der Mensch (vor Gott) gerecht wird, …. allein durch den Glauben“. Wie ein Blitz der Erleuchtung hat das Martin Luther getroffen. Wie neu geboren hat er sich gefühlt. Vor lauter Freude hat er gleich zur Feder gegriffen und ein Lied geschrieben: “Nun freut euch liebe Christengmein und lasst uns fröhlich singen.“

„Aus Gottes Gnade bin ich was ich bin“. Allein durch den Glauben werde ich vor Gott gerecht. Diese tiefe Glaubenserfahrung hat eine befreiende Wirkung:

- Sie befreit davor, verzweifelt etwas aus sich machen zu wollen. „Aus Gottes Gnade
bin ich …“
- Sie befreit von dem Irrglauben, dass ich mein Glück und Heil selbst schaffen kann.
- Sie befreit vor Selbstgerechtigkeit.
- Dieser Glaube befreit aus der Bevormundung durch eine Kirche, die selber zum Machtapparat, zum vermeintlichen Hüter der Gnade Gottes geworden ist.

„Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“ Das ist gewisslich wahr.
„Mein Leben habe ich mir nicht selber gegeben, das ist gewisslich….
Meine Gesundheit habe ich nicht verdient ….
Frieden und Freiheit habe ich nicht verdient….
Ich bin nicht meines Glückes Schmied.
Geschweige denn, dass ich mir mein Heil selber erwerben kann.

Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Wem die Gnade Gottes zu wenig ist, wer meint er sei zu wenig geworden. Der sei daran erinnert, dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig sein kann. Sola gratia – Sola fide. Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin und: Allein durch den Glauben sind wir Gott gerecht. Das ist gewisslich wahr.

Dr. Karlheinz Röhlin

Text:

 


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