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Liebe Leser,
I.
so kräftig wie Sie bisher in diesem Gottesdienst mitgesungen haben, muss
man davon ausgehen, dass Sie als Kirchenvorsteherinnen und
Kirchenvorsteher sowie als Pfarrerinnen und Pfarrer mit Fug und Recht
als Profichristen bezeichnet werden können. Umfragen ergeben immer
wieder, dass das mit den „geistlichen Kraftquellen“ gerade für
Profichristen, die viel Zeit in und mit der Kirche verbringen, ein
Problem darstellt.
In einer anonymen Umfrage gibt einer an – Zitat: „Immer soll ich Reden
halten über Gott, aber mir ist, als hätte ich gar nichts, wo ich es
hernehmen könnte.“ – Eine andere Person schreibt: „In Gottesdiensten
werte ich andere nach Äußerlichkeiten oder ob die Predigerin oder der
Prediger in meine Schublade passt. Inhaltlich bin ich nach zwei Minuten
weg vom Fenster, spätestens, wenn in der Predigt das Eingangsbeispiel
vorüber ist und die Bibel drankommt.“
Manche Leiter von Einkehrhäusern und Kommunitäten berichten: Wenn
besonders engagierte Profichristen sich mal in ein „Haus der Stille“
verirren, dann können sie die Stille oft nicht einmal aushalten, sondern
sie lesen Bücher, erledigen mitgebrachte Arbeit am Laptop und sind
schließlich froh, wenn das Handy die eigene Unentbehrlichkeit verkündet.
Dahinter steht sicherlich der große Erfolgsdruck von Seiten der
Kirchengemeinden, den Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher,
Pfarrerinnen und Pfarrer und alle anderen Mitarbeitenden gleichermaßen
ausgesetzt sind: Was in der Öffentlichkeit zählt, sind quantifizierbare
Vorzeigeobjekte: die Zahl der erfolgreich durchgeführten Bauvorhaben
oder Renovierungen, die Zahl der Events, Veranstaltungen, Empfänge und
die Zahl der Termine, die man in einen Tag hineinzupressen vermag. Ob
eine Person hingegen regelmäßigen Kontakt hat zu Gott oder einen eigenen
Zugang zu geistlichen Kraftquellen gefunden hat, interessiert in der
Öffentlichkeit kaum.
II.
Dabei hat die Frage nach geistlichen Kraftquellen sehr viel mit unseren
Sehnsüchten zu tun, die Sehnsucht nach einer tieferen Weisheit und die
Sehnsucht nach der Nähe zum Gott der Liebe. Der vorhin gehörte Text aus
dem Sprüchebuch (8,22-32) ist ein solcher Sehnsuchtstext: Die Sehnsucht
nach der Weisheit Gottes, die schon länger da ist als andere auf der
Erde, die schon dabei war, als Gott die Berge und die Quellen dieser
Erde schuf. Es ist ja für alle Bibelleser schon immer rätselhaft
gewesen, wie die Weisheit da geschildert wird, nämlich wie ein kleines
Kind, das da sitzt und spielt – zur Freude der Eltern.
Ein spielendes
Kleinkind kann schon ein bezaubernder Anblick sein. Oder man denke, wie
in ausdruckslose und starre Gesichter im Altenheim plötzlich Leben
kommt, wenn zweijährige Kinder da sind. Da geht ein gewisser Zauber aus.
Und da spüren die alten Menschen auf einmal eine Sehnsucht nach
Jungsein, nach Zukunft, nach Leben. Die Weisheit, die von Anfang an bei
Gott ist, ist etwas, nach der man sich sehnsuchtsvoll verzehrt. Und
diese Weisheit, die so nah dran ist an Gott, hat uns Menschenkindern
etwas zu erzählen: Was es mit Gott auf sich hat, wie man geistliche
Kraftquellen findet sowie wie man mit sich selbst und mit anderen
umgeht. Wohl denen, die meine Wege einhalten, sagt die Weisheit.
III.
Im Blick auf geistliche Kraftquellen würde es nun keinen Sinn machen,
wenn man einen neuen Leistungsdruck aufbauen wollte – nach der Art und
Weise: Jetzt muss ich bei all den vielen Verpflichtungen auch noch
geistliche Termine absolvieren.
Es hilft uns allein schon, wenn wir uns auf die Dinge einlassen, die uns
vor die Nase gelegt werden und die sowieso schon da sind. Sind die
Andacht und das Vaterunser in einer Kirchenvorstandssitzung nur das
notwendige Beiwerk, das im kirchlichen Bereich halt dazugehört, bevor
wir zum Eigentlichen kommen? Oder sind uns Andacht und Gebet ein
unverzichtbarer Haupt-Tagungspunkt, den wir für einen Gewinn halten?
So ist es auch gut, die Dekanatssynode mit einem Gottesdienst beginnen
zu lassen, nicht als notwendiges Beiwerk, sondern als fester
Bestandteil.
IV.
Es hilft uns viel, wenn wir uns auf das einlassen können, was uns
sowieso schon begegnet. Zum Beispiel unser geistliches Liedgut, mit dem
wir vielfach konfrontiert sind.
Gleich werden wir den Choral „Auf auf, mein Herz, mit Freuden“ (EG 112)
aus dem 17. Jh. singen, gedichtet von Paul Gerhardt und komponiert von
Johann Krüger. Nicht mein Intellekt, sondern mein Herz wird hier
aufgefordert, etwas zu erkennen und wahrzunehmen: Nimm wahr, was heut
geschicht (1. Strophe). Gemeint ist Ostern, die Auferstehung Jesu. Aber
es kann auch gemeint sein: Nimm wahr, was jetzt in diesem Augenblick
geschieht, beim Singen des Liedes etwa.
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass dieses Lied besonders
kunstvoll gedichtet wurde. Und hinter der Melodie soll ein walzerartiger
Tanzrhythmus italienischen Ursprungs zu erkennen sein. Ein regelrechter
Auferstehungstanz der Freude, passend zum Motiv dieser Woche: Jubilate:
Jauchzet Gott, alle Lande. Ein solcher Auferstehungstanz erinnert uns
daran, dass geistliches Leben nicht bedeuten muss, griesgrämig in einer
Klosterzelle zu sitzen, sondern dass geistliches Leben etwas mit
Fröhlichkeit und mit Leichtigkeit zu tun hat.
Nimm wahr, was heut geschicht. Als Christen sind wir live dabei beim
Auferstehungsereignis: Christus ist aus dem Grab und aus dem Tod
befreit. Wie ein begeisterter Sportler ruft er „Viktoria“ und schwenkt
fröhlich sein Siegesfähnchen (2. Strophe). Dies geschieht nicht
irgendwann, nicht nur früher, nicht nur künftig, sondern jetzt in diesem
Augenblick. Über dieses Auferstehungsereignis sagt die 3. Strophe: Das
ist mir anzuschauen ein rechtes Freudenspiel. Bei diesem Freudenspiel
sind wir dabei, jetzt in diesem Augenblick.
Es handelt sich nicht um ein Trauerspiel, um eine Tragödie, bei der wir
mit der entsetzlichen Unberechenbarkeit des Schicksals alleine gelassen
werden. Es ist auch kein Lustspiel, keine Komödie, mit der wir mit Hilfe
einer oberflächlichen Belustigung die Ernsthaftigkeit des Lebens kurz
verdrängen.
Sondern es handelt sich um ein Freudenspiel, das die Grausamkeit der
Welt ernst nimmt, den grauenhaften Charakter dieser Welt aber
überwindet. Nun soll mir nicht mehr grauen vor allem, was mir will,
entnehmen meinen Mut, so die 3. Strophe.
Bei einem solchen Auferstehungstheater darf man voller Humor sein, wie
in der 5. Strophe: Die Welt ist mir ein Lachen, mit ihrem großen Zorn,
sie zürnt und kann mir nichts machen.
Pfarrer Gerhard Gronauer (Rehau) |
Text:
22 Die Weisheit spricht: Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner
Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her.
23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war.
24 Als die Meere noch nicht waren, ward ich geboren, als die Quellen
noch nicht waren, die von Wasser fließen.
25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren,
26 als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch
die Schollen des Erdbodens.
27 Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über
den Fluten der Tiefe,
28 als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die
Quellen der Tiefe,
29 als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht
überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte,
30 da war ich als sein Liebling bei ihm; ich war seine Lust täglich und
spielte vor ihm allezeit;
31 ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den
Menschenkindern.
32 So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege
einhalten!
EG 112
1. Auf, auf, mein Herz, mit Freuden
nimm wahr, was heut geschicht;
wie kommt nach großem Leiden
nun ein so großes Licht!
Mein Heiland war gelegt
da, wo man uns hinträgt,
wenn von uns unser Geist
gen Himmel ist gereist.
2. Er war ins Grab gesenket,
der Feind trieb groß Geschrei;
eh er's vermeint und denket,
ist Christus wieder frei
und ruft Viktoria,
schwingt fröhlich hier und da
sein Fähnlein als ein Held,
der Feld und Mut behält.
3. Das ist mir anzuschauen
ein rechtes Freudenspiel;
nun soll mir nicht mehr grauen
vor allem, was mir will
entnehmen meinen Mut
zusamt dem edlen Gut,
so mir durch Jesus Christ
aus Lieb erworben ist.
4. Die Höll und ihre Rotten,
die krümmen mir kein Haar;
der Sünden kann ich spotten,
bleib allzeit ohn Gefahr.
Der Tod mit seiner Macht
wird nichts bei mir geacht':
er bleibt ein totes Bild,
und wär er noch so wild.
5. Die Welt ist mir ein Lachen
mit ihrem großen Zorn,
sie zürnt und kann nichts machen,
all Arbeit ist verlorn.
Die Trübsal trübt mir nicht
mein Herz und Angesicht,
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