Predigt zur Dekanatssynode mit dem Thema „Geistliche Kraftquellen“
Samstag nach Jubilate, 19. April 2008
     Sprüche 8,22-32

"Geistliche Kraftquellen"
(von Pfr. Gerhard Gronauer, Rehau)

Liebe Leser,

I.

so kräftig wie Sie bisher in diesem Gottesdienst mitgesungen haben, muss man davon ausgehen, dass Sie als Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher sowie als Pfarrerinnen und Pfarrer mit Fug und Recht als Profichristen bezeichnet werden können. Umfragen ergeben immer wieder, dass das mit den „geistlichen Kraftquellen“ gerade für Profichristen, die viel Zeit in und mit der Kirche verbringen, ein Problem darstellt.

In einer anonymen Umfrage gibt einer an – Zitat: „Immer soll ich Reden halten über Gott, aber mir ist, als hätte ich gar nichts, wo ich es hernehmen könnte.“ – Eine andere Person schreibt: „In Gottesdiensten werte ich andere nach Äußerlichkeiten oder ob die Predigerin oder der Prediger in meine Schublade passt. Inhaltlich bin ich nach zwei Minuten weg vom Fenster, spätestens, wenn in der Predigt das Eingangsbeispiel vorüber ist und die Bibel drankommt.“

Manche Leiter von Einkehrhäusern und Kommunitäten berichten: Wenn besonders engagierte Profichristen sich mal in ein „Haus der Stille“ verirren, dann können sie die Stille oft nicht einmal aushalten, sondern sie lesen Bücher, erledigen mitgebrachte Arbeit am Laptop und sind schließlich froh, wenn das Handy die eigene Unentbehrlichkeit verkündet.

Dahinter steht sicherlich der große Erfolgsdruck von Seiten der Kirchengemeinden, den Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, Pfarrerinnen und Pfarrer und alle anderen Mitarbeitenden gleichermaßen ausgesetzt sind: Was in der Öffentlichkeit zählt, sind quantifizierbare Vorzeigeobjekte: die Zahl der erfolgreich durchgeführten Bauvorhaben oder Renovierungen, die Zahl der Events, Veranstaltungen, Empfänge und die Zahl der Termine, die man in einen Tag hineinzupressen vermag. Ob eine Person hingegen regelmäßigen Kontakt hat zu Gott oder einen eigenen Zugang zu geistlichen Kraftquellen gefunden hat, interessiert in der Öffentlichkeit kaum.

II.

Dabei hat die Frage nach geistlichen Kraftquellen sehr viel mit unseren Sehnsüchten zu tun, die Sehnsucht nach einer tieferen Weisheit und die Sehnsucht nach der Nähe zum Gott der Liebe. Der vorhin gehörte Text aus dem Sprüchebuch (8,22-32) ist ein solcher Sehnsuchtstext: Die Sehnsucht nach der Weisheit Gottes, die schon länger da ist als andere auf der Erde, die schon dabei war, als Gott die Berge und die Quellen dieser Erde schuf. Es ist ja für alle Bibelleser schon immer rätselhaft gewesen, wie die Weisheit da geschildert wird, nämlich wie ein kleines Kind, das da sitzt und spielt – zur Freude der Eltern.

Ein spielendes Kleinkind kann schon ein bezaubernder Anblick sein. Oder man denke, wie in ausdruckslose und starre Gesichter im Altenheim plötzlich Leben kommt, wenn zweijährige Kinder da sind. Da geht ein gewisser Zauber aus. Und da spüren die alten Menschen auf einmal eine Sehnsucht nach Jungsein, nach Zukunft, nach Leben. Die Weisheit, die von Anfang an bei Gott ist, ist etwas, nach der man sich sehnsuchtsvoll verzehrt. Und diese Weisheit, die so nah dran ist an Gott, hat uns Menschenkindern etwas zu erzählen: Was es mit Gott auf sich hat, wie man geistliche Kraftquellen findet sowie wie man mit sich selbst und mit anderen umgeht. Wohl denen, die meine Wege einhalten, sagt die Weisheit.

III.

Im Blick auf geistliche Kraftquellen würde es nun keinen Sinn machen, wenn man einen neuen Leistungsdruck aufbauen wollte – nach der Art und Weise: Jetzt muss ich bei all den vielen Verpflichtungen auch noch geistliche Termine absolvieren.
Es hilft uns allein schon, wenn wir uns auf die Dinge einlassen, die uns vor die Nase gelegt werden und die sowieso schon da sind. Sind die Andacht und das Vaterunser in einer Kirchenvorstandssitzung nur das notwendige Beiwerk, das im kirchlichen Bereich halt dazugehört, bevor wir zum Eigentlichen kommen? Oder sind uns Andacht und Gebet ein unverzichtbarer Haupt-Tagungspunkt, den wir für einen Gewinn halten? So ist es auch gut, die Dekanatssynode mit einem Gottesdienst beginnen zu lassen, nicht als notwendiges Beiwerk, sondern als fester Bestandteil.

IV.

Es hilft uns viel, wenn wir uns auf das einlassen können, was uns sowieso schon begegnet. Zum Beispiel unser geistliches Liedgut, mit dem wir vielfach konfrontiert sind.

Gleich werden wir den Choral „Auf auf, mein Herz, mit Freuden“ (EG 112) aus dem 17. Jh. singen, gedichtet von Paul Gerhardt und komponiert von Johann Krüger. Nicht mein Intellekt, sondern mein Herz wird hier aufgefordert, etwas zu erkennen und wahrzunehmen: Nimm wahr, was heut geschicht (1. Strophe). Gemeint ist Ostern, die Auferstehung Jesu. Aber es kann auch gemeint sein: Nimm wahr, was jetzt in diesem Augenblick geschieht, beim Singen des Liedes etwa.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass dieses Lied besonders kunstvoll gedichtet wurde. Und hinter der Melodie soll ein walzerartiger Tanzrhythmus italienischen Ursprungs zu erkennen sein. Ein regelrechter Auferstehungstanz der Freude, passend zum Motiv dieser Woche: Jubilate: Jauchzet Gott, alle Lande. Ein solcher Auferstehungstanz erinnert uns daran, dass geistliches Leben nicht bedeuten muss, griesgrämig in einer Klosterzelle zu sitzen, sondern dass geistliches Leben etwas mit Fröhlichkeit und mit Leichtigkeit zu tun hat.

Nimm wahr, was heut geschicht. Als Christen sind wir live dabei beim Auferstehungsereignis: Christus ist aus dem Grab und aus dem Tod befreit. Wie ein begeisterter Sportler ruft er „Viktoria“ und schwenkt fröhlich sein Siegesfähnchen (2. Strophe). Dies geschieht nicht irgendwann, nicht nur früher, nicht nur künftig, sondern jetzt in diesem Augenblick. Über dieses Auferstehungsereignis sagt die 3. Strophe: Das ist mir anzuschauen ein rechtes Freudenspiel. Bei diesem Freudenspiel sind wir dabei, jetzt in diesem Augenblick.

Es handelt sich nicht um ein Trauerspiel, um eine Tragödie, bei der wir mit der entsetzlichen Unberechenbarkeit des Schicksals alleine gelassen werden. Es ist auch kein Lustspiel, keine Komödie, mit der wir mit Hilfe einer oberflächlichen Belustigung die Ernsthaftigkeit des Lebens kurz verdrängen.

Sondern es handelt sich um ein Freudenspiel, das die Grausamkeit der Welt ernst nimmt, den grauenhaften Charakter dieser Welt aber überwindet. Nun soll mir nicht mehr grauen vor allem, was mir will, entnehmen meinen Mut, so die 3. Strophe.
Bei einem solchen Auferstehungstheater darf man voller Humor sein, wie in der 5. Strophe: Die Welt ist mir ein Lachen, mit ihrem großen Zorn, sie zürnt und kann mir nichts machen.

Pfarrer Gerhard Gronauer (Rehau)

Text:

22 Die Weisheit spricht: Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her.
23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war.
24 Als die Meere noch nicht waren, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen.
25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren,
26 als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens.
27 Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe,
28 als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe,
29 als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte,
30 da war ich als sein Liebling bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit;
31 ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.
32 So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten!
 

EG 112

1. Auf, auf, mein Herz, mit Freuden
nimm wahr, was heut geschicht;
wie kommt nach großem Leiden
nun ein so großes Licht!
Mein Heiland war gelegt
da, wo man uns hinträgt,
wenn von uns unser Geist
gen Himmel ist gereist.

2. Er war ins Grab gesenket,
der Feind trieb groß Geschrei;
eh er's vermeint und denket,
ist Christus wieder frei
und ruft Viktoria,
schwingt fröhlich hier und da
sein Fähnlein als ein Held,
der Feld und Mut behält.

3. Das ist mir anzuschauen
ein rechtes Freudenspiel;
nun soll mir nicht mehr grauen
vor allem, was mir will
entnehmen meinen Mut
zusamt dem edlen Gut,
so mir durch Jesus Christ
aus Lieb erworben ist.

4. Die Höll und ihre Rotten,
die krümmen mir kein Haar;
der Sünden kann ich spotten,
bleib allzeit ohn Gefahr.
Der Tod mit seiner Macht
wird nichts bei mir geacht':
er bleibt ein totes Bild,
und wär er noch so wild.

5. Die Welt ist mir ein Lachen
mit ihrem großen Zorn,
sie zürnt und kann nichts machen,
all Arbeit ist verlorn.
Die Trübsal trübt mir nicht
mein Herz und Angesicht,
 


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