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Liebe Leser,
ein Ausleger schreibt: „Die Wichtigkeit von Glaube und Kirche wird
gegenwärtig nur allzu oft auf eine Weise erklärt, die mit Religion
gar nichts zu tun hat. Etwa dass der Glaube Werte garantiere. Als
lieferten uns das Grundgesetz und zumal die abendländische
Philosophie nicht längst genug Werte. Oder dass die Kirche für
Traditionen stehe. Als gäbe es nicht auch ohne Kirche herrliche
Traditionen oder als könnte man viele christliche Traditionen -
Musik, Baukunst oder Krankenpflege - nicht auch dann erhalten,
nachdem man die Glaubensinhalte verabschiedet hat. Nein, all dieses
Gerede von Werten oder Traditionen sollte man vergessen. Man muss
den Kern betrachten. Der kann bei einer Religion, in der es um
Vergebung, Rechtfertigung und Hoffnung geht, nur im Trost
liegen.“(Matthias Kamann, GPM 3/2010, Heft 4, S. 438)
Wer in diesen Novembertagen draußen am offenen Grab stehen muss, hat
eine Ahnung davon. Wie dämlich ist doch die Selbstverständlichkeit,
mit der wir jeden Tag unseres Lebens und unserer Gesundheit
erwarten. Was hat es denn auf sich mit meiner Existenz, in die ich
ohne besonderen Grund an diesem Ort in dieser Zeit geworfen wurde?
„Dein Vater“, sagte ein Konfirmand zum anderen, „wäre auch besser
spazieren gegangen.“ So böse sagts die eine Laune der Natur zur
anderen. Und schaut in den Abgrund, der die Existenz auch sein kann.
Wie kann sich der, der seines Glückes Schmied sein will, der
Verantwortung für sein Unglück entziehen? Wie soll der, der sich
selbst verwirklichen will, nicht irgendwann mit sich selbst als
Selbstzerstörer Bekanntschaft machen? Wie soll der Mensch denn sich
selbst gehören, wenn er doch zuerst unbegreiflicherweise in das
Dasein geworfen und zuletzt genauso unbegreiflich aus diesem Dasein
wieder vertrieben wird? Befindet er sich nicht in jeder Sekunde
seines Lebens auf hoher See? „Doch uns ist gegeben, auf keiner
Stätte zu ruhn, es schwinden, es fallen die leidenden Menschen
blindlings von einer Stunde zur andern, wie Wasser von Klippe zu
Klippe geworfen, Jahr lang ins Ungewisse hinab“ (Friedrich
Hölderlin, Hyperion, Goldmann Klassiker S.278). Und mit dem Menschen
fallen die Sterne. Was in der Finsternis des Alls zündet, wird auch
einmal fallen und verlöschen. Es ist eine vergängliche Welt.
Darum ist die Kreatur nicht geeignet Halt zu geben. Es gehört zu den
wirklich großen Tragödien, dass der Mensch sich selbst und die Dinge
dieser Welt mit Gott verwechselt und Halt sucht, wo kein Halt zu
finden ist. Er merkt nicht oder viel zu spät, wie das, woran er sich
klammert, nicht zu halten ist.
„Darum“, schreibt Meister Eckehart in seinem Buch der göttlichen
Tröstung, „willst du volle Freude und Trost haben und finden in
Gott, so sieh zu, dass du ledig seist aller Kreaturen, alles Trostes
von den Kreaturen; denn sicherlich, solange dich die Kreatur tröstet
und zu trösten vermag, findest du niemals rechten Trost. Wenn dich
aber nichts zu trösten vermag als Gott, wahrlich, so tröstet dich
Gott und mit ihm und in ihm alles, was Wonne ist. Tröstet dich, was
nicht Gott ist, so hast du weder hier noch dort Trost. Tröstet dich
hingegen die Kreatur nicht und schmeckt sie dir nicht, so findest du
sowohl hier wie dort Trost. … Bloß-, Arm- und Leersein von allen
Kreaturen (trägt) die Seele auf zu Gott.“ (Quint, S. 115)
Meister Eckehart ist sich ganz sicher, dass der Fesselballon unserer
Seele jederzeit aufsteigt, wenn nur ordentlich Ballast abgeworfen
wird. Dann nimmt sie die richtige Richtung, die nach Hause führt,
ganz von selbst. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so
sterben wir dem Herrn. Dem Herrn, das ist die Richtung, in die der
Kompass unserer Seele zeigt, wenn wir ihn frei schwingen lassen. Dem
Herrn, das ist die Bahn, auf der wir durch dieses Leben ziehen. Wie
denn nach Meister Eckehart die ganze Veranstaltung der Welt und des
Daseins nur einen wirklich großen Sinn hat: Dass wir zu Gott nach
Hause finden.
Das klingt ein bisschen wie die „Denkanstöße“ von Gert Böhm in der
Frankenpost. Da wird aus allen möglichen Religionen dies und das
zusammengestellt, was dem durch die Moderne geplagten Menschen
wieder den Weg zum erfüllten Leben weisen soll. Vom Guten, Wahren
und Schönen, das dorthin führt, wird dann im Ton der spirituellen
Überlegenheit gesagt, die Christen würden es Gott nennen und andere
Religionen eben anders. Will heißen: Der wahrhaft Erleuchtete könnte
auf eine solche Rede von Gott eigentlich verzichten. Das gilt
genauso für all die „Knusperevangelien der Therapiekultur“ (Harmut
Ruddis, GPM 3/1992; Heft 4, S. 415), die auch in der Kirche
Konjunktur haben und gänzlich unverschämt unter den Bedingungen der
modernen Selbstverwirklichung stehen. Schöner, besser, stärker und
gesünder, dank der aufgeklärten Religion. Diese Form moderner
„Gläubigkeit“ hätte Meister Eckehart für einen besonders wirksamen
Ballast gehalten, der die Seele besonders fest an den Dingen und dem
eigenen Selbst kleben lässt.
Denn hier wird einfach unterschlagen, dass wir nur deshalb die
Ausrichtung nach Hause zu Gott finden, weil Gott seinerseits den
Menschen und die Welt sucht und findet. „Eh ich durch deine Hand
gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest
werden.“ (EG 37/2) „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“
(Johannes 1/14). Denn dazu ist Christus gestorben und wieder
lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei. Ohne den
Ausgang Gottes aus seiner himmlischen Herrlichkeit und seinen
Abstieg in die Welt, keine Heimkehr des Menschen zu Gott.
Tief steigt Gott in seine Welt hinab. Deshalb bleibt das Bekenntnis
unverzichtbar, dass der tote Christus zur Hölle hinabfährt oder wie
wir heute beten, in das Reich des Todes hinabsteigt. Damit auch dort
unten jeder nach Hause gebracht wird. Mag es eine Hölle geben. Aber
wenn der Christus dort war, wird sie für alle Ewigkeit leer sein und
leer bleiben. Niemand, der dem Christus vertraut und darum alles
zutraut, könnte behaupten, dass dort jemand drinsitzt.
Paulus klärt uns auf über unser Dasein im Licht des Evangeliums.
Dieses Dasein hat eine Richtung: dem Herrn. Wir gehören ihm. Und
dass das so ist, hat seinen ausschließlichen Grund in dem, was Gott
für uns tut. Es ist sein Werk. Und deshalb ist und bleibt es der
wahre Trost im Leben und im Sterben. Gottes Werk können wir nicht
verlieren. Wir können uns abwenden. Wir können aus der Kirche
austreten. Wir können Gott in unserem Leben ignorieren und in die
Ferne rücken. Aber, so noch einmal Meister Eckehart: „Gott geht
nimmer in die Ferne, er bleibt beständig in der Nähe; und kann er
nicht drinnen bleiben, so entfernt er sich doch nicht weiter als bis
vor die Tür.“ (Quint, S. 78)
Wer könnte Gott davon abhalten? Nichts und niemand. Von da her
dürfen wir auf unser Dasein mit neuen Augen schauen. Von da her
bekommen alle Dinge einen neuen Schein. Auch die, die uns Mühe,
Angst und Trauer machen. Wie tief kann denn ein Abgrund sein und wie
viel Angst soll er uns denn noch machen, wenn Gott bei und um und in
uns ist? Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben
wir dem Herrn.
Da sollten wir nicht bei der Betrachtung unseres eigenen getrösteten
Daseins stehen bleiben, sondern auch den anderen Menschen mit neuen
Augen sehen. Auch den, der dem Herrn lebt, aber sich über dieses und
jenes einen Kopf und ein Gewissen macht, wie die Christen in Rom,
die Angst hatten, vom Götzenopferfleisch zu essen, die nicht
aufhörten in Kategorien von rein und unrein zu denken. Paulus nennt
sie die Schwachen. Aber die Freiheit des Christenmenschen, der dem
Herrn gehört, gebietet eine Toleranz, die auch solchen Christen
gilt. Denn schließlich sind wir miteinander unterwegs. Auch in der
Schule des Daseins gibt es schwache Schüler. Aber auch die lernen,
wohin die Reise geht: Nach Hause in die Freiheit der Kinder Gottes.
Pfarrer Johannes Taig
(Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie
exklusiv unter
www.kanzelgruss.de |
Text: Paulus schreibt:
7 Denn unser keiner lebt sich selber, und
keiner stirbt sich selber.
8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem
Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.
9 Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden,
dass er über Tote und Lebende Herr sei. |