Predigt    Römer 8/14-17    14. Sonntag nach Trinitatis    12.09.04

"Ihr habt nicht den Geist der Knechtschaft empfangen"
(von Pfr. Martin Adel, Dreieinigkeit)

Liebe Leser,

1. Denkmal

heute ist nicht nur der Bürgerentscheid zur Zukunft des Klinikums, heute ist auch der „Tag des offenen Denkmals“. Werden sie sich etwas Besonderes ansehen?  ...

Was ist das eigentlich, das uns vor alten Gemäuern innehalten lässt? Denke ich z.B. an alte Pfarrhäuser, dann sind die meistens kalt, feucht, etwas modrig und schwer heizbar. Und trotzdem reißen wir sie nicht ab, sondern erhalten sie, renovieren sie, pflegen sie. Oder alte Kirchen? Warum reißen wir z.B. – Pfr. Taig und Pfr. Bezzel sind ja nicht da - die etwas düstere Hospitalkirche nicht einfach ab und ersetzen sie durch einen modernen, lichten Bau – so wie er der Zeit angemessen ist und vielleicht einladender wäre; denken wir nur an die Megachurches in USA, Kongresshallen mit Videowand, Band, Dolby-Surround und Lightshow.

Warum geben wir soviel Geld aus für Denkmalschutz, bauen Museumsdörfer, machen liebevolle Stadtführungen und spenden Gelder, damit eine Frauenkirche in Dresden wiederaufersteht aus Ruinen – und da beteiligten sich viele, die überhaupt keinen Zugang zu Kirche und Glaube haben.Warum erhalten wir die Geschichte?

Weil es eben mehr als Geschichte ist. Es ist eigene Identität, es ist ein Teil meiner Geschichte – weil ich nicht in einen luftleeren Raum hineingeboren bin. Ich finde eine Welt vor und diese Welt wird zu meiner Welt und in diese vorgefundenen Welt baue ich meine Welt hinein. Wenn wir die „Geschichte“ erhalten, dann ist das unsere Hochachtung für das Werk unserer Väter und Mütter und deren Väter und Mütter. Wenn wir die Geschichte pflegen, dann ist das Ausdruck unserer Dankbarkeit für die bleibenden Werte, die unsere Vorfahren geschaffen habe – die Erhabenheit Gottes in Stein verewigt z.B. in einer Lorenzkirche in Nürnberg, die Liebe Gottes zu den Menschen festgehalten in der ausgemalten Kassettendecke einer Hospitalkirche oder wir erhalten Geschichte als Mahnmal wie z.B. das KZ Buchenwald um damit zu verhindern, dass so ein menschenverachtender Wahnsinn wie im Faschismus wieder geschieht.

Unsere Geschichte ist unser Erbe, im Guten wie im Bösen. Es sind eben nicht nur tote Steine. Geschichte ist geistige Heimat, Ort der Vergewisserung und der eigenen Identität. Das fängt schon im Kleinen an – das Elternhaus, die Schule ... und geht in der großen Geschichte weiter. Wir waren einmal das Volk der Dichter und Denker und Werte wie Zuverlässigkeit, Zielstrebigkeit und Fleiß sagte man uns nach – kein Ballermann, keine Jammerlappen, kein Zaudern und Hadern und nur auf den eigenen Vorteil bedacht.

2. Erbschaft

Was haben wir geerbt? Manchmal erbt man etwas und eigentlich will man es gar nicht. Wenn wir ans Erben denken, denkt man meistens nur ans Geld. Erbt man ein altes Haus, kommt man schon ins Stöhnen, was einen das kosten wird. Dass es vielleicht das Anwesen der Familie seit Generationen ist, ist noch kein Wert an sich. Der Schmuck der Großtante – wer will den heute noch tragen. Alles wird über den materiellen Wert abgerechnet. Ideelle Werte gibt es zu noch selten. Eigentlich schade. Erst bei einem solchen Brand wie in der Anna Amalia Bibliothek in Weimar wird einem wieder bewusst, dass es Werte gibt, die unwiederbringlich sind. Obwohl: Manchmal gibt es das noch, wenn wir sagen: Der ist wie seine Mutter – ein feiner Mensch. Oder: Die können's einfach. Das sind alles Kaufleute durch und durch – seit Generationen. Oder: Da war schon der Großvater ein Künstler.Manches Erbe nehmen wir gerne an – zum Schluss zählt dann nämlich doch nicht das Geld. Was haben wir geerbt?

3. Predigttext

Warum ich darauf komme, fragen sie sich? Weil unser heutiger Predigttext auch vom Erben spricht, von dem, was sich von Generation zu Generation durchzieht, kein materieller Wert, ein ideeller Wert, der aber umso wertvoller ist. Wir hören aus dem Römerbrief im 8 Kapitel die Verse 14 – 17: (Zürcher Bibel)

4. Erben Gottes

„Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Erben Gottes und Miterben Christi ...“ Ist das nicht ungeheuerlich. Wir sind Erben Gottes, d.h. wir sind mit Gott aufs Tiefste verbunden, wie nur Kinder mit ihren Eltern und ihrer Familie verbunden sein können. Erben Gottes sind wir. Fragt sich natürlich, was wir da erben und ob wir das überhaupt erben wollen, die Eigenschaften Gottes wie Liebe, Nächstenliebe, Vergebung, Versöhnung, Geduld, Aufopferungsbereitschaft, Friede.

Die Erbanlagen sind da. Auch die Sehnsucht danach. Aber das Erbe antreten? Das dumme ist, diese Dinge kann man nicht verkaufen, davon wird man nicht reich. Da kommt man mehr ins Geben als ins Nehmen und plötzlich ist einem, als ob man bei diesem Erbe nur die „Hypotheken und Schulden“ geerbt hätte. Und ich frage mich: Ist es schon wieder so weit? Wollen wir das Erbe nicht antreten; ist es doch nur eine Last. Ein altes, beschwerliches Denkmal. Reißen wir's lieber ab und bauen uns eine neues, luftiges Haus – so wie es uns gefällt.

„Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Erben Gottes und Miterben Christi ...“ Und dann trifft mich mitten im Alltag dieser Satz „Herr Pfarrer, es tut gut, helfen zu können.“ und mehr Auslegung braucht es dann gar nicht mehr zu unserem Predigttext. „Es tut gut, helfen zu können“ – und unser Leben hat Sinn und Ziel und eine Aufgabe. Nicht immer, aber hier. Wenn ein Rüdiger Nehberg sich für die Abschaffung der grausamen Verstümmelung von Frauen in Afrika einsetzt und es gelingt, dann sieht man plötzlich vor Augen, dieses: „Denn alle, die vom Geiste Gottes getrieben werden, die sind Söhne Gottes.“ Das sind Erben.

Wenn sich ein Volk, ein ganzes Land anstrengt, um wieder zusammen zu wachsen nach über 40 Jahren Trennung, und zwar friedlich und in Solidarität, dann sieht man, wo der Geist Gottes treibt. Und auch wenn viele Fehler gemacht wurden und viele im Osten wieder mehr tragen müssen, als wir im Westen – dennoch lassen wir uns nicht durcheinander bringen von so penetranten Umfragen, ob man die Mauer wieder haben will. Wir werden als Kinder Gottes in Liebe und Geduld tragen und um Verstehen und Ausgleich bemüht sein – wir lassen uns nicht mehr auseinanderdividieren. Und wenn schon die Atheisten diese Idee nicht mehr haben, von einem versöhnten Miteinander, dann zumindest wir Christen, wie wir es schon vor der Wende gepflegt haben. Denn, wie schreibt Paulus, als Erben Gottes haben wir etwas empfangen, das dann doch unbezahlbar ist.

„Denn ihr habt nicht den Geist der Knechtschaft empfangen, sodass ihr euch wieder fürchten müsstet, sondern ihr habt empfangen den Geist der Annahme an Sohnes Statt.“ Das ist unser Erbe. „nicht mehr den Geist der Knechtschaft haben“, nicht mehr den Geist der Angst und des ewigen Sorgens und Haderns und Zweifelns. Wir haben den Geist der Freiheit der Kinder Gottes geerbt. „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“(2 Kor 3,17) heißt es an anderer Stelle. Das ist unser Erbe, wenn wir es auch oft nicht wahr haben wollen. Wir müssen nicht zu saufen anfangen, nur weil unser Lebenskonzept nicht aufgeht. Wir müssen nicht unsere Kinder verstoßen, nur weil sie andere Wege gehen als wir. Wir müssen nicht andauernd auf unser Recht pochen, nur damit wir Recht haben. Wir müssen nicht mehr auf ewig nachtragen, nur weil der andere auf ewig nachträgt. Denn wir haben die Freiheit der Kinder Gottes. Wo Angst herrscht, nimmt die Seele Schaden. Im Klima der Angst entsteht irgendwann einmal nur noch Wut und Hass und die Aggression geht dann nach Außen oder nach Innen.

Was spricht dagegen, dass wir unser Erbe antreten: „Denn ihr habt nicht den Geist der Knechtschaft empfangen, sodass ihr euch wieder fürchten müsstet ...“ Wir müssen uns nicht mehr fürchten, weder vor dem Leben noch vor dem Sterben, weder vor Himmel noch Hölle noch vor anderen Gewalten. Das ist unser Erbe, wenn wir es denn annehmen wollen.

Vor zwei Wochen haben wir diesen Paulus gesehen, wie er erblindete und vom Christenverfolger zum Christenmissionar wird. Und das ist daraus geworden: Ein freier, aufrechter Mensch – der uns ins Gesicht sehen kann und nicht wegblicken muss wie Kain und Abel. Er fürchtet sich nicht mehr, vor nichts und niemandem und kann dadurch sowohl mit den Juden als auch mit den Griechen leben und ihnen das Evangelium von der Freiheit, die in Christus liegt, predigen. Übrigens: Luther ging es nicht anders. Nicht von ungefähr lautet einer seiner Hauptschriften zur Reformation: Von der Freiheit eines Christenmenschen.

Das ist unser Erbe. Treten wir es an. Und am Ende steht eines der stärksten Worte des Paulus:
Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. (Rm 8,33 ff.)

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)
Text: 

Paulus schreibt:

(14)Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.
(15)Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!
(16)Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.
(17)Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.


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