Predigt     Römer 3/21-28     Reformationsfest    31.10.10

"Konsequent Evangelisch"
(von Pfarrer Dr. Martin Hoffmann, Nürnberg)

Liebe Leser,

Wir haben den Predigttext für den heutigen Reformationssonntag bereits gehört. Ich wiederhole nur die ersten Verse aus dem Römerbrief Kap. 3, Vers 21 bis 24:
„Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit die vor Gott gilt, offenbar, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied. Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“

Liebe Gemeinde. Wir feiern das Reformationsfest und erinnern uns an die Grundlagen des evangelischen Glaubens. Aber was heißt eigentlich evangelisch? Was ist das Besondere, das Typische daran?

Man könnte es sich leicht machen und nun die üblichen Abgrenzungen von der katholischen Kirche und dem katholischen Glauben vornehmen. Wir haben keinen Papst, keine Marien- und Heiligenverehrung, keinen Zwang zur Beichte, keine Wandlung beim Abendmahl. Aber das wären ja nur Negativbeschreibungen, die letztlich ausdrücken, dass wir stolz sind, weil wir etwas nicht haben. Stolz sein, sich rühmen, noch dazu dessen, was man nicht hat oder was man kritisch ablehnt oder hinter sich gebracht hat, dass wird aber gerade getroffen von den Worten des Paulus: „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“

Was ist evangelisch? Man könnte auch auf die Äußerungen langläufiger Art zurückgreifen und sagen, na ja, evangelische Kirche da geht es irgendwie lockerer zu, liberaler, mit etwas weniger Druck, nicht so streng, einfach offener. Das klingt ja ganz gut, aber was heißt das eigentlich inhaltlich? Ist dann die evangelische Kirche so eine Art Kirche light, wie Coca-Cola light. Die Lightversion von Kirche? Das wäre wohl auch kein Grund zum Rühmen und stolz zu sein. Ja, das zeigt das ganze Problem des Rühmens. Das Rühmen bezieht sich immer auf die eigenen Errungenschaften oder die eigene Kritikfähigkeit, auf den eigenen Bestand, auf die eigene Tradition. Aber das alles ist niemals ausreichend für die Beschreibung, was eigentlich evangelisch heißt. Paulus warnt direkt vor dieser Logik der Selbstdarstellung, etwa so wie in der Werbung: Mein Haus, mein Auto, meine Frau, das bin ich. So ist es eben nicht beim Glauben und bei der Kirche, und so könnte eine erste Antwort einmal lauten:
Evangelisch sein, das heißt nicht auf den eigenen Bestand und die eigene Tradition blicken, sondern von sich wegschauen, hin auf die Gerechtigkeit Gottes, ihr etwas zutrauen, nämlich das sie uns verändert, uns befreit, uns in Bewegung bringt.

So jedenfalls hat das Luther und so haben das die Reformatoren immer wieder betont. Und deswegen haben sie in einer knappen Formel versucht, schon damals zu beschreiben, was das Evangelische eigentlich ausmacht, das berühmte vierfache Allein: Allein die Gnade, allein Christus, allein der Glaube und allein die Schrift.

Allein die Gnade - das war die Entdeckung Martin Luthers. Denn er hat es ja selbst mit der Selbstdarstellung probiert. Er war ins Kloster gegangen, hatte ein frommes Leben geführt, Askese geübt, sich sogar selbst gegeißelt, alles um sich Gerechtigkeit zu verdienen. Alles eine Form des sich selbst Rühmens. Aber am Schluss von all diesen Anstrengungen war immer ein Rest Selbstzweifel geblieben, eigentlich ein Schrei nach Gerechtigkeit. Der Schrei nach einem wahren Leben, das von Gott anerkannt wird. Und Erlösung fand er erst durch den Glauben, als Geschenk.

Ich weiß, heute stellt kaum einer mehr die Frage, die Martin Luther damals sich selbst immer wieder stellte: Wie bekomme ich nur einen gnädigen Gott? Aber etwas anderes ist geblieben: Der Schrei nach Gerechtigkeit. Denken wir nur an das Sparpaket, das die Bundesregierung beschlossen hat. Da ging ein Aufschrei durchs Land. Ist das Gerechtigkeit, wenn den Hartz 4-Empfängern das Elterngeld gestrichen wird? Ist das Gerechtigkeit, wenn man den Heizkostenzuschuss streicht für die Wohngeldempfänger? Und wenn dagegen die Wohlhabenden nur ganz schwach belastet werden, oder in dieser Richtung nur vage Absichten formuliert werden wie eine mögliche Transaktionssteuer für Bankgeschäfte - ist das Gerechtigkeit? Oder ist das Gerechtigkeit, wenn ich in einen ganz anderen Kontext schaue, eine Kaffeeplantage in Lateinamerika, wo eine ganze Familie für 300 Doller im Monat schuften muss, Vater, Mutter und zwei Kinder. Das langt hinten und vorne nicht. Und wehe, jemand fordert Gerechtigkeit – sofort wird er entlassen. Auch Gewerkschaften bilden ist verboten. Dafür sahnen andere den Profit ab, Großkonzerne aus den USA. Ist das Gerechtigkeit? Der Schrei nach Gerechtigkeit ist geblieben auf der einen Seite und auf der anderen hört man den Schrei nach Profit oder Einsparungen. Man spürt wie Menschen da direkt unter Zwängen, unter Mächten stehen, die ihnen gar nichts anderes erlauben. Da braucht es schon eine Befreiung von diesen Zwängen und genau das ist Gnade.

Evangelisch sein, das heißt gerade diese Lebensfragen und diese Gerechtigkeitsfragen wieder auf Gott zurückführen und sich von seiner Gerechtigkeit befreien lassen.

Deswegen hat Jesus z.B. das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg erzählt. Da kommt der Weinbergbesitzer auf den Marktplatz und stellt Tagelöhner ein und er engagiert einen früh um sechs, einen um neun, einen mittags um zwölf und dann ganz zuletzt noch abends einen um sechs Uhr. Und am Ende des Tages kriegen alle den gleichen Lohn. Und auch da erfolgt der Schrei nach Gerechtigkeit. Ist das gerecht, wenn der, der eine Stunde gearbeitet hat genauso viel bekommt wie wir, die den ganzen Tag gearbeitet haben? Aber mit diesem Gleichnis definiert Jesus Gerechtigkeit neu. Da ist Gerechtigkeit nicht verrechenbar auf Tagelohn, auf Leistung, auf Verdienst, sondern da heißt Gerechtigkeit schlicht das, was einer zum Leben braucht. Ein Mindestlohn sozusagen. Da können wir aus dem Evangelium die Orientierung für unsere Gerechtigkeitsfragen gewinnen und die Befreiung von den Profitzwängen.

Allein durch Christus sagen die Reformatoren und Paulus formuliert: Das ist die Gerechtigkeit, die von Gott kommt durch den Glauben an Jesus Christus. Er ist das Gesicht dieser göttlichen Gerechtigkeit und damit der Orientierungspunkt für unsere Suche nach Gerechtigkeit. Diese Geschichte von den Arbeitern im Weinberg war ja eine Provokation. Sie war eine öffentliche Einmischung in die bestehenden Regelungen, in die bestehenden Anschauungen und Überzeugungen und genau das heißt Evangelischsein eben auch: in der Nachfolge Jesus sich immer wieder einmischen auch öffentlich und Kritik an falschen Gerechtigkeitsvorstellungen üben.

Allein der Glaube macht euch gerecht, sagt Luther mit Paulus. Allein der Glaube - das ist das Gegenteil des Rühmens, des Stolzes, denn der schaut auf sich selbst. Aber wer glaubt, der setzt sein Vertrauen auf einen anderen. Das wird in den Grenzsituationen des Lebens wohl besonders deutlich. Da ist ein sterbendes Kind in einer Kinderklinik. Und seit Wochen kommen die Eltern jeden Tag und hoffen und beten und warten, dass es vielleicht doch noch eine Chance hat zum Leben. Und irgendwann sagt sogar der Arzt, jetzt hilft nur noch ein Wunder. Und eine Seelsorgerin begleitet die Eltern und das Kind und als es zu Ende geht, spricht sie einen Segen, legt dem Kind die Hände auf, zeichnet ein Kreuz auf die Stirne und sagt dazu: Du gehörst Jesus Christus - auch über den Tod hinaus. Das nimmt den Eltern nicht ihre Verzweiflung und nicht ihren Schmerz. Und trotzdem hilft ihnen ihr Glaube diese Situation durchzustehen. Einige Wochen später gründen sie eine Selbsthilfegruppe für Eltern in ähnlichen Situationen. Etwas von dieser Begleitung und von diesem Vertrauen und Zutrauen wollen sie weitergeben. Du gehörst Christus auch über den Tod hinaus. Nur der Glaube ist es, der standhält, in den Widersprüchen des Lebens. Er löst sie nicht auf und er zaubert sie nicht hinweg. Aber er hält stand. Weil er sich selber trotzdem, trotz allem was da passiert, in der Hand Gottes weiß. Und so kann dieser Glaube zum Leben befreien und auch Zeichen des Lebens setzen.

Luther selber hat das einmal in seinem bekannten Wort vom Apfelbäumchen ausgedrückt. Und wenn morgen die Welt unterginge, sagte er, dann würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. Das klingt ja auch ganz schön, aber ich frage sie, so wie sie hier sitzen, wenn sie ganz genau wüssten, dass morgen die Welt unterginge, würden sie dann in ihren Garten gehen mit dem Schäufelchen, ein Loch graben, Apfelbäumchen pflanzen? Wahrscheinlich kaum einer von uns. Aber Luther meinte mit diesem Satz, es geht darum, auch dort, wo die Grenzen des Lebens so hautnah vor Augen stehen, ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, dass es nicht um unser Haben und Besitzen, unseren Stolz und unser Rühmen geht, sondern um das Vertrauen darauf, dass wir in Gottes Hand sind.

Allein die Gnade, allein der Glaube, allein Jesus Christus - woher wusste Luther, dass hier die Entscheidungen über das menschliche Leben fallen?

Allein aus der Schrift. Luther hat in der Schrift entdeckt, und zwar gerade hier im Römerbrief, dass der Gerechte aus Glauben leben wird. Das hatte ihm kein kirchlicher Lehrsatz gesagt, keine päpstliche Auslegung, nichts, worauf er zurückgreifen konnte, also wiederum kein Gegenstand des Rühmens, sondern es war schlicht eine Entdeckung. Auf dieser Entdeckung beruht die ganze Freiheit, die Luther gewonnen hat, so wie wir sie vorhin im Theaterstück gesehen haben. Evangelisch sein, d.h. aus der Schrift leben, aus ihren Geschichten lernen und daran frei werden.

Mit seiner Übersetzung hat er uns allen geholfen, diese Schrift selbst zu lesen und damit hat er jeden einzelnen Christen, jeden von uns zu einem Priester, zu einem Pfarrer gemacht. Das Priestertum aller Gläubigen haben die Reformatoren das genannt. Da gibt es keine Zwischeninstanzen mehr, keinen Papst und Bischof, keinen Pfarrer, keine Institution, die vermitteln müsste zwischen mir und Gott. Das war der direkte Zugang über die Schrift zu Gott selbst. Und darin liegt die Kritik jeder kirchlichen Hierarchie im Glauben. Und darin liegt die Freiheit jeder Gemeinde und jedes Gemeindegliedes, die Freiheit des Gewissens, die Freiheit sich mit Gott in Beziehung zu setzen. Und darauf beruht auch die Freiheit und die Verantwortung der Gemeinden ihre Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Dieses vierfache Allein - das beschreibt vielleicht am besten was evangelisch sein heißt. Aber freilich muss es auch Konsequenzen haben im praktischen Leben, sonst sind auch das wieder nur bloße Lehrsätze. Und drei Dinge scheinen mir da unausweichlich zu sein für unsere Kirche, wenn sie sich auf dieses vierfache Allein stützt.

Das eine ist tatsächlich, dass wir das Priestertum aller Gläubigen wieder neu entdecken. Eine Kirche ist auf dem Holzweg, wenn sie meint, sich wie ein Konzern oder wie eine Organisation von oben nach unten strukturieren zu können. Wenn Gemeinden nur noch Betreuungsobjekte sind, denen man ein gewisses Budget zuweist an Geld und Personal und die dann dankbar dafür sein müssen, was sie gerade noch bekommen. Nein, Kirche das ist versammelte Gemeinde selbst. Kirche lebt da, wo Menschen miteinander in Gemeinschaft kommen und sich austauschen über ihren Glauben. Wo persönliche Gespräche und Beziehungen entstehen. Wo Kinder getauft werden, wo Konfirmanden unterwiesen und begleitet werden und wo die Eltern und Großeltern bestattet werden, da lebt Kirche. Das war die reformatorische Entdeckung: Hier in den unmittelbaren Lebensbezügen, da gibt es einen direkten Bezug zu Gott. Und das bedeutet die Freiheit auch die eigenen Dinge in die Hand zu nehmen und zu gestalten.

Das zweite heißt solidarisch leben mit den Menschen, die nach Gerechtigkeit schreien. Evangelische Freiheit das ist ja nicht nur die Freiheit, sich vor Gott nichts mehr verdienen zu müssen oder sich selbst ins rechte Licht zu setzen, sondern das verbindet uns mit denen, die sich ebenfalls nach Gerechtigkeit sehnen. Evangelische Freiheit ist immer solidarische Freiheit. Darum dürfte es eigentlich kein Gemeindehaus mehr geben, wo nicht fair gehandelter Kaffee getrunken wird und eigentlich müsste jede Gemeinde eine Partnergemeinde in Afrika oder Lateinamerika haben.

Und schließlich geht es im evangelischen Glauben darum, den Dialog der Versöhnung zu führen und Versöhnung weiter zu geben. Evangelisch sein kann nicht heißen, sich abgrenzen oder isolieren, von katholischen Christen oder von anderen Religionen. Das wäre ja wiederum ein Rühmen und ein Starren auf die eigenen Errungenschaften. Sondern es kann nur darum gehen, sich zu öffnen für andere Konfessionen und auch für andere Religionen, um mit ihnen in Dialog zu treten. Wer selbst von dieser geschenkten Versöhnung mit Gott lebt, der kann sie nur weitergeben. Deswegen werden wir trotz aller ökumenischen Schwierigkeiten, die es gibt, mit den katholischen Christen im Kontakt und im Gespräch bleiben müssen, bis es eines Tages wieder ein gemeinsames Abendmahl gibt. Und wir werden auch den Dialog mit dem Islam suchen müssen, mit einer Religion, die auch an den einen Gott glaubt. Die Thesen von Sarrazin mögen zwar einen wunden Punkt bezeichnet haben, die schwierige Integrationspolitik, aber die aberwitzigen Begründungen mit biologischen und genetischen Argumenten, sind für uns als Christen wohl kaum nachzuvollziehen. Es wird darum gehen, in einen Dialog zu treten, der gemeinsam mit den anderen nach Frieden und nach Gerechtigkeit strebt.

Evangelisch sein kann niemals heißen, sich der Reformation zu rühmen, sondern heißt immer sich ständig neu reformieren lassen - hin zu einer Gemeinschaft, die aus dem Gottvertrauen lebt und Frieden und Gerechtigkeit sucht.

Pfr. Dr. Martin Hoffmann (Rektor des Predigerseminars in Nürnberg)

Diese Predigt wurde am 31.10.2010 in der St. Michaeliskirche gehalten.

Text:

Paulus schreibt:

21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.
22 Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied:
23 sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten,
24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.

25 Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher
26 begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.

27 Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens.
28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
 


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