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Liebe Leser,
Wir haben den Predigttext für den heutigen Reformationssonntag
bereits gehört. Ich wiederhole nur die ersten Verse aus dem
Römerbrief Kap. 3, Vers 21 bis 24:
„Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die
Gerechtigkeit die vor Gott gilt, offenbar, bezeugt durch das Gesetz
und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die
da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.
Denn es ist hier kein Unterschied. Sie sind allesamt Sünder und
ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten und werden ohne
Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch
Christus Jesus geschehen ist.“
Liebe Gemeinde. Wir feiern das Reformationsfest und erinnern uns an
die Grundlagen des evangelischen Glaubens. Aber was heißt eigentlich
evangelisch? Was ist das Besondere, das Typische daran?
Man könnte es sich leicht machen und nun die üblichen Abgrenzungen
von der katholischen Kirche und dem katholischen Glauben vornehmen.
Wir haben keinen Papst, keine Marien- und Heiligenverehrung, keinen
Zwang zur Beichte, keine Wandlung beim Abendmahl. Aber das wären ja
nur Negativbeschreibungen, die letztlich ausdrücken, dass wir stolz
sind, weil wir etwas nicht haben. Stolz sein, sich rühmen, noch dazu
dessen, was man nicht hat oder was man kritisch ablehnt oder hinter
sich gebracht hat, dass wird aber gerade getroffen von den Worten
des Paulus: „Sie sind allesamt Sünder und
ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“
Was ist evangelisch? Man könnte auch auf die Äußerungen langläufiger
Art zurückgreifen und sagen, na ja, evangelische Kirche da geht es
irgendwie lockerer zu, liberaler, mit etwas weniger Druck, nicht so
streng, einfach offener. Das klingt ja ganz gut, aber was heißt das
eigentlich inhaltlich? Ist dann die evangelische Kirche so eine Art
Kirche light, wie Coca-Cola light. Die Lightversion von Kirche? Das
wäre wohl auch kein Grund zum Rühmen und stolz zu sein. Ja, das
zeigt das ganze Problem des Rühmens. Das Rühmen bezieht sich immer
auf die eigenen Errungenschaften oder die eigene Kritikfähigkeit,
auf den eigenen Bestand, auf die eigene Tradition. Aber das alles
ist niemals ausreichend für die Beschreibung, was eigentlich
evangelisch heißt. Paulus warnt direkt vor dieser Logik der
Selbstdarstellung, etwa so wie in der Werbung: Mein Haus, mein Auto,
meine Frau, das bin ich. So ist es eben nicht beim Glauben und bei
der Kirche, und so könnte eine erste Antwort einmal lauten:
Evangelisch sein, das heißt nicht auf den eigenen Bestand und die
eigene Tradition blicken, sondern von sich wegschauen, hin auf die
Gerechtigkeit Gottes, ihr etwas zutrauen, nämlich das sie uns
verändert, uns befreit, uns in Bewegung bringt.
So jedenfalls hat das Luther und so haben das die Reformatoren immer
wieder betont. Und deswegen haben sie in einer knappen Formel
versucht, schon damals zu beschreiben, was das Evangelische
eigentlich ausmacht, das berühmte vierfache Allein: Allein die
Gnade, allein Christus, allein der Glaube und allein die Schrift.
Allein die Gnade - das war die Entdeckung Martin Luthers.
Denn er hat es ja selbst mit der Selbstdarstellung probiert. Er war
ins Kloster gegangen, hatte ein frommes Leben geführt, Askese geübt,
sich sogar selbst gegeißelt, alles um sich Gerechtigkeit zu
verdienen. Alles eine Form des sich selbst Rühmens. Aber am Schluss
von all diesen Anstrengungen war immer ein Rest Selbstzweifel
geblieben, eigentlich ein Schrei nach Gerechtigkeit. Der Schrei nach
einem wahren Leben, das von Gott anerkannt wird. Und Erlösung fand
er erst durch den Glauben, als Geschenk.
Ich weiß, heute stellt kaum einer mehr die Frage, die Martin Luther
damals sich selbst immer wieder stellte: Wie bekomme ich nur einen
gnädigen Gott? Aber etwas anderes ist geblieben: Der Schrei nach
Gerechtigkeit. Denken wir nur an das Sparpaket, das die
Bundesregierung beschlossen hat. Da ging ein Aufschrei durchs Land.
Ist das Gerechtigkeit, wenn den Hartz 4-Empfängern das Elterngeld
gestrichen wird? Ist das Gerechtigkeit, wenn man den
Heizkostenzuschuss streicht für die Wohngeldempfänger? Und wenn
dagegen die Wohlhabenden nur ganz schwach belastet werden, oder in
dieser Richtung nur vage Absichten formuliert werden wie eine
mögliche Transaktionssteuer für Bankgeschäfte - ist das
Gerechtigkeit? Oder ist das Gerechtigkeit, wenn ich in einen ganz
anderen Kontext schaue, eine Kaffeeplantage in Lateinamerika, wo
eine ganze Familie für 300 Doller im Monat schuften muss, Vater,
Mutter und zwei Kinder. Das langt hinten und vorne nicht. Und wehe,
jemand fordert Gerechtigkeit – sofort wird er entlassen. Auch
Gewerkschaften bilden ist verboten. Dafür sahnen andere den Profit
ab, Großkonzerne aus den USA. Ist das Gerechtigkeit? Der Schrei nach
Gerechtigkeit ist geblieben auf der einen Seite und auf der anderen
hört man den Schrei nach Profit oder Einsparungen. Man spürt wie
Menschen da direkt unter Zwängen, unter Mächten stehen, die ihnen
gar nichts anderes erlauben. Da braucht es schon eine Befreiung von
diesen Zwängen und genau das ist Gnade.
Evangelisch sein, das heißt gerade diese Lebensfragen und diese
Gerechtigkeitsfragen wieder auf Gott zurückführen und sich von
seiner Gerechtigkeit befreien lassen.
Deswegen hat Jesus z.B. das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg
erzählt. Da kommt der Weinbergbesitzer auf den Marktplatz und stellt
Tagelöhner ein und er engagiert einen früh um sechs, einen um neun,
einen mittags um zwölf und dann ganz zuletzt noch abends einen um
sechs Uhr. Und am Ende des Tages kriegen alle den gleichen Lohn. Und
auch da erfolgt der Schrei nach Gerechtigkeit. Ist das gerecht, wenn
der, der eine Stunde gearbeitet hat genauso viel bekommt wie wir,
die den ganzen Tag gearbeitet haben? Aber mit diesem Gleichnis
definiert Jesus Gerechtigkeit neu. Da ist Gerechtigkeit nicht
verrechenbar auf Tagelohn, auf Leistung, auf Verdienst, sondern da
heißt Gerechtigkeit schlicht das, was einer zum Leben braucht. Ein
Mindestlohn sozusagen. Da können wir aus dem Evangelium die
Orientierung für unsere Gerechtigkeitsfragen gewinnen und die
Befreiung von den Profitzwängen.
Allein durch Christus sagen die Reformatoren und Paulus
formuliert: Das ist die Gerechtigkeit, die von Gott kommt durch den
Glauben an Jesus Christus. Er ist das Gesicht dieser göttlichen
Gerechtigkeit und damit der Orientierungspunkt für unsere Suche nach
Gerechtigkeit. Diese Geschichte von den Arbeitern im Weinberg war ja
eine Provokation. Sie war eine öffentliche Einmischung in die
bestehenden Regelungen, in die bestehenden Anschauungen und
Überzeugungen und genau das heißt Evangelischsein eben auch: in
der Nachfolge Jesus sich immer wieder einmischen auch öffentlich und
Kritik an falschen Gerechtigkeitsvorstellungen üben.
Allein der Glaube macht euch gerecht, sagt Luther mit Paulus.
Allein der Glaube - das ist das Gegenteil des Rühmens, des Stolzes,
denn der schaut auf sich selbst. Aber wer glaubt, der setzt sein
Vertrauen auf einen anderen. Das wird in den Grenzsituationen des
Lebens wohl besonders deutlich. Da ist ein sterbendes Kind in einer
Kinderklinik. Und seit Wochen kommen die Eltern jeden Tag und hoffen
und beten und warten, dass es vielleicht doch noch eine Chance hat
zum Leben. Und irgendwann sagt sogar der Arzt, jetzt hilft nur noch
ein Wunder. Und eine Seelsorgerin begleitet die Eltern und das Kind
und als es zu Ende geht, spricht sie einen Segen, legt dem Kind die
Hände auf, zeichnet ein Kreuz auf die Stirne und sagt dazu: Du
gehörst Jesus Christus - auch über den Tod hinaus. Das nimmt den
Eltern nicht ihre Verzweiflung und nicht ihren Schmerz. Und trotzdem
hilft ihnen ihr Glaube diese Situation durchzustehen. Einige Wochen
später gründen sie eine Selbsthilfegruppe für Eltern in ähnlichen
Situationen. Etwas von dieser Begleitung und von diesem Vertrauen
und Zutrauen wollen sie weitergeben. Du gehörst Christus auch über
den Tod hinaus. Nur der Glaube ist es, der standhält, in den
Widersprüchen des Lebens. Er löst sie nicht auf und er zaubert sie
nicht hinweg. Aber er hält stand. Weil er sich selber trotzdem,
trotz allem was da passiert, in der Hand Gottes weiß. Und so kann
dieser Glaube zum Leben befreien und auch Zeichen des Lebens setzen.
Luther selber hat das einmal in seinem bekannten Wort vom
Apfelbäumchen ausgedrückt. Und wenn morgen die Welt unterginge,
sagte er, dann würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. Das
klingt ja auch ganz schön, aber ich frage sie, so wie sie hier
sitzen, wenn sie ganz genau wüssten, dass morgen die Welt
unterginge, würden sie dann in ihren Garten gehen mit dem
Schäufelchen, ein Loch graben, Apfelbäumchen pflanzen?
Wahrscheinlich kaum einer von uns. Aber Luther meinte mit diesem
Satz, es geht darum, auch dort, wo die Grenzen des Lebens so hautnah
vor Augen stehen, ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, dass es nicht
um unser Haben und Besitzen, unseren Stolz und unser Rühmen geht,
sondern um das Vertrauen darauf, dass wir in Gottes Hand sind.
Allein die Gnade, allein der Glaube, allein Jesus Christus - woher
wusste Luther, dass hier die Entscheidungen über das menschliche
Leben fallen?
Allein aus der Schrift. Luther hat in der Schrift entdeckt,
und zwar gerade hier im Römerbrief, dass der Gerechte aus Glauben
leben wird. Das hatte ihm kein kirchlicher Lehrsatz gesagt, keine
päpstliche Auslegung, nichts, worauf er zurückgreifen konnte, also
wiederum kein Gegenstand des Rühmens, sondern es war schlicht eine
Entdeckung. Auf dieser Entdeckung beruht die ganze Freiheit, die
Luther gewonnen hat, so wie wir sie vorhin im Theaterstück gesehen
haben. Evangelisch sein, d.h. aus der Schrift leben, aus ihren
Geschichten lernen und daran frei werden.
Mit seiner Übersetzung hat er uns allen geholfen, diese Schrift
selbst zu lesen und damit hat er jeden einzelnen Christen, jeden von
uns zu einem Priester, zu einem Pfarrer gemacht. Das Priestertum
aller Gläubigen haben die Reformatoren das genannt. Da gibt es keine
Zwischeninstanzen mehr, keinen Papst und Bischof, keinen Pfarrer,
keine Institution, die vermitteln müsste zwischen mir und Gott. Das
war der direkte Zugang über die Schrift zu Gott selbst. Und darin
liegt die Kritik jeder kirchlichen Hierarchie im Glauben. Und darin
liegt die Freiheit jeder Gemeinde und jedes Gemeindegliedes, die
Freiheit des Gewissens, die Freiheit sich mit Gott in Beziehung zu
setzen. Und darauf beruht auch die Freiheit und die Verantwortung
der Gemeinden ihre Dinge selbst in die Hand zu nehmen.
Dieses vierfache Allein - das beschreibt vielleicht am besten was
evangelisch sein heißt. Aber freilich muss es auch Konsequenzen
haben im praktischen Leben, sonst sind auch das wieder nur bloße
Lehrsätze. Und drei Dinge scheinen mir da unausweichlich zu sein für
unsere Kirche, wenn sie sich auf dieses vierfache Allein stützt.
Das eine ist tatsächlich, dass wir das Priestertum aller
Gläubigen wieder neu entdecken. Eine Kirche ist auf dem Holzweg,
wenn sie meint, sich wie ein Konzern oder wie eine Organisation von
oben nach unten strukturieren zu können. Wenn Gemeinden nur noch
Betreuungsobjekte sind, denen man ein gewisses Budget zuweist an
Geld und Personal und die dann dankbar dafür sein müssen, was sie
gerade noch bekommen. Nein, Kirche das ist versammelte Gemeinde
selbst. Kirche lebt da, wo Menschen miteinander in Gemeinschaft
kommen und sich austauschen über ihren Glauben. Wo persönliche
Gespräche und Beziehungen entstehen. Wo Kinder getauft werden, wo
Konfirmanden unterwiesen und begleitet werden und wo die Eltern und
Großeltern bestattet werden, da lebt Kirche. Das war die
reformatorische Entdeckung: Hier in den unmittelbaren Lebensbezügen,
da gibt es einen direkten Bezug zu Gott. Und das bedeutet die
Freiheit auch die eigenen Dinge in die Hand zu nehmen und zu
gestalten.
Das zweite heißt solidarisch leben mit den Menschen, die nach
Gerechtigkeit schreien. Evangelische Freiheit das ist ja nicht
nur die Freiheit, sich vor Gott nichts mehr verdienen zu müssen oder
sich selbst ins rechte Licht zu setzen, sondern das verbindet uns
mit denen, die sich ebenfalls nach Gerechtigkeit sehnen.
Evangelische Freiheit ist immer solidarische Freiheit. Darum dürfte
es eigentlich kein Gemeindehaus mehr geben, wo nicht fair
gehandelter Kaffee getrunken wird und eigentlich müsste jede
Gemeinde eine Partnergemeinde in Afrika oder Lateinamerika haben.
Und schließlich geht es im evangelischen Glauben darum, den
Dialog der Versöhnung zu führen und Versöhnung weiter zu geben.
Evangelisch sein kann nicht heißen, sich abgrenzen oder isolieren,
von katholischen Christen oder von anderen Religionen. Das wäre ja
wiederum ein Rühmen und ein Starren auf die eigenen
Errungenschaften. Sondern es kann nur darum gehen, sich zu öffnen
für andere Konfessionen und auch für andere Religionen, um mit ihnen
in Dialog zu treten. Wer selbst von dieser geschenkten Versöhnung
mit Gott lebt, der kann sie nur weitergeben. Deswegen werden wir
trotz aller ökumenischen Schwierigkeiten, die es gibt, mit den
katholischen Christen im Kontakt und im Gespräch bleiben müssen, bis
es eines Tages wieder ein gemeinsames Abendmahl gibt. Und wir werden
auch den Dialog mit dem Islam suchen müssen, mit einer Religion, die
auch an den einen Gott glaubt. Die Thesen von Sarrazin mögen zwar
einen wunden Punkt bezeichnet haben, die schwierige
Integrationspolitik, aber die aberwitzigen Begründungen mit
biologischen und genetischen Argumenten, sind für uns als Christen
wohl kaum nachzuvollziehen. Es wird darum gehen, in einen Dialog zu
treten, der gemeinsam mit den anderen nach Frieden und nach
Gerechtigkeit strebt.
Evangelisch sein kann niemals heißen, sich der Reformation zu
rühmen, sondern heißt immer sich ständig neu reformieren lassen -
hin zu einer Gemeinschaft, die aus dem Gottvertrauen lebt und
Frieden und Gerechtigkeit sucht.
Pfr. Dr. Martin Hoffmann (Rektor
des Predigerseminars in Nürnberg)
Diese Predigt wurde am 31.10.2010 in der St. Michaeliskirche gehalten. |
Text: Paulus schreibt:
21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die
Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das
Gesetz und die Propheten.
22 Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch
den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist
hier kein Unterschied:
23 sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei
Gott haben sollten,
24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die
Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.
25 Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut
zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die
früher
26 begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit
seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und
gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.
27 Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches
Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz
des Glaubens.
28 So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des
Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
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