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Liebe Festgemeinde!
Es ist schon ein besonderer Tag, heute die Einweihung des Seniorenhauses
in Konradsreuth feiern zu können. In relativ kurzer Zeit ist das Haus
entstanden. Mitte Juli letzten Jahres wurde der Grundstein gelegt,
Anfang April zogen die ersten Bewohnerinnen und Bewohner ein. Prominente
Gäste gaben sich vor kurzem praktisch die Klinke in die Hand. Erst war
der bayerische Landesbischof Dr. Johannes Friedrich zu Gast, am nächsten
Tag machte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt Station in der
Einrichtung.
Kein Wunder: Nicht nur vom Konzept her – ihm liegt das Modell einer
Hausgemeinschaft zugrunde – ist das Konradsreuther Seniorenhaus etwas
Außergewöhnliches. Wenn ich recht sehe, wird damit über Oberfranken
hinaus Neuland betreten. Deshalb wird bereits vom Konradsreuther Modell
gesprochen. Auch im Blick auf die Zusammenarbeit zwischen der
Kirchengemeinde und der Diakonie hat das Seniorenhaus Vorbildcharakter.
Es ist beispielhaft, wie hier gemeinsam an einem Strang gezogen wurde
und wird. Wie ein Heimleiter den Gemeindepfarrer bin hin zu
Personalentscheidungen mit einbezieht und wie eine Kirchengemeinde ein
Haus der Diakonie mit zu ihrer Sache macht. Und noch in anderer Hinsicht
ist das Konradsreuther Seniorenhaus etwas Besonderes: nämlich vom Namen
her. Es wird als SELA-Seniorenhaus bezeichnet. Wobei die Abkürzung SELA
für selbstbestimmtes Leben im Alter steht. Doch SELA ist auch ein
biblischer Begriff. Fast 70-mal findet er sich in der Heiligen Schrift,
genauer gesagt in den Psalmen im Alten Testament.
Als Predigtext für diesen Festgottesdienst lese ich nun aus dem Psalm 62
die Verse 6-9. Sie schließen mit dem Wort Sela. (Verlesung
des Predigttextes)
Liebe Gemeinde! Sela - dieses kleine Wort mit den vier Buchstaben findet
sich oft in den Psalmen. Es markiert im Text jeweils eine Pause. Die
Psalmen waren ursprünglich eine Sammlung von Liedern. Und Sela bedeutet
ein Pausezeichen. Manche Ausleger lassen deshalb die vier Buchstaben als
Wort in der Übersetzung weg. Doch wer Sela nur als Pausezeichen
versteht, greift zu kurz. Sela lässt sich vom Tätigkeitswort SaLAH
ableiten, das soviel wie „aufwiegen“ meint. Die vier Buchstaben stehen
also nicht nur für eine Pause. Sie bedeuten auch: Halte ein, wiege das
Gesagte auf!
Das SELA-Seniorenhaus ist also ein Haus mit biblischem Namen. Dass
Einrichtungen nach bedeutenden Personen der Kirchengeschichte wie etwa
nach Martin Luther oder nach ihrer Umgebung wie das Haus Saalepark
bezeichnet werden, ist nichts Ungewöhnliches. Ein Haus mit biblischem
Namen dagegen stellt eine Ausnahme dar. Wobei SELA nicht für „ Mach mal
Pause“ steht. Sondern so zu deuten ist: Halte ein, gönne dir Ruhe, lass
das im Leben bisher Erfahrene – die vielen Worte und Bilder – noch
einmal Revue passieren. Manches wiegt sich vielleicht so auf. Sela im
biblischen Sinne und SELA als neuzeitige Erklärung - selbstbestimmtes
Leben im Alter - liegen da gar nicht so weit auseinander.
Sela – Halte ein, wiege das Gesagte auf. Der Psalm 62 beschreibt, welche
Bedeutung Gott für uns Menschen hat. „Gott ist mein Fels, meine Hilfe
und mein Schutz“, sagt der Psalmbeter. Und er fügt hinzu: „Von Gott
kommt Hoffnung und Zuversicht.“ Deshalb ist es gut, immer wieder zur
Ruhe zu kommen, stille zu werden und das Herz vor ihm auszuschütten. Für
den Beter des 62.Psalmes sind diese Worte keine graue Theorie, sondern
gelebte Praxis. Hinter ihnen stehen vielfältige Erfahrungen mit Gott.
Situationen, wo sich Gott als Fels, Hilfe und Schutz gezeigt hat.
Liebe Gemeinde! Diese Erfahrungen des 62. Psalmes möchte ich nun ein
wenig durchbuchstabieren – im Sinne von Sela „Halte ein“.
Durchbuchstabieren im Blick auf die Bewohnerinnen und Bewohner, die
Mitarbeitenden, die Betreiber des Hauses und Konradsreutherinnen und
Konradsreuther.
Zuerst zu den Menschen, die nun im Seniorenhaus wohnen. Jeder Umzug
bringt etwas Neues mit sich. Jede Veränderung heißt, sich auf eine
andere Umgebung einzustellen. Sicherlich: Äußerlich kann einiges dafür
getan werden, sich bald wie zuhause zu fühlen. Den einzelnen Zimmern
wurde zum Beispiel mit Briefkasten und Klingel eine persönliche Note
gegeben. Doch es braucht Zeit, sich auch innerlich auf die neue Umgebung
einzustellen. Da sind die Worte des 62. Psalm im wahrsten Sinne des
Wortes Weg-weisend: „Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele; denn er
ist meine Hoffnung. Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz.“ Auch
wenn sich äußerlich Dinge verändern, wenn die Umgebung anders ist,
bleibt Gott doch gleich. Mag sein, dass die Kräfte schwinden und die
Tage beschwerlicher werden – Gott ist da. Er ist
und bleibt derjenige, der Halt, Kraft und Zuversicht vermitteln möchte.
Gott als feste Bezugsgröße im Leben. Darum wird es auch in den
Gottesdiensten gehen, die im Seniorenhaus gefeiert werden. Und die den
Bewohnerinnen und Bewohnern Zuversicht und Kraft für den Alltag
vermitteln wollen.
Nun zu den Mitarbeitenden im Haus. Durch das neue Konzept als
Hausgemeinschaftsmodell sind sie in anderer Weise gefordert als die
bisherigen Mitarbeitenden in Heimen. Weil sie näher dran sind an den
Menschen und diese intensiver begleiten im Alltag, indem sie zum
Beispiel gemeinsam das Essen vorbereiten. Die neue Berufsbezeichnung
„Alltagsbegleiter“ markiert diese Veränderung. Auf diese Aufgabe wurden
sie gezielt vorbereitet. Trotzdem ist und bleibt es eine Herausforderung
für die Mitarbeitenden des Hauses.
Sie, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können nicht nur geben und für
andere da sein. Sie müssen auch selbst empfangen. Sie brauchen Zeit zum
Auftanken und Kraftquellen. Der Psalm 62 weist auf Gott als verlässliche
Kraftquelle hin. Er ist derjenige, der den Rücken stärken kann, der
hilft, weiterzumachen und der Kraft gibt, auch Durststrecken zu
durchstehen und Enttäuschungen zu überwinden. Gerade Menschen, die für
Andere da sind und sich um sie sorgen, brauchen jemanden, der auch für
sie sorgt. Das kann der Partner oder die Familie sein. Der Psalmbeter
gibt noch anderen, wichtigen Hinweis, indem er es persönlich formuliert:
„Gott ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz.“ Das ist keine
exklusive Erfahrung eines Einzelnen. Vielmehr lädt der Psalmbeter dazu
ein, sich auf Gott zu verlassen und ihm zu vertrauen. Um dann das
bestätigen zu können, was der 62. Psalm so beschreibt: „Bei Gott ist
mein Heil und meine Ehre, der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist
bei Gott.“
Jetzt zu den Betreibern des Seniorenhauses Konradsreuth, den
Verantwortlichen der Diakonie Hochfranken – zu denen ich als Mitglied
des Aufsichtsrates auch gehöre. Dass die Einrichtung heute am
Himmelfahrtstag eingeweiht wird, hat nichts mit einem
Himmelfahrtskommando zu tun. Im Gegenteil: Der Feiertag heute eignet
sich gut. Zum einen, weil es wirklich ein Tag zum Feiern ist: Das
Projekt, mit dem Neuland betreten wird, konnte in relativ kurzer Zeit
verwirklicht werden. Deshalb ein Dank an alle, die es auf den Weg
gebracht und nun realisiert haben. Und zum anderen eignet sich der
Himmelfahrttag heute gut, weil Jesus, bevor er zu Gott in den Himmel
auffuhr, die Zusage mit auf den Weg gab: „Ich bin bei euch alle Tage bis
an der Welt Ende.“ Diese Zusage braucht es - gerade für die
Verantwortlichen des Seniorenhauses.
Dass die Zahlen stimmen und das Haus wirtschaftlich arbeitet, ist das
Eine. Das Andere sind der Geist und die Atmosphäre der Einrichtung. Dass
immer wieder das diakonische Profil deutlich wird: Es geht um
praktizierte Nächstenliebe und darum, dass der Mensch hier im
Mittelpunkt steht. Nämlich als Geschöpf Gottes, der jedem und jeder eine
unverzichtbare Würde geschenkt hat. Der Gott, der – wie es im Psalm 62
heißt – Heil, Stärke und Zuversicht sein möchte.
Zum Schluss zu Ihnen, den Konradsreutherinnen und Konradsreuther! Sie
können stolz sein auf das Vorzeigeobjekt in Ihrer Ortsmitte, das sich
gut ins Ortsbild einfügt. Auch darauf, dass andere diakonische Träger
oder andere Kommunen mit Interesse nach Konradsreuth schauen. Das
Hausgemeinschaftsmodell mit rund 40 Plätzen macht es möglich, in
vergleichbaren Gemeinden mit 2.500 bis 3.000 Einwohnern ein ähnliches
Haus zu errichten. Ältere und pflegebedürftige Menschen können so im Ort
in der vertrauten Umgebung bleiben und müssen nicht in eine größere
Stadt umziehen.
So schön es ist, ein solches Haus mit Modellcharakter in der eigenen
Mitte zu haben und so wichtig es ist, dies entsprechend zu feiern, so
sehr kommt es heute auch auf folgenden Hinweis des 62.Psalmes an: „Hofft
auf Gott allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist
unsere Zuversicht.“ Das heißt, sich nicht allein auf die eigene Schulter
zu klopfen und zu sagen: Toll, was uns da gelungen ist. Sondern auch an
den zu denken, der uns Kraft, Hoffnung und Zuversicht gibt – an Gott,
dem wir letztlich alles zu danken und zu verdanken haben. Das gilt für
den Bau des Seniorenhauses genauso wie für das Lebenshaus eines jeden
und einer jeden von uns.
Liebe Gemeinde! Es ist ein besonderer Tag, habe ich zu Beginn der
Predigt gesagt. Heute die Einweihung des Seniorenhauses zu feiern, der
Einrichtung mit dem biblischen Namen Sela - Halte ein, wiege das Gesagte
auf. Das will ich nun tun, einzuhalten. Und das Gesagte soll mit dem
Predigtlied „Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“ aufgewogen werden, dessen
Verse jeweils mit der Aufforderung enden „Gebt unserem Gott die Ehre.“
Dekan Günter Saalfrank
(St.
Michaelis Hof)
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Text:
6 Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele;
denn er ist meine Hoffnung.
7 Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz,
dass ich nicht fallen werde.
8 Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, /der Fels meiner Stärke,
meine Zuversicht ist bei Gott.
9 Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, /schüttet euer Herz vor ihm
aus;
Gott ist unsre Zuversicht. SELA. |