Predigt    Psalm 62/6-9   17.05.07

"SELA"
(Predigt anlässlich der Einweihung des SELA-Seniorenhauses in Konradsreuth
Von Dekan Günter Saalfrank, St. Michaelis Hof)
 

Liebe Festgemeinde!

Es ist schon ein besonderer Tag, heute die Einweihung des Seniorenhauses in Konradsreuth feiern zu können. In relativ kurzer Zeit ist das Haus entstanden. Mitte Juli letzten Jahres wurde der Grundstein gelegt, Anfang April zogen die ersten Bewohnerinnen und Bewohner ein. Prominente Gäste gaben sich vor kurzem praktisch die Klinke in die Hand. Erst war der bayerische Landesbischof Dr. Johannes Friedrich zu Gast, am nächsten Tag machte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt Station in der Einrichtung.

Kein Wunder: Nicht nur vom Konzept her – ihm liegt das Modell einer Hausgemeinschaft zugrunde – ist das Konradsreuther Seniorenhaus etwas Außergewöhnliches. Wenn ich recht sehe, wird damit über Oberfranken hinaus Neuland betreten. Deshalb wird bereits vom Konradsreuther Modell gesprochen. Auch im Blick auf die Zusammenarbeit zwischen der Kirchengemeinde und der Diakonie hat das Seniorenhaus Vorbildcharakter. Es ist beispielhaft, wie hier gemeinsam an einem Strang gezogen wurde und wird. Wie ein Heimleiter den Gemeindepfarrer bin hin zu Personalentscheidungen mit einbezieht und wie eine Kirchengemeinde ein Haus der Diakonie mit zu ihrer Sache macht. Und noch in anderer Hinsicht ist das Konradsreuther Seniorenhaus etwas Besonderes: nämlich vom Namen her. Es wird als SELA-Seniorenhaus bezeichnet. Wobei die Abkürzung SELA für selbstbestimmtes Leben im Alter steht. Doch SELA ist auch ein biblischer Begriff. Fast 70-mal findet er sich in der Heiligen Schrift, genauer gesagt in den Psalmen im Alten Testament.

Als Predigtext für diesen Festgottesdienst lese ich nun aus dem Psalm 62 die Verse 6-9. Sie schließen mit dem Wort Sela. (Verlesung des Predigttextes)

Liebe Gemeinde! Sela - dieses kleine Wort mit den vier Buchstaben findet sich oft in den Psalmen. Es markiert im Text jeweils eine Pause. Die Psalmen waren ursprünglich eine Sammlung von Liedern. Und Sela bedeutet ein Pausezeichen. Manche Ausleger lassen deshalb die vier Buchstaben als Wort in der Übersetzung weg. Doch wer Sela nur als Pausezeichen versteht, greift zu kurz. Sela lässt sich vom Tätigkeitswort SaLAH ableiten, das soviel wie „aufwiegen“ meint. Die vier Buchstaben stehen also nicht nur für eine Pause. Sie bedeuten auch: Halte ein, wiege das Gesagte auf!

Das SELA-Seniorenhaus ist also ein Haus mit biblischem Namen. Dass Einrichtungen nach bedeutenden Personen der Kirchengeschichte wie etwa nach Martin Luther oder nach ihrer Umgebung wie das Haus Saalepark bezeichnet werden, ist nichts Ungewöhnliches. Ein Haus mit biblischem Namen dagegen stellt eine Ausnahme dar. Wobei SELA nicht für „ Mach mal Pause“ steht. Sondern so zu deuten ist: Halte ein, gönne dir Ruhe, lass das im Leben bisher Erfahrene – die vielen Worte und Bilder – noch einmal Revue passieren. Manches wiegt sich vielleicht so auf. Sela im biblischen Sinne und SELA als neuzeitige Erklärung - selbstbestimmtes Leben im Alter - liegen da gar nicht so weit auseinander.

Sela – Halte ein, wiege das Gesagte auf. Der Psalm 62 beschreibt, welche Bedeutung Gott für uns Menschen hat. „Gott ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz“, sagt der Psalmbeter. Und er fügt hinzu: „Von Gott kommt Hoffnung und Zuversicht.“ Deshalb ist es gut, immer wieder zur Ruhe zu kommen, stille zu werden und das Herz vor ihm auszuschütten. Für den Beter des 62.Psalmes sind diese Worte keine graue Theorie, sondern gelebte Praxis. Hinter ihnen stehen vielfältige Erfahrungen mit Gott. Situationen, wo sich Gott als Fels, Hilfe und Schutz gezeigt hat.
Liebe Gemeinde! Diese Erfahrungen des 62. Psalmes möchte ich nun ein wenig durchbuchstabieren – im Sinne von Sela „Halte ein“. Durchbuchstabieren im Blick auf die Bewohnerinnen und Bewohner, die Mitarbeitenden, die Betreiber des Hauses und Konradsreutherinnen und Konradsreuther.

Zuerst zu den Menschen, die nun im Seniorenhaus wohnen. Jeder Umzug bringt etwas Neues mit sich. Jede Veränderung heißt, sich auf eine andere Umgebung einzustellen. Sicherlich: Äußerlich kann einiges dafür getan werden, sich bald wie zuhause zu fühlen. Den einzelnen Zimmern wurde zum Beispiel mit Briefkasten und Klingel eine persönliche Note gegeben. Doch es braucht Zeit, sich auch innerlich auf die neue Umgebung einzustellen. Da sind die Worte des 62. Psalm im wahrsten Sinne des Wortes Weg-weisend: „Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele; denn er ist meine Hoffnung. Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz.“ Auch wenn sich äußerlich Dinge verändern, wenn die Umgebung anders ist, bleibt Gott doch gleich. Mag sein, dass die Kräfte schwinden und die Tage beschwerlicher werden – Gott ist da. Er ist und bleibt derjenige, der Halt, Kraft und Zuversicht vermitteln möchte. Gott als feste Bezugsgröße im Leben. Darum wird es auch in den Gottesdiensten gehen, die im Seniorenhaus gefeiert werden. Und die den Bewohnerinnen und Bewohnern Zuversicht und Kraft für den Alltag vermitteln wollen.

Nun zu den Mitarbeitenden im Haus. Durch das neue Konzept als Hausgemeinschaftsmodell sind sie in anderer Weise gefordert als die bisherigen Mitarbeitenden in Heimen. Weil sie näher dran sind an den Menschen und diese intensiver begleiten im Alltag, indem sie zum Beispiel gemeinsam das Essen vorbereiten. Die neue Berufsbezeichnung „Alltagsbegleiter“ markiert diese Veränderung. Auf diese Aufgabe wurden sie gezielt vorbereitet. Trotzdem ist und bleibt es eine Herausforderung für die Mitarbeitenden des Hauses.

Sie, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können nicht nur geben und für andere da sein. Sie müssen auch selbst empfangen. Sie brauchen Zeit zum Auftanken und Kraftquellen. Der Psalm 62 weist auf Gott als verlässliche Kraftquelle hin. Er ist derjenige, der den Rücken stärken kann, der hilft, weiterzumachen und der Kraft gibt, auch Durststrecken zu durchstehen und Enttäuschungen zu überwinden. Gerade Menschen, die für Andere da sind und sich um sie sorgen, brauchen jemanden, der auch für sie sorgt. Das kann der Partner oder die Familie sein. Der Psalmbeter gibt noch anderen, wichtigen Hinweis, indem er es persönlich formuliert: „Gott ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz.“ Das ist keine exklusive Erfahrung eines Einzelnen. Vielmehr lädt der Psalmbeter dazu ein, sich auf Gott zu verlassen und ihm zu vertrauen. Um dann das bestätigen zu können, was der 62. Psalm so beschreibt: „Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott.“

Jetzt zu den Betreibern des Seniorenhauses Konradsreuth, den Verantwortlichen der Diakonie Hochfranken – zu denen ich als Mitglied des Aufsichtsrates auch gehöre. Dass die Einrichtung heute am Himmelfahrtstag eingeweiht wird, hat nichts mit einem Himmelfahrtskommando zu tun. Im Gegenteil: Der Feiertag heute eignet sich gut. Zum einen, weil es wirklich ein Tag zum Feiern ist: Das Projekt, mit dem Neuland betreten wird, konnte in relativ kurzer Zeit verwirklicht werden. Deshalb ein Dank an alle, die es auf den Weg gebracht und nun realisiert haben. Und zum anderen eignet sich der Himmelfahrttag heute gut, weil Jesus, bevor er zu Gott in den Himmel auffuhr, die Zusage mit auf den Weg gab: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Diese Zusage braucht es - gerade für die Verantwortlichen des Seniorenhauses.

Dass die Zahlen stimmen und das Haus wirtschaftlich arbeitet, ist das Eine. Das Andere sind der Geist und die Atmosphäre der Einrichtung. Dass immer wieder das diakonische Profil deutlich wird: Es geht um praktizierte Nächstenliebe und darum, dass der Mensch hier im Mittelpunkt steht. Nämlich als Geschöpf Gottes, der jedem und jeder eine unverzichtbare Würde geschenkt hat. Der Gott, der – wie es im Psalm 62 heißt – Heil, Stärke und Zuversicht sein möchte.

Zum Schluss zu Ihnen, den Konradsreutherinnen und Konradsreuther! Sie können stolz sein auf das Vorzeigeobjekt in Ihrer Ortsmitte, das sich gut ins Ortsbild einfügt. Auch darauf, dass andere diakonische Träger oder andere Kommunen mit Interesse nach Konradsreuth schauen. Das Hausgemeinschaftsmodell mit rund 40 Plätzen macht es möglich, in vergleichbaren Gemeinden mit 2.500 bis 3.000 Einwohnern ein ähnliches Haus zu errichten. Ältere und pflegebedürftige Menschen können so im Ort in der vertrauten Umgebung bleiben und müssen nicht in eine größere Stadt umziehen.
So schön es ist, ein solches Haus mit Modellcharakter in der eigenen Mitte zu haben und so wichtig es ist, dies entsprechend zu feiern, so sehr kommt es heute auch auf folgenden Hinweis des 62.Psalmes an: „Hofft auf Gott allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsere Zuversicht.“ Das heißt, sich nicht allein auf die eigene Schulter zu klopfen und zu sagen: Toll, was uns da gelungen ist. Sondern auch an den zu denken, der uns Kraft, Hoffnung und Zuversicht gibt – an Gott, dem wir letztlich alles zu danken und zu verdanken haben. Das gilt für den Bau des Seniorenhauses genauso wie für das Lebenshaus eines jeden und einer jeden von uns.
 
Liebe Gemeinde! Es ist ein besonderer Tag, habe ich zu Beginn der Predigt gesagt. Heute die Einweihung des Seniorenhauses zu feiern, der Einrichtung mit dem biblischen Namen Sela - Halte ein, wiege das Gesagte auf. Das will ich nun tun, einzuhalten. Und das Gesagte soll mit dem Predigtlied „Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“ aufgewogen werden, dessen Verse jeweils mit der Aufforderung enden „Gebt unserem Gott die Ehre.“

Dekan Günter Saalfrank      (St. Michaelis Hof)

Text: 

6 Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele;
denn er ist meine Hoffnung.
7 Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz,
dass ich nicht fallen werde.
8 Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, /der Fels meiner Stärke,
meine Zuversicht ist bei Gott.
9 Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, /schüttet euer Herz vor ihm aus;
Gott ist unsre Zuversicht. SELA.


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