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Liebe Leser,
die Psalmensammlung ist eine Liedersammlung
und zeigt, wie stark gerade im AT der Glaube mit dem Singen verbunden
ist. Denken wir nur an das älteste Lied – das Lied der Mirjam nach der
Befreiung im Schilfmeer (2 Mose 15,20f) „Singt dem Herrn, denn hoch
erhaben ist er. Roß und Reiter warf er ins Meer.“ Oder an den
renommiertesten Sänger und Tänzer, König David selbst, wie er in
Verzückung vor der Bundeslade tanzt „mit aller Macht“ „mit Jauchzen und
Posaunenschall“. (2 Sam 6).
Nicht von ungefähr tragen über die Hälfte aller Psalmen seinen Namen in
der Überschrift, so ja auch unser Psalm – auch wenn sie nicht aus seiner
Feder stammen. Nicht einmal die Entstehungszeit ist sicher. Aber das tut
dem Gehalt keinen Abbruch. Luther hat diese
Tradition der Verkündigung durch Gesang und Lieder ja wieder zu einem
festen Stützpfeiler im Glauben gemacht. Gerade wir Protestanten waren
und sind hoffentlich noch immer eine singende Kirche, frei nach dem
Motto: Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen haben
keine Lieder.
Doch zurück zu unserem Predigttext: Der Psalm 23 ist ein
Vertrauenspsalm, noch genauer: Ein Vertrauenspsalm des Einzelnen,
ähnlich dem Psalm 27 „Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem
sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem
sollte mir grauen.“ Daneben gibt es auch noch Vertrauenspsalmen des
ganzen Volkes wie Ps 46 „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine
Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir
uns nicht, wenn gleich die Welt unterginge.“ oder Ps 125.
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ ist ein
Vertrauenspsalm. Der Einzelne, ICH stehe vor meinem Gott und singe und
bete: „Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen
Wasser. Er erquicket meine Seele.“ So sorglos, so
schön sind die Bilder. Man muss sie gar nicht wiederholen, man muss sie
sich nur vor sein geistiges Auge holen. „grüne Aue, frisches Wasser“
Da steckt soviel Vertrauen und Geborgenheit drin.
Ach schön. Wie schön wäre es, wenn man dieses Vertrauen noch
aufbringen könnte. Eine Meditation zu unserem Psalm titelt mit der
Überschrift: Sehnsucht nach Geborgenheit.
Und es stellen sich die Bilder von früher ein, als ich ein Kind war und
krank lag. Da war wichtig, dass die Mutter die Hand hielt und die
Wadenwickel wechselte und in der Nacht noch einmal nach einem schaute.
Dadurch war man zwar noch immer krank, aber man war nicht allein und
fühlte sich geborgen. Wenn ich einen Unfall
hatte, brachten mich meine Eltern zum Arzt oder besuchten mich im
Krankenhaus. Und als ich nach Hause kam lag eine Tüte Bonbon auf dem
Kopfkissen. Der Schmerz war dadurch nicht weg und
das Unglück auch nicht ungeschehen. Aber man spürte, dass man geliebt
wurde. Die Liebe trägt, wenn die Not wächst.
Wichtig ist, dass wir dann wissen, wo wir hingehören und wo wir
willkommen sind. Wo wir Heimat haben und ein Zuhause.
Leider fällt es unsere Zeit schwer, ihre Heimat in Gott zu finden. Allzu
schnell sind wir lieber Ankläger Gottes und lassen gerade da seine Hand
los, wo die Nacht dunkel wird. Da ist sogar mein Hund schlauer. Der
versteckt sich dann hinter meinem Bein und fragt nicht nach, warum es
dunkel ist. Gott machen wir verantwortlich für
unser Missgeschick und merken gar nicht mehr, wie maßlos wir geworden
sind. Die meisten von uns sind nie bei Gott
eingezogen. Das war ihnen zu nah, zu moralisch, zu eng.
Als ob der, der mit Gott geht, nicht mehr richtig leben dürfte.
Als ob man etwas versäumen würde. Wo kommen diese Bilder her?
Und dann passiert es, wenn wir bei Gott kein Zuhause haben. Dann nisten
wir uns bei uns selbst ein. Wir meinen selbst zu wissen, wie die grüne
Aue für uns auszusehen hätte und wie das frische Wasser zu schmecken
hätte und was für uns die rechte Straße ist. Aus
dem Vertrauen wird Selbst-Vertrauen und aus der Bestimmung
Selbst-Bestimmung und bevor wir zu Schafen
verkommen, verstoßen wir lieber den Herren und werden selbst-herrlich.
Und von der Geborgenheit bleibt nur noch die Sehnsucht danach zurück.
Doch gestillt wird sie nicht mehr. Und aus der
kindlichen Zufriedenheit erwächst die Un-Zufriedenheit.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Wer kann das noch nachsprechen? Wer will das noch nachsprechen?
Unser Selbst wird immer zu klein sein, um die Stürme und Untiefen des
Lebens zu bewältigen. Wenn das Selbst angeknackst ist kann es eben nicht
mehr die Kraft aus sich selbst schöpfen. Und dann werden sie gesucht,
die magischen Orte und Traumfresser und die Karten werden gelegt und
alles mögliche herbeibeschworen ...
Doch der Weg zurück ist schwer. Was haben wir für
ein Gottesbild, dass wir meinten, wir könnten uns an den finsteren
Tälern vorbeischleichen. Wichtig wird sein, was
wir im Gepäck haben und wo wir uns eingeübt haben und was uns vertraut
geworden ist – gerade in den harten Zeiten, wo kein Geld mehr hilft und
kein Ansehen der Person mehr zählt.
Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten,
die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenn gleich die
Welt unterginge, heisst
es in Ps 46. und bei uns: Der Herr ist mein Hirte.
Doch wer will schon ein Schaf sein und sich führen lassen?
Viel lieber sagen wir: „Ich bin mein Hirte.
Mir wird nichts mangeln. Ich weide auf einer grünen Aue und gehe zum
frischen Wasser. Ich erquicke meine Seele. Ich weiß schon die rechte
Straße.“ Und dann? Dann fürchten wir alles Unglück und haben allein
durchzustehen, das finstere Tal. Und wir haben heute Angst, weil wir
nicht wissen was morgen ist. Heinrich Giesen
schreibt: „Weil Gott weiß, was morgen ist, brauchen wir heute keine
Angst zu haben.“ Aber will das schon wissen. Wer
will das schon glauben.
Obwohl?! Der Psalm 23 ist wahrscheinlich deswegen einer der beliebtesten
Psalmen, weil er nicht verschweigt, was Leben auch ist. Es ist kein
blindes Vertrauen, sondern ein endloses. Und es ist beides da.
Die grüne Aue und das finstere Tal, im Vertrauen auf Gott.
Ein gedeckter Tisch und dennoch Feinde, getragen von dem, der uns
salbt und uns voll einschenkt. Hier wird nichts
weggelassen. Das ganze Leben vor Gott und mit Gott. Nicht nur die Täler,
auch die Höhen. Endloses Vertrauen.
Spüren Sie es auch. Die Lebenssicht verändern sich, wenn wir mit Gott in
Berührung kommen. Das ICH erweitert sich zum DU. Der Kampf darf
aufhören. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nicht
mangeln. Hannelore Frank schreibt:
„Wenn man weiß, warum man gelebt hat, vielleicht auch nur ahnt,
worauf es ankommt und wohin es mit uns hinauswill, dann kann man ebenso
gut weiterleben wie abgerufen werden; man ist einverstanden mit dem
einen wie mit dem anderen.“
Dass wir uns manchmal nicht schämen Gott anzuklagen – Gott sein Leid
klagen ist etwas anderes – aber Gott anzuklagen, wo wir die meiste Zeit
ganz gut und auch lieber ohne ihn ausgekommen sind.
Ist es wirklich so schlimm, Schaf zu sein?
Dabei heißt es von ihm: Du salbest mein
Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein – wer hier seine Taufe spürt und
das Abendmahl schmeckt hat recht gespürt und gut geschmeckt.
Drunter geht es auch nicht. Wir müssen wissen, wo wir hingehören
und wo uns Gutes widerfährt. Lassen wir uns das nicht wegnehmen durch
das Geschnatter und Gerassel der Welt. Und es
wird sich einstellen, womit der Psalm schließt – wie von selbst kommt es
zum Fließen, und wer den Zachäus hier durchhört, hört wohl richtig, wenn
es heißt: Gutes und Barmherzigkeit werden mir
folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN
immerdar.
Ich glaube nicht, dass man ganz schön belämmert
sein muss, nur weil man ein Schaf ist. Aber wer will schon gerne Schaf
sein? Oder sollten wir es doch wieder einmal
ausprobieren, uns bei Gott einzuhausen und dann nachsprechen:
Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich
auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket
meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Gebet
Herr, wir haben oft gebetet,
ohne uns etwas dabei zu denken.
Wir müssen aber denken, wenn wir beten.
Wir müssen wissen,
dass es nicht um uns alleine geht,
wenn wir zu dir sprechen,
sondern auch um alle andern Menschen.
Sie brauchen Hilfe wie wir,
oft sehr viel mehr.
Es ist nicht genug,
wenn wir dich bitten, dass du ihnen hilfst.
Wir müssen wissen,
dass du ihnen helfen willst durch uns.
Gib uns die Kraft, uns selbst zu überwinden,
abzugeben von unserm Überfluss,
weil du es bist, der uns auf einer grünen Aue weidet und zum frischen
Wasser geführt hat,
abzugeben von unsrer Liebe, weil du unser Haupt mit Öl gesalbt hast und
uns noch im Angesicht unserer Feinde voll eingeschenkt hast.
Gib uns die Kraft, das Gute zu tun, das wir ja wollen.
Gib uns die Kraft dazu, dass wahr wird, wenn es heißt: Gutes und
Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben
im Hause des Herrn immerdar.
Vater,
wir danken dir für den langen und segensreichen Dienst von Frau Schirner.
Steh du ihr und ihrer Familie bei beim Übergang in den Ruhestand. Gib du
das rechte Augenmaß, die veränderten Lebensumstände gut zu gestalten.
Amen.
Und ob (Meditation zu Psalm 23)
Und ob
ich von schweren Gedanken bedrängt werde,
meine Schwächen schmerzlich erleide,
mir in dunklen Stunden selbst fremd bin,
mich in Konflikten des Alltags verletzte,
mir Kritiker hart meine Grenzen zeigen,
mich das Leid meiner Menschenbrüder entsetzt
und ich im Leben mein Sterben kommen spüre,
weiß ich mich dennoch von Deiner Hand gehalten.
Und ob,
ich bin unendlich geborgen,
denn Du bist immer bei mir.
Deine Nähe umgibt mich Tag und Nacht.
Du holst mich von falschen Wegen zurück.
Du nährst mich im Hunger mit Brot und Wein.
Deinen Namen hast Du mit meinem verbunden.
Du siegst für mich über finstere Gewalten.
Dein Tisch reicht durch die Wand es Todes.
Du meinst es auf ewig gut mit mir.
Ich bin unendlich geborgen,
denn Du bist immer bei mir.
Und ob.
Pfarrer
Martin Adel
(Dreieinigkeitskirche
Hof)
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Text:
1Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
2 Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
3 Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
5 Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.
6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar. |