Predigt    Psalm 23    7. Sonntag nach Trinitatis    10.07.05

"Der Herr ist mein Hirte"
(von Pfr. Martin Adel, Dreieinigkeit Hof)

Liebe Leser,

die Psalmensammlung ist eine Liedersammlung und zeigt, wie stark gerade im AT der Glaube mit dem Singen verbunden ist. Denken wir nur an das älteste Lied – das Lied der Mirjam nach der Befreiung im Schilfmeer (2 Mose 15,20f) „Singt dem Herrn, denn hoch erhaben ist er. Roß und Reiter warf er ins Meer.“ Oder an den renommiertesten Sänger und Tänzer, König David selbst, wie er in Verzückung vor der Bundeslade tanzt „mit aller Macht“ „mit Jauchzen und Posaunenschall“. (2 Sam 6).

Nicht von ungefähr tragen über die Hälfte aller Psalmen seinen Namen in der Überschrift, so ja auch unser Psalm – auch wenn sie nicht aus seiner Feder stammen. Nicht einmal die Entstehungszeit ist sicher. Aber das tut dem Gehalt keinen Abbruch. Luther hat diese Tradition der Verkündigung durch Gesang und Lieder ja wieder zu einem festen Stützpfeiler im Glauben gemacht. Gerade wir Protestanten waren und sind hoffentlich noch immer eine singende Kirche, frei nach dem Motto: Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen haben keine Lieder.

Doch zurück zu unserem Predigttext: Der Psalm 23 ist ein Vertrauenspsalm, noch genauer: Ein Vertrauenspsalm des Einzelnen, ähnlich dem Psalm 27 „Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen.“ Daneben gibt es auch noch Vertrauenspsalmen des ganzen Volkes wie Ps 46 „Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenn gleich die Welt unterginge.“ oder Ps 125.

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ ist ein Vertrauenspsalm. Der Einzelne, ICH stehe vor meinem Gott und singe und bete: „Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele.“ So sorglos, so schön sind die Bilder. Man muss sie gar nicht wiederholen, man muss sie sich nur vor sein geistiges Auge holen. „grüne Aue, frisches Wasser“ Da steckt soviel Vertrauen und Geborgenheit drin. Ach schön. Wie schön wäre es, wenn man dieses Vertrauen noch aufbringen könnte. Eine Meditation zu unserem Psalm titelt mit der Überschrift: Sehnsucht nach Geborgenheit.

Und es stellen sich die Bilder von früher ein, als ich ein Kind war und krank lag. Da war wichtig, dass die Mutter die Hand hielt und die Wadenwickel wechselte und in der Nacht noch einmal nach einem schaute. Dadurch war man zwar noch immer krank, aber man war nicht allein und fühlte sich geborgen. Wenn ich einen Unfall hatte, brachten mich meine Eltern zum Arzt oder besuchten mich im Krankenhaus. Und als ich nach Hause kam lag eine Tüte Bonbon auf dem Kopfkissen. Der Schmerz war dadurch nicht weg und das Unglück auch nicht ungeschehen. Aber man spürte, dass man geliebt wurde. Die Liebe trägt, wenn die Not wächst. Wichtig ist, dass wir dann wissen, wo wir hingehören und wo wir willkommen sind. Wo wir Heimat haben und ein Zuhause.

Leider fällt es unsere Zeit schwer, ihre Heimat in Gott zu finden. Allzu schnell sind wir lieber Ankläger Gottes und lassen gerade da seine Hand los, wo die Nacht dunkel wird. Da ist sogar mein Hund schlauer. Der versteckt sich dann hinter meinem Bein und fragt nicht nach, warum es dunkel ist. Gott machen wir verantwortlich für unser Missgeschick und merken gar nicht mehr, wie maßlos wir geworden sind. Die meisten von uns sind nie bei Gott eingezogen. Das war ihnen zu nah, zu moralisch, zu eng. Als ob der, der mit Gott geht, nicht mehr richtig leben dürfte. Als ob man etwas versäumen würde. Wo kommen diese Bilder her?

Und dann passiert es, wenn wir bei Gott kein Zuhause haben. Dann nisten wir uns bei uns selbst ein. Wir meinen selbst zu wissen, wie die grüne Aue für uns auszusehen hätte und wie das frische Wasser zu schmecken hätte und was für uns die rechte Straße ist. Aus dem Vertrauen wird Selbst-Vertrauen und aus der Bestimmung Selbst-Bestimmung und bevor wir zu Schafen verkommen, verstoßen wir lieber den Herren und werden selbst-herrlich. Und von der Geborgenheit bleibt nur noch die Sehnsucht danach zurück. Doch gestillt wird sie nicht mehr. Und aus der kindlichen Zufriedenheit erwächst die Un-Zufriedenheit.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Wer kann das noch nachsprechen? Wer will das noch nachsprechen? Unser Selbst wird immer zu klein sein, um die Stürme und Untiefen des Lebens zu bewältigen. Wenn das Selbst angeknackst ist kann es eben nicht mehr die Kraft aus sich selbst schöpfen. Und dann werden sie gesucht, die magischen Orte und Traumfresser und die Karten werden gelegt und alles mögliche herbeibeschworen ...

Doch der Weg zurück ist schwer. Was haben wir für ein Gottesbild, dass wir meinten, wir könnten uns an den finsteren Tälern vorbeischleichen. Wichtig wird sein, was wir im Gepäck haben und wo wir uns eingeübt haben und was uns vertraut geworden ist – gerade in den harten Zeiten, wo kein Geld mehr hilft und kein Ansehen der Person mehr zählt.

Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenn gleich die Welt unterginge, heisst es in Ps 46. und bei uns: Der Herr ist mein Hirte. Doch wer will schon ein Schaf sein und sich führen lassen?  Viel lieber sagen wir: „Ich bin mein Hirte. Mir wird nichts mangeln. Ich weide auf einer grünen Aue und gehe zum frischen Wasser. Ich erquicke meine Seele. Ich weiß schon die rechte Straße.“ Und dann? Dann fürchten wir alles Unglück und haben allein durchzustehen, das finstere Tal. Und wir haben heute Angst, weil wir nicht wissen was morgen ist. Heinrich Giesen schreibt: „Weil Gott weiß, was morgen ist, brauchen wir heute keine Angst zu haben.“ Aber will das schon wissen. Wer will das schon glauben.

Obwohl?! Der Psalm 23 ist wahrscheinlich deswegen einer der beliebtesten Psalmen, weil er nicht verschweigt, was Leben auch ist. Es ist kein blindes Vertrauen, sondern ein endloses. Und es ist beides da. Die grüne Aue und das finstere Tal, im Vertrauen auf Gott. Ein gedeckter Tisch und dennoch Feinde, getragen von dem, der uns salbt und uns voll einschenkt. Hier wird nichts weggelassen. Das ganze Leben vor Gott und mit Gott. Nicht nur die Täler, auch die Höhen. Endloses Vertrauen.

Spüren Sie es auch. Die Lebenssicht verändern sich, wenn wir mit Gott in Berührung kommen. Das ICH erweitert sich zum DU. Der Kampf darf aufhören. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nicht mangeln. Hannelore Frank schreibt: „Wenn man weiß, warum man gelebt hat, vielleicht auch nur ahnt, worauf es ankommt und wohin es mit uns hinauswill, dann kann man ebenso gut weiterleben wie abgerufen werden; man ist einverstanden mit dem einen wie mit dem anderen.“

Dass wir uns manchmal nicht schämen Gott anzuklagen – Gott sein Leid klagen ist etwas anderes – aber Gott anzuklagen, wo wir die meiste Zeit ganz gut und auch lieber ohne ihn ausgekommen sind. Ist es wirklich so schlimm, Schaf zu sein?

Dabei heißt es von ihm:  Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein – wer hier seine Taufe spürt und das Abendmahl schmeckt hat recht gespürt und gut geschmeckt. Drunter geht es auch nicht. Wir müssen wissen, wo wir hingehören und wo uns Gutes widerfährt. Lassen wir uns das nicht wegnehmen durch das Geschnatter und Gerassel der Welt. Und es wird sich einstellen, womit der Psalm schließt – wie von selbst kommt es zum Fließen, und wer den Zachäus hier durchhört, hört wohl richtig, wenn es heißt: Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Ich glaube nicht, dass man ganz schön belämmert sein muss, nur weil man ein Schaf ist. Aber wer will schon gerne Schaf sein? Oder sollten wir es doch wieder einmal ausprobieren, uns bei Gott einzuhausen und dann nachsprechen: Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Gebet

Herr, wir haben oft gebetet,
ohne uns etwas dabei zu denken.
Wir müssen aber denken, wenn wir beten.
Wir müssen wissen,
dass es nicht um uns alleine geht,
wenn wir zu dir sprechen,
sondern auch um alle andern Menschen.
Sie brauchen Hilfe wie wir,
oft sehr viel mehr.
Es ist nicht genug,
wenn wir dich bitten, dass du ihnen hilfst.
Wir müssen wissen,
dass du ihnen helfen willst durch uns.
Gib uns die Kraft, uns selbst zu überwinden,
abzugeben von unserm Überfluss,
weil du es bist, der uns auf einer grünen Aue weidet und zum frischen Wasser geführt hat,
abzugeben von unsrer Liebe, weil du unser Haupt mit Öl gesalbt hast und uns noch im Angesicht unserer Feinde voll eingeschenkt hast.
Gib uns die Kraft, das Gute zu tun, das wir ja wollen.
Gib uns die Kraft dazu, dass wahr wird, wenn es heißt: Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.
Vater,
wir danken dir für den langen und segensreichen Dienst von Frau Schirner. Steh du ihr und ihrer Familie bei beim Übergang in den Ruhestand. Gib du das rechte Augenmaß, die veränderten Lebensumstände gut zu gestalten.

Amen.


Und ob (Meditation zu Psalm 23)

Und ob

ich von schweren Gedanken bedrängt werde,
meine Schwächen schmerzlich erleide,
mir in dunklen Stunden selbst fremd bin,
mich in Konflikten des Alltags verletzte,
mir Kritiker hart meine Grenzen zeigen,
mich das Leid meiner Menschenbrüder entsetzt
und ich im Leben mein Sterben kommen spüre,
weiß ich mich dennoch von Deiner Hand gehalten.

Und ob,

ich bin unendlich geborgen,
denn Du bist immer bei mir.
Deine Nähe umgibt mich Tag und Nacht.
Du holst mich von falschen Wegen zurück.
Du nährst mich im Hunger mit Brot und Wein.
Deinen Namen hast Du mit meinem verbunden.
Du siegst für mich über finstere Gewalten.
Dein Tisch reicht durch die Wand es Todes.
Du meinst es auf ewig gut mit mir.

Ich bin unendlich geborgen,
denn Du bist immer bei mir.

Und ob.

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

1Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
2 Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
3 Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
5 Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.
6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.


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