Predigt     Psalm 103 i.A.    Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr    08.11.09

Predigt anl. "20 Jahre Mauerfall" in St. Michaelis
(Dialogpredigt Superintendent Bartsch/Dekan Günter Saalfrank)

1. Teil: Dank

Dekan Saalfrank:
Liebe Gemeinde! Das waren bewegende Zeiten vor 20 Jahren – als die Mauer plötzlich fiel. Menschen aus Ost und West kamen zusammen. Wildfremde lagen sich in den Armen.

Superintendent Bartsch:
Das Gemeindehaus St. Michaelis hier neben der Kirche wurde zum Zentrum der Begegnung und zur Wärmestube.

Dekan Saalfrank:
Das Gemeindehaus war überlaufen – wie überhaupt die ganze Stadt. In Spitzenzeiten waren über 100.000 Menschen aus Sachsen und Thüringen täglich in Hof. Die Freude war riesengroß – auf beiden Seiten des ehemaligen eisernen Vorhanges. Er durchschnitt Deutschland nur wenige Kilometer von hier. An diese traurige Realität hatten wir uns gewöhnt.

Superintendent Bartsch:
Das war im Osten nicht anders. Wer hatte damit gerechnet, dass zu Lebzeiten die Mauer verschwindet, dass es gar eine Wiedervereinigung gibt. Auch wenn im Herbst 1989 bei uns immer mehr Menschen auf die Straße gingen, um für Reformen zu protestieren. In Plauen fand am 7.Oktober 1989 die erste große Demonstration in der DDR statt – noch vor Leipzig.

Dekan Saalfrank:
Zweieinhalb Wochen zuvor war ich mit anderen zusammen in Plauen. Wir spürten: Es grummelt. Da liegt etwas in der Luft. Aber ehrlich gesagt: Dass es wenige Wochen später die Mauer nicht mehr gibt, das kam überraschend. Von der Entwicklung wurden wir überrollt. Im Rückblick kann ich nur staunen darüber, dass die Wende friedlich abging. Dass kein Tropfen Blut floss. Das war und bleibt ein Wunder. Ein Wunder, das nicht in Vergessenheit geraten darf. Gerade 20 Jahre danach ein Grund, Gott zu danken für das Geschenk.

Superintendent Bartsch:
Vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat“. Es ist ja so, dass wir Gutes und Großes leicht vergessen. Nicht absichtlich, sondern einfach weil der Alltag einen überrollt. Der Beter des (103.) Psalms bringt es so auf den Punkt: Gott hat dir so viel geschenkt, so vieles, was du nicht erwarten konntest. Also vergiss nicht, von wem du das alles hast.

Dekan Saalfrank:
Ja, Gott schenkt viel – zum Beispiel Heilung. Dass wieder etwas heil wird, was zerbrochen ist. Im Psalm 103 ist das zuerst auf das Verhältnis zu Gott bezogen. Es lässt sich indes auch auf die Situation in Deutschland übertragen. Die Teilung Deutschlands und Bau der Mauer waren eine Folge des 2.Weltkrieges. Die Siegermächte teilten Deutschland auf. Zwei Staaten entstanden, die zu unterschiedlichen „Lagern“ gehörten. Durch den Fall der Mauer konnte wieder etwas zusammen wachsen, was zusammen gehörte. Es wurde wieder heil, was über 40 Jahre auseinander war.

Bläser: Instrumentalstück

2. Teil: Mühen des Alltags

Superintendent Bartsch:
Wie in dem Musikstück gab es bald Dissonanzen: wirtschaftliche Probleme – große Firmen machten in Plauen dicht, viele Menschen hatten plötzlich keine Arbeit mehr. Nicht nur junge Leute wanderten ab, weil sie keine mehr Perspektive in ihrer Heimat sahen. Enttäuschung machte sich breit, weil manche Erwartung, auch manches Versprechen nicht erfüllt wurde.

Dekan Saalfrank:
Auch in Oberfranken kam die Ernüchterung: Finanzielle Unterstützungen fielen weg, manche Firmen verlagerten ihre Produktion in die neuen Bundesländer – wegen höherer Fördersätze dort. Die Region – im Herzen Europas gelegen - wurde immer mehr zum Transitland.

Superintendent Bartsch:
Für die Menschen im Osten kam noch etwas hinzu: Sie mussten Dinge nun selbst in die Hand nehmen. Das war die andere Seite der Medaille. Der Ruf nach Freiheit war groß. Freiheit bedeutete allerdings nicht nur Reisefreiheit, sondern auch, selbst entscheiden zu müssen, Verantwortung zu übernehmen, mobil und flexibel zu sein.

Dekan Saalfrank:
Die Mühen des Alltages gingen auch an den Begegnungen von Kirchengemeinden nicht spurlos vorüber. Vor der Grenzöffnung hatten Kontakte etwas Exotisches. Allein der Grenzübertritt war jedes Mal eine aufregende Sache. Später wurden die Kontakte etwas Normales. Mit der Folge, dass sie an Attraktivität und Anziehungskraft verloren. Ich bin froh, dass sich die Kontakte von Hofer Gemeinden nach Plauen und umgekehrt weitgehend durchgehalten haben. Dass heute gemeinsam dieser Gottesdienst gefeiert wird.

Superintendent Bartsch:
Heute – nach 20 Jahren – ist die Gefahr groß, die Vergangenheit zu verklären. Sich nach der vermeintlich krisensicheren Zeit früher und den sozialen Errungenschaften zurück zu sehnen. Oder nur die Probleme zu sehen. Im Gottesdienst ist Platz für beides: Wir schauen dankbar zurück auf das, was gewesen ist und sich entwickelt hat. Aber wir benennen auch Mühen des Alltages und bringen sie vor Gott.

Dekan Saalfrank:
Apropos Mühen. Nach der Wende kam das ganze Spitzelsystem der Staatssicherheit ans Tageslicht. Und damit die Flut von Akten, die auch über Personen aus dem Westen angelegt waren. Nur weil ich intensive Kontakte in der evangelischen Jugendarbeit nach drüben pflegte, wurde eine Akte über mich angelegt und durfte ich fünf Jahre nicht mehr einreisen. In den Stasi-Unterlagen wurde ich als Fahndungsobjekt bezeichnet. Ein beklemmendes und unangenehmes Gefühl, so beschrieben zu werden. Außerdem entdeckte ich in den Akten die unbekannte Seite eines Bekannten, der als IM über mich berichtete. Wie muss es erst Anderen ergangen sein, die merkten, der eigene Mann oder die beste Freundin arbeiteten für die Stasi und lieferten ihr brühwarm Informationen. Da ist doch eine Welt für sie zusammen gebrochen.

Superintendent Bartsch:
Das sind wirklich bittere Erkenntnisse. Und ich verstehe, dass Menschen nur schwer damit fertig werden. Das braucht auch Zeit. Und vielleicht werden die Wunden nie ganz verheilen. Aber wir wissen darum; wir können uns informieren; wir können jetzt auch darüber reden. Und wir können uns (immer wieder) sagen: Das vorbei – Gott sei Dank ist dieses Unrechtssystem jetzt vorbei!
An einer anderen Stelle wird mir deutlich, welche Veränderung zum Guten die Wende gebracht hat: 68 Kirchen (50/16/2) – wieder nutzbar für die nächsten 2-3 Generationen. Deshalb trotz aller Mühen des Alltags und trotz alles Schweren, das auch nicht wegzureden ist: „Lobe den Herren, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Pantomimegruppe

3. Teil: Zuversicht

Dekan Saalfrank:
Ein eindrucksvolles Bild: Da nehmen Menschen Zuversicht aus der Bibel. Das stärkt sie für den Weg, der vor ihnen liegt. Gut, wenn Gottes Zusagen immer wieder Anlass zur Zuversicht geben. Wie diese aus dem 103. Psalm: Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte. Personen in der Bibel können ein Lied davon singen. Im Krieg, in der Diktatur oder wo auch immer haben Menschen diese Erfahrung gemacht: Gott steht zu seinen Zusagen. Er nimmt sie nicht weg. Wenn ich das sehe, hilft es mir, gelassen nach vorne zu schauen – auch angesichts der Herausforderungen hier in der Region, wie den Bevölkerungsrückgang im Norden Oberfrankens und im Süden Sachsens.

Superintendent Bartsch:
Aber bitte: echte Zuversicht – kein Zweckoptimismus. Echte Zuversicht beschönigt und verdrängt nichts. Sie hilft vielmehr, vertrauensvoll nach vorn zu schauen und sich den Herausforderungen zu stellen. Mir ist wichtig zu sehen: Gott hat uns neue Möglichkeiten geschenkt – dem Einzelnen, der Gesellschaft, auch der Kirche. Z.B. die Möglichkeit, in die Gesellschaft, in die Öffentlichkeit hinein zu wirken, Glauben zu bekennen, andere dazu einzuladen. Ich bin überzeugt: Wo Christen ihren Glauben leben, wird sich die Welt verändern. Und das können wir – Ost und West – gemeinsam tun.

Dekan Saalfrank:
Stichwort „gemeinsam tun“. Wir können als christliche Gemeinden in Hof und in Plauen unsere Stimme für den Schutz des Sonntags erheben, der schleichend ausgehöhlt wird. In diesem Jahr dürfen am ersten Advent in beiden Städten die Läden öffnen. Sonntage sind ein Geschenk Gottes, um im Getriebe des Alltags nicht zu Getriebenen zu werden. Ein Geschenk – wie die Wende - für die gesamte Gesellschaft. Wir Christen sind hier aufgerufen, Flagge zu zeigen und nicht tatenlos zuzuschauen, wie der Sonntag als gemeinsamer freier Tag immer mehr wirtschaftlichen Interessen geopfert wird.

Superintendent Bartsch:
Das, was der Psalm verspricht, gilt nicht nur uns Christen, sondern für die ganze Gesellschaft. Gott ist für alle Menschen da – unabhängig davon, wo sie wohnen, welche Hautfarbe oder welche Religion sie haben.
Ich sehe das als Rückenstärkung für die Zukunft: Dass wir als Christen und als Gesellschaft den weiteren Weg im vereinten Deutschland nicht allein gehen müssen. Wir können auf Gottes Zusagen und Beistand vertrauen. Die Bibel will uns dabei Wegweisung und Orientierung sein. Wie bei der Pantomime vorhin….

Dekan Saalfrank:
Meinen Kindern und Enkelkindern wünsche ich, dass sie nicht mehr in Kategorien wie Ost und West denken. Dass es nicht mehr heißt, wenn sie zum Studium nach Dresden gehen: „Ich bin jetzt Ossi.“ Dass sie sich vielmehr als Deutsche fühlen, egal in welchem Bundesland sie leben oder arbeiten. Und noch etwas wünsche ich ihnen: Dass sie darüber staunen, wie aus der äußeren Einheit auch wirklich eine innere Einheit in Deutschland entstanden ist. Welche weite Strecken dabei gemeinsam gegangen und welche Steine zusammen aus dem Weg geräumt wurden. Ich würde mich sehr freuen, wenn meine Nachkommen sagen würden: „Da hatte Gott seine Hand im Spiel.“

Superintendent Bartsch:
Wie es der Beter des 103. Psalms ausgedrückt hat: „Lobe den Herren, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Amen.

Dekan Günter Saalfrank

Text:

Lobe den HERRN, meine Seele,
und was in mir ist, seinen heiligen Namen!
2 Lobe den HERRN, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:
3 der dir alle deine Sünde vergibt
und heilet alle deine Gebrechen,
4 der dein Leben vom Verderben erlöst,
der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,
5 der deinen Mund fröhlich macht
und du wieder jung wirst wie ein Adler.
8 Barmherzig und gnädig ist der HERR,
geduldig und von großer Güte.
13 Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt,
so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.
17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit
über denen, die ihn fürchten,
und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind
18 bei denen, die seinen Bund halten
und gedenken an seine Gebote,
dass sie danach tun.
 


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