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1. Teil: Dank
Dekan Saalfrank:
Liebe Gemeinde! Das waren bewegende Zeiten vor 20 Jahren – als die
Mauer plötzlich fiel. Menschen aus Ost und West kamen zusammen.
Wildfremde lagen sich in den Armen.
Superintendent Bartsch:
Das Gemeindehaus St. Michaelis hier neben der Kirche wurde zum
Zentrum der Begegnung und zur Wärmestube.
Dekan Saalfrank:
Das Gemeindehaus war überlaufen – wie überhaupt die ganze Stadt. In
Spitzenzeiten waren über 100.000 Menschen aus Sachsen und Thüringen
täglich in Hof. Die Freude war riesengroß – auf beiden Seiten des
ehemaligen eisernen Vorhanges. Er durchschnitt Deutschland nur
wenige Kilometer von hier. An diese traurige Realität hatten wir uns
gewöhnt.
Superintendent Bartsch:
Das war im Osten nicht anders. Wer hatte damit gerechnet, dass zu
Lebzeiten die Mauer verschwindet, dass es gar eine Wiedervereinigung
gibt. Auch wenn im Herbst 1989 bei uns immer mehr Menschen auf die
Straße gingen, um für Reformen zu protestieren. In Plauen fand am
7.Oktober 1989 die erste große Demonstration in der DDR statt – noch
vor Leipzig.
Dekan Saalfrank:
Zweieinhalb Wochen zuvor war ich mit anderen zusammen in Plauen. Wir
spürten: Es grummelt. Da liegt etwas in der Luft. Aber ehrlich
gesagt: Dass es wenige Wochen später die Mauer nicht mehr gibt, das
kam überraschend. Von der Entwicklung wurden wir überrollt. Im
Rückblick kann ich nur staunen darüber, dass die Wende friedlich
abging. Dass kein Tropfen Blut floss. Das war und bleibt ein Wunder.
Ein Wunder, das nicht in Vergessenheit geraten darf. Gerade 20 Jahre
danach ein Grund, Gott zu danken für das Geschenk.
Superintendent Bartsch:
Vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat“. Es ist ja so, dass wir
Gutes und Großes leicht vergessen. Nicht absichtlich, sondern
einfach weil der Alltag einen überrollt. Der Beter des (103.) Psalms
bringt es so auf den Punkt: Gott hat dir so viel geschenkt, so
vieles, was du nicht erwarten konntest. Also vergiss nicht, von wem
du das alles hast.
Dekan Saalfrank:
Ja, Gott schenkt viel – zum Beispiel Heilung. Dass wieder etwas heil
wird, was zerbrochen ist. Im Psalm 103 ist das zuerst auf das
Verhältnis zu Gott bezogen. Es lässt sich indes auch auf die
Situation in Deutschland übertragen. Die Teilung Deutschlands und
Bau der Mauer waren eine Folge des 2.Weltkrieges. Die Siegermächte
teilten Deutschland auf. Zwei Staaten entstanden, die zu
unterschiedlichen „Lagern“ gehörten. Durch den Fall der Mauer konnte
wieder etwas zusammen wachsen, was zusammen gehörte. Es wurde wieder
heil, was über 40 Jahre auseinander war.
Bläser: Instrumentalstück
2. Teil: Mühen des Alltags
Superintendent Bartsch:
Wie in dem Musikstück gab es bald Dissonanzen: wirtschaftliche
Probleme – große Firmen machten in Plauen dicht, viele Menschen
hatten plötzlich keine Arbeit mehr. Nicht nur junge Leute wanderten
ab, weil sie keine mehr Perspektive in ihrer Heimat sahen.
Enttäuschung machte sich breit, weil manche Erwartung, auch manches
Versprechen nicht erfüllt wurde.
Dekan Saalfrank:
Auch in Oberfranken kam die Ernüchterung: Finanzielle
Unterstützungen fielen weg, manche Firmen verlagerten ihre
Produktion in die neuen Bundesländer – wegen höherer Fördersätze
dort. Die Region – im Herzen Europas gelegen - wurde immer mehr zum
Transitland.
Superintendent Bartsch:
Für die Menschen im Osten kam noch etwas hinzu: Sie mussten Dinge
nun selbst in die Hand nehmen. Das war die andere Seite der
Medaille. Der Ruf nach Freiheit war groß. Freiheit bedeutete
allerdings nicht nur Reisefreiheit, sondern auch, selbst entscheiden
zu müssen, Verantwortung zu übernehmen, mobil und flexibel zu sein.
Dekan Saalfrank:
Die Mühen des Alltages gingen auch an den Begegnungen von
Kirchengemeinden nicht spurlos vorüber. Vor der Grenzöffnung hatten
Kontakte etwas Exotisches. Allein der Grenzübertritt war jedes Mal
eine aufregende Sache. Später wurden die Kontakte etwas Normales.
Mit der Folge, dass sie an Attraktivität und Anziehungskraft
verloren. Ich bin froh, dass sich die Kontakte von Hofer Gemeinden
nach Plauen und umgekehrt weitgehend durchgehalten haben. Dass heute
gemeinsam dieser Gottesdienst gefeiert wird.
Superintendent Bartsch:
Heute – nach 20 Jahren – ist die Gefahr groß, die Vergangenheit zu
verklären. Sich nach der vermeintlich krisensicheren Zeit früher und
den sozialen Errungenschaften zurück zu sehnen. Oder nur die
Probleme zu sehen. Im Gottesdienst ist Platz für beides: Wir schauen
dankbar zurück auf das, was gewesen ist und sich entwickelt hat.
Aber wir benennen auch Mühen des Alltages und bringen sie vor Gott.
Dekan Saalfrank:
Apropos Mühen. Nach der Wende kam das ganze Spitzelsystem der
Staatssicherheit ans Tageslicht. Und damit die Flut von Akten, die
auch über Personen aus dem Westen angelegt waren. Nur weil ich
intensive Kontakte in der evangelischen Jugendarbeit nach drüben
pflegte, wurde eine Akte über mich angelegt und durfte ich fünf
Jahre nicht mehr einreisen. In den Stasi-Unterlagen wurde ich als
Fahndungsobjekt bezeichnet. Ein beklemmendes und unangenehmes
Gefühl, so beschrieben zu werden. Außerdem entdeckte ich in den
Akten die unbekannte Seite eines Bekannten, der als IM über mich
berichtete. Wie muss es erst Anderen ergangen sein, die merkten, der
eigene Mann oder die beste Freundin arbeiteten für die Stasi und
lieferten ihr brühwarm Informationen. Da ist doch eine Welt für sie
zusammen gebrochen.
Superintendent Bartsch:
Das sind wirklich bittere Erkenntnisse. Und ich verstehe, dass
Menschen nur schwer damit fertig werden. Das braucht auch Zeit. Und
vielleicht werden die Wunden nie ganz verheilen. Aber wir wissen
darum; wir können uns informieren; wir können jetzt auch darüber
reden. Und wir können uns (immer wieder) sagen: Das vorbei – Gott
sei Dank ist dieses Unrechtssystem jetzt vorbei!
An einer anderen Stelle wird mir deutlich, welche Veränderung zum
Guten die Wende gebracht hat: 68 Kirchen (50/16/2) – wieder nutzbar
für die nächsten 2-3 Generationen. Deshalb trotz aller Mühen des
Alltags und trotz alles Schweren, das auch nicht wegzureden ist:
„Lobe den Herren, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes
getan hat.“
Pantomimegruppe
3. Teil: Zuversicht
Dekan Saalfrank:
Ein eindrucksvolles Bild: Da nehmen Menschen Zuversicht aus der
Bibel. Das stärkt sie für den Weg, der vor ihnen liegt. Gut, wenn
Gottes Zusagen immer wieder Anlass zur Zuversicht geben. Wie diese
aus dem 103. Psalm: Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und
von großer Güte. Personen in der Bibel können ein Lied davon singen.
Im Krieg, in der Diktatur oder wo auch immer haben Menschen diese
Erfahrung gemacht: Gott steht zu seinen Zusagen. Er nimmt sie nicht
weg. Wenn ich das sehe, hilft es mir, gelassen nach vorne zu schauen
– auch angesichts der Herausforderungen hier in der Region, wie den
Bevölkerungsrückgang im Norden Oberfrankens und im Süden Sachsens.
Superintendent Bartsch:
Aber bitte: echte Zuversicht – kein Zweckoptimismus. Echte
Zuversicht beschönigt und verdrängt nichts. Sie hilft vielmehr,
vertrauensvoll nach vorn zu schauen und sich den Herausforderungen
zu stellen. Mir ist wichtig zu sehen: Gott hat uns neue
Möglichkeiten geschenkt – dem Einzelnen, der Gesellschaft, auch der
Kirche. Z.B. die Möglichkeit, in die Gesellschaft, in die
Öffentlichkeit hinein zu wirken, Glauben zu bekennen, andere dazu
einzuladen. Ich bin überzeugt: Wo Christen ihren Glauben leben, wird
sich die Welt verändern. Und das können wir – Ost und West –
gemeinsam tun.
Dekan Saalfrank:
Stichwort „gemeinsam tun“. Wir können als christliche Gemeinden in
Hof und in Plauen unsere Stimme für den Schutz des Sonntags erheben,
der schleichend ausgehöhlt wird. In diesem Jahr dürfen am ersten
Advent in beiden Städten die Läden öffnen. Sonntage sind ein
Geschenk Gottes, um im Getriebe des Alltags nicht zu Getriebenen zu
werden. Ein Geschenk – wie die Wende - für die gesamte Gesellschaft.
Wir Christen sind hier aufgerufen, Flagge zu zeigen und nicht
tatenlos zuzuschauen, wie der Sonntag als gemeinsamer freier Tag
immer mehr wirtschaftlichen Interessen geopfert wird.
Superintendent Bartsch:
Das, was der Psalm verspricht, gilt nicht nur uns Christen, sondern
für die ganze Gesellschaft. Gott ist für alle Menschen da –
unabhängig davon, wo sie wohnen, welche Hautfarbe oder welche
Religion sie haben.
Ich sehe das als Rückenstärkung für die Zukunft: Dass wir als
Christen und als Gesellschaft den weiteren Weg im vereinten
Deutschland nicht allein gehen müssen. Wir können auf Gottes Zusagen
und Beistand vertrauen. Die Bibel will uns dabei Wegweisung und
Orientierung sein. Wie bei der Pantomime vorhin….
Dekan Saalfrank:
Meinen Kindern und Enkelkindern wünsche ich, dass sie nicht mehr in
Kategorien wie Ost und West denken. Dass es nicht mehr heißt, wenn
sie zum Studium nach Dresden gehen: „Ich bin jetzt Ossi.“ Dass sie
sich vielmehr als Deutsche fühlen, egal in welchem Bundesland sie
leben oder arbeiten. Und noch etwas wünsche ich ihnen: Dass sie
darüber staunen, wie aus der äußeren Einheit auch wirklich eine
innere Einheit in Deutschland entstanden ist. Welche weite Strecken
dabei gemeinsam gegangen und welche Steine zusammen aus dem Weg
geräumt wurden. Ich würde mich sehr freuen, wenn meine Nachkommen
sagen würden: „Da hatte Gott seine Hand im Spiel.“
Superintendent Bartsch:
Wie es der Beter des 103. Psalms ausgedrückt hat: „Lobe den Herren,
meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Amen.
Dekan Günter Saalfrank |
Text: Lobe den HERRN, meine
Seele,
und was in mir ist, seinen heiligen Namen!
2 Lobe den HERRN, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:
3 der dir alle deine Sünde vergibt
und heilet alle deine Gebrechen,
4 der dein Leben vom Verderben erlöst,
der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,
5 der deinen Mund fröhlich macht
und du wieder jung wirst wie ein Adler.
8 Barmherzig und gnädig ist der HERR,
geduldig und von großer Güte.
13 Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt,
so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.
17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit
über denen, die ihn fürchten,
und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind
18 bei denen, die seinen Bund halten
und gedenken an seine Gebote,
dass sie danach tun.
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