Predigt    Philipper 2/12-13   Reformationsfest   31.10.08

"Freiheit und Gewissheit"
(Von Regionalbischof Wilfried Beyhl, Bayreuth beim
Reformationsgottesdienst anl. des Jubiläums
"450 Jahre Dekanat Hof" in St. Michaelis)

Liebe Leser,

1. 450 Jahre Dekanatsbezirk Hof, 200 Jahre Bayerische Landeskirche – was gibt es da zu feiern? Ein bissiger Kommentar hat einmal zur Flut von Jubiläen geschrieben: „Wer nichts mehr von der Zukunft erwartet, feiert ein Jubiläum, die Vergangenheit.“ Aber ohne woher finde ich kein wohin für mein Leben.

450 Jahre Dekanatsbezirk Hof, 200 Jahre Bayerische Landeskirche – wen betrifft das eigentlich in seinem persönlichen Leben oder in seiner Gemeinde vor Ort? Da man eigentlich kein spezielles Datum ausmachen konnte, hat man beide Feste sinnigerweise auf den Reformationstag heute gelegt, ein immerhin noch bekanntes Datum. In Sachsen ist sogar Feiertag. Und der Reformationstag gibt beiden Jubiläen nun auch einen inhaltlichen Sinn. Er weist von der Vergangenheit nach vorn auf die „ecclesia semper reformanda“, auf die immer wieder zu erneuernde Kirche. Und dieser Tag betrifft dann auch den Einzelnen in seinem Leben, dass er wieder neu begreift: „Evangelisch – ich bin so frei“ oder wie es Hanns-Dieter Hüsch dichtete: „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit, Gott nahm in seine Hände meine Zeit.“

Um diese beiden Themenbrennpunkte geht es in der Reformation:

- Der erste Brennpunkt: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Wie erfährt das Gewissen Freiheit von „Furcht und Zittern“? Denn jeder braucht die Gewissheit, dass er geliebt ist und dass am Ende alles gut wird.

- Der zweite Brennpunkt: Wie können wir heute und morgen Kirche sein? Wieviel „Wir“ braucht das individuelle Ich? Auch die Strukturen der Kirche müssen die Bewegung des Evangeliums abbilden.

2. Der gnädige Gott ohne „Furcht und Zittern“.
Der Ablassprediger Tetzel, der heute vor der Michaeliskirche noch einmal auftrat, – er schien ja die Worte des Paulus auf seiner Seite zu haben: „Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern“ (Philipper 2,12) Furcht und Zittern kommen aber nicht nur in so plumpen Gewändern daher wie damals. Sie können auch so aussehen wie in jenem Spiel aus Jugendzeiten: „Sie liebt mich – sie liebt mich nicht – sie liebt mich …“ Ein Spiel nur. „Sie liebt mich – sie liebt mich nicht …“ Wieviel Ernst und Sehnsucht, Furcht und Zittern stecken doch auch in dem Spiel. Jeder Mensch sucht ja die Gewissheit, dass er geliebt wird und angenommen ist.

„Ich bekomme die Arbeitsstelle – ich bekomme sie nicht …“ Wie geht das aus? Ist es am Ende nur die Laune eines Schicksals? Junge Menschen suchen die Gewissheit, dass sie gebraucht werden.  „Gott liebt mich – Gott liebt mich nicht …“ Wie bekomme ich hier Gewissheit? Kann ich sie mit Geld kaufen? Aber wir wissen ja: Alles was käuflich ist mit Geld unterliegt den Gesetzen des Geldes. Eines Tages ist es entwertet und weg. Weder ein gekaufter Ablassbrief noch die Börse vermitteln Gewissheit fürs Leben.

„Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern“, schrieb Paulus. Und so bemühte sich Martin Luther mit Fasten und Beichten und frommen guten Werken. „Ich habe mich genug bemüht – ich habe mich noch nicht genug bemüht – oder doch?“ Qualvoll sind diese Ungewissheiten. Sie lähmen und nehmen gefangen. Luther erlebte damals eine Kirche, die das Heil und die Liebe Gottes von dem religiösen Bemühen des Menschen abhängig gemacht hatte. Und die Kirche hielt Menschen oft bewusst in dieser Ungewissheit, in Furcht und Zittern und übte so Macht aus. Denn wann habe ich mich ausreichend bemüht? Wenn es von meinem Bemühen abhängt, kann es keine Gewissheit geben, nur Furcht und Zittern. Dann bleibe ich letztlich in dem grausigen Spiel gefangen: „Er liebt mich – er liebt mich nicht …“

Christus aber hat es gewiss gemacht: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Galater 5,1), schreibt Paulus. „Gott ist es, der in euch beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen.“ Es zählt nicht frommes Bemühen und nicht die Leistung guter Werke. Es zählt nicht das Scheitern oder das Gelingen. Sondern es zählt allein der Glaube, der sich ganz und gar auf Christus verlässt.

Darum malt uns der Apostel Paulus ganz groß den Christus vor Augen. Sein Leiden, sein Sterben und Auferstehen machen es gewiss: Dein Leben ist gewollt und geliebt. Diese Gewissheit befreit. Und Freiheit – evangelische Freiheit – braucht diese Gewissheit. Denn ohne diese Gewissheit wird Freiheit zum bösen Spiel: Sie liebt mich – sie liebt mich nicht … Aber nun weg mit dem Spiel der Blütenblätter.

Gott sei Dank bekennen es heute alle christlichen Kirchen in großer Einmütigkeit: „Es ist unser gemeinsamer Glaube, dass die Rechtfertigung allein das Werk des dreieinigen Gottes ist. Allein aus Gnade und im Glauben an die Heilstat Christi werden wir von Gott angenommen. In allem Wissen um sein Versagen darf der Glaubende dessen gewiss sein, dass Gott sein Heil will.“ (Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung). Ja, „Gott ist es, der da beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen“. (Philipper 2,13)

Und so ist der Reformationstag heute wahrhaft ein ökumenisches Fest, das wir in großer Dankbarkeit und Freude begehen. Ob 200 Jahre oder 450 Jahre – letztlich gibt es nichts anderes in der Kirche zu feiern, als dieses 2000-jährige Evangelium, das mit der Taufe einem jeden zugesprochen und zugeeignet ist: Du bist Gottes geliebtes Kind. Auf diese Gewissheit deines Heils kannst du dich verlassen in Zeit und Ewigkeit. Gott hat es gewiss gemacht.

3.1 Der zweite Themenbrennpunkt der Reformation ist der Auftrag: Wie können wir heute und morgen Kirche sein? Denn auch die kirchlichen Strukturen müssen die Bewegung des Evangeliums abbilden. Darauf beziehe ich nun die Mahnung des Apostels: Macht es euch nicht zu einfach. Sondern „mit Furcht und Zittern“, weil ihr denn Verantwortung vor Gott habt, „verwirklicht das gottgeschenkte, ewige Heil in eueren Gemeinden auf Erden. Strebt in Gottesfurcht nach euerer Heiligung.“ (2. Korinther 7,1) Oder wenn ich das griechische Stammwort „Energie“ in diesen Versen herausnehme: „Lasst die Energie Gottes in eueren Gemeinden wirken zu Werken, die dem Heil der Menschen dienen.“

3.2 In den letzten Jahren haben wir uns stark mit Strukturfragen beschäftigt. Welche kirchlichen Strukturen brauchen wir, um das Evangelium unter veränderten Bedingungen glaubwürdig und wirkungsvoll zu bezeugen? Die katholische Kirche hat größere Seelsorgeeinheiten für die Zusammenarbeit der Pfarrgemeinden geschaffen. In Hof wurde ein Dekanatsentwicklungsprozess auf den Weg gebracht und mit einer theologischen Projektstelle begleitet.

Ein „Forum Aufbruch Gemeinde“ hat radikale Fragen gestellt und vor einem Zentralismus gewarnt, der Kirche in einer hierarchischen Unternehmensstruktur sieht. Aber evangelische Kirche baut sich von unten auf. In CA 7 heißt es: „Kirche ist die Versammlung aller Gläubigen, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden.“

In dieser Linie hat Oberkirchenrat Dr. Hübner mit einem Zitat von dem ehemaligen Landesbischof Dietzfelbinger von dem „Tischdienst“ der Kirchenleitung für die Gemeinden gesprochen. Dekanatsbezirk und Landeskirche dienen den Kirchengemeinden und sie dienen selbst dem Evangelium, indem sie eigene Aufgaben wahrnehmen, die über die Parochie hinausgehen, z.B. die Ausbildung der kirchlichen Mitarbeitenden und die Verkündigung in den Medien. Es wird immer neu darüber diskutiert werden müssen, wie evangeliumsgemäße Strukturen aussehen, die da glaubwürdig und wirkungsvoll das Heil Gottes vor der Welt bezeugen. Ecclesia semper reformanda.

4. Zum 450-jährigen Jubiläum des Dekanatsbezirkes Hof will ich die Kirchenordnung in Erinnerung rufen, die damals 1558 in der Markgrafschaft Kulmbach-Bayreuth mit der Einsetzung von vier Superintendenten in Bayreuth, Kulmbach, Hof und Wunsiedel eingeführt wurde. In Hof war sie stark geprägt von dem Theologen und Pädagogen Nikolaus Medler. Mit drei Maßnahmen hat er die evangeliumsgemäße Erneuerung des kirchlichen Lebens zur verwirklichen gesucht: eine Kirchenordnung mit der Visitation des Superintendenten, ein eigenes Gesangbuch und der Katechismus (Nikolaus Medler, Seite 27) Diese drei Maßnahmen lege ich uns auch heute für die strukturelle und inhaltliche Erneuerung der Kirche ans Herz.

4.1 Visitation des Superintendenten. Dekanatsstrukturen wie heute gab es damals noch nicht, praktisch nur den „Superintendenten“, zu deutsch: der die bischöfliche Aufsicht in der Region wahrnimmt. Visitation, das heißt Besuchsdienst und hat ihr Vorbild in den Reisen des Apostels Paulus und in seinen Briefen an die Gemeinden. Später hat in Süddeutschland die Bezeichnung „Dekan“ aus der klösterlichen Tradition den Titel Superintendent verdrängt.

In der jährlichen Visitation besuchte der Superintendent die Gemeinden. Er achtete auf eine reformatorische, evangeliumsgemäße Predigt, fragte den Katechismus in der Gemeinde ab und gab Impulse für das Gemeindeleben. Seit ein paar Jahren versuchen wir die verloren gegangene Visitation in unserer Kirche wieder neu zu beleben; denn in der Visitation wird ein geistliches und nicht hierarchisches Kirchenverständnis praktiziert. Der Visitator lebt ein paar Tage mit der Gemeinde. Er wertschätzt die Mitarbeitenden, er ermutigt sie und gibt geistliche Impulse. Mit einem Blick von außen nimmt er in eigener Weise Entwicklungen wahr und konzentriert den Blick auf den Grundauftrag der Kirche.

In der Hannoverschen Landeskirche habe ich das Konzept einer sogenannten „ökumenischen Visitation“ kennengelernt. Hier lädt man sich Vertreter von Partnerkirchen ein und lässt mit deren Augen unser Gemeindeleben betrachten. Das führt zu überraschenden Entdeckungen, wenn uns z.B. ein Kollege aus Tansania darauf anspricht, dass wir viel zu viel aufs Geld fixiert sind und zu wenig missionarisch wirken. In der Visitation begegnen sich Ortsgemeinde und Vertreter der Gesamtkirche. So weitet sich der Blick über den eigenen Kirchturm hinaus. Die Ortsgemeinde erlebt sich als Teil der weltweiten Kirche Jesu Christi, auch als Teil der Landeskirche, der wir aus dem Jahr 1808 die staatlich garantierte Gewissensfreiheit und die Gleichberechtigung der Konfessionen in Bayern verdanken.

Es sind so auch die Visitationen des Regionalbischofs und des Landesbischofs wichtig, die Erfahrungen vor Ort in das kirchenleitende Handeln hineintragen. So hat z.B. die Landeskirche dann für das Problem der Pfarrhaussanierungen einen Sonderfonds von 50 Millionen für die Kirchengemeinden eingerichtet. Visitation stärkt die Solidarität der Gemeinden untereinander und im Dekanatsbezirk. Es entwickelt sich ein „Wir“, das wir für das Zeugnis des Glaubens brauchen. Es lohnt sich, dies Erbe der Visitation aus der damaligen Zeit für uns heute neu zu entdecken.

4.2 Die zweite Maßnahme zur evangeliumsgemäßen Erneuerung der Kirche war der Katechismus. Es braucht für das Leben im Glauben ein gewisses Grundwissen, sonst wird jeder nur hin- und hergerissen von dem Wind des wechselnden Zeitgeistes. Das Auswendiglernen fällt heute angesichts der Reizüberflutung schwer. Aber durchs Internet lernen die jungen Leute das Nachschlagen und Surfen. Üben wir doch auch das Nachschlagen im Katechismus ein, um so auf Luthers Auslegung z.B. zur Taufe zu stoßen: „Solch Wassertaufen bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und wieder täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Heiligkeit vor Gott ewiglich lebe.“

Wir brauchen auch in der Predigt wieder ein Stück gute und heilsame Lehre, damit „ich weiß, woran ich glaube und weiß, was fest besteht …“ (EG 357). Wir brauchen in den Pfarrkapiteln verstärkt das theologische Gespräch. Denn ohne theologischen Tiefgang kann man keine Segel setzen für missionarisches Wirken.

4.3 Und schließlich war die dritte Maßnahme der kirchlichen Erneuerung vor 450 Jahren das Gesangbuch. Mit den Liedern und der Kirchenmusik singen wir uns den Glauben ins Herz. Darüber muss ich jetzt nicht weiter predigen, sondern das wollen wir jetzt tun im Vertrauen darauf: „Was Gott angefangen hat im Singen, das wird er auch vollbringen in unserem Leben.“

Wilfried Beyhl 

Text: 

Paulus schreibt:

12 Also, meine Lieben, – wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit – schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.
13 Denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.
 


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