Liebe Leser,
1. 450 Jahre Dekanatsbezirk Hof, 200 Jahre Bayerische Landeskirche – was
gibt es da zu feiern? Ein bissiger Kommentar hat einmal zur Flut von
Jubiläen geschrieben: „Wer nichts mehr von der Zukunft erwartet, feiert
ein Jubiläum, die Vergangenheit.“ Aber ohne woher finde ich kein wohin
für mein Leben.
450 Jahre Dekanatsbezirk Hof, 200 Jahre Bayerische Landeskirche – wen
betrifft das eigentlich in seinem persönlichen Leben oder in seiner
Gemeinde vor Ort? Da man eigentlich kein spezielles Datum ausmachen
konnte, hat man beide Feste sinnigerweise auf den Reformationstag heute
gelegt, ein immerhin noch bekanntes Datum. In Sachsen ist sogar
Feiertag. Und der Reformationstag gibt beiden Jubiläen nun auch einen
inhaltlichen Sinn. Er weist von der Vergangenheit nach vorn auf die „ecclesia
semper reformanda“, auf die immer wieder zu erneuernde Kirche. Und
dieser Tag betrifft dann auch den Einzelnen in seinem Leben, dass er
wieder neu begreift: „Evangelisch – ich bin so frei“ oder wie es
Hanns-Dieter Hüsch dichtete: „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit, Gott
nahm in seine Hände meine Zeit.“
Um diese beiden Themenbrennpunkte geht es in der Reformation:
- Der erste Brennpunkt: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Wie
erfährt das Gewissen Freiheit von „Furcht und Zittern“? Denn jeder
braucht die Gewissheit, dass er geliebt ist und dass am Ende alles gut
wird.
- Der zweite Brennpunkt: Wie können wir heute und morgen Kirche sein?
Wieviel „Wir“ braucht das individuelle Ich? Auch die Strukturen der
Kirche müssen die Bewegung des Evangeliums abbilden.
2. Der gnädige Gott ohne „Furcht und Zittern“.
Der Ablassprediger Tetzel, der heute vor der Michaeliskirche noch einmal
auftrat, – er schien ja die Worte des Paulus auf seiner Seite zu haben:
„Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern“ (Philipper
2,12) Furcht und Zittern kommen aber nicht nur in so plumpen Gewändern
daher wie damals. Sie können auch so aussehen wie in jenem Spiel aus
Jugendzeiten: „Sie liebt mich – sie liebt mich nicht – sie liebt mich …“
Ein Spiel nur. „Sie liebt mich – sie liebt mich nicht …“ Wieviel Ernst
und Sehnsucht, Furcht und Zittern stecken doch auch in dem Spiel. Jeder
Mensch sucht ja die Gewissheit, dass er geliebt wird und angenommen ist.
„Ich bekomme die Arbeitsstelle – ich bekomme sie nicht …“ Wie geht das
aus? Ist es am Ende nur die Laune eines Schicksals? Junge Menschen
suchen die Gewissheit, dass sie gebraucht werden. „Gott liebt mich
– Gott liebt mich nicht …“ Wie bekomme ich hier Gewissheit? Kann ich sie
mit Geld kaufen? Aber wir wissen ja: Alles was käuflich ist mit Geld
unterliegt den Gesetzen des Geldes. Eines Tages ist es entwertet und
weg. Weder ein gekaufter Ablassbrief noch die Börse vermitteln
Gewissheit fürs Leben.
„Schaffet, dass ihr selig werdet mit Furcht und Zittern“, schrieb
Paulus. Und so bemühte sich Martin Luther mit Fasten und Beichten und
frommen guten Werken. „Ich habe mich genug bemüht – ich habe mich noch
nicht genug bemüht – oder doch?“ Qualvoll sind diese Ungewissheiten. Sie
lähmen und nehmen gefangen. Luther erlebte damals eine Kirche, die das
Heil und die Liebe Gottes von dem religiösen Bemühen des Menschen
abhängig gemacht hatte. Und die Kirche hielt Menschen oft bewusst in
dieser Ungewissheit, in Furcht und Zittern und übte so Macht aus. Denn
wann habe ich mich ausreichend bemüht? Wenn es von meinem Bemühen
abhängt, kann es keine Gewissheit geben, nur Furcht und Zittern. Dann
bleibe ich letztlich in dem grausigen Spiel gefangen: „Er liebt mich –
er liebt mich nicht …“
Christus aber hat es gewiss gemacht: „Zur Freiheit hat uns Christus
befreit“ (Galater 5,1), schreibt Paulus. „Gott ist es, der in euch
beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen.“ Es zählt nicht frommes
Bemühen und nicht die Leistung guter Werke. Es zählt nicht das Scheitern
oder das Gelingen. Sondern es zählt allein der Glaube, der sich ganz und
gar auf Christus verlässt.
Darum malt uns der Apostel Paulus ganz groß den Christus vor Augen. Sein
Leiden, sein Sterben und Auferstehen machen es gewiss: Dein Leben ist
gewollt und geliebt. Diese Gewissheit befreit. Und Freiheit –
evangelische Freiheit – braucht diese Gewissheit. Denn ohne diese
Gewissheit wird Freiheit zum bösen Spiel: Sie liebt mich – sie liebt
mich nicht … Aber nun weg mit dem Spiel der Blütenblätter.
Gott sei Dank bekennen es heute alle christlichen Kirchen in großer
Einmütigkeit: „Es ist unser gemeinsamer Glaube, dass die Rechtfertigung
allein das Werk des dreieinigen Gottes ist. Allein aus Gnade und im
Glauben an die Heilstat Christi werden wir von Gott angenommen. In allem
Wissen um sein Versagen darf der Glaubende dessen gewiss sein, dass Gott
sein Heil will.“ (Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung). Ja, „Gott
ist es, der da beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen“. (Philipper
2,13)
Und so ist der Reformationstag heute wahrhaft ein ökumenisches Fest, das
wir in großer Dankbarkeit und Freude begehen. Ob 200 Jahre oder 450
Jahre – letztlich gibt es nichts anderes in der Kirche zu feiern, als
dieses 2000-jährige Evangelium, das mit der Taufe einem jeden
zugesprochen und zugeeignet ist: Du bist Gottes geliebtes Kind. Auf
diese Gewissheit deines Heils kannst du dich verlassen in Zeit und
Ewigkeit. Gott hat es gewiss gemacht.
3.1 Der zweite Themenbrennpunkt der Reformation ist der Auftrag: Wie
können wir heute und morgen Kirche sein? Denn auch die kirchlichen
Strukturen müssen die Bewegung des Evangeliums abbilden. Darauf beziehe
ich nun die Mahnung des Apostels: Macht es euch nicht zu einfach.
Sondern „mit Furcht und Zittern“, weil ihr denn Verantwortung vor Gott
habt, „verwirklicht das gottgeschenkte, ewige Heil in eueren Gemeinden
auf Erden. Strebt in Gottesfurcht nach euerer Heiligung.“ (2. Korinther
7,1) Oder wenn ich das griechische Stammwort „Energie“ in diesen Versen
herausnehme: „Lasst die Energie Gottes in eueren Gemeinden wirken zu
Werken, die dem Heil der Menschen dienen.“
3.2 In den letzten Jahren haben wir uns stark mit Strukturfragen
beschäftigt. Welche kirchlichen Strukturen brauchen wir, um das
Evangelium unter veränderten Bedingungen glaubwürdig und wirkungsvoll zu
bezeugen? Die katholische Kirche hat größere Seelsorgeeinheiten für die
Zusammenarbeit der Pfarrgemeinden geschaffen. In Hof wurde ein
Dekanatsentwicklungsprozess auf den Weg gebracht und mit einer
theologischen Projektstelle begleitet.
Ein
„Forum Aufbruch Gemeinde“ hat radikale
Fragen gestellt und vor einem Zentralismus gewarnt, der Kirche in einer
hierarchischen Unternehmensstruktur sieht. Aber evangelische Kirche baut
sich von unten auf. In CA 7 heißt es: „Kirche ist die Versammlung aller
Gläubigen, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen
Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden.“
In dieser Linie hat Oberkirchenrat Dr. Hübner mit einem Zitat von dem
ehemaligen Landesbischof Dietzfelbinger von dem „Tischdienst“ der
Kirchenleitung für die Gemeinden gesprochen. Dekanatsbezirk und
Landeskirche dienen den Kirchengemeinden und sie dienen selbst dem
Evangelium, indem sie eigene Aufgaben wahrnehmen, die über die Parochie
hinausgehen, z.B. die Ausbildung der kirchlichen Mitarbeitenden und die
Verkündigung in den Medien. Es wird immer neu darüber diskutiert werden
müssen, wie evangeliumsgemäße Strukturen aussehen, die da glaubwürdig
und wirkungsvoll das Heil Gottes vor der Welt bezeugen. Ecclesia semper
reformanda.
4. Zum 450-jährigen Jubiläum des Dekanatsbezirkes Hof will ich die
Kirchenordnung in Erinnerung rufen, die damals 1558 in der
Markgrafschaft Kulmbach-Bayreuth mit der Einsetzung von vier
Superintendenten in Bayreuth, Kulmbach, Hof und Wunsiedel eingeführt
wurde. In Hof war sie stark geprägt von dem Theologen und Pädagogen
Nikolaus Medler. Mit drei Maßnahmen hat er die evangeliumsgemäße
Erneuerung des kirchlichen Lebens zur verwirklichen gesucht: eine
Kirchenordnung mit der Visitation des Superintendenten, ein eigenes
Gesangbuch und der Katechismus (Nikolaus Medler, Seite 27) Diese drei
Maßnahmen lege ich uns auch heute für die strukturelle und inhaltliche
Erneuerung der Kirche ans Herz.
4.1 Visitation des Superintendenten. Dekanatsstrukturen wie heute gab es
damals noch nicht, praktisch nur den „Superintendenten“, zu deutsch: der
die bischöfliche Aufsicht in der Region wahrnimmt. Visitation, das heißt
Besuchsdienst und hat ihr Vorbild in den Reisen des Apostels Paulus und
in seinen Briefen an die Gemeinden. Später hat in Süddeutschland die
Bezeichnung „Dekan“ aus der klösterlichen Tradition den Titel
Superintendent verdrängt.
In der jährlichen Visitation besuchte der Superintendent die Gemeinden.
Er achtete auf eine reformatorische, evangeliumsgemäße Predigt, fragte
den Katechismus in der Gemeinde ab und gab Impulse für das
Gemeindeleben. Seit ein paar Jahren versuchen wir die verloren gegangene
Visitation in unserer Kirche wieder neu zu beleben; denn in der
Visitation wird ein geistliches und nicht hierarchisches
Kirchenverständnis praktiziert. Der Visitator lebt ein paar Tage mit der
Gemeinde. Er wertschätzt die Mitarbeitenden, er ermutigt sie und gibt
geistliche Impulse. Mit einem Blick von außen nimmt er in eigener Weise
Entwicklungen wahr und konzentriert den Blick auf den Grundauftrag der
Kirche.
In der Hannoverschen Landeskirche habe ich das Konzept einer sogenannten
„ökumenischen Visitation“ kennengelernt. Hier lädt man sich Vertreter
von Partnerkirchen ein und lässt mit deren Augen unser Gemeindeleben
betrachten. Das führt zu überraschenden Entdeckungen, wenn uns z.B. ein
Kollege aus Tansania darauf anspricht, dass wir viel zu viel aufs Geld
fixiert sind und zu wenig missionarisch wirken. In der Visitation
begegnen sich Ortsgemeinde und Vertreter der Gesamtkirche. So weitet
sich der Blick über den eigenen Kirchturm hinaus. Die Ortsgemeinde
erlebt sich als Teil der weltweiten Kirche Jesu Christi, auch als Teil
der Landeskirche, der wir aus dem Jahr 1808 die staatlich garantierte
Gewissensfreiheit und die Gleichberechtigung der Konfessionen in Bayern
verdanken.
Es sind so auch die Visitationen des Regionalbischofs und des
Landesbischofs wichtig, die Erfahrungen vor Ort in das kirchenleitende
Handeln hineintragen. So hat z.B. die Landeskirche dann für das Problem
der Pfarrhaussanierungen einen Sonderfonds von 50 Millionen für die
Kirchengemeinden eingerichtet. Visitation stärkt die Solidarität der
Gemeinden untereinander und im Dekanatsbezirk. Es entwickelt sich ein
„Wir“, das wir für das Zeugnis des Glaubens brauchen. Es lohnt sich,
dies Erbe der Visitation aus der damaligen Zeit für uns heute neu zu
entdecken.
4.2 Die zweite Maßnahme zur evangeliumsgemäßen Erneuerung der Kirche war
der Katechismus. Es braucht für das Leben im Glauben ein gewisses
Grundwissen, sonst wird jeder nur hin- und hergerissen von dem Wind des
wechselnden Zeitgeistes. Das Auswendiglernen fällt heute angesichts der
Reizüberflutung schwer. Aber durchs Internet lernen die jungen Leute das
Nachschlagen und Surfen. Üben wir doch auch das Nachschlagen im
Katechismus ein, um so auf Luthers Auslegung z.B. zur Taufe zu stoßen:
„Solch Wassertaufen bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche
Reue und Buße soll ersäuft werden und wieder täglich herauskommen und
auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Heiligkeit vor
Gott ewiglich lebe.“
Wir brauchen auch in der Predigt wieder ein Stück gute und heilsame
Lehre, damit „ich weiß, woran ich glaube und weiß, was fest besteht …“
(EG 357). Wir brauchen in den Pfarrkapiteln verstärkt das theologische
Gespräch. Denn ohne theologischen Tiefgang kann man keine Segel setzen
für missionarisches Wirken.
4.3 Und schließlich war die dritte Maßnahme der kirchlichen Erneuerung
vor 450 Jahren das Gesangbuch. Mit den Liedern und der Kirchenmusik
singen wir uns den Glauben ins Herz. Darüber muss ich jetzt nicht weiter
predigen, sondern das wollen wir jetzt tun im Vertrauen darauf: „Was
Gott angefangen hat im Singen, das wird er auch vollbringen in unserem
Leben.“
Wilfried Beyhl |
Text:
Paulus schreibt:
12 Also, meine Lieben, – wie ihr allezeit
gehorsam gewesen seid, nicht allein in meiner Gegenwart, sondern jetzt
noch viel mehr in meiner Abwesenheit – schaffet, dass ihr selig werdet,
mit Furcht und Zittern.
13 Denn Gott ist's, der in euch wirkt beides, das Wollen und das
Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.
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