Predigt Matthäus 6/7-13 Rogate (Betet!) 20.05.01
"Vom Beten - Hineingenommen
in den Atem Gottes"
(von Pfr. Adel, Dreieinigkeit)
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Liebe Leser, 1. Wie halten Sie es mit dem Beten Wie halten sie es mit dem Beten? Beten sie täglich? Am Abend im Bett oder bei den Mahlzeiten? Haben sie schon lange nicht mehr gebetet – ich meine, selber, für sich. Oder haben sie es aufgegeben – und es bleibt nur noch das fremde Gebet: Am Sonntag, in der Kirche. Sie müssen nicht gleich antworten. Auch kein schlechtes Gewissen haben. Wie halte ich es mit dem Beten? Am heutigen Sonntag Rogate gibt uns Gott die Zeit, über unser Beten nachzudenken. O ja, es gibt viele, schöne Gebete. Wenn wir im Gesangbuch blättern finden wir viele, hilfreiche Gebete. Für die Familie, für den Abend, für die Jugend, für den Frieden. Und dennoch bleibt die Frage: Wann habe ich das letzte Mal gebetet. Still, in meiner Kammer oder unterwegs: Raus auf den Parkplatz, hinauf in den Himmel gesehen: Vater, du ... Als Jugendlicher habe ich manchmal beim Tanzen gebetet. Mitten in der lauten Musik, die Scheinwerfer blinkten und die Spiegelkugel glitzerte und dort, umgeben von lauter jungen Leuten, eingehüllt in Tanz und Musik und Bewegung entstand eine Stille in mir: Vater, du bist da und es ist schön. Mitten im Lärm – Ruhe. Ganz bei mir und ganz bei dir. Und der andere wurde einem näher und man spürte sich selbst wieder. Kennen sie das auch. Mitten im Alltag eine Unterbrechung: Gott, du ... und ich erinnere mich wieder und mir wird bewusst: Ich bin nicht allein. Da ist einer, der immer da ist. „Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.“ 2. Auszeit Ein Benediktinermönch sagte mir einmal: Täglich fünf Mal ruft uns die Gebetsglocke und holt uns heraus aus unserer Arbeit. Und es macht uns deutlich, dass es noch größeres und höheres gibt als unser Arbeiten und Sorgen und Sich mühen. Das Gebet ist wie eine Auszeit. Eigentlich passt es nie – oft muss man es sich herausschneiden aus dem Alltagstrubel, doch wenn ich es geschafft habe, mich hinsetze, ein Kerze anzünde oder mich nur zurücklehne in meinem Schreibtischstuhl, ist es danach anders. Denn da passiert etwas. So etwas wie Vergewisserung. Lebensvergewisserung – ich bin da und du, mein Gott bist da. Ich betrachte mein Leben und gebe es zurück in seine Hand. Da, Vater, sieh an. Nicht: Aber ich habe recht. Sondern: Das ist mein Leben. Nicht: Ich weiß schon alles, oder besser. Sondern: Du weißt um mich. Und wir werden hineingenommen in dieses große Ganze – Gottes Schöpfung. „Sieh an. So bin ich. Mich bekümmert und ich mache mir Sorgen – sieh her. Ich habe gelernt und mich angestrengt: Herr, gib dein Gelingen. Herr, immer wieder kommen wir in das gleiche, alte Fahrwasser, ein Wort gibt das andere und zum Schluss schreien wir uns wieder an – Herr, warum? Auszeit – herausgehoben aus dem Alltagsgeschehen. Befreit, um mein Leben zu betrachten. Hinzusehen, hinzuhören, wie ich bin – ich muss nicht davor erschrecken. Herr, ich komme zu Dir. In den letzten Jahren sind viele psychologische Deutungen dazu verfasst worden, Erklärungen, warum zum Beispiel glaubende Menschen leichter mit Krankheit und Schicksalsschlägen zurecht kommen. Doch all das Deuten und Erklären nützt nichts, wenn ich es nicht suche, dieses vertraute Gespräch mit meinem Gott: Vater, sieh mich an. Ich leide. Ich leide an mir selbst. Ich leide an meinem Nächsten. Sieh mich an. Ich brause auf und will es nicht. Ich bin zu zaghaft und deswegen läuft alles aus dem Ruder. Er weiß es bereits – darf ich es ihm dann nicht auch sagen. Darf ich als verantwortlicher Geschäftsführer nicht zu ihm kommen und sagen: Herr, wenn ich verantwortlich handeln will für meine Angestellten, dann muss ich einige Leute entlassen. Darf ich nicht beten: Herr, meine Arbeit hat mich hart gemacht – ich fühle mich ausgelaugt, ich bin müde und habe Angst, dass ich dem Druck nicht mehr gewachsen bin. Habe ich dann schon verloren, wenn ich so bete. Nein. So ein Gebet schließt mich auf und verändert mich, macht mich wieder zu einem Menschen, zu einer selbstbewussten und gestärkten Persönlichkeit. Das Gebet: Auszeit – Ruhezeit, mitten im Alltag; um die Gedanken zu sammeln und Kraft zu schöpfen. Das steht an – ich bin bereit. 3. Das Geschenk: Entlastung, Orientierung, Stärkung Leben im Gebet. Das ist das größte Geschenk, das wir in der Zwiesprache mit Gott erfahren. Ich werde befreit von mir selbst. Als ob Gott einen heraushebt aus dem eigenen, engen Horizont und wir hineingenommen werden in dem Atem Gottes. Die Probleme, die Sorgen sind nicht weg. Nein, das wäre zu einfach. Aber da ist wieder eine Atempause. Kraft zum Durchatmen. Hilfe zur Orientierung und Entscheidung. Stärkung für die Aufgaben, die vor uns liegen. Kennen sie das nicht auch. Gerade in den gebetsleeren Zeiten sind wir oft hektisch und kopflos rennen wir allen Aufgaben nur hinterher. Auszeit: Ich bin da und Du, mein Gott, bist da. Das ist kein Automatismus, und doch ist es der Weg, den uns Gott verheißen hat. Werfen wir ruhig einen Blick auf unsere biblischen Vorbilder: Mose findet beim brennenden Dornbusch in der Zwiesprache mit Gott seinen Auftrag und David gewinnt an dem Tag, an dem er weinend vor der Bundeslade liegt sein Königsamt zurück. Die Propheten erhalten aus dem Reden mit Gott die Kraft zum Widerstand gegen die bestehenden Verhältnisse und Jesus geht nach seinem Gebet im Garten Getsemane ruhig und aufrecht, voller Würde für uns den Weg ans Kreuz. Im Beten schwindet das Chaos und ich werde zubereitet, über mich selbst hinauszusehen, für die Aufgabe, die auf mich wartet. Selbst dort, wo ich vieles aus der Hand geben muss, bleibt das Gebet die Verbindung über mich hinaus. Eine 96jährige alte Dame, die seit über 5 Jahren in einem Pflegeheim im Bett lag, sagte mir einmal: Wissen sie, Herr Pfarrer, und dann bete ich zu meinem Herrgott für alle meine Lieben. Behüte meine beiden Söhne, den Helmut und den Gerhardt und ihre Familien und den Christian und die Doro und, und ... Und wenn mir dann die Namen nicht mehr einfallen, dann sag ich: Du weißt schon, wen ich meine. 4. Das Wesentliche: Vater unser im Himmel Wann haben Sie das letzte Mal gebetet? Herr, ich bin da und du, mein Gott, bist da. Und wenn nichts mehr bleibt, bleibt das eine Gebet: So umfassend und elementar. So wesentlich, weil es alles beschreibt, was wir zum Leben brauchen. Das Vater unser. Wie oft haben wir es am Bett eines Sterbenden gebetet und manchmal kann man es spüren, wie sich dabei der Körper entkrampft und einmal stand es plötzlich mitten im Raum, von einer Frau, die seit Monaten kein Wort mehr sprach. Laut und deutlich: Amen. Weil es stimmt, wie es in unserem Predigttext heißt: Mt 6,7-13 |
Text:
(7)Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn
sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.
*Dieser Abschluss des Gebetes findet sich schon in einer Gemeindeordnung vom Anfang des 2. Jahrhunderts, wird aber in den
neutestamentlichen Handschriften erst später bezeugt.
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