Predigt    Matthäus 25/14-30    9. Sonntag nach Trinitatis    17.08.03

"Ich werfe mein Talent in die Waagschale"
(von Pfr. Martin Adel, Dreieinigkeit Hof)

Liebe Leser,

"Menschen bewohnen die biblischen Geschichten vielfach nicht mehr. Die Geschichten sind gleichsam zu leeren, unbewohnten Straßenzügen geworden nicht weit von uns in der gleichen Stadt, in der wir auch leben. Jemand hat noch die alten Stadtpläne – vielleicht die Theologen – aber die Häuser dort sind leer und wir kennen die Straßen kaum noch." (nacherzählt von Karl Höller)

Liebe Gemeinde,

vielleicht sind sie´s ja auch schon leid. Kaum kündigt sich der Sommer an, sind die Zeitungen voll von Diätvorschlägen. Die einen nehmen ab mit Slim-Fast, die anderen durch FDH und wieder andere schwören auf die Joghurt-Kur. Alles muss schlank und leicht sein, damit der Bikini passt oder das T-Shirt am Bauch nicht so spannt. Doch ich kann es ihnen gleich sagen: Unser heutiger Predigttext ist keine Diätgeschichte. Wenn wir heute das „Gleichnis von den anvertrauten Pfunden“ bedenken, dann ist das alles andere als eine Abmagerungskur. Denn Jesus fragt uns hier: Wie viel Pfunde sind dir anvertraut? Und nicht: Wo bist du zu adipös. Von meinen 170 Pfund Lebendgewicht müsste ich sicherlich wieder einige Abnehmen – das würde gerade bei der Hitze meinem Körper wesentlich besser tun, aber mit den Pfunden oder Talenten, die ich bekommen habe soll ich handeln und sie werden vermehrt werden.

Hören wir den Originaltext, wie wir ihn finden bei Matthäus im 25. Kapitel: Das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden, oder wie Matthäus schreibt: Das Gleichnis von den anvertrauten Talenten – übrigens: Pfunde und Talente waren historische Gewichtseinheiten.

Predigttext

Leistungsdruck im Glauben – ein harter Mensch

Also gilt es auch im Glauben! Wir haben es eigentlich schon immer gewusst. Nichts da, mit: „Ja, Gott hat alle Menschen lieb. Der Wert deines Lebens hängt nicht von deiner Leistung ab. Es ist gut, dass es dich gibt.“ Wir haben es schon immer geahnt: Das stimmt alles nicht. Gott ist ein gerechter Gott und bestraft mich nach meinen Versäumnissen, meinen Fehlern, meiner Schuld. Weg mit dem Quatsch, dass man im Glauben nichts leisten muss. Und um Glauben geht ja wohl, wenn Jesus dieses Gleichnis erzählt. Es geht eben doch überall wie in der Welt zu – Hast du was, so bist du was. Hast du nichts, dann .... . „Denn jedem, der hat, wird gegeben werden, und er wird Überfluss haben; dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen werden, was er hat.“ Evangelisches Handbuch für den modernen Neo-Wirtschaftsliberalismus – Band 1.  Wer so denkt, hat schon verloren. Hier steht kein Wirtschaftsprogramm für die unkontrollierten Globalisierungsmacher und Großkonzerne, hier wird nicht dem gnadenlosen Kampf um Platz Eins das Wort geredet. Und doch geht es um uns und unser Können, um unsere Talente und wie wir damit umgehen.

Vorsicht Falle - Endzeitliche Verkrampfung

Wir müssen aufpassen, wenn wir dieses Wort Gottes hören, damit wir es nicht falsch lesen. Der Text kann, wie alle endzeitlichen Texte der Bibel, sehr schnell zu einer Falle werden, wenn wir ihn von hinten her lesen: „Und den unnützen Knecht stoßet hinaus in die Finsternis, die draußen ist! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.“
Wenn die Motivation von hinten kommt und nicht von vorne, dann treibt uns am Ende die Angst nach vorne und wir fragen kleinlaut: Hab ich auch alle meine Talente richtig eingebracht? Habe ich zu den Fünfen weitere fünf dazu gewonnen? Oder: Ich habe nur zwei dazu gewonnen, obwohl ich fünf bekommen habe – oh je. Und wir kommen aus dem Rechnen und Vergleichen gar nicht mehr heraus. Und dann verlieren wir irgendwann einiges und stellen mitten im Leben fest, dass wir gar nicht so toll und genial und erfolgreich sind, wie wir schon einmal waren oder wie wir uns eingebildet haben. Und die Angst treibt uns und treibt uns und vor lauter Angst vergraben wir dann irgendwann ein paar Talente, damit wir zumindest die nicht verlieren. Und zu gegebenen Anlass holen wir sie heraus und zeigen den anderen, was für Talente wir einmal hatten und schwelgen in Erinnerungen, vielleicht mit Wehmut und mancher Bitterkeit, was wir schon einmal alles geschafft haben.
Und dann geht die Angst um: Reicht das? Was habe ich denn schon geschafft? Was kann ich jetzt noch schaffen? Wird es womöglich für zu leicht befunden?
Ahnen wir es doch alle, was dahinter steht: „Herr, ich kannte dich, dass du ein harter Mensch bist, dass du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg dein Talent in der Erde. Siehe, da hast du das Deine!“

Und wir sehen es förmlich vor uns liegen, das Talent: Dreckig, modrig, muffig, angegammelt. Die Würmer haben es angefressen. Wer vor 30 Jahren Tausend Mark versteckt hat, der kann sie heute gleich wegschmeißen. Die sind nichts mehr wert. Und so argumentiert ja auch der Herr: „Dann hättest du mein Geld den Geldverleihern bringen sollen, und ich hätte ... das Meinige mit Zinsen zurückerhalten.“ Da haben wir es. Und nun, weil das Leben nun einmal so ist, machen wir daraus eine endzeitliche Verkrampfung.

Schnell, schnell. Wo ist mein Talent. Hier, ich setze es ein. Hoffentlich bringt es Früchte. Und ängstlich und unter Druck tut man und macht man, immer aus der Furcht, dass es nicht genügen könnte. Doch wer von uns weiß schon, was genug ist?
Ordentliche Kinder? Erfolgreiche Kinder? Keine Kinder? Reicht es, wenn ich ein guter Ehemann und Vater und beruflich eine Null oder umgekehrt: beruflich erfolgreich und familiär ein Desaster. Aus solchen endzeitlichen Verkrampfungen, wie sie nur allzu menschlich sind, entsteht zum Schluss nur ein einziger Krampf. Lassen wir es sein. Menschliches Rechnen ist etwas anderes wie göttlich Liebe. Gott sei Dank werden wir Gott einmal gegenüber stehen und nicht den Menschen. Und vor lauter Rechnen und sich ängstigen und hektisch aufrechnen haben wir das wesentliche vergessen.

Wagnis des Lebens

Wir müssen vorne beginnen mit unserem Lesen. Und da steht: Gott vertraut uns seine Talente an. Er nimmt sie und verteilt sie freimütig unter seinen Leuten. Er traut uns etwas zu. Da nimm es, du kannst etwas! Das ist der Anfang diese Gleichnisses. Gott teilt großzügig aus. Er schenkt uns unsere Gaben und Talente. Sie sind da – selbst da, wo wir uns gar nichts mehr zutrauen.  Du kannst etwas – steht hier. Und unsere Antwort ist: Was kann ich denn schon. Ich kann gar nichts. Ich kann mich nicht aufraffen. Mich kann keiner mehr gebrauchen.

„Und dem einen gab der Herr fünf Talente, dem andern zwei, dem dritten eins, jedem nach seinen Kräften.“ Das gilt. Du kannst etwas – steht da. Und zwar jetzt. Jetzt noch. Nicht früher. Oder nur früher. Auch jetzt hast du ein Talent. Setze sie ein. Und fang nicht an zu jammern, was du früher alles noch konntest. Wer meint, dass er mit 60 immer noch soviel kann wie mit 30, ist nicht nur dumm, sondern hat überhaupt nichts dazu gelernt. Gott macht nicht die große Abrechnung zum Schluss, wie in einem Kaufhaus am Ende an der Kasse. Was haben wir für schreckliche Bilder von ihm. Gott ist online. „Und dem einen gab der Herr fünf Talente, dem andern zwei, dem dritten eins, jedem nach seinen Kräften.“

Meinst du, Gott wüsste nicht, was du kannst und was du nicht oder nicht mehr kannst. Was haben wir für schreckliche Bilder von Gott. Meinen wir, er wüsste nicht von unserer Begrenztheit und unseren Fehlern und Schwächen. Scheitern und neu anfangen ist ein Teil des Lebens. Begeh nicht den Fehler, dich hinter deiner Angst zu verstecken und im Selbstmitleid zu versinken. Hier steht: Du hast ein Talent – nutze es.

Und fangen wir ja nicht wieder mit dem Rechnen an und dem Rechten: Warum hat der mehr wie ich? Ich müsste eigentlich viel besser sein. Sieh mal, wie wenig der aus seinem Leben gemacht hat, dabei hatte der soviel Talent gehabt. Neid macht so viel kaputt!  Weißt du, was einer kann und was einer nicht kann? Weißt du, welches Teil des vierfachen Ackerfeldes du bist? Weißt du, wann seine, wann deine Stunde schlägt? „Und dem einen gab der Herr fünf Talente, dem andern zwei, dem dritten eins, jedem nach seinen Kräften.“ Das ist wichtig. Nimm dein Talent und nutze es. Versteck dich nicht. Zeig es, womit dich Gott ausgestattet hat. Bring es ein. Wirf es in die Waagschale. Selbst dann, wenn es noch gar keiner haben will.

Die großen Vorbilder sind hier ein Paulus oder ein Luther oder eine Elisabeth von Thüringen oder eine Dorothee Sölle. Und die Kleinen wohnen um die Ecke. Weißt du, wie die Geschichte ausgehen wird? Nimm dein Talent und wirf es in die Waagschale. Mach es nicht kleiner oder größer als es ist. Nimm es und nutze es. Wage dein Leben, das dir dein Herr gegeben hat. Und frage immer wieder neu nach: Herr, was kann ich? Herr, was willst du von mir? Herr, wo brauchst du mich? Und der eine wird zu Hause im Gebet gebraucht und der andere in seiner Familie und der nächste wird ganze Kirchen bauen oder Sand in die Betriebsamkeit streuen, damit Veränderung möglich wird. Und andere werden außerhalb der Kirche ihr Werk vollbringen. Wer will Gott vorschreiben, wofür er uns gebrauchen will?

„Denn es ist wie bei einem Mann, der außer Landes reisen wollte, seine Knechte rief und ihnen sein Vermögen übergab. Und dem einen gab er fünf Talente, dem anderen zwei, dem dritten eins, jedem nach seinen Kräften, und reiste ab.“ Das ist die ganze Wahrheit unseres Evangeliums. Nimm deine Talente und vergrabe sie nicht. Verstecke dich nicht, sondern wage dein Leben, das Gott dir zutraut.

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

(14)Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an;
(15)dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort.
(16)Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu.
(17)Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu.
(18)Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.
(19)Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen.
(20)Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen.
(21)Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
(22)Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen.
(23)Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!
(24)Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast;
(25)und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine.
(26)Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe?
(27)Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen.
(28)Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat.
(29)Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.
(30)Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.


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