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Liebe Leser,
unser heutiger Predigttext steht in einem
größeren Sinnzusammenhang. Das Gegenüber Jesu sind – wie so oft – die
Hohenpriester und Ältesten. Es geht darum, unter welcher Vollmacht Jesu
all diese Dinge tut und sagt, die er tut und sagt. Zauberei? Betrug?
Sekte? oder zeigt sich hier Gott, der wahrhaftige. Es geht schlichtweg
um die Frage, soll man Jesus glauben oder nicht. Stimmt das, was er
sagt. Hat das Bestand. Trägt das? Trägt das wirklich? Kann man sich
darauf verlassen?
Ich meine, es ist ja berechtigt, dass man so fragt. Es geht ja doch um
viel. Aber Jesus stört das nicht. Er konfrontiert
die so Fragenden immer nur. Als ob es keine Zweifel geben dürfte, nur
ein Ja! Ja! oder Nein! Nein! Noch mehr. Er
konfrontiert die Hohenpriester und Ältesten nicht nur mit seiner Person
und der anderen Sichtweise von Gott und den Menschen, sondern es stellt
sie ins Abseits. Er beschimpft und beschuldigt sie. Zimperlich ist er
wohl nie gewesen. Außerdem verwirrt er sie. Einmal sagt er: Eure Rede
sei Ja-Ja oder Nein-Nein und dann wieder erzählt er ein Beispiel in dem
das Ja zum Nein wird und das Nein zum Ja.
Aber lassen wir den Predigttext selbst sprechen:
(Predigttext s. rechts)
1. Die Schwierigkeit des Verstehens
Dieser Worte sind eigentlich ganz einfach zu verstehen. Die
Erzählung, die Bilder sind klar. Ganz typisch im Stile Jesu wird ein
Beispiel gebracht, bei dem die Antwort eigentlich klar. Klare Worte –
klare Antworten. Alles klar. Die vermeintlich
Guten sind die Bösen. Und manch einer fühlt sich wahrscheinlich
bestätigt, dass die, die immer vorne so vorlaut sagen: Ja, ich tu das.
Ich bin gut. Und dann erzählen, wo sie alles schon geholfen haben und
wie toll sie sind und wie fromm sie ihr Leben führen. Dass man mit denen
eher vorsichtig sein sollte. Die tun immer vorne herum so, so fromm,
rennen „nauf die Kergn“ und zu Hause? „gut Nacht und pfüa Gott“!
Besser der, der sein Schärflein im Verborgenen beiträgt.
Bescheiden, still. Keine großen Worte. Die Tat zählt. Zum Gut sein
braucht man keine Kirche.
Ist das die Alternative, die Jesus aufzeigen möchte? Wir kennen ja auch
die Szene vom großen Weltgericht – vier Kapitel später, wo nicht der
Glaube zählt, sondern die Tat: Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir
zu essen gegeben. Ich nackt gewesen ...
Ist das das große Thema heute? Es ist nicht so
wichtig, was du sagst, sondern zum Schluss zählt, was du tust.
Vorsicht! Vorsicht! Wer so denkt oder handelt ist nicht mehr weit
weg von den Hohenpriestern und Ältesten, von den Schriftgelehrten und
Pharisäern, die ja auch genau wussten, dass sie das richtige tun – nur
Jesus behauptet, dass sie in ihrem Eifer für das Richtige das Falsche
tun. Doch ich glaube immer noch nicht, dass wir
damit das Thema des heutigen Predigttextes erfasst haben. Es zählt, was
du tust.
Ich würde lieber auf die Haltung sehen, wie etwas getan wird. Bei den
Zöllnern und Dirnen hat sich etwas in ihrem Leben verändert. Sie haben
sich bewegen lassen. Sie haben bereut, was sie getan haben. Den ersten
Sohn reute seine Aussage im nachhinein – heißt es. Und er ging hin, so
wie ja auch die Zöllner und Dirnen, die Johannes und Jesus nachfolgten,
ihr früheres Verhalten reute. REUE – das ist das
Thema heute.
Aber: Können wir mit diesem Begriff überhaupt noch etwas anfangen? Reue.
Was ist denn Reue? Haben wir dazu gute Bilder im Gedächtnis? Oder sehen
wir nur den „räudigen Hund“, der seinen Schwanz einzieht und sich als
Unterlegener verzieht. Reue, wie
sieht das aus? Haben sie schon einmal etwas bereut. Und wie war es
danach? Oft verbinden wir ja die Reue damit, dass wir danach ein Leben
lang büßen müssen für die begangenen Fehler. Doch das verstehe ich nicht
unter Reue, das würde ich eher als Strafe bezeichnen.
Aber was ist an diesen Zöllnern und Dirnen anders, dass sie
wieder einmal mehr als „gutes Beispiel“ angeführt werden?
Was haben sie getan und was heißt das: Reue? Sehe wir noch
genauer hin.
2. Meine konkrete Schuld
Reue hat etwas mit Schuld zu tun. Da sind wir uns einig. Auch die
Epistellesung hatte sich mit der Sünde beschäftigt und die Zöllner und
Dirnen sind ja eindeutig qualifiziert als Schuldige. Doch was ist an
ihnen anders? Auch die Hohenpriester und Ältesten wussten sich ja
schuldig vor Gott. Und doch verwendet sie Jesus meist als
Negativ-Beispiele. Was ist an den Zöllnern und
Dirnen anders?
Zöllner und Dirnen waren sichtbar schuldig. Nicht nur vor Gott. Auch
sichtbar vor der Welt, sichtbar vor den Menschen. Sie lebten „objektiv“
in Sünde. Das waren keine „Sündelchen“ mehr „hier
habe ich ein bisschen und dort“ und auch nicht: „Vor Gott sind wir alle
irgendwie Sünder.“ Und auch kein: „Als 11jähriger habe ich zweimal im
Supermarkt gestohlen.“ Die meisten unserer Sünden tun wir ja auch
innerlich als „Lappalie“ ab. Doch Jesus zeigt uns andere Menschen. Sie
waren „objektiv“ und „konkret“ schuldig. Nicht nur allgemein oder
irgendwie, wie wir halt alle hier und dort mal schuldig werden.
Und das ist wichtig. Diese konnten deutlich benennen: „Ja, das ist eine
meiner größten Sünden. Da fühle ich mich nicht nur schuldig, da bin ich
schuldig.“ Und das wäre auch für die
Hohenpriester und Ältesten wichtig gewesen, dass sie bei der Schuld
etwas hätten sagen können. Etwas konkretes. Nicht, weil jeder Mensch
irgendwie schuldig ist, sondern ganz konkret, weil sie schuldig geworden
sind.
Das muss sich auch jeder Einzelne von uns fragen lassen. Was ist denn
meine große Schuld? Meine Lebensschuld? Finden sie etwas? Etwas
Irreparables? Etwas, das sie nicht mehr gut
machen können? Das ist wichtig.
Wissen sie, durch die Trennung von meiner Frau bin ich in den Augen
mancher Gemeindeglieder und Kollegen moralisch als Pfarrer
disqualifiziert. Das sind die einen. Und für andere habe ich mich
dadurch qualifiziert als Seelsorger. Da ist einer, der muss auch mit
einer großen Schuld leben. Der kann nicht mehr ...
Ja was? Was kann man nicht mehr, wenn man selbst große Schuld auf
sich geladen hat? Hat der Sünder einen
Maulkorberlass?
Nein, das hoffentlich nicht. Das wäre fatal. Nur weil man selbst Schuld
auf sich geladen hat, darf man nicht mehr Schuld benennen. Das passiert
in Schurkenkreisen nach dem Motto: „Gleich und gleich gesellt sich gern“
oder: "Ich hab bei dir nichts gesagt, also darfst
du auch bei mir ..." Aber das trifft nicht den
Kern. Darum stellt uns Jesus nicht diese Zöllner und Dirnen vor Augen.
Ich sehe etwas anderes, etwas Entscheidenderes.
Wer weiß, dass er selbst Schuld auf sich geladen hat – Schuld,
die er auch nicht wieder gut machen kann – der hört auf, so vollmundig
über die Welt und die anderen zu urteilen. Wer selbst Schuld auf sich
geladen hat und bereut, kann nicht mehr hochmütig und selbstgerecht
durch die Welt gehen. Weil das niemandem gut tut. Der Welt nicht. Mir
nicht und Gott auch nicht. Darum heißt es ja in unserem Wochenspruch:
Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er
Gnade.
3. Reue verändert zur Menschlichkeit
Deshalb stellt uns Jesus diese Menschen vor Augen. Sie sind nicht
dadurch qualifiziert, dass sie besonders schlimme Menschen wären und
Gott an ihnen seine Gnade besonders groß erscheinen lassen könnte. Nein.
Sondern diese Menschen bereuen ihre Schuld und werden dadurch zu anderen
Menschen. Sie sind nicht mehr so hochmütig. Sie
sind demütig geworden. Sie sind nicht mehr so selbstgerecht, sondern
sind gnädig geworden. Sie haben selbst gespürt, was die Schuld mit einem
anstellt. Sie tötet einen. Genau so, wie wir es in der Epistellesung
gehört haben: „Gott hat uns, die wir doch durch die Übertretungen tot
waren, mit Christus lebendig gemacht.“
Menschen, die große Schuld auf sich geladen haben und diese bereuen,
sind Menschen, die wissen und erfahren haben, dass sie von der Gnade und
der Vergebung leben müssen, weil sie Dinge nicht mehr gut machen können.
Das ist, glaube ich, das, was uns Jesus immer wieder neu vor
Augen führen will mit diesen Beispielerzählungen und warum er sich immer
wieder mit den Hohenpriestern und Ältesten und Schriftgelehrten und
Pharisäern anlegt – den Vorzeigemenschen der Kirche. Denn eigentlich
sind wir alle sehr widerborstige Menschen. Selbstgerecht und gern auch
arrogant und stellen uns gern auch moralisch über den Nächsten. Hochmut
kann auch sehr liebevoll sein, väterlich und mütterlich wollen wir den
„Gefallenen“ helfen mit gutem Rat und Tat und unser Herz ist froh, dass
wir nicht so sind, wie der „Sünder“ nebenan.
Und dann kommt hoffentlich der Punkt, wo auch wir nicht mehr auskönnen
und auf einer Stufe stehen mit den Zöllnern und Dirnen und Mördern und
Sündern. Wir stehen mitten drin und können nicht mehr aus.
Und schaffen es dann hoffentlich zu bereuen. Ja, Herr. Ich auch.
Du hast mich gefragt und ich habe „Ja“ gesagt und bin dann doch
nicht deinen Weg gegangen. Keine Entschuldigung. Ich habe Ja gesagt und
anders gehandelt. Keine Sündchen, große Schuld, Schuld, die nicht mehr
einfach so weggeredet werden kann. Schuld, die da ist.
Mein Ja war ein Nein.
Das wird gut tun. Uns gut tun und unserer Umgebung, wenn uns bewusst
ist, dass auch wir Sünder sind. Große Sünder. Nicht nur irgendwie,
sondern konkret. Und es reut uns aus tiefstem Herzen, doch wir können
das Vergangene nicht mehr gut machen. Wir können nur hoffen, dass unser
Nein uns nicht auf ewig bindet, sondern unser Ja einen neuen Anfang
ermöglicht. So wie es Paulus beschrieben hat in
der Lesung zum heutigen Sonntag (Eph 2/8-10):
Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus
euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand
rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten
Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.
Pfarrer
Martin Adel
(Dreieinigkeitskirche
Hof)
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Text:
Und Jesus sagte (zu den
Hohenpriestern und Ältesten im Tempel):
28 Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei
Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite
heute im Weinberg.
29 Er antwortete aber und sprach: Nein, ich will nicht. Danach reute es
ihn und er ging hin.
30 Und der Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der aber
antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin.
31 Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan?
Sie antworteten: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage
euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr.
32 Denn Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr
glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl
ihr's saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, sodass ihr ihm dann auch
geglaubt hättet. |