Predigt    Matthäus 21/28-32    11. Sonntag nach Trinitatis    07.08.05

"... es reute ihn und er ging hin."
(von Pfarrer Martin Adel, Dreieinigkeit Hof)

Liebe Leser,

unser heutiger Predigttext steht in einem größeren Sinnzusammenhang. Das Gegenüber Jesu sind – wie so oft – die Hohenpriester und Ältesten. Es geht darum, unter welcher Vollmacht Jesu all diese Dinge tut und sagt, die er tut und sagt. Zauberei? Betrug? Sekte? oder zeigt sich hier Gott, der wahrhaftige. Es geht schlichtweg um die Frage, soll man Jesus glauben oder nicht. Stimmt das, was er sagt. Hat das Bestand. Trägt das? Trägt das wirklich? Kann man sich darauf verlassen?

Ich meine, es ist ja berechtigt, dass man so fragt. Es geht ja doch um viel. Aber Jesus stört das nicht. Er konfrontiert die so Fragenden immer nur. Als ob es keine Zweifel geben dürfte, nur ein Ja! Ja! oder Nein! Nein! Noch mehr. Er konfrontiert die Hohenpriester und Ältesten nicht nur mit seiner Person und der anderen Sichtweise von Gott und den Menschen, sondern es stellt sie ins Abseits. Er beschimpft und beschuldigt sie. Zimperlich ist er wohl nie gewesen. Außerdem verwirrt er sie. Einmal sagt er: Eure Rede sei Ja-Ja oder Nein-Nein und dann wieder erzählt er ein Beispiel in dem das Ja zum Nein wird und das Nein zum Ja.

Aber lassen wir den Predigttext selbst sprechen: (Predigttext s. rechts)

1. Die Schwierigkeit des Verstehens

Dieser Worte sind eigentlich ganz einfach zu verstehen. Die Erzählung, die Bilder sind klar. Ganz typisch im Stile Jesu wird ein Beispiel gebracht, bei dem die Antwort eigentlich klar. Klare Worte – klare Antworten. Alles klar. Die vermeintlich Guten sind die Bösen. Und manch einer fühlt sich wahrscheinlich bestätigt, dass die, die immer vorne so vorlaut sagen: Ja, ich tu das. Ich bin gut. Und dann erzählen, wo sie alles schon geholfen haben und wie toll sie sind und wie fromm sie ihr Leben führen. Dass man mit denen eher vorsichtig sein sollte. Die tun immer vorne herum so, so fromm, rennen „nauf die Kergn“ und zu Hause? „gut Nacht und pfüa Gott“! Besser der, der sein Schärflein im Verborgenen beiträgt. Bescheiden, still. Keine großen Worte. Die Tat zählt. Zum Gut sein braucht man keine Kirche.

Ist das die Alternative, die Jesus aufzeigen möchte? Wir kennen ja auch die Szene vom großen Weltgericht – vier Kapitel später, wo nicht der Glaube zählt, sondern die Tat: Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich nackt gewesen ...

Ist das das große Thema heute? Es ist nicht so wichtig, was du sagst, sondern zum Schluss zählt, was du tust. Vorsicht! Vorsicht! Wer so denkt oder handelt ist nicht mehr weit weg von den Hohenpriestern und Ältesten, von den Schriftgelehrten und Pharisäern, die ja auch genau wussten, dass sie das richtige tun – nur Jesus behauptet, dass sie in ihrem Eifer für das Richtige das Falsche tun. Doch ich glaube immer noch nicht, dass wir damit das Thema des heutigen Predigttextes erfasst haben. Es zählt, was du tust.

Ich würde lieber auf die Haltung sehen, wie etwas getan wird. Bei den Zöllnern und Dirnen hat sich etwas in ihrem Leben verändert. Sie haben sich bewegen lassen. Sie haben bereut, was sie getan haben. Den ersten Sohn reute seine Aussage im nachhinein – heißt es. Und er ging hin, so wie ja auch die Zöllner und Dirnen, die Johannes und Jesus nachfolgten, ihr früheres Verhalten reute. REUE – das ist das Thema heute.

Aber: Können wir mit diesem Begriff überhaupt noch etwas anfangen? Reue. Was ist denn Reue? Haben wir dazu gute Bilder im Gedächtnis? Oder sehen wir nur den „räudigen Hund“, der seinen Schwanz einzieht und sich als Unterlegener verzieht. Reue, wie sieht das aus? Haben sie schon einmal etwas bereut. Und wie war es danach? Oft verbinden wir ja die Reue damit, dass wir danach ein Leben lang büßen müssen für die begangenen Fehler. Doch das verstehe ich nicht unter Reue, das würde ich eher als Strafe bezeichnen. Aber was ist an diesen Zöllnern und Dirnen anders, dass sie wieder einmal mehr als „gutes Beispiel“ angeführt werden? Was haben sie getan und was heißt das: Reue? Sehe wir noch genauer hin.

2. Meine konkrete Schuld

Reue hat etwas mit Schuld zu tun. Da sind wir uns einig. Auch die Epistellesung hatte sich mit der Sünde beschäftigt und die Zöllner und Dirnen sind ja eindeutig qualifiziert als Schuldige. Doch was ist an ihnen anders? Auch die Hohenpriester und Ältesten wussten sich ja schuldig vor Gott. Und doch verwendet sie Jesus meist als Negativ-Beispiele. Was ist an den Zöllnern und Dirnen anders?

Zöllner und Dirnen waren sichtbar schuldig. Nicht nur vor Gott. Auch sichtbar vor der Welt, sichtbar vor den Menschen. Sie lebten „objektiv“ in Sünde. Das waren keine „Sündelchen“ mehr „hier habe ich ein bisschen und dort“ und auch nicht: „Vor Gott sind wir alle irgendwie Sünder.“ Und auch kein: „Als 11jähriger habe ich zweimal im Supermarkt gestohlen.“ Die meisten unserer Sünden tun wir ja auch innerlich als „Lappalie“ ab. Doch Jesus zeigt uns andere Menschen. Sie waren „objektiv“ und „konkret“ schuldig. Nicht nur allgemein oder irgendwie, wie wir halt alle hier und dort mal schuldig werden.

Und das ist wichtig. Diese konnten deutlich benennen: „Ja, das ist eine meiner größten Sünden. Da fühle ich mich nicht nur schuldig, da bin ich schuldig.“ Und das wäre auch für die Hohenpriester und Ältesten wichtig gewesen, dass sie bei der Schuld etwas hätten sagen können. Etwas konkretes. Nicht, weil jeder Mensch irgendwie schuldig ist, sondern ganz konkret, weil sie schuldig geworden sind.

Das muss sich auch jeder Einzelne von uns fragen lassen. Was ist denn meine große Schuld? Meine Lebensschuld? Finden sie etwas? Etwas Irreparables? Etwas, das sie nicht mehr gut machen können? Das ist wichtig.

Wissen sie, durch die Trennung von meiner Frau bin ich in den Augen mancher Gemeindeglieder und Kollegen moralisch als Pfarrer disqualifiziert. Das sind die einen. Und für andere habe ich mich dadurch qualifiziert als Seelsorger. Da ist einer, der muss auch mit einer großen Schuld leben. Der kann nicht mehr ... Ja was? Was kann man nicht mehr, wenn man selbst große Schuld auf sich geladen hat? Hat der Sünder einen Maulkorberlass?

Nein, das hoffentlich nicht. Das wäre fatal. Nur weil man selbst Schuld auf sich geladen hat, darf man nicht mehr Schuld benennen. Das passiert in Schurkenkreisen nach dem Motto: „Gleich und gleich gesellt sich gern“ oder: "Ich hab bei dir nichts gesagt, also darfst du auch bei mir ..." Aber das trifft nicht den Kern. Darum stellt uns Jesus nicht diese Zöllner und Dirnen vor Augen. Ich sehe etwas anderes, etwas Entscheidenderes. Wer weiß, dass er selbst Schuld auf sich geladen hat – Schuld, die er auch nicht wieder gut machen kann – der hört auf, so vollmundig über die Welt und die anderen zu urteilen. Wer selbst Schuld auf sich geladen hat und bereut, kann nicht mehr hochmütig und selbstgerecht durch die Welt gehen. Weil das niemandem gut tut. Der Welt nicht. Mir nicht und Gott auch nicht. Darum heißt es ja in unserem Wochenspruch: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

3. Reue verändert zur Menschlichkeit

Deshalb stellt uns Jesus diese Menschen vor Augen. Sie sind nicht dadurch qualifiziert, dass sie besonders schlimme Menschen wären und Gott an ihnen seine Gnade besonders groß erscheinen lassen könnte. Nein. Sondern diese Menschen bereuen ihre Schuld und werden dadurch zu anderen Menschen. Sie sind nicht mehr so hochmütig. Sie sind demütig geworden. Sie sind nicht mehr so selbstgerecht, sondern sind gnädig geworden. Sie haben selbst gespürt, was die Schuld mit einem anstellt. Sie tötet einen. Genau so, wie wir es in der Epistellesung gehört haben: „Gott hat uns, die wir doch durch die Übertretungen tot waren, mit Christus lebendig gemacht.“

Menschen, die große Schuld auf sich geladen haben und diese bereuen, sind Menschen, die wissen und erfahren haben, dass sie von der Gnade und der Vergebung leben müssen, weil sie Dinge nicht mehr gut machen können. Das ist, glaube ich, das, was uns Jesus immer wieder neu vor Augen führen will mit diesen Beispielerzählungen und warum er sich immer wieder mit den Hohenpriestern und Ältesten und Schriftgelehrten und Pharisäern anlegt – den Vorzeigemenschen der Kirche. Denn eigentlich sind wir alle sehr widerborstige Menschen. Selbstgerecht und gern auch arrogant und stellen uns gern auch moralisch über den Nächsten. Hochmut kann auch sehr liebevoll sein, väterlich und mütterlich wollen wir den „Gefallenen“ helfen mit gutem Rat und Tat und unser Herz ist froh, dass wir nicht so sind, wie der „Sünder“ nebenan.

Und dann kommt hoffentlich der Punkt, wo auch wir nicht mehr auskönnen und auf einer Stufe stehen mit den Zöllnern und Dirnen und Mördern und Sündern. Wir stehen mitten drin und können nicht mehr aus. Und schaffen es dann hoffentlich zu bereuen. Ja, Herr. Ich auch. Du hast mich gefragt und ich habe „Ja“ gesagt und bin dann doch nicht deinen Weg gegangen. Keine Entschuldigung. Ich habe Ja gesagt und anders gehandelt. Keine Sündchen, große Schuld, Schuld, die nicht mehr einfach so weggeredet werden kann. Schuld, die da ist. Mein Ja war ein Nein.

Das wird gut tun. Uns gut tun und unserer Umgebung, wenn uns bewusst ist, dass auch wir Sünder sind. Große Sünder. Nicht nur irgendwie, sondern konkret. Und es reut uns aus tiefstem Herzen, doch wir können das Vergangene nicht mehr gut machen. Wir können nur hoffen, dass unser Nein uns nicht auf ewig bindet, sondern unser Ja einen neuen Anfang ermöglicht. So wie es Paulus beschrieben hat in der Lesung zum heutigen Sonntag (Eph 2/8-10):
Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen.

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

Und Jesus sagte (zu den Hohenpriestern und Ältesten im Tempel):

28 Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg.
29 Er antwortete aber und sprach: Nein, ich will nicht. Danach reute es ihn und er ging hin.
30 Und der Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin.
31 Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan?
Sie antworteten: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr.
32 Denn Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr's saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, sodass ihr ihm dann auch geglaubt hättet.


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