|
Predigt Matthäus 17/1-9 Letzter Sonntag nach Epiphanias 09.02.2003 "Gottesbegegnung – oder: „Steht auf
und fürchtet euch nicht.“" |
|
Liebe Leser, Lassen sie mich mit einer kleinen Begebenheit beginnen: „Eine lange Schlange stand auf der Expo 2000 vor dem Pavillon aus Jemen. Dicht schob man sich Stück für Stück weiter, um endlich in die Räume treten zu können. Da beugte sich jemand weit über die Köpfe der Leute und hielt seinen Fotoapparat in den Raum. Es blitzte zwei, dreimal. „Anschauen und genießen können wir das dann noch zu Hause“, sagte er zu seinem kleinen Sohn. – Nur: Erinnern wird er sich nicht können, da er es nie gesehen und erlebt hat.“ (frei nach Liturgie und Praxis 12/2002 * S 449). Lothar Seiwert schreibt in seinem Buch: Life-Leadership: „Dieses Immer-mehr und Immer-schneller hat seinen Preis. Hin- und hergerissen sein zwischen den vielen Interessen ist eine Konsequenz des `Alles-zugleich´, eine zunehmende Oberflächlichkeit eine andere.“ Wir können uns nicht mehr auf eine Sache konzentrieren. Wir nehmen das Leben um uns herum nicht mehr wahr, wir scannen es nur noch in uns hinein. Wir leben in einer „Zu-viel-isation“. Ein interessantes Wort. Dass wir und unsere Kinder mit diesen vielen Eindrücken leben müssen, ist das eine. Dass wir unsere Seele dabei nicht verlieren, ist das andere. Früher habe ich mich immer geärgert, dass meine Oma kein Telefon wollte und auch keinen modernen Fernseher. Heute weiß ich, warum: Es gibt unwichtige Dinge und Wesentliches. Wesentliches für das Leben. Manche Menschen begreifen das nie. Für sie bleibt das Leben auf der Oberfläche; obwohl: Die Sehnsucht nach mehr ist immer da. Nur die Enttäuschungen waren zu groß und dann hat man sich seine Schutzhüllen und seine Erklärungen gebaut. Seinen Panzer. So ist das Leben. In einem solchen Leben ist nur wenig Platz für einen Text, wie er uns heute als Predigttext zum Nachdenken aufgegeben ist. Er fordert uns nämlich auf, in eine andere Welt zu folgen. Eine Welt die mehr ist, als wir immer schon wissen und ahnen. Ich lese aus .... Predigttext: Mt 17,1-9 (Zürcher) In der Schule sagten mir ein paar Schüler: Die haben wahrscheinlich LSD oder andere Drogen genommen. Ein Scherz und dennoch zeigt es die Verarmung unseres rationalen Bewusstsein auf. Solche Begebenheiten tut man als irreal, verrückt und unvernünftig ab. Und in der gleichen Weise, wie man sich dieser Erlebnisse selbst beschneidet und sie sich über die Vernunft selbst verbietet, holt man sie sich selbstgebastelt wieder zurück ins Kinderzimmer als Bibbi Blocksberg, Harry Potter, Herr der Ringe, Science fiction oder andere filmische Phantastereien. Der Markt mit dem Okkulten boomt – auch in der Erwachsenen-Welt. Und ein Rumsfeldt bastelt dazu am apokalyptischen Endzeitkampf zwischen Gut und Böse; und wehe dem, der anderer Meinung ist. Mit christlichem Glauben hat das schon lange nichts mehr zu tun. Unser Predigttext führt uns woanders hin. Raus aus der Fülle und der Machbarkeit, hinauf in die Einsamkeit der Berge. Gott begegnet man in der Ruhe oder besser: wo Gott einem begegnet, kehrt Ruhe ein – erinnern sie sich nur an die Sturmstillung letzten Sonntag. Bei uns heißt es: „Und nach sechs Tagen nimmt Jesus den Petrus und den Jakobus und dessen Bruder Johannes mit sich und führt sie abseits auf einen hohen Berg.“ Für das Wesentliche im Leben braucht es Ruhe. Und manchmal auch die Einsamkeit. Oh ja, wir können viel machen. Sehr viel sogar. Und auch viel Nützliches und Gutes. Doch um wesentlich zu werden, brauchen wir Ruhe. Auch die Ruhe vor uns selbst. Wenn es immer nur um uns herum redet und in uns redet und aus uns heraus redet, selbst Nachts die Träume voller Reden sind, dann kehrt keine Ruhe ein. Lasst uns nicht immer erst krank werden oder in Katastrophen stürzen, um das Unwichtige vom Wesentlichen zu unterscheiden. Wer gerne wandern geht, noch schöner ist es im Gebirge, der weiß, wie beim Anstieg der Tritt langsam gleichmäßiger wird, der Atem, der Körper, der Kopf hat sich eingefunden. Das erlebt man nicht, wenn man nur mit dem Auto oder der Seilbahn hinauffährt. Das ist wie bei dem Mann mit dem Fotoapparat. Aus der Distanz bleibt man fremd. Das Wesentliche ist eben doch anstrengend. So setzt man Schritt vor Schritt und langsam aber beständig geht es dem Gipfel entgegen. Kein sportlicher Ehrgeiz. „... und führt sie abseits auf einen hohen Berg.“ Und dort oben wird den Dreien erneut bewusst, wer dieser Mensch Jesus ist; mit wem sie es eigentlich zu tun haben. Mit Gott selbst. Wie ein Fenster durch die Begrenztheit des Lebens, durch den Karfreitag hindurch, sehen sie bereits den Auferstandenen „und sein Angesicht leuchtete wie eine Sonne, seine Kleider aber wurden weiß wie das Licht.“ Vielleicht kennen sie das auch. Oben am Gipfel. Sie haben ihren Schritt gefunden und kommen nach Stunden oben an. Sie sitzen unter dem Gipfelkreuz. Die Wolkendecke reißt auf und vor ihnen liegt ein Meer von Gipfeln und Weite und Gewaltigkeit und Schönheit. Und sie fühlen sich nicht klein in diesem Naturereignis, sondern wachsen und werden groß, weil sie sich selbst verlassen haben und wieder eins werden mit der Erhabenheit der göttlichen Schöpfung. Ich sehe hinaus, von mir weg und Gott hat die Chance, mich zu besuchen, weil ich meine Türen geöffnet habe. Gott blickt in mich hinein. Und was macht der Mensch? Er redet. „Petrus aber begann und sagte zu Jesus: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten machen, dir eine und Mose eine und Elia eine.“ O homo faber – kannst du nicht stille sein vor Gott. Musst du denn immerzu reden und reden und alles zerreden und den Augenblick kaputt reden. Und dann müssen wir das und das und das machen. Hütten bauen. Nichts musst du bauen, wenn Gott zu dir redet. Nichts musst du machen. Sieh hin und lass es geschehen. Gott kommt zu dir. „Als Petrus noch redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke, und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: ´Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; höret auf ihn!“ Und endlich ist Ruhe. In Petrus, in Jakobus und Johannes, spricht nichts mehr. Wenn Gott zu uns spricht, kehrt Ruhe ein. „Und sie warfen sich auf ihr Angesicht nieder und fürchteten sich sehr.“ Wovor fürchten sie sich, die Jünger? Davor, dass alles raus kommt? Dass Gott entdecken könnte, wie kleinkarriert und engstirnig und verblendet sie gelebt haben? Vor Gottes Macht kann man nur erschaudern; weil einem in seinem Angesicht klar wird, was es heißt: „Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.“ Und gestatten sie mir hier einen kleinen Exkurs: Eine offene Gesellschaft wie unsere demokratische, westliche und christlichen, ist und bleibt verletzbar – wollen wir nicht hinter Stacheldraht leben. Das wissen wir hoffentlich nicht erst seit dem 11. September. Doch das ist unsere Stärke. Mit einem Präventivkrieg setzen wir uns nicht nur ins Unrecht, sondern es wird noch deutlicher, wie störanfällig unsere westliche Welt geworden ist. Ängstlich wird säbelrasselnd jede unliebsame Bewegung mit Krieg bedroht. Ist das alles, was wir gelernt haben als aufgeklärte, denkende Wesen? Haben wir der islamischen Welt nichts anderes zu bieten als unsere überhebliche Arroganz, solange es ums Geschäftemachen geht, oder Gewalt, wenn die Geschäfte anders verlaufen. Wer hat denn die chemischen und biologischen Kampfstoffe in den achtziger Jahren an den Irak geliefert? Und sie fürchteten sich, dass alles heraus käme. Wer behauptet: Angriff ist die beste Verteidigung – der stellt sich außerhalb des christlichen Zeugnisses. Und wir ahnen es: Es steht mehr auf dem Spiel als ein möglicher Giftgasangriff eines Saddam Hussein oder eine schnelle kriegerische Niederwerfung des Irak. Es steht die Glaubwürdigkeit und die geistige Stärke des gesamten christlichen Abendlandes auf dem Spiel und damit unsere Vorbildstellung für alle demokratischen Bestrebungen auf der Welt. „´Hau drauf´ kann jeder. – Das ist keine Kunst.“ Die Jünger werfen sich in Demut und Ehrfurcht auf ihr Angesicht nieder. Nicht mehr ich bin wichtig. Es gibt Wesentlicheres. Und dieses „Sich Niederwerfen“ ist Ausdruck der Achtung und Ehrfurcht Gottes. Es ist das Akzeptieren, dass es noch mehr gibt, als mich und das, was ich mir vorstellen kann und das, was mir gerade nützt. Diese Demut ist der Weg zur Erhöhung. „Und Jesus trat hinzu, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht!“ Wie heißt es im 2 Timotheusbrief: „Gott hat uns nicht den Geist der Verzagtheit gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Der Weg der Demut führt zur Erhöhung des Menschen. Und wenn es dann endlich still in uns geworden ist und es aufgehört hat zu reden, dann werden wir wahrnehmen, wie Jesus uns anrührt und sein Wort wahr wird. Und ich stehe auf und fürchte mich nicht. Und bin frei zum Handeln. |
Text:
1)Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus
und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen
hohen Berg. |
|
Archiv
|