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Liebe Leser,
diese Jesusworte sind eine Zumutung für seine Jünger damals und
heute. Kompromisslos fordern sie zum Glauben auf und machen deutlich,
dass es Nachfolge Jesu nicht ohne Bereitschaft zur Trennung geben kann,
nicht ohne Bereitschaft zur Trennung von allem was uns besonders lieb
und teuer ist. Wie ein Schwert fährt das Evangelium hinein zwischen die,
die gerne singen: „Wir wollen niemals auseinandergehn.“ „Einigkeit und
Recht und Freiheit, sind des Glückes Unterpfand?“ Die Worte Jesu setzen
zumindest hinter die Einigkeit ein dickes Fragezeichen.
Diese Jesusworte sind nicht nur eine Zumutung, sie machen Angst.
Verlustangst, Trennungsangst ist ein großes Thema unseres Lebens. Wie
schrecklich ist der Gedanke den Menschen zu verlieren, den man liebt.
Wie schwer fällt es Eltern ihre Kinder gehen zu lassen und sich nicht
länger in ihr Leben einzumischen. Schwiegermütter, die das nicht
schaffen, werden zu bösen Schwiegermüttern. Und wie schwer fällt es
herangewachsenen Kindern, sich von Vater und Mutter zu lösen. Die
Sehnsucht nach Freiheit und die Angst vor dem Verlust der Geborgenheit
führen einen erbitterten Kampf, den mancher heute jenseits der 30 im
Hotel Mama immer noch nicht entschieden hat.
Vielleicht lachen wir über diese Nesthocker, weil wir es schon lange
geschafft haben unseren eigenen Weg zu gehen. Und dann wissen wir, dass
es manchmal im Leben nicht ohne Trennung, nicht ohne Verlust und Trauer
abgeht, damit überhaupt neue Lebensmöglichkeiten entstehen können.
Beispielhaft ist hier die uralte Geschichte von Abraham und Lot (1.Mose
13). Das Land ertrug es nicht, dass sie beieinander wohnten. Zank und
Streit waren an der Tagesordnung. Und da trennen sie sich im Frieden und
der eine geht links und der andere rechts. Ich habe diese Geschichte
einmal einer Gruppe Jugendlicher erzählt, die nach vielen gemeinsamen
Jahren nicht mehr miteinander zurechtkamen und es nicht christlich
fanden auseinander zu gehen. Manchmal ist eine Trennung das einzig
Richtige und das einzig Gute. Auch wenn es Tränen beim Abschied gibt.
Jesus erspart seinen Jüngern Trennungsängste und Abschiedschmerzen auch
auf dem Weg des Glaubens nicht. Wie ein Kreuz sind sie, das wir nur
widerwillig schultern und doch sind sie die Geburtsschmerzen für ein
neues, anderes, besseres Leben; ja für das wahre Leben überhaupt. Wer
sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden.
Scheiden tut weh. Sich unterscheiden tut auch weh. Christen
unterscheiden sich zwangsläufig von anderen, weil sie nicht auf der
Seite der Mehrheit und auch nicht auf der Seite der moral majority, der
moralischen Mehrheit, stehen, sondern auf der Seite des Evangeliums.
Weil sie nicht die Meinung der Mehrheit vertreten, sondern Sprachrohr
ihres Herrn Jesus Christus sein sollen. Weil ihnen nicht das Vaterland,
die Parteiraison, die Familienehre oder ihr guter Ruf heilig ist,
sondern allein das Wort ihres Herrn. Jesus lässt seine Jünger nicht im
Unklaren darüber, dass das schmerzliche Konsequenzen haben kann.
Schmerzliche Konsequenzen, die aber allemal besser sind, als ein fauler
Kompromiss und ein falscher Frieden. Der stinkt immer zum Himmel. Und
das liegt daran, dass Beziehungen und Bindungen nicht wirklich
zerbrechen können. Ein Glas kann zerbrechen oder ein Kristall. Aber
Beziehungen und Bindungen sind etwas Lebendiges. Sie können nur
absterben und verrotten, was ein sehr anrüchiger Vorgang ist. Hinter
faulen Kompromissen und falschem Frieden stecken verrottete
Verhältnisse, die nichts und niemand helfen. Sie gehören beerdigt.
Nur eine Bindung lässt Jesus heilig sein: Die zu ihm und seinem
Evangelium. Und nur diese Bindung gibt die Kraft für klare Verhältnisse
für Trennung und Unterscheidung. Wir fallen nicht ins Nichts, auch wenn
keiner mehr auf unserer Seite steht. Eine Glaubenserfahrung, die uns
Martin Luther auf seinem gefahrvollen Weg zur Reformation immer wieder
eindrücklich bezeugt hat. Freilich, auch heute gibt es in unserer
Gesellschaft, ja selbst in unserer Kirche Strömungen, die den Erhalt der
Kirche dadurch sichern wollen, dass möglichst niemandem weh getan wird.
Kirche soll wieder Mehrheit sein. Und nicht wenige Christen träumen
wieder von Macht und Einfluss in der Politik.
Solche Mehrheit kann Kirche nur dann sein, wenn sie den Menschen das
Evangelium schuldig bleibt. Wenn aber das Evangelium in der Welt
gepredigt wird, wird deutlich, wo es sich von der Welt unterscheidet. Wo
Menschen zum Glauben kommen, wird deutlich, worin sie sich von anderen
Menschen unterscheiden. Glauben heißt unterscheiden. Volkskirche kann
die Kirche deshalb gerade nicht sein, indem sie im Volk und seinen
Parteien aufgeht oder sich vereinnahmen lässt. Gottes Willen ist nicht
Gegenstand eines demokratischen Meinungsbildungsprozesses. Gott sitzt im
Regimente. Gott regiert!
„Die Volkskirche kann Kirche für das Volk nur sein, wenn sie zum Volk
und zu den Volksparteien immer auch auf Distanz geht. Sie kann sich
nicht den Gesetzen einer Gesellschaftsreligion unterwerfen, die für
Feierabend und Feierlichkeiten besinnliche Unterhaltung und andächtige
Stimmung liefert. Sie kann auch nicht nach den Regeln der
Marktwirtschaft operieren und mit Sonderangeboten und
Schlussverkaufpreisen an den Mann oder die Frau bringen wollen, was den
Einsatz des ganzen Lebens verlangt. Sie kann und darf nicht
unterschlagen, dass es im Glauben um die Begegnung mit einer heiligen,
heilvollen und heilenden Macht geht, die andere Mächte in der
Gesellschaft bedroht und begrenzt.“ (Manfred Josuttis, GPM, Heft 4,
1993, S. 411)
Christen reden ihrem Herrn Jesus Christus nach dem Mund und sonst
keinem. Wer etwas anderes will, hat in der Kirche nichts verloren. Denn
immer wenn die Kirche es in ihrer Geschichte anders gehalten hat, hat
sie sich der Lächerlichkeit preisgegeben oder schwerste Schuld auf sich
geladen.
Sicher, Trennung und Unterscheidung sind im Glauben kein Selbstzweck.
Wer sein Kreuz auf sich nimmt, tut das nicht um sich selbst zu quälen.
Glauben ist keine Qual. Und wenn er’s ist, ist er ein falscher Glaube.
Selbstverständlich sollte unter Christen hoch im Kurs stehen, was König
David in den 133. Psalm geschrieben hat: Siehe, wie fein und lieblich
ist's, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen! (V 1)
Aber nicht um jeden Preis. Und nicht um den Preis, dass das Evangelium
zugekleistert wird; abgleitet in die private Moral oder in verdeckte
politische Machtansprüche. Und wir brauchen auch nicht immer
Barfusslaufen, gestaltete Mitte und die buddhistische Klangschale um das
Evangelium zum Klingen zu bringen. Denn Klinge ist Gottes Wort allemal.
Es will uns herausschälen aus falschen Bezügen und falschen Motiven. Bis
wir dort sind, wo unser Platz ist:
Bei unserem Herrn Jesus Christus und seinem Evangelium. Was uns auf
dieser Welt lieb und teuer ist, wird vergehen. So sollten wir es
behandeln. Aber sein Wort bleibt in Ewigkeit. Und apropos Verlustangst:
Die Kinder Gottes
dürfen darauf vertrauen, dass sie ohne den Willen ihres Vaters im Himmel
nicht einmal ein einziges Haar verlieren (Apg 27,34). Wahnsinn! (vgl.
Manfred Josuttis, aaO., S. 412)
Pfarrer Johannes Taig (Hospitalkirche
Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter
www.kanzelgruss.de) |
Text:
Jesus spricht zu seinen Jüngern:
(34)Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen
auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das
Schwert.
(35)Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater
und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer
Schwiegermutter.
(36)Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.
(37)Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht
wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner
nicht wert.
(38)Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist
meiner nicht wert.
(39)Wer sein Leben findet, der wird's verlieren; und wer sein Leben
verliert um meinetwillen, der wird's finden. |