Predigt    Matthäus 9/35 - 10/1+7    1.Sonntag nach Trinitatis    17.06.2001

"Die Verkündigung des Evangeliums erfahren..."

Predigt von Regionalbischof Wilfried Beyhl zum 75-jährigen Jubiläum des Diakonisches Werkes (Stadtmission Hof) 
in der Hospitalkirche Hof
 

Verehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Diakonie, liebe Gemeinde!

1.1 
Heute ein Festgottesdienst, am 4. Juli eine Festveranstaltung mit Jürgen Gohde, dem Präsidenten des Diakonischen Werkes Deutschland – so feiert die Diakonie Hof ihr 75-jähriges Jubiläum. Im Jahr 1926 wurden die bestehenden Vereine wie der Evangelische Armenverein, der Arbeiterverein, die Kinderbewahranstalt usw. zusammengeführt in den „Evangelischen Jugend- und Wohlfahrtsdienst“. Daraus wurde dann die Stadtmission Hof (1935) und das Diakonische Werk (1974). 

Es trifft sich heute gut, dass wir das Jubiläum begehen mit dem Evangelium von der Aussendungsrede Jesu und dem Wort von der großen Ernte. 

Denn das alte Wort von der „Stadt-Mission“ bewahrt noch das Wort von der „missio dei“, von der Aussendung Jesu. Und so sei es Ihnen, den Mitarbeitenden heute neu zugesprochen: Ihr seid die heilvolle Mission Gottes in dieser Welt. Werdet heute in den vielfältigen sozialen Berufen der Berufung von Gott her neu gewiss. Ihr seid es, wie damals die zwölf Jünger: Euch hat Gott berufen und gesendet und gesegnet. Durch Euch will das Reich Gottes zu den Menschen kommen. 

Das Wort von der großen Ernte lässt uns heute den großen Erntesegen erkennen, den Gott der diakonischen Arbeit in 75 Jahren geschenkt hat. Aus dem ehemaligen „Armenverein“ mit „Wärmestube“ ist ein professionelles Dienstleistungsunternehmen mit 700, ja 1.700 bzw. 2.300 Mitarbeitenden geworden – je nachdem wen man alle dazu zählt. Dazu kommen die Ehrenamtlichen. Welch ein Erntesegen entfaltet die Festschrift mit der Psychologischen Beratungsstelle, dem Berufsbildungswerk, der Erwachsenenhilfe, den Senioreneinrichtungen, der Kinder- und Jugendhilfe, der Behinderteneinrichtungen und einem umfassenden Verwaltungsmanagement! Ich habe hohen Respekt vor dem Diakonischen Werk Hof, einem der größten in Bayern. Dank und Anerkennung möchte ich Ihnen im Namen unserer Landeskirche aussprechen und zu diesem Jubiläum gratulieren. Hof ganz oben in Bayern. Hier wird Diakonie ganz groß geschrieben.

Die früheren, heute altmodisch klingenden Bezeichnungen wie „Wärmestube“ und „Herberge“ bekommen heute einen neuen Klang. In einem Klima der sozialen Kälte bietet die Diakonie heute einen Ort der menschlichen Wärme, eine Herberge für Menschen, die orientierungslos hin- und hergeschoben werden „zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben“. Das Wort Jesu von damals ist Wirklichkeit geworden. In der „Herberge der Diakonie Hof“. Dafür wollen wir Gott loben und ihm danken. 

1.2
Wenn die Bibel wie in dem Wort Jesu von Ernte spricht, dann meint sie nicht nur reichen Erntesegen. Ernte meint immer auch Gericht, wenn am Ende Spreu vom Weizen getrennt wird. So wird ein Jubiläum auch zu einem Tag der Besinnung, in der wir uns vor Gott fragen: Spreu und Weizen in unserer Arbeit? Sind wir dem Sendungsauftrag Jesu gerecht geworden? 

Gerade in Kirche und Diakonie leiden viele Mitarbeitende darunter, dass Anspruch und Wirklichkeit oft auseinander klaffen. Die wirtschaftlichen Zwänge in einem diakonischen Großunternehmen sind wahrlich sehr stark geworden. Ein straffes Zeitmanagement lässt kaum mehr Zeit für seelsorgerliche Zuwendung. Mitarbeitende werden selbst zu solchen, die müde, ausgebrannt und „zerstreut sind wie Schafe, die keinen Hirten haben“. Burn out-Syndrom. 

Aus einem Altenheim schickte mir kürzlich eine Bewohnerin folgendes Gedicht und drückte damit ihre Sichtweise aus: „Keiner mehr, der mit den Leuten redet oder gar mit ihnen betet. Sie liegen da für sich allein. Hauptsache, sie fangen nicht an zu schrein. Die Arbeit läuft ab im Akkord, kaum noch Zeit für ein nettes Wort. Was soll daran noch menschlich sein? Und das soll es sein, mein Altenheim?“

Liebe Gemeinde, solche und ähnliche Worte machen das Leiden deutlich, das viele heute empfinden zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Darf ich an einem Jubiläum auch diese Erfahrungen zur Sprache bringen? Ich tue es, weil das Evangelium in dem Wort von der Ernte nicht ein Gericht meint, das Schuld zuweist, anklagt und verurteilt. Sondern die Doppelbedeutung von Ernte in Segen und Gericht definiert deutlich Richten als ein Aufrichten. Jesus will seine Mitarbeitenden immer neu aufrichten und sie brauchbar machen. Er will selbst der gute Hirte für sie sein, die da nicht wissen, wie es weitergehen soll, wie sie mit dem knappen Pflegeschlüssel zurecht kommen sollen. Dies war und ist die Sendung Jesu: Er macht uns brauchbar und sendet uns, dass jede und jeder in seinem Beruf dieser inneren Berufung gewiss werde: Ja, auch Gott ist es, der mich sendet und mich segnet, aufrichtet und mir Kraft gibt. 

2.1
Das Evangelium erzählt: „Als Jesus das Volk sah, da jammerte es ihn. Es ging ihm durchs Herz. Denn sie waren müde und verbraucht wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ 

In der Geschichte der Diakonie in den letzten 150 Jahren waren es immer wieder Persönlichkeiten, die von dieser Sichtweise Jesu ergriffen waren. Sie sahen die Not, und sie sahen nicht weg. Sie sahen hin und die Not ging ihnen zu Herzen. Der Glaube machte sie sehend und die Herzen brennend in der Liebe zu den Menschen, die „verschmachtet und zerstreut waren“. Und die Menschen mit den sehenden Augen und brennenden Herzen taten sich zusammen zu Vereinen für die Armenpflege und Bahnhofsmission, für die Jugendhilfe und Behindertenarbeit. 

Wie bei den Gründungspersönlichkeiten so möge Gott uns heute immer neu sehende Augen und brennende Herzen für die Not der Menschen schenken, die unsere Hilfe brauchen und: Wir müssen uns immer neu auch verbünden um zu Lösungen in der Bewältigung der Not zu kommen. 

2.2
Je mehr Mitarbeitende in der Diakonie tätig wurden, desto wichtiger wurde der Blick für sie selbst, die unter großen Belastungen ihren Dienst tun. In den letzten Jahren wurde die Professionalität in den verschiedenen Sozialberufen stark ausgeprägt, und sie ist gar nicht mehr wegzudenken. Aber auch Profis sind keine Arbeitsmaschinen, die eben zu funktionieren haben. Sondern sie sind Menschen , die selbst seelsorgerliche Zuwendung, Beratung und geistliche Begleitung brauchen. In Hof wird hier manches getan und ich ermuntere Sie, diese Angebote der geistlichen Begleitung und Fortbildung in Anspruch zu nehmen und für sich zu nutzen. Denn ich sehe darin heute unsere vordringlichste Aufgabe in Kirche und Diakonie, dass wir einen Blick haben für die Mitarbeitenden, und dass uns ihre Nöte zu Herzen gehen und dass wir uns verbünden zu Lösungen, die weiterführen. Es ist nicht nur Sache der Leitung und Mitarbeitervertretung, sondern unser aller Aufgabe. Wir alle haben Anteil an dem sogenannten „Hirtendienst“ Jesu Christi, in dem wir den Kollegen und die Kollegin neben uns sehen, wo sie ausgebrannt sind, wo sie unter der Überforderung leiden, wo persönliche Nöte sie belasten. Wir müssen auch eine Seelsorgegemeinschaft füreinander sein. Anders können wir dem Auftrag als Kirche und Diakonie für andere nicht gerecht werden. 

2.3
Auch als Kirchengemeinden sind wir in Gefahr, immer nur Ansprüche an das Diakonische Werk zu formulieren. Hier ist ein Perspektivwechsel nötig, dass wir unsere Mitverantwortung für die Mitarbeitenden in der Diakonie deutlich erkennen, sie stützen und stärken, für sie beten. Ein zentraler Festgottesdienst der Diakonie wie heute ist gut und schön, aber zu wenig. Wenigstens einmal im Jahr – z.B. zur Opferwoche der Inneren Mission – sollte in jeder Gemeinde ein Diakoniegottesdienst stattfinden, in dem die Mitarbeitenden aus ihrer Arbeit erzählen und in dem wir als Kirchengemeinde einen Blick für die Mitarbeitenden gewinnen und ihre Nöte uns zu Herzen gehen lassen. So wollen wir gemeinsam Verantwortung wahrnehmen und eine diakonische Kirche sein in der Sendung Jesu Christi. 

3.1
Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Die Ernte ist groß. Zu wenige sind die Mitarbeitenden. Bittet den Herrn der Ernte, dass er Mitarbeitende in seine Ernte sende.“

Das könnte für unsere Kirchengemeinden bedeuten: Macht jungen Menschen Mut, einen sozialen Beruf zu ergreifen und darin ihre Berufung als Christen zu erkennen. Diese Ermunterung tut heute Not, denn schon zeichnet sich an den Ausbildungsstätten ab, dass immer weniger einen sozialen Beruf ergreifen. Die sozialen Berufe müssen gesellschaftlich wieder attraktiver gemacht werden. 

„Es sind zuwenig Mitarbeitende.“ Das könnte zu einer Aufforderung werden zu mehr ehrenamtlicher Mitarbeit in den diakonischen Arbeitsfeldern. Ich freue mich über die Initiative hier in Hof „Ehrenamt beim Diakonischen Werk – schön dass es sie gibt“. (siehe Flyer)

„Die Ernte ist groß. Bittet den Herrn der Ernte, dass er Mitarbeitende in seine Ernte sende.“ Vor der Aktion ruft Jesus ins Gebet. Wir brauchen immer wieder einen inneren Ruhepol. Wir brauchen eine Spiritualität, eine persönlich gelebte Frömmigkeit, aus der wir Kraft schöpfen und die unser Engagement für andere trägt. Gönnen Sie sich dafür Zeit. 

3.2
In den letzten Jahren haben Sie an einen Leitbild in der Diakonie gearbeitet. Auch ein Jubiläum ermuntert zur Selbstbesinnung: Wie kann unsere Arbeit noch deutlicher dem Sendungsauftrag Jesu Christi dienen? Verstehen wir uns noch als Mitarbeitende in „seiner Ernte“? In der Gründerzeit machte der Aufbruch der Diakonie damals deutlich, dass zum verkündigten Wort die helfende Tat der Nächstenliebe kommen muss. Heute brauchen wir den Aufbruch, dass wir der helfenden Tat das erkennbare Profil als Verkündigung geben. Denn Jesus sagte: „Geht und verkündigt: Das Himmelreich ist nahe herbei gekommen.“ Viele Menschen hören nicht mehr die Verkündigung der Predigt von der Kanzel. Aber sie erfahren die Verkündigung des Evangeliums in den Arbeitsfeldern der Diakonie. Und sie suchen in der professionellen Hilfe auch etwas für ihren Glauben, der ihr Leben trägt. Sie sehnen sich nach der heilvollen Zuwendung Gottes und der Menschen. Heil werden an Leib und Seele. Dazu gebe Gott der Diakonie seine Vollmacht. 

Ob Ihnen, liebe Mitarbeitende, dies eine fremde oder überfordernde Sicht erscheint? Zu sehr „kirchlich vereinnahmt“? Trotzdem. Ich möchte Sie dafür gewinnen. Was wir in den letzten Jahren funktional und strukturell getrennt haben, das ist bei Jesus immer eine Einheit: Wort und Tat, verkündigen und heilen. Lasst uns diese Einheit zurückgewinnen und in der Diakonie bewusst diesem Sendungsauftrag Jesu Christi dienen: „Geht und verkündigt in Wort und Tat diese Frohbotschaft: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen.“ Gottes rettende Liebe zu allen Menschen. Amen. 

Wilfried Beyhl, Oberkirchenrat

Text: 

(35)Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.
(36)Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. 
(37)Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter.
(38)Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende. 
(1)Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.
(7)Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.


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