Predigt    Matthäus 6/1-4    13. Sonntag nach Trinitatis    09.09.01

"Vergelt's Gott!"
(von Pfrin. Beate Krauß)

Liebe Leser,

Vergelt's Gott! Das ist oft der Dank für eine Gabe. Das hab ich noch deutlich im Ohr, liebe Gemeinde, von meiner Großtante. Immer, wenn einer von uns Kindern ihr etwas Gutes getan hat - ein Stück vom selbstgebackenen Kuchen am Nachmittag gebracht; ihren Einkauf mitgeholt; einen Faden in die Stopfnadel eingefädelt oder etwas hoch oben im Schrank verstaut - hat sie sich so bedankt: Vergelt's Gott! Das war ihre größte und wertvollste Belohnung, die sie vergeben hat. Manches mal hat das ein großes Gefühl ausgelöst, das ich damals nicht so genau hätte beschreiben können. Und manches mal war es ein bisschen peinlich, dass Gott das jetzt anschaut und vergilt.

Heute würde ich sagen, das hat den Horizont zwischen meiner Großtante und mir erweitert. Da wurde aus einer kleinen Hilfsaktion zwischen zweien plötzlich eine dreidimensionale Angelegenheit zwischen mir und ihr und Gott. Eine ganz andere Perspektive kam da ins Spiel: die alte jüdisch-rabbinische und dann christliche Vorstellung von Gott, der mit seiner ausgleichenden Gerechtigkeit dafür sorgt, dass jeder seinen Lohn erhält am Ende der Tage. So wie es unser Bibelwort heute sagt, wenn es vom Lohn im Himmel spricht. Was da einmal vergolten und belohnt wird, auf jeden Fall: offenbar gemacht wird, ist die Echtheit der Liebe in einem Leben: Gott lieben, den Nächsten lieben wie dich selbst. Wie und wo wird das sichtbar im Leben eines frommen Menschen? 

Eine Äußerung der Nächstenliebe ist das Almosen-Geben, Spenden, jemandem Helfen. Aber halt: Geben und Geben ist nicht dasselbe. Der Evangelist überliefert uns in
der Bergpredigt Worte Jesu, die zwei Arten gegenüberstellen. Die falsche Einstellung bei aller Frömmigkeit und Gerechtigkeit, eben auch beim Geben, lässt sich in einem Wort charakterisieren: Heuchler! - wie ein Schauspieler, der etwas vortäuscht, was er gar nicht ist. Ein Schauspieler braucht Publikum. Er muss auf sich aufmerksam machen, seine Wohltagen "ausposaunen". Dieses Sprachbild aus dem Bibelabschnitt hat sich eingeprägt in unseren Sprachgebrauch. Ein Heuchler fragt danach: Was denken die Leute von mir? Was sagen die Nachbarn und Bekannten dazu? Und nimmt das als Motivation, etwas zu tun oder zu lassen. Das Urteil derjenigen, die ihn besser kennen, ist meist ganz klar, wenn es auch nicht häufig offen ausgesprochen wird: So ein scheinheiliger Kerl.

Die bessere Qualität beim Geben liegt für Jesus nicht etwa in der Menge: viel spenden, noch mehr helfen. Sondern ein Hinweis darauf ist dieser Gegensatz zwischen dem offen und verborgen. Zwischen dem nach öffentlicher Anerkennung Gieren und dem, was im Verborgenen bleibt. Die Absicht, das Motiv hinter einer Gabe bleibt im Grunde verborgen. Aber gerade darauf kommt es Jesus an. Es ist die Haltung, die innere Einstellung, das macht den Unterschied für Gott. "Habt acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden." Einer der Ausleger (Ulrich Luz) hat es prägnant zusammengefasst: Eine "menschliche Tat ist nicht schon durch die Übereinstimmung mit Gottes Forderung qualifiziert, sondern durch die Grundrichtung des Herzens". Aus welchen Motiven wir handeln und wohltätig sind, ob wir wirklich von Liebe zum Nächsten bewegt sind, Gott bleibt es nicht verborgen.

Jesus geht in seinen Worten jedenfalls davon aus, dass jemand gibt. Wohltätig ist. Anderen hilft, teilt. In unserer Ich-Gesellschaft ist das nicht selbstverständlich. Jesus geht davon aus bei denen, die ihm zuhören. An Menschen, die ihm nachfolgen, richtet er die Worte. Und dieser Zusatz "die ihm nachfolgen", dieser Zusammenhang ist wichtig. 

Habt acht auf eure Frömmigkeit! warnt er die, die ihm nachfolgen. Wenn ihr versucht, den Willen Gottes zu leben, seid ihr in einer besonderen Gefahr! Den Alten ist gesagt - ich aber sage euch... Kein Tüpfelchen auf dem I eines Gebotes will Jesus ausgelassen wissen. Und bekräftigt: Er will das Gesetz und die Gebote nicht auflösen, sondern erfüllen. Alle Gerechtigkeit soll geschehen. Dazu braucht Jesus Menschen, die ihm nachfolgen, die Gottes Willen tun wollen. Und er fordert seine Nachfolgerinnen und Nachfolger zu ganz außerordentlicher, herausragender Gerechtigkeit auf: Lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Mt 5, 16) und warnt zugleich "Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Pharisäer und Schriftgelehrten, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen." (Mt 5, 20)

Habt acht auf eure Frömmigkeit! Die Frommen sind gescheitert - macht es besser als sie. Warum kommen die Schriftgelehrten denn nicht ins Reich Gottes? Warum hält Jesus sie für gescheitert? Wir müssen da nicht antijüdisch fragen. Für die Schriftgelehrten können wir jede Gruppe von ernsthaft frommen Menschen einsetzen, freikirchliche, pietistische, charismatische und natürlich auch uns selber in unserm Bemühen, es Gott recht zu machen. Die Gefahr besteht in unserer eigenen Anstrengung: schnell stricken wir an unserer selbstgemachten Gerechtigkeit. Gerade der Ruf zum Außerordentlichen, zur besseren Gerechtigkeit birgt eine große Gefahr: Ich bin mein eigener Zuschauer und heuchle vor mir selber, dass ich perfekt und selbstlos bin.

Vielleicht steckt doch noch der Wunsch, mich bei Gott in gutes Licht zu stellen, hinter meiner Hilfe? Bleibt meine Hilfe nicht im letzten egoistisch und auf mich selbst bezogen? 
Es ist schon fast zum Schmunzeln, wie Gottfried Keller in seinem Roman "Der grüne Heinrich" beschreibt, wie skrupulös die Aufforderung Jesu machen kann: "Schon die unmittelbare Rücksicht auf den lieben Gott ist mir gewissermaßen hinderlich und unbequem, wenn sich die natürliche Liebe in mir geltend machen will. Es ist mir begegnet, dass ich einen armen Mann auf der Straße abwies, weil ich, während ich ihm eben etwas geben wollte, zugleich an das Wohlgefallen Gottes dachte und nicht aus Eigennutz handeln mochte. Dann dauerte mich aber der Arme, ich lief zurück; allein während des Zurücklaufens dünkte mich gerade dieses Bedauern wieder zu geziert, ich kehrte nochmals um, bis ich endlich auf den vernünftigen Gedanken kam: Möge dem sein, wie ihm wolle, der arme Mensch müsse jedenfalls zu seiner Sache kommen, das sei die erste Frage!

Manchmal kommt dieser Gedanke aber zu spät und die Gabe bleibt ungegeben. Daher freue ich mich immer, wenn es geschieht, dass ich unbedacht meine Pflicht erfüllt habe und es mir erst nachträglich einfällt, dass das etwas Verdienstliches sein dürfte; ich pflege dann höchst vergnügt ein Schnippchen gegen den Himmel zu schlagen und zu rufen: "Siehst du alter Papa! Nun bin ich dir doch durchgewischt!" .." Gerade die perfekte Gerechtigkeit, erklärt Paulus im Römerbrief, kann als eigene Gerechtigkeit vor Gott Sünde sein. Nein, gerecht sind wir, weil Gott uns von seiner Gerechtigkeit schenkt. Wo wir uns die Gerechtigkeit selber verdienen wollen, versperren wir uns den Zugang. Ebenso heillos ist ein zweiter Weg gerade für Fromme: dass bei aller buchstäblichen Befolgung der Gebote hinter dem Gerecht- und-anständig-Sein der rechte Geist fehlt. So wie es Paulus im Hohelied der Liebe sagt: Wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze. Ohne den rechten Geist dahinter ist alles hohl, alles nur Makulatur, Heuchelei. 

Jesus selber zeigt einen Weg an diesen Gefahren vorbei. Was uns einweist in die richtige Haltung gegenüber Gott, in eine nicht selbst-bezogene Haltung - ist das Gebet. Hier üben wir es, von uns abzusehen, auf Gott zu sehen, unsere Mitmenschen aus diesem Blickwinkel wahrzunehmen. In der Mitte der Bergpredigt, gleich nach unserem Abschnitt übers Geben, wird das deutlich. Das Vater-unser-Gebet lehrt Jesus seine Jünger als entscheidende Mitte, wenn sie Gottes Willen leben wollen und es Gott recht machen möchten.  Wann also geschieht es, andersherum gefragt, dass das Reich Gottes, das Himmelreich schon mitten unter uns ist? Immer dann, wo wir uns schon hineinnehmen lassen in die Sicht Jesu, der uns so sieht, wie wir sein könnten als Erlöste und uns den Weg dahin öffnet: dass ich Gott recht bin als sein Kind. Dass ich von ihm beschenkt bin und frei etwas geben kann. Wo ich auch einen andern Menschen als geliebtes Kind Gottes anschauen kann, nicht bloß als Objekt meiner Hilfstätigkeit. Buchstäbliche Gesetzesbefolgung führt nicht dahin. Besser soll die Gerechtigkeit sein: die Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen wäre darin spürbar. Eine "menschliche Tat ist nicht schon durch die Übereinstimmung mit Gottes Forderung qualifiziert, sondern durch die Grundrichtung des Herzens" (Ulrich Luz).

Geben und Geben ist nicht dasselbe. Jesus stellt eine bessere Praxis vor: Die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte tut. Auch dieser Satz ist sprichwörtlich geworden. Verwendet wird er oft, wo z.B. in einem Betrieb Pannen unterlaufen, weil zu wenig miteinander gesprochen wird. So ist die Aufforderung Jesu sicher nicht gemeint.

Buchstäblich können wir das bessere Beispiel nicht befolgen. Es kann nicht wörtlich gemeint sein: wie soll eine Hand, die kein Gehirn hat, etwas wissen. Beide Hände werden durch das gleiche Hirn gesteuert. Ich bin ja nicht schizophren, dass ich nicht wüsste, was ich selber tue. Eine Metapher, eine Übertragung ist es auf jeden Fall. Phantasie zur Auslegung und erst recht zur Umsetzung werden verlangt. Sollen wir es tatsächlich so verstehen, dass wir ganz unwissend und ganz unreflektiert Gutes tun sollen? Im Märchen von den Sterntalern handelt das arme Mädchen so. Sie gibt alles, was sie hat, weg, sogar ihr letztes Kleid. Und erfährt, dass sie am Ende reich belohnt wird. Sollen wir so geben? Als wüssten wir nichts über die Vielzahl der Spendenbitten, die jeden Tag mit der Post ins Haus flattern. Das ist uferlos, die Kraft einer einzelnen begrenzt. Ehrlich gesagt, auch die Theologen sind ein wenig hilflos. Vielleicht haben wir zu wenig Phantasie? Sie schwächen es ab: Es ist eine sprachliche Übertreibung! So wie auch nicht in Wirklichkeit Posaunenspieler durch die Gassen gelaufen sind, um die Spenden von Schriftgelehrten abzukündigen. Auch das ist eine sprachliche Zuspitzung, die den Kern der Sache bloßlegt. Belegt ist lediglich die Praxis, dass in der Synagoge von einzelnen hohe Spenden versprochen wurden. Und dann durften die Wohltäter auf einem Ehrenplatz sitzen. Lapidar heißt eine Auslegung: Auch der allernächste Vertraute muss es nicht wissen. Hilfe kann im verborgenen geschehen, braucht keine Zuschauer. So lapidar und nüchtern der phantasieanregende Satz dann zurechtgestutzt wird, möchte ich doch in jeder Hand etwas festhalten:

Vielleicht mit der linken, die näher am Herzen ist, dies: In der besseren Gerechtigkeit wäre die Liebe zu spüren. Dafür muss ich im Grunde den oder die, die die Hilfe erhalten, als Mensch im Blick haben, so wie in einer Begegnung zwischen einer Jugendlichen und ihrer Großtante. Als Mensch achten. Und ihm auch durch die Hilfe seine Menschenwürde behalten. In alten rabbinischen Kommentaren heißt es: Die Gabe soll so gegeben werden, dass es den Empfänger nicht beschämt. Auch das verlangt oft Phantasie und immer wieder den Blick auf den anderen in seiner Lebenswirklichkeit. Unsere Sammlung "Brot für die Welt" dokumentiert für ihre Projekte solche Liebe und Sorgfalt. Sie können es jährlich im Bericht nachlesen. Wie soll ich einen im Blick haben, wenn der Empfänger meiner Spende unbekannt ist? Z.B. Bei unserer Aktion "Weihnachten im Schuhkarton", wo wir auch in diesem Jahr in Tauperlitz als Sammelstelle wieder Geschenke für Kinder in den Ländern des ehemaligen Ostblocks sammeln. Da spiegelt eine Bitte die Liebe wider, in der das Geschenk gemacht werden soll. Wir bitten, dass der Inhalt des Schuhkartons neue oder neuwertige Gaben sein sollen. Wir wollen keinen abgenutzten Wohlstandsmüll, den wir selber nicht brauchen können, als gute Gabe deklarieren. Und ein Kind beschämen, statt erfreuen. Ein Messpegel für die Liebe wäre die Frage: Würde ich das auch meinem Kind oder Enkelkind gerne schenken? In der linken Hand behalte ich also: In der besseren Gerechtigkeit wäre die Liebe zu spüren.

Und in der rechten Hand halte ich dies: Hilfe ist und bleibt eine Sache zwischen zweien: da ist einer oder eine, der oder die Hilfe braucht und einer oder eine, der oder die Hilfe geben kann. Es ist die Krankheit von uns Fernsehguckern und Zeitungsleserinnen, die Zuschauer immer gleich mitzudenken. Hilfe geschieht im unmittelbaren Handeln, so wie Kinder einfach drin sind in einer Handlung, ohne an die Zuschauer zu denken und schon wieder von ihnen her, von außen auf die Situation zu schauen. Hilfe ist eine Sache zwischen zweien und hat doch eine dritte Dimension: Wohltätigkeit geschieht vor Gott allein, der im jüngsten Gericht Taten offenbar machen wird, gute und schlechte.

"Vergelt's Gott" - Sicher bleibt das in vielen Fällen die einzige Antwort auf eine Hilfe. Von Gegenseitigkeit kann keine Rede sein. Von Lohn in der Hand auch nicht. Vergelt's Gott - das ist Dankeschön, Gebet und Segenswunsch in einem. Und macht deutlich: Liebe lohnt sich.

Pfrin. Beate Krauß

Text: 

(1)Habt acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.
(2)Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 
(3)Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut,
 (4)damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.


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