Predigt    Markus 16/9-20    Quasimodogeniti    22.04.01

"Warum das Evangelium weitergeschrieben wurde"
(von Pfr. Arne Langbein)

Liebe Leser,

stellt euch vor, wir wollten ein wenig deutsche Geschichte treiben und alle Bücher, die uns dazu helfen könnten, endeten im Frühsommer 1945, als das Hitlerregime und alle die, die ihm folgten in die Knie gezwungen sind! Was würden wir dann lesen, am Ende dieses Geschichtsbuches? Das alles mögliche zerstört war, dass viele, viel zu viele Menschen gestorben waren, dass das Judentum in Deutschland und in Osteuropa fast nicht mehr existierte und das vor allem eines regierte: die Angst vor den Siegern und die Angst vor einer ungewissen Zukunft. 

Sicher werden wir auch von einigen lesen, die glücklich sind, dass der braune Spuk nun vorbei ist, aber das Hauptthema eines solchen Geschichtsbuches wird die Ungewissheit sein. Wäre dies aber die ganze Geschichte bis zum heutigen Tag? Könnten wir uns damit zufrieden geben? 

Ich glaube, irgendwann hätte sich von selber jemand hingesetzt und geschrieben, all das aufgeschrieben, was jetzt kam im positiven, an neuem Guten, an neuer Hoffnung und neuer Zukunft. Sicher hätte dieser Jemand auch das erwähnt, was weiterhin schrecklich war - die Teilung Deutschlands mit ihren Auswirkungen in der sogenannten DDR, den Einzug des auch nicht immer menschenfreundlichen Kapitalismus in der Bundesrepublik, die Aufrüstung, und was es für Christenmenschen sonst an Unschönem in unserem Land gibt - aber er hätte zumindest weitergeschrieben an der Geschichte, die ja mit 1945 nicht endet. Wozu diese Einführung?

Nun, unser Predigttext ist heute der sogenannte „unechte Markusschluss“, das steht auch in Eurer und Ihrer Bibel. Denn ursprünglich endete das Markusevangelium mit Kap. 16,8, wo es von den Frauen, denen der Engel die Auferstehung Jesus sagte, heißt: „Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich.“

Dies mochte dem Autor Markus für sein Evangelium genügen. Er hatte alles über Jesus gesagt, was er sagen wollte. Aber hundert Jahre später schien das den Menschen, die das Markusevangelium lesen konnten, nicht mehr zu genügen, Und deshalb hat’s einer weitergeschrieben unter gleichem Namen. Für unser heutiges Verständnis von Copyright eine ungeheuerliche Tatsache! Nichts neues schreibt er  - das, was aus den anderen Evangelien schon bekannt war....dass Jesus seinen Jüngern erschien, den zweien, die nach Emmaus gegangen waren, die Geschichte vom ungläubigen Thomas ist ihm auch bekannt. Er schreibt die Vergangenheit weiter. 

Er notiert alles, was ihm selber begegnet ist und legt es in den Mund des Herrn: Alles was Jesus hier für die Zukunft sagt, haben die Christinnen und Christen in den hundert Jahren nach der Auferstehung tatsächlich erfahren, sonst hätte es wohl auch niemand weiter erzählt: da wurden böse Geister ausgetrieben; Schlangen hochgehoben; Giftige Tränke ohne Schaden getrunken; Kranken ging’s besser, wenn ihnen die Hände aufgelegt wurden. 

Ja, das Evangelium wird weitergeschrieben. Allerdings genauso realistisch, wie wir die Geschichte Deutschlands zu schreiben hätten, wenn sie’s nicht schon gäbe. Denn auch hier gibt es viel Unheil neben allem Aufbruch und Neuanfang. So wie es bei aller Demokratie und sozialer Marktwirtschaft notorisch Nationale und Verlierer des Systems gibt, so gibt es in der Welt nach der Auferstehung Jesu nach wie vor Unheilbringendes: böse Geister spuken eben hier und da herum; in jedem Dorf, in das man geht, die gute Nachricht auszubreiten, kann eben unter dem nächstbesten Stein eine Schlange liegen - und wer weiß, was ihm hier und da zu trinken angeboten wird? Auch kann man morgens noch pumperlgesund sein und abends liegt man krank im Bett. Aber vieles von dem konnte bewältigt werden, wie es heißt, weil „der Herr mit ihnen war und das Wort bekräftigt hat durch die mitfolgenden Zeichen“. 

Dies war dem Schreiber dieses Markusschlussteils sehr wichtig für seine Leser. Es war für ihn Predigt dessen, was das ganze Markusevangelium sagen wollte: der Messias, der leidende Gerechte Jesus von Nazaret, ist tatsächlich für die Vielen gestorben und von Gott auferweckt worden und jetzt tatsächlich bei ihnen. Das muss noch nicht die ganze Welt verändern, aber es hilft, in ihr leichter zu leben.

So soll auch das nicht anstößig werden, was manche Menschen heute als zu drastisch empfinden, wenn es heißt: wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden, wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. Das heißt nichts anderes als: der, der Jesus dem Christus vertraut, ist nicht allein gelassen, im Kontakt mit allen möglichen bösen Geistern, Schlangen und Giftmischereien. Er hat die Hoffnung: mit Jesus dem Christus wird er dies alles überstehen. Denn der Christus hat sich als der gezeigt, der letztendlich der stärkere ist. Wer nun nicht glaubt, der hat diesen Beistand nicht, den das Johannesevangelium bspw. den Tröster nennt. Er ist auf sich gestellt, er muss alleine durch diese Welt laufen, ist gezwungen, sich selbst der Nächste zu sein. Und das nennt die Bibel eben Verdammnis

Nun heißt dieser Text: „unechter“ Schluss des Markus-Evangeliums. Und das ist eigentlich trefflich gewählt: denn das Evangelium ist ja noch nicht zuende! Übertragen wir böse Geister, Schlangen und giftige Tränke symbolisch in unsere Welt, erfahren auch wir hier den Beistand des Herrn. Auch unsere Welt ist bedroht und wir sind es auch, aber wir können etwas ausrichten: bösen Geistern menschenverachtender Gedanken entgegentreten, mit giftigen Schlangen, sprich Menschen, die uns nicht gut tun, trotzdem umgehen im Geiste Christi und wir können so manches Gifttränklein unbeschadet trinken, wenn uns gottlose Ansichten in dieser Welt vernichten wollen.

Den Beistand des Herrn brauchen wir auch heute, bei dem, was dieser Markusschluss ebenfalls deutlich anspricht: Bei unserem Zweifeln, bei unserem Unglauben. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir an Gott glauben in dieser Zeit, es ist auch nicht klar, dass wir von morgens bis abends den auferstandenen Herrn an unserer Seite erfahren. Und wer dies tut und dies als Kriterium wahren Glaubens hinstellt, sollte sich fragen, ob er sich nicht schon einen kleinen Götzen geschaffen hat, den er da verehrt. Den Zweifel gibt es damals wie heute. Die Angst vorm Alleinsein auch. Aber es gibt eben auch den, der uns manchmal sanft rügt und uns auf neue Wege weißt, ihn in dieser Zeit zu erfahren.

Das ist frohe Botschaft, das ist Evangelium nach Ostern. Gehen wir gestärkt von diesen Worten in die neue Zeit im Vertrauen auf diesen Herrn Jesus Christus. Damit das Buch des Evangeliums noch möglichst lange weitergeschrieben werden kann – denn das Evangelium ist verlässlich und bringt Leben und es ist das einzige.

Ein Evangelium der Autokonzerne ist für einige Zeit vielleicht hilfreich, aber es ist nicht so kräftig, dass es auf Dauer lebensdienlich ist. Und was ist schlimmer? Augenblicklich vielleicht das Nichtzustandekommen von Standortverhandlungen. Aber: was wäre, wenn Jesus der Auferstandene nicht in unserer Gegend wirken und dabei sein würde?

(unter Verwendung einiger Aspekte von Prof. Dr. Klaus-Peter Hertzsch, Jena, in: Pastoral-Theologie 2001/2, Göttinger Predigtmeditationen, S. 213-218)

Pfarrer Arne Langbein

Text: 

(9)Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria von Magdala, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte.
(10)Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren und Leid trugen und weinten.
(11)Und als diese hörten, dass er lebe und sei ihr erschienen, glaubten sie es nicht.
(12)Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie über Land gingen. 
(13)Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht.
(14)Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen.
(15)Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur.
(16)Wer da  glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.
(17)Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: in meinem Namen werden sie böse Geister austreiben, in neuen Zungen reden,
(18)Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird's ihnen nicht schaden; auf Kranke werden sie die Hände legen, so wird's besser mit ihnen werden.
(19)Nachdem der Herr Jesus mit ihnen geredet hatte, wurde er aufgehoben gen Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes.
(20)Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.*

*Nach den ältesten Textzeugen endet das Markusevangelium mit Vers 8. Die Verse 9-20 sind im 2. Jahrhundert hinzugefügt worden.


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