Predigt    Markus 10/35-45     Judika (5. Sonntag der Passionszeit)     06.04.03

Werdet nicht der Menschen Knechte
(von Pfr. Johannes Taig, Hospitalkirche Hof)

Liebe Leser,

als Rabbi Mosche Löb von Sasow gestorben war, sprach er zu sich: „Nun bin ich aller Gebote ledig geworden. Womit kann ich jetzt noch Gottes Willen tun?“ Er bedachte sich: „Sicher ist es Gottes Wille, dass ich für meine unzähligen Sünden Strafe empfange!“ Sogleich lief er mit seiner ganzen Kraft und sprang in die Hölle. Darüber gab’s im Himmel große Unruhe und bald bekam der Höllenfürst einen Erlass: Solange der Rabbi von Sasow dort ist, soll das Feuer ruhn. Der Fürst bat den Zadik (Heiligen), sich nach dem Paradies hinwegzubegeben, denn hier sei nicht sein Platz; es gehe nicht an, dass die Hölle seinetwegen feiere. „Ist dem so“, sagte Mosche Löb, „dann rühre ich mich nicht weg, bis alle Seelen mitgehen dürfen. Auf Erden habe ich mich mit der Auslösung Gefangener abgegeben, da werde ich doch diese Menge da nicht im Kerker leiden lassen!“ Und er soll es durchgesetzt haben. (Martin Buber, in „Die Blumen des Blinden“, Graf, Lore (Hrsg.), Kaiser, 1983, S. 110)

Wie unser Herr Jesus Christus! Eine schöne Geschichte um zu verdeutlichen, was der Christus mit dem „Lösegeld für viele“ meint. Sein Kreuz ist keine billige Angelegenheit und so geht es in unserer heutigen Geschichte denn auch nicht um die christliche Bescheidenheit. „Ihr seid teuer erkauft“, ruft der Apostel Paulus den Nachfolgern des Christus zu, „werdet nicht der Menschen Knechte“. (1. Korinther 7/23)

Rufen wir uns deshalb erst einmal ins Bewusstsein, dass Gott zum Dienst der Liebe für uns und diese Welt sein Bestes nicht zu schade ist. Im Dienst Gottes für die Welt steckt sein Ein und Alles, seine Herrlichkeit und Macht, seine Weisheit und sein ewiges Wort. Gottes Dienst für die Welt ist Aufgabe und Ausdruck seiner Hoheit und Herrschaft. Das ist sein Wille. Gott regiert mit der Macht seiner Liebe. Lassen wir deshalb nicht zu, dass sich in die Rede vom Dienen und vom Dienst in der Kirche Jesu Christi der falsche Ton der Ermäßigung einschleicht. Dienst im christlichen Sinne ist Nachfolge und Anteilhabe am Dienen des Gekreuzigten, in dem Gott alles, ja sich selber gibt zum Heil der Welt.

Es ist nicht neu, dass solcher Dienst nicht plausibel ist; dass sich Gottes Dienst für die Welt nicht von selbst versteht. „Haudraufundschluss“ das leuchtet uns ein, seit unser Urahn den ersten Knochen gegen seinesgleichen erhob. Und so sind die Stühle, die Jakobus und Johannes so verlockend finden, denn auch die Stühle des Letzten Gerichts. Seien wir froh, dass der Christus dort keine Plätze links und rechts neben sich duldet, dass wir nicht offenbar werden müssen vor den Richterstühlen des Jakobus und des Johannes, sondern vor dem Richterstuhl Christi (2.Korinther 5/10), der sein Leben gab zum Dienst und als Lösegeld für viele.

Dort sitzt der, der sanftmütig und von Herzen demütig ist (Matthäus 11/29) und eben deshalb nach dem Willen seines himmlischen Vaters zum Pantokrator, zum Herrscher des Universums, bestimmt wird. Der weist seine Jünger in den Dienst ein und stellt ihnen doch gleichzeitig vor Augen, was sie Gott wert sind.

Hier darf es keinen falschen Ton der Ermäßigung geben, nicht im Hinblick auf den Christus und sein Evangelium und ebenso wenig im Hinblick auf die, die er in seinen Dienst ruft. In der vergangenen Woche tagte die Synode der Bayerischen Landeskirche. Die Finanzlage ist schlecht. 1200 Stellen sollen bayernweit in kirchlichen Diensten gestrichen werden. Gemeinden werden auch in unserem Dekanat in Zukunft keinen Pfarrer mehr haben. Die könnten, so die Präsidentin der Synode, in Zukunft auch von einem ehrenamtlichen Prädikanten geleitet werden. Es wird wohl gar nicht anderes übrig bleiben. Weil ja auch bei den Gemeindegliedern in unseren wirtschaftlichen Notzeiten alles nach Ermäßigung schreit und die Frage, was einem die Kirche noch wert ist, der Mediamarktmann beantwortet. Wo sind die, die heute, wo wir von echter Not so weit entfernt sind, wie der Krieg im Irak von unseren Fernsehsesseln, sich besinnen und die Probleme unserer Kirche mit Würde und Augenmaß tragen?

Mit Würde und Augenmaß tragen, statt die Kirche und die Ihren in die falsche Knechtschaft einer Dienstleistungskirche hineinzuführen, die sich allerorten anbiedert und verzweifelt versucht ihre Nützlichkeit nachzuweisen? Die sich und die Ihren zu Knechten macht des Zeitgeistes, der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse und ihrer vermeintlichen Kunden? Wie tief werden wir in Zukunft noch kriechen müssen für Fundraising und Mitgliederwerbung? In so manchen Papieren zur Entwicklung der Kirche taucht das Evangelium nur noch in der Präambel auf, oder wird gleich als selbstverständlich vorausgesetzt. Verschämt wird es vorgezeigt, wie ein abgegriffener Mitgliederausweis für einen Verein, der seine besten Zeiten längst hinter sich hat und für den man heute nirgends mehr Rabatt oder Bonusmeilen bekommt.

Wie elend und abgerissen muss unsere geistliche Kleidung noch werden, bevor wir uns wieder besinnen, wie es bei uns eigentlich ist. Wie es in der Welt ist, sollten wir wissen. Aber so ist es bei euch nicht. Ist, sagt Jesus, weil Nachfolge Jesu Teilhabe an seinem Dienst für die Welt ist oder in jedem anderen Fall der Knechtschaft dieser Welt verfällt. Wer sich zum Erfolg verdammt, wird blind und taub für das Evangelium. Erst wird es verflachen und sich dann verflüchtigen. Das ist der letzte Aggregatszustand des Evangeliums in einer Kirche des Erfolgs.

Das muss so sein, weil der Dienst des Christus für die Welt nicht plausibel und selbstverständlich ist; weil sein Kreuz nach der Weisheit dieser Welt ein Zeichen des Misserfolgs und des Scheiterns ist, und weil es deshalb ehr unwahrscheinlich ist, dass die Aktien des Evangeliums hoch im Kurs stehen. Müssen wir uns dann wundern, wenn wir uns als Kirche oder in unserem ganz persönlichen Leben immer wieder einmal unter dem Kreuz unseres Herrn wieder finden? Panik kann schon aufkommen beim Blick nach oben auf die nackte Gestalt des Elends zwischen Himmel und Erde. Ja, ihr werdet den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde, sagt Jesus. Aber ihr werden euch dann in meinem Dienst für euch wieder finden, in der höchsten Wertschätzung, die es für euch überhaupt geben kann: In der Wertschätzung Gottes. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Darin liegt die Antwort auf die Frage, die auch in Jakobus und Johannes wuchert: Was hat man davon, ein Nachfolger und Jünger Jesu zu sein? Nicht den Stuhl des letzten oder vorletzten Gerichts - Gott sei Dank - aber die ungeteilte Liebe und Güte Gottes! Wer von ihr lebt, ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan, wie Luther formuliert hat, und ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan (Luther: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“). "Kirche für andere" kann nur eine Kirche sein, die ganz bei ihrem Herr Jesus Christus ist.

Pfarrer Johannes Taig    (Hospitalkirche Hof)
(weitere Predigten von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv  unter  www.kanzelgruss.de)

Text: 

(35)Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden.
(36)Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue?
(37)Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.
(38)Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?
(39)Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde;
(40)zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.
(41)Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.
(42)Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.
(43)Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;
(44)und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.
(45)Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.


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