Predigt    Markus 8,22-26    12. Sonntag nach Trinitatis    02.09.01

"... genau hinschauen!"
(von Pfr.Stephan Müller, Dreieinigkeit)

Liebe Leser,

blind sein, Nichts sehen können, stelle ich mir furchtbar vor. Alles um mich herum ist dunkel und bleibt auch dunkel, wenn ich die Augen öffne. Nur finstere Nacht um mich herum. 

Menschen, die unter körperlicher Blindheit leiden, haben gelernt mit dieser Beeinträchtigung ihres Lebens zurecht zukommen. Und ich denke mir, dass das gerade in unserer Zeit, die doch sehr stark von visuellen Reizen geprägt ist, sehr schwer ist. Darum kann ich diese Menschen nur bewundern. Blindheit als Krankheit. Das ist die eine Form von Blindheit. 

Die andere Form betrifft meist uns Menschen, die sehen können, aber doch „blind“ sind.  Zum besseren Verständnis habe ich Ihnen heute morgen ein Bild mitgebracht. (Blatt hochhalten) Für diejenigen, die es aus der Ferne nicht erkennen können. Es ist eine Graphik mit lauter roten Rosen. 

So sieht es auf den ersten Blick aus. Doch es ist ein besonderes Bild. Ein sogenanntes 3D-Illusionsbild mit dem Titel: „Liebe“ aus dem Buch „Das magische Auge“ von Tom Baccei. Der Titel des Buches verrät schon, dass man dieses Bild nur dann vollständig und richtig durchschaut, wenn man genauer hinsieht. Ansonsten bleibt einem das eigentliche Bild verborgen. Man ist blind für das Bild. Man sieht sozusagen das Bild vor lauter Rosen nicht.

Als meine Familie und ich unter der Woche bei uns daheim auf der Terrasse dieses Bild betrachtet haben, kam noch etwas anderes dazu. Um das eigentliche Bild in 3D zu sehen, bedarf es neben dem genauen Hinschauen auch noch der Geduld. Man muss warten können bis die richtige Entfernung zwischen Bild und Auge erreicht ist und das Auge sich auf das eigentliche Bild eingestellt hat. Es geht nicht so schnell, wie wir es gerne wollen. Man muss warten können. Hat man die nötige Geduld und schaut intensiv hin, dann erkennt man: In der Mitte, mitten aus den vielen roten Rosen hebt sich ein großes Herz ab. Ein Herz als Zeichen der Liebe und Zuwendung unter den Menschen. Bleibt das Bild auch nach mehreren Versuchen trotzdem nur eindimensional, dann sieht man das eigentliche Bild nicht. Obwohl man doch sehen kann.

Das ist die Form von Blindheit, die uns oft im übertragenen Sinn am eigenen Leib begegnet. Wir sind oft blind für Dinge, die eigentlich, manchmal ganz offensichtlich vor unseren Augen sind. Doch wir können sie nicht sehen oder übersehen sie. Oder wie Matthias Claudius in seinem schönen und berühmten Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ dichtet: Seht ihr den Mond dort stehen. Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und klar. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn. (EG 482,Vers 3)

Der Evangelist Markus nimmt beide Formen auf

Die Geschichte aus dem Markusevangelium nimmt beide Formen der Blindheit auf. Vordergründig erzählt sie die Geschichte eines Mannes, der erblindet ist. Dieser kommt durch das Eingreifen anderer Menschen mit Jesus in Kontakt und wird von ihm geheilt. 

Im größeren Kontext aber, stellt diese Geschichte für Markus ein Beispiel für die Blindheit der Jünger dar. Sie erleben mit Jesus Tag für Tag Beweise seiner Macht. Aber sie erkennen ihn nicht wirklich. Markus erzählt im Vorfeld unserer Geschichte, wie Jesus mehrere Tausend Menschen mit ein paar Broten und Fischen satt macht und die Jünger denken am nächsten Abend wieder nur daran, dass sie nichts zu essen eingekauft haben.

Doch ebenso wie dem Mann in der Geschichte die Augen schrittweise geöffnet werden, gehen auch den Jüngern schrittweise die Augen auf. Und sie erkennen, wer Jesus ist. Denn nach unserer Geschichte fragt Jesus sie: „Wer sagen die Leute, dass ich sei?“ Und die Jünger zählen auf, was sie an Meinungen über Jesus gehört haben. Von Elia ist da die Rede, von Johannes dem Täufer. Andere halten ihn für einen Propheten und anderes mehr. Dann auf die direkte Frage: „Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei?“ erklärt Petrus: „Du bist der Messias“  Hier kommt zum ersten Mal deutlich zum Ausdruck: Mindestens ein Jünger hat begriffen, wer Jesus wirklich ist. Petrus bekennt sich zu ihm. 

Das auch diese Erkenntnis, dieses Glaubensbekenntnis nicht davor schützt, wieder vergessen zu werden, zeigt der Fortgang des Markusevangeliums. Die Jünger sind durch das Erleben der Blindenheilung und der anderen Heilungen ein gutes Stück im Glauben gefestigt worden. Aber es ist wie bei der Heilung selbst. Es bedarf weiterer Schritte. Trotz des Bekenntnisses des Petrus sind seine Augen erst nach Ostern, nach Tod und Auferstehung fähig die ganze Bedeutung Jesu zu erfassen.

Es ist wie bei dem Bild. Man muss genau hinschauen und man muss Geduld haben, sich Zeit lassen, damit der Glaube an Jesus wachsen und immer fester werden kann. Manchmal haben wir das Gefühl unser Glaube könnte Berge versetzen, aber manchmal ist es auch ganz anders. Wenn Zweifel und Sorgen uns quälen und wir verunsichert sind. Es geht uns dann wie dem Blinden, der auf Jesu Frage: „Was siehst du?“ antworten muss: „Ich sehe die Menschen, als sähe ich Bäume umhergehen!“. Es bleibt trotz besserem Wissen alles noch undeutlich und verschwommen. Man übersieht das eigentliche, obwohl es direkt vor Augen steht. 

Doch und das ist das Schöne an dieser Geschichte von der Heilung des blinden Mannes: Jesus sagt nicht: „Sei froh, dass du wenigstens verschwommen siehst. Vorher warst du ja ganz blind.“ Nein, Jesus legt ihm ein zweites Mal seine Hände auf die Augen und bringt ihn ganz zurecht. Er macht ihn ganz heil. Heil an Leib und Seele. Für mich bedeutet das, dass auch ich in meiner Beziehung mit Jesus immer wieder Momente erleben darf, in denen ich seine Nähe und Hilfe auch körperlich spüre. In denen ich merke er ist da. Und in denen ich bekennen kann: Ich sehe wieder etwas deutlicher, welche Bedeutung Jesus für mich und für mein Leben hat. 

Ich weiß aber auch, dass ich noch nicht das Ende des Weges mit ihm erreicht habe. Denn dieses Spüren seiner Nähe ist nicht von Dauer. Es ist eine Momentaufnahme, die gut tut, aber schon bald im Alltag wieder verloren gehen kann. Doch dann darf ich mir sicher sein, dass auch ich von ihm wieder die Hand aufgelegt bekomme und ganz zurecht gebracht werde. Vielleicht nicht so, wie ich es mir vorstelle, aber doch so, dass ich sicher sein kann: Jesus meint es gut mit mir.

Die Bedeutung des Speichels

Im übertragenen Sinn gewinnt der Speichel oder wie wir sagen die Spucke für mich hier an dieser Stelle eine herausgehobene Bedeutung. In der Geschichte selbst wird sie als Heilmittel, als Medikament zur Heilung eingesetzt. Lasse ich meine Gedanken an dieser Stelle schweifen, kommen mir noch ganz andere Dinge in den Sinn. Die Spucke hatte im Altertum eine zweifache Bedeutung. Einmal, die positive: sie galt wie hier in unserer Geschichte als Medikament. Und die andere, die negative: Jemanden anspuken, war und ist auch heute noch ein Ausdruck von höchster Verachtung.

Gerade der letzte Aspekt ist für uns heute von Bedeutung. Jemanden anders Spucke ins Gesicht zu tun, erweckt in uns unangenehme, vielleicht auch eklige Gefühle. Ob auch der Blinde sich geekelt hat, bleibt uns verborgen. In jedem Fall hat er diese Handlung mit der Spucke über sich geschehen lassen. Damit wird diese Handlung für mich ein Sinnbild für unser Leben. In unserem Leben läuft nicht immer alles glatt und rund. Oft fragen wir uns warum muss etwas so sein und kann nicht ganz anders sein. Fragen an Gott nach dem Warum? bleiben ohne direkte Antwort. Doch indem der Blinde auch das Unangenehme annimmt, kann er wieder ganz gesund werden. Zu unserem Weg mit Jesus gehört es darum auch, dass wir das Annehmen, was uns in unserem Leben als unangenehm erscheint. Auf das wir lieber verzichten würden. 

Denn es gilt auch hier: Nehmen wir auch das Unangenehme aus Gottes Hand, so dürfen wir sicher sein, dass Jesus, nicht locker lässt und uns schon gar nicht uns allein lässt auf unserem Lebensweg. Er bleibt bei uns, wie bei dem blinden Mann und hilft uns auf unserem Lebensweg immer wieder ein gutes Stück weiter. Bis wir am Ende erkennen und bekennen können: Jesus hat es gut gemacht. Oder wie es der Apostel Paulus im 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes schreibt:  „Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“

(Pfr. Stephan Müller, Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

(22)Und sie kamen nach Betsaida. Und sie brachten zu ihm einen Blinden und baten ihn, dass er ihn anrühre.
(23)Und er nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn hinaus vor das Dorf, tat Speichel auf seine Augen, legte seine Hände auf ihn und fragte ihn: Siehst du etwas?
(24)Und er sah auf und sprach: Ich sehe die Menschen, als sähe ich Bäume umhergehen.
(25)Danach legte er abermals die Hände auf seine Augen. Da sah er deutlich und wurde wieder zurechtgebracht, so dass er alles scharf sehen konnte.
(26)Und er schickte ihn heim und sprach: Geh nicht hinein in das Dorf!


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