Predigt Lukas 19,41-48 9. Sonntag nach Trinitatis 12.08.01
"Bitte (nicht)
stören!"
(von Pfarrer
Martin Adel, Dreieinigkeitskirche Hof)
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Liebe Leser, (Schild aufhängen: Vorderseite – Bitte nicht stören Sie kennen dieses Schild. Sie kennen diese Gefühl. Bitte nicht stören – ich will meine Ruhe haben. Ich will jetzt nicht gestört werden. Manchmal platzt es aus einem heraus: Lasst mich endlich in Ruh! Egal, ob es die Kinder sind, die Kollegen oder die Verwandtschaft beim Familientreffen. Kann man hier nicht einmal fünf Minuten in Ruhe gelassen werden? Wir kennen dieses Gefühl. Bitte nicht stören – wir haben schlecht geschlafen und genau an dem Tag fangen die Bauarbeiten am Nachbarhaus an. Bitte nicht stören – wir wollen in den Urlaub fahren und schon beim Packen gibt es den ersten Streit und die ganze Vorfreude ist dahin. Bitte nicht stören – der Urlaub ist verregnet, die Betten zu weich und der Verkehr zu laut. Bitte nicht stören – wenn wir nur nicht so viele Arbeitslose hätten, könnten wir eigentlich recht gut leben. Doch die Gewerkschaften, die Unternehmer, die Börse, die Politiker, die Kirchen oder was auch immer stören immer wieder den Frieden. Bitte nicht stören – da hat man sich endlich alles so schön zurechtgelegt, die Kinder könnten eigentlich und die Frau auch, aber ... und mit aller Gewalt versucht man jede Störung zu unterbinden. Bitte nicht stören – ein verständlicher Wunsch, wenn die Nerven eh schon angespannt sind und gereizt. Minutiös soll alles nach Plan laufen, nach meinem Plan. Immerhin heißt es doch: „Der Mensch denkt.“ Logisch, wer möchte schon gerne gestört werden – denn Störungen sind immer unangenehm. Sie bringen das Gewohnte durcheinander. Sie bringen Aufregung und man muss irgendwie reagieren, handeln. Man wird genötigt, etwas zu tun. Wenn die Skinheads aufmarschieren, muss ich Stellung beziehen; ob ich gerade will oder nicht – das Gewohnte wird durchbrochen. Veränderung ist angesagt. Da nützt mir auch mein Schild nichts: Bitte nicht stören. Unser heutiger Predigttext spricht auch von einer solchen Störung. Einer Störung zum Frieden hin, doch die Menschen haben es als Unfrieden erlebt und nach kurzer Zeit wieder für Ruhe gesorgt. Bitte nicht stören! Lk 19,41-48 (Zürcher) Wann passt es mir, dass Gott mich anspricht? Mitten im Sommer so ein schwieriger Text. Jesus weint über Israel, dabei scheint draußen die Sonne und ich freue mich auf meinen Urlaub. Sollten wir lieber etwas gefälligeres nehmen, luftig, leicht und unbeschwert: Nicht die Talente und auch nicht vom Ausreißen und weinen. Das stört meine Stimmung, das betrübt meine Seele. Bitte nicht stören – auch du, mein Gott. Ich mache Urlaub. Doch ich frage mich: Wann passt es mir schon, dass Gott mich anspricht? Wann passt es uns, dass Gott mit uns spricht. Das war zu Jesu Lebzeiten nicht anders. Die meisten Menschen hatten auch keine Zeit und keinen Nerv für Gott. Man hatte sein System, seine Ordnung und da brachte so einer, wie der, nur Unruhe rein. Weder war er der glorreiche Befreier noch der ein Vertreter der altüberkommenen Lehre. Da, wo sich alle eingerichtet hatten, störte er: anmaßend, gotteslästerlich, provokant. Er störte den inneren Frieden – und wir sollten aufpassen: Das waren fromme Leute und sehr gläubig, die das sagten. Doch er passte nicht ins Bild und darum hat man ihn hinausgeworfen und an die Tür das Schild gehängt: Bitte nicht stören. „Und als er näher kam und die Stadt sah, weinte er über sie und sprach: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was zu deinem Frieden dient!“ Aber wann passt schon Gott in mein Leben? Wann passt es mir, dass Gott mich anspricht? Da bringt mir meine Tochter eine Blume an den Schreibtisch und ich sag: „Schön. Aber lass mich jetzt arbeiten.“ Da sitz ich gemütlich am Frühstück und werde zu Viessmann gerufen, weil zwei Arbeiter tödlich verunglückt sind. Da will ich mich gerade wieder einmal über die Schlechtigkeit der Welt auslassen und bekomme nicht mit, dass die Mauer fällt, in Frieden und der andere mein Nachbar wird – Herzlich willkommen – und ich muss neu beginnen. Hör ich da ein: Bitte nicht stören? „Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was zu deinem Frieden dient!“ Doch oftmals wissen wir es schon längst im Voraus, was zu unserem Frieden dient. Und dann gehen wir in die Luft, wenn einer auch noch den Finger in die Wunde legt. Manchmal scheint es durch, da, wo uns bewusst wird, wie es Frieden werden könnte. Wir ahnen es – nicht vordergründig, sondern da, ganz innen. Und dann wäre es an der Zeit, dass ich mich mit meinem Partner, meinen Kindern, meine Nachbarn oder Arbeitskollegen zusammentue, um gemeinsam dem "Nach - zudenken", was unserem Frieden dient. „Bitte nicht stören“ – ich kann es bildlich vor mir sehen, wie Jesus über Jerusalem weint. Wie er weint über mich, über dich, über unsere Herzenshärtigkeit, über das, wie wir mit uns selbst umgehen und mit unserem Nächsten. Verrannt in unser eigenes Konzept und dann mit dem Kopf gegen die Wand. Schöne, heile Welt. Oder schöne, schreckliche Welt. Schwarz-weiß jedenfalls und Hauptsache, es passt in mein Bild. Wie lange braucht es, bis wir Gottes Hilfe annehmen; bis wir bereit sind, das Schild umzudrehen und zu sagen: „Bitte stören.“ (Schild umdrehen: Rückseite – bitte stören!) Bitte stören, du mein Gott. Rüttle mich wach! Mach Schluss mit meiner Welt, die ich mir so schön zurecht gebaut habe, ob als gute oder als schlechte Welt. Schmeiß die Bilder hinaus, an die ich meine Seele verkauft habe und ich selbst zur Räuberhöhle werde, die ausgrenzt und abgrenzt. Bitte stören, damit dein Friede einkehre. Vielleicht ist gerade die Urlaubszeit dafür die richtige Zeit, dass wir uns stören lassen; ohne gleich wieder Angst zu haben, dass ich etwas verpassen könnte oder nicht genügend erholt aus dem Urlaub zurückkommen könnte. Bitte störe mich, mein Gott. Das schlimme ist ja, dass wir gerade durch das krampfhafte: „Bitte nicht stören“ mehr Kraft verbrauchen, als wir haben. Das ständige „Zudecken“ und „Ruhighalten“ und „Ja keine Aufregung haben“ bringt erst recht die ganze Hektik und Unfrieden hinein. Bitte stören – versuchen sie es einmal. Ein Experiment, bei dem wir manches liebgewonnene und zurechtgebaute werden aufgeben müssen, aber der Friede wird einziehen, der Friede Gottes; und unsere Talente werden sichtbar. |
Text:
(41)Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie |
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