Predigt     Lukas 19/1-10    21. Sonntag nach Trinitatis    01.11.09

Predigt anl. des 50jährigen Jubiläums der Erlöserkirche Tauperlitz
(von Dekan Günter Saalfrank)

Liebe Festgemeinde!

Ein lang ersehnter Wunsch ging vor 50 Jahren in Erfüllung: Tauperlitz bekam eine eigene Kirche. Viele halfen mit, dass das Gotteshaus errichtet werden konnte. Über die Konfessionsgrenzen hinweg reichte die finanzielle Unterstützung dafür. Bei den Sammlungen für die Glocken fühlten sich – wie ich erfahren habe – auch die katholischen Christen angesprochen. Sie halfen mit, dass drei Glocken als Geläut angeschafft werden konnten.

Am 1. November 1959, dem Reformationsfest, war es soweit: Die Erlöserkirche wurde eingeweiht. Tauperlitz hatte nun einen Mittelpunkt im Ortsbild. Ein Schmuckkästchen - wie es in der Festschrift zum Jubiläum heißt. Oberkirchenrat Burkert aus Bayreuth predigte über Lukas 19, 1-10, die Erzählung von Zachäus. Wir haben sie vorhin als Lesung gehört. Zachäus - von Beruf Oberzöllner in Jericho - klettert auf einem Baum, um Jesus zu sehen. Als Jesus in seine Nähe kommt, ruft er Zachäus zu, dass er ihn zuhause besuchen möchte. Gesagt, getan: Jesus kehrt bei dem Oberzöllner ein. Der freut sich so über den Besuch, dass er verspricht, zuviel verlangten Zoll den Leuten mehrfach zurückzugeben. Darauf Jesus: Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.

Ob noch jemand weiß, was Oberkirchenrat Burkert vor einem halben Jahrhundert zu diesem Bibelabschnitt gesagt hat und wie er die Brücke zum Kirchbau hier geschlagen hat? Vielleicht hat der Oberkirchenrat eine Parallele gezogen - von Jericho zu Tauperlitz. Viele wollten in der Stadt in Palästina dabei sein, als Jesus kam. Eine große Menschenmenge wollte das Ereignis miterleben. So auch in Tauperlitz, wo die Einweihung der Kirche im Jahr 1959 zu dem Ereignis wurde. Jahrelange hatte es gedauert, bis das Gotteshaus endlich stand und der erste Gottesdienst gefeiert werden konnte. Vielleicht mit dem Vergleich in der Predigt: eine große Mengemenge dort und hier.

Liebe Gemeinde! Auch ich möchte heute über die Erzählung von Zachäus predigen. Drei Gedanken sollen dabei im Mittelpunkt stehen:

1. Gott sucht die Begegnung
2. Gott freut sich über Umkehr
3. Gott ist für Fragende und Suchende da

Zum ersten: Gott sucht die Begegnung: Zachäus, den Oberzöllner hält es nicht an seiner Zollstation oder zuhause, als er erfährt, Jesus kommt in die Stadt. Bei diesem Ereignis will er unbedingt dabei sein. Weil am Straßenrand schon viele Menschen stehen und er – klein von Gestalt – nichts sieht, klettert er kurzer Hand auf einen Baum. Von da hat er eine gute Sicht und kann das Geschehen überblicken. Als Jesus vorüberkommt, bleibt er stehen, schaut hoch zu dem Zöllner und spricht ihn mit Namen an: „Zachäus, steig eilend herab, ich will heute in deinem Haus einkehren.“
 
Jesus sieht nicht nur die Massen von Menschen, die die Straße säumen. Er sieht vielmehr den Einzelnen. Aus der Vielzahl von Frauen und Männern wendet er sich der Person zu, die auf dem Baum sitzt. Diesem Zachäus, den er mit Namen anspricht, möchte er begegnen. Mit ihm – und mit niemand anderem - will er nun zusammen sein.

Gott spricht einen manchmal direkt an - nach dem Motto „Du bist gemeint“. Die Kirche ist so ein Ort der Begegnung mit Gott. Sicher nicht der einzige, denn auch anderswo können Erfahrungen mit Gott gemacht werden. Jedenfalls ein wichtiger Ort der Begegnung. Rund 3.000 Gottesdienste wurden hier in den letzten 50 Jahren an Sonn- und Feiertagen und zu anderen Anlässen gefeiert. Vielleicht hat Sie ein Gedanke einer Predigt, ein Bibelvers oder ein Gesangbuchlied besonders bewegt. Und Sie haben gemerkt: Gott spricht gerade mich an. Das ist Gottes Wort für mich.

Ich denke an einen Mann im Fichtelgebirge, der vor 20 Jahren am ersten Sonntag nach der Grenzöffnung im Gottesdienst saß. Und der als Lesung die Worte Jesu hörte „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin ein Fremdling gewesen und ihr habt mich beherbergt.“ Worte, die der Mann schön öfters gehört hatte, die aber nun für ihn angesichts der Trabi-Kolonnen ganz neu zu sprechen begannen. So fuhr er – mit anderen zusammen – zum Grenzübergang Schirnding, um DDR-Bürger zum Mittagessen einzuladen. Es war – so sagt er – in dieser Situation Gottes Wort für ihn.

Möge die Erlöserkirche hier in Tauperlitz weiter ein Ort der Begegnung mit Gott sein. Wo Sie merken: Da ist ein hilfreiches Wort für mich, eine mahnende Stimme oder ein wegweisender Gedanke. Gott spricht mit mir, ich gehe ich nicht leer aus dem Gotteshaus zurück. Und mögen Sie immer wieder offen dafür sein, dass Gott zu Ihnen sprechen und dass er Ihnen begegnen kann.

Zum zweiten: Gott freut sich über Umkehr. Jesus besucht Zachäus – den Mann, der Menschen ständig über die Ohren haut, indem er ihnen zuviel Zoll abknöpft. Was auffällt: Jesus stellt keine Vorbedingungen für seinen Besuch nach dem Motto: Erst muss dieses und jenes bereinigt werden, dann komme ich zu dir. Er hält dem Oberzöllner auch keine Standpauke und stempelt ihn nicht als Betrüger ab. Sondern er spricht mit ihm zuhause. Das Erstaunliche dabei: Jesus arbeitet nicht mit Bedingungen, Zwang oder Druck. Gerade das führt dazu, dass Zachäus umkehren und ein anderes Leben beginnen möchte. Gerade diese Freiheit, sich nicht ändern zu müssen, hilft dem Oberzöllner, sich ändern zu können. So, dass er dann aus freien Stücken ankündigt: Die Hälfte seines Besitzes gibt er Bedürftigen und den zuviel verlangten Zoll zahlt er um ein Mehrfaches zurück. Jesus freut sich über diese Umkehr und sagt: „Heute ist diesem Haus Rettung widerfahren.“ Die Begegnung mit Jesus als Erlöser hatte Folgen: Sie machte Zachäus frei von betrügerischen Machenschaften. Frei von der Haltung „Nur wenn ich viel habe, bin ich wer.“ Umkehr hat etwas ungemein Erlösendes. Daran erinnert auch der Name dieser Kirche.

Liebe Gemeinde! Vor zwei Tagen führte bei den Filmtagen in Hof ein bekannter Filmemacher sein neuestes Werk vor. In dem Streifen geht er der Frage nach, ob es eine Hölle gibt. Nach der Aufführung erzählte der Mann, dass ihm in jungen Jahren oft mit der Hölle gedroht und ihm so Angst gemacht wurde. Deshalb sei er auch bald aus der katholischen Kirche ausgetreten. Den christlichen Glauben sehe er als etwas Bedrängendes und Einengendes, weil mit Druck gearbeitet und mit Strafen gedroht würde. Keine Frage: Die Bibel ruft zur Umkehr von falschen Wegen oder Irrwegen auf. Aber gerade der heutige Predigttext – der Umgang Jesu mit Zachäus - zeigt, dass nicht die Moralpredigt angesagt ist, sondern das offene Gespräch. Nicht der erhobene Zeigefinger, sondern die offenen Arme. Der Glaube – recht verstanden – will nichts Beängstigendes, Bedrückendes oder Kleinmachendes sein. Vielmehr ist er etwas Befreiendes und Erlösendes. Davon können Zachäus und viele Andere ein Lied singen.

Möge die erlösende Kraft des Glaubens hier in der Erlöserkirche immer wieder zu spüren sein: Durch Predigten, die anregen und weiterführen, die zum Nachdenken einladen und Raum für Veränderungen geben. Möge Gottes Wort so ausgelegt und in den Alltag übertragen werden, dass Menschen Irrwege erkennen können. Dass sie von falschen Wegen umkehren können und – im Großen wie im Kleinen – Rettung und Heil erfahren.

Wenn jemand auf der Autobahn in der falschen Richtung fährt, so fällt das schnell auf. Der Geisterfahrer muss gleich umkehren. Im Leben dies nicht immer leicht zu erkennen, auf dem falschen Weg zu sein. Doch auch da braucht es Umkehr, damit es gut weitergehen kann.

Zum dritten und letzen Gedanken: Gott ist für Fragende und Suchende da. Jesus sagt nach der Begegnung mit Zachäus: Ich als Menschensohn bin gekommen, zu die Verlorenen zu suchen und zu retten. Jesus wendet sich in der Erzählung aus dem Lukasevangelium nicht den Bewunderern und Jublern zu. Die lässt er links liegen. Er genießt auch nicht das Bad in der Menge. Er nimmt sich vielmehr Zeit für den Oberzöllner, der auf der Suche ist und seine Fragen hat. Bei Jesus hat Zachäus seinen Platz.

Das ist mein Wunsch für dieses Gotteshaus und für die Kirchengemeinde Tauperlitz: Dass immer wieder Platz da ist für Suchende und Fragende. Für Menschen, für die Manches im Blick auf das Christsein und den Glauben an Gott nicht so selbstverständlich ist. Dass sie dann hier bei ihrem Suchen und Fragen ein Stück weiter kommen. Ganz klar: Nicht auf Alles gibt es befriedigende Antworten. Manche Fragen bleiben offen. Vielleicht ist es für Manche schon erlösend, zu erfahren, dass sie mit ihren Fragen nicht alleine da stehen, sondern dass diese auch Andere beschäftigen.

Mitunter entsteht der Eindruck, Kirchengemeinden und christliche Kreise sind fromme Kuschelgruppen oder Zirkel, die froh darüber sind, wenn sie unter sich sein können. Andere Menschen braucht es eigentlich nicht mehr. Hier in Tauperlitz haben Sie das Jubiläum der Kirche – ein herzlicher Dank an alle, die sich engagiert haben - bewusst breiter angelegt und damit gezeigt: Wir wollen nicht unter uns sein. Wir möchten, dass die Botschaft von Jesus Christus als Erlöser, der unserer Kirche den Namen gegeben hat, weite Kreise zieht. Möge so weiter deutlich werden: Wir sind hier eine Weggemeinschaft, wo sich Andere anschließen können und wo Platz da ist für Suchende und Fragende.

Liebe Gemeinde! 50 Jahre Erlöserkirche. Das Gotteshaus hat nach den bitteren Erfahrungen des dritten Reiches und der Teilung Deutschlands in Ost und West vor über einem halben Jahrhundert diesen Namen bekommen. Er macht als Bekenntnis deutlich, wer in den Irrungen und Wirrungen der Zeit wirklich Retter und Erlöser ist: Jesus Christus. Auch wenn unser Land seit fast zwei Jahrzehnten wieder vereint ist, ist Name des Gotteshauses hier weiter aktuell: Angesichts von Herausforderungen und einer ungewissen Zukunft auf Jesus Christus zu vertrauen – als Erlöser.

Dekan Günter Saalfrank

Text:

1 Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch.
2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich.
3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.
4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.
5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.
6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.
7 Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.
8 Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.
9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn.
10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
 


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