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Liebe Festgemeinde!
Ein lang ersehnter Wunsch ging vor 50 Jahren in Erfüllung:
Tauperlitz bekam eine eigene Kirche. Viele halfen mit, dass das
Gotteshaus errichtet werden konnte. Über die Konfessionsgrenzen
hinweg reichte die finanzielle Unterstützung dafür. Bei den
Sammlungen für die Glocken fühlten sich – wie ich erfahren habe –
auch die katholischen Christen angesprochen. Sie halfen mit, dass
drei Glocken als Geläut angeschafft werden konnten.
Am 1. November 1959, dem Reformationsfest, war es soweit: Die
Erlöserkirche wurde eingeweiht. Tauperlitz hatte nun einen
Mittelpunkt im Ortsbild. Ein Schmuckkästchen - wie es in der
Festschrift zum Jubiläum heißt. Oberkirchenrat Burkert aus Bayreuth
predigte über Lukas 19, 1-10, die Erzählung von Zachäus. Wir haben
sie vorhin als Lesung gehört. Zachäus - von Beruf Oberzöllner in
Jericho - klettert auf einem Baum, um Jesus zu sehen. Als Jesus in
seine Nähe kommt, ruft er Zachäus zu, dass er ihn zuhause besuchen
möchte. Gesagt, getan: Jesus kehrt bei dem Oberzöllner ein. Der
freut sich so über den Besuch, dass er verspricht, zuviel verlangten
Zoll den Leuten mehrfach zurückzugeben. Darauf Jesus: Heute ist
diesem Haus Heil widerfahren.
Ob noch jemand weiß, was Oberkirchenrat Burkert vor einem halben
Jahrhundert zu diesem Bibelabschnitt gesagt hat und wie er die
Brücke zum Kirchbau hier geschlagen hat? Vielleicht hat der
Oberkirchenrat eine Parallele gezogen - von Jericho zu Tauperlitz.
Viele wollten in der Stadt in Palästina dabei sein, als Jesus kam.
Eine große Menschenmenge wollte das Ereignis miterleben. So auch in
Tauperlitz, wo die Einweihung der Kirche im Jahr 1959 zu dem
Ereignis wurde. Jahrelange hatte es gedauert, bis das Gotteshaus
endlich stand und der erste Gottesdienst gefeiert werden konnte.
Vielleicht mit dem Vergleich in der Predigt: eine große Mengemenge
dort und hier.
Liebe Gemeinde! Auch ich möchte heute über die Erzählung von Zachäus
predigen. Drei Gedanken sollen dabei im Mittelpunkt stehen:
1. Gott sucht die Begegnung
2. Gott freut sich über Umkehr
3. Gott ist für Fragende und Suchende da
Zum ersten: Gott sucht die Begegnung: Zachäus, den Oberzöllner hält
es nicht an seiner Zollstation oder zuhause, als er erfährt, Jesus
kommt in die Stadt. Bei diesem Ereignis will er unbedingt dabei
sein. Weil am Straßenrand schon viele Menschen stehen und er – klein
von Gestalt – nichts sieht, klettert er kurzer Hand auf einen Baum.
Von da hat er eine gute Sicht und kann das Geschehen überblicken.
Als Jesus vorüberkommt, bleibt er stehen, schaut hoch zu dem Zöllner
und spricht ihn mit Namen an: „Zachäus, steig eilend herab, ich will
heute in deinem Haus einkehren.“
Jesus sieht nicht nur die Massen von Menschen, die die Straße
säumen. Er sieht vielmehr den Einzelnen. Aus der Vielzahl von Frauen
und Männern wendet er sich der Person zu, die auf dem Baum sitzt.
Diesem Zachäus, den er mit Namen anspricht, möchte er begegnen. Mit
ihm – und mit niemand anderem - will er nun zusammen sein.
Gott spricht einen manchmal direkt an - nach dem Motto „Du bist
gemeint“. Die Kirche ist so ein Ort der Begegnung mit Gott. Sicher
nicht der einzige, denn auch anderswo können Erfahrungen mit Gott
gemacht werden. Jedenfalls ein wichtiger Ort der Begegnung. Rund
3.000 Gottesdienste wurden hier in den letzten 50 Jahren an Sonn-
und Feiertagen und zu anderen Anlässen gefeiert. Vielleicht hat Sie
ein Gedanke einer Predigt, ein Bibelvers oder ein Gesangbuchlied
besonders bewegt. Und Sie haben gemerkt: Gott spricht gerade mich
an. Das ist Gottes Wort für mich.
Ich denke an einen Mann im Fichtelgebirge, der vor 20 Jahren am
ersten Sonntag nach der Grenzöffnung im Gottesdienst saß. Und der
als Lesung die Worte Jesu hörte „Ich bin hungrig gewesen und ihr
habt mir zu essen gegeben. Ich bin ein Fremdling gewesen und ihr
habt mich beherbergt.“ Worte, die der Mann schön öfters gehört
hatte, die aber nun für ihn angesichts der Trabi-Kolonnen ganz neu
zu sprechen begannen. So fuhr er – mit anderen zusammen – zum
Grenzübergang Schirnding, um DDR-Bürger zum Mittagessen einzuladen.
Es war – so sagt er – in dieser Situation Gottes Wort für ihn.
Möge die Erlöserkirche hier in Tauperlitz weiter ein Ort der
Begegnung mit Gott sein. Wo Sie merken: Da ist ein hilfreiches Wort
für mich, eine mahnende Stimme oder ein wegweisender Gedanke. Gott
spricht mit mir, ich gehe ich nicht leer aus dem Gotteshaus zurück.
Und mögen Sie immer wieder offen dafür sein, dass Gott zu Ihnen
sprechen und dass er Ihnen begegnen kann.
Zum zweiten: Gott freut sich über Umkehr. Jesus besucht Zachäus –
den Mann, der Menschen ständig über die Ohren haut, indem er ihnen
zuviel Zoll abknöpft. Was auffällt: Jesus stellt keine
Vorbedingungen für seinen Besuch nach dem Motto: Erst muss dieses
und jenes bereinigt werden, dann komme ich zu dir. Er hält dem
Oberzöllner auch keine Standpauke und stempelt ihn nicht als
Betrüger ab. Sondern er spricht mit ihm zuhause. Das Erstaunliche
dabei: Jesus arbeitet nicht mit Bedingungen, Zwang oder Druck.
Gerade das führt dazu, dass Zachäus umkehren und ein anderes Leben
beginnen möchte. Gerade diese Freiheit, sich nicht ändern zu müssen,
hilft dem Oberzöllner, sich ändern zu können. So, dass er dann aus
freien Stücken ankündigt: Die Hälfte seines Besitzes gibt er
Bedürftigen und den zuviel verlangten Zoll zahlt er um ein
Mehrfaches zurück. Jesus freut sich über diese Umkehr und sagt:
„Heute ist diesem Haus Rettung widerfahren.“ Die Begegnung mit Jesus
als Erlöser hatte Folgen: Sie machte Zachäus frei von betrügerischen
Machenschaften. Frei von der Haltung „Nur wenn ich viel habe, bin
ich wer.“ Umkehr hat etwas ungemein Erlösendes. Daran erinnert auch
der Name dieser Kirche.
Liebe Gemeinde! Vor zwei Tagen führte bei den Filmtagen in Hof ein
bekannter Filmemacher sein neuestes Werk vor. In dem Streifen geht
er der Frage nach, ob es eine Hölle gibt. Nach der Aufführung
erzählte der Mann, dass ihm in jungen Jahren oft mit der Hölle
gedroht und ihm so Angst gemacht wurde. Deshalb sei er auch bald aus
der katholischen Kirche ausgetreten. Den christlichen Glauben sehe
er als etwas Bedrängendes und Einengendes, weil mit Druck gearbeitet
und mit Strafen gedroht würde. Keine Frage: Die Bibel ruft zur
Umkehr von falschen Wegen oder Irrwegen auf. Aber gerade der heutige
Predigttext – der Umgang Jesu mit Zachäus - zeigt, dass nicht die
Moralpredigt angesagt ist, sondern das offene Gespräch. Nicht der
erhobene Zeigefinger, sondern die offenen Arme. Der Glaube – recht
verstanden – will nichts Beängstigendes, Bedrückendes oder
Kleinmachendes sein. Vielmehr ist er etwas Befreiendes und
Erlösendes. Davon können Zachäus und viele Andere ein Lied singen.
Möge die erlösende Kraft des Glaubens hier in der Erlöserkirche
immer wieder zu spüren sein: Durch Predigten, die anregen und
weiterführen, die zum Nachdenken einladen und Raum für Veränderungen
geben. Möge Gottes Wort so ausgelegt und in den Alltag übertragen
werden, dass Menschen Irrwege erkennen können. Dass sie von falschen
Wegen umkehren können und – im Großen wie im Kleinen – Rettung und
Heil erfahren.
Wenn jemand auf der Autobahn in der falschen Richtung fährt, so
fällt das schnell auf. Der Geisterfahrer muss gleich umkehren. Im
Leben dies nicht immer leicht zu erkennen, auf dem falschen Weg zu
sein. Doch auch da braucht es Umkehr, damit es gut weitergehen kann.
Zum dritten und letzen Gedanken: Gott ist für Fragende und Suchende
da. Jesus sagt nach der Begegnung mit Zachäus: Ich als Menschensohn
bin gekommen, zu die Verlorenen zu suchen und zu retten. Jesus
wendet sich in der Erzählung aus dem Lukasevangelium nicht den
Bewunderern und Jublern zu. Die lässt er links liegen. Er genießt
auch nicht das Bad in der Menge. Er nimmt sich vielmehr Zeit für den
Oberzöllner, der auf der Suche ist und seine Fragen hat. Bei Jesus
hat Zachäus seinen Platz.
Das ist mein Wunsch für dieses Gotteshaus und für die
Kirchengemeinde Tauperlitz: Dass immer wieder Platz da ist für
Suchende und Fragende. Für Menschen, für die Manches im Blick auf
das Christsein und den Glauben an Gott nicht so selbstverständlich
ist. Dass sie dann hier bei ihrem Suchen und Fragen ein Stück weiter
kommen. Ganz klar: Nicht auf Alles gibt es befriedigende Antworten.
Manche Fragen bleiben offen. Vielleicht ist es für Manche schon
erlösend, zu erfahren, dass sie mit ihren Fragen nicht alleine da
stehen, sondern dass diese auch Andere beschäftigen.
Mitunter entsteht der Eindruck, Kirchengemeinden und christliche
Kreise sind fromme Kuschelgruppen oder Zirkel, die froh darüber
sind, wenn sie unter sich sein können. Andere Menschen braucht es
eigentlich nicht mehr. Hier in Tauperlitz haben Sie das Jubiläum der
Kirche – ein herzlicher Dank an alle, die sich engagiert haben -
bewusst breiter angelegt und damit gezeigt: Wir wollen nicht unter
uns sein. Wir möchten, dass die Botschaft von Jesus Christus als
Erlöser, der unserer Kirche den Namen gegeben hat, weite Kreise
zieht. Möge so weiter deutlich werden: Wir sind hier eine
Weggemeinschaft, wo sich Andere anschließen können und wo Platz da
ist für Suchende und Fragende.
Liebe Gemeinde! 50 Jahre Erlöserkirche. Das Gotteshaus hat nach den
bitteren Erfahrungen des dritten Reiches und der Teilung
Deutschlands in Ost und West vor über einem halben Jahrhundert
diesen Namen bekommen. Er macht als Bekenntnis deutlich, wer in den
Irrungen und Wirrungen der Zeit wirklich Retter und Erlöser ist:
Jesus Christus. Auch wenn unser Land seit fast zwei Jahrzehnten
wieder vereint ist, ist Name des Gotteshauses hier weiter aktuell:
Angesichts von Herausforderungen und einer ungewissen Zukunft auf
Jesus Christus zu vertrauen – als Erlöser.
Dekan Günter Saalfrank |
Text: 1 Und er ging nach
Jericho hinein und zog hindurch.
2 Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer
der Zöllner und war reich.
3 Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht
wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt.
4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu
sehen; denn dort sollte er durchkommen.
5 Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm:
Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus
einkehren.
6 Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.
7 Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder
ist er eingekehrt.
8 Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die
Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden
betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.
9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren,
denn auch er ist Abrahams Sohn.
10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu
machen, was verloren ist.
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