Predigt     Lukas 17/7-10    Septuagesimä    23.01.05

"Demut - was wir zu tun schuldig waren"
(von Pfr. Martin Adel, Dreieinigkeit)

Liebe Leser,

1. Hinführung – das kennen wir

Wir kennen das alle, nicht nur die Alten, sondern auch schon unsere Präpis und Konfis, wobei die eigentliche Belastung selbst wohl auf der Generation zwischen 25 und 50 Jahren liegt. Fangen wir bei der Jugend an: Da kommt man nach einem ganzen Tag Schule nach Hause – mit Nachmittagsunterricht – und kaum ist man zur Tür herinnen, heißt es schon: Bis zum Abendbrot könntest du noch schnell den Mülleimer raus bringen und beim Metzger Wurst einkaufen. Was da im Kopf abgeht und einem über die Lippen kommt, brauch ich nicht weiter auszuführen.

Oder der Mann, die Frau. Seit Wochen 10 Stunden in der Firma. Im neuen Jahr ging's fast noch doller los, als es im alten aufgehört hat. Du bist K.O., ausgelaugt, erschöpft. Steckst den Schlüssel ins Schloss und kommst schon kaum durch die Tür, weil der Schulranzen davor liegt und stolperst danach über die Turnschuhe des Sohnes. Noch mit einem Arm im Mantel ruft es durch die halboffene Küchentür: Schatz, kannst du dich gleich mit der Marina über Mathe machen, damit sie ins Bett kann.

Und zum Schluss eine ältere Frau im wohlverdienten Ruhestand. Sie hat ihr Leben lang gearbeitet. Jetzt will sie auf Reisen gehen. Sparsam war sie schon immer. Jetzt hat sie Zeit und Muße, sich etwas zu gönnen. Immerhin haben die letzten Jahre ganz schön Kraft gezogen. Die Veränderungen steckt man doch nicht mehr einfach so weg. Alles kostet etwas mehr Kraft und mehr Zeit, auch die Erholung. Und dann! Dann der Knoten, Untersuchungen, Operation, Bestrahlungen. Jetzt, wo man es sich hätte schön machen können.

Allen drei Geschichten ist gemeinsam, dass man sich selbst an einer Grenze befindet, der Grenze, wo man erschöpft ist und eigentlich meint, nicht mehr zu können. Und genau an dieser Grenze werden wir noch einmal gefordert und haben das Gefühl: Hört denn das nie mehr auf. Ich will meine Ruhe. Ich will meine Ruhe. Schließlich bin ich auch nur ein Mensch. Jetzt ist es genug. Ich kann nicht mehr.

2. Predigttext (siehe rechts)

3. Unverschämt

Wir stören uns nicht an der Sprache, auch nicht an den Bildern. Wir wissen alle, was ein Knecht ist, auch wenn es die so heute bei uns nicht mehr gibt. Die Sprache, die Bilder stören uns nicht. Wir haben den Inhalt genau gehört und der bringt uns auf die Palme. Ist das nicht unerhört. Da kommt einer, der Knecht, schon müde von seiner Arbeit auf dem Feld und dann muss er auch noch dem Herrn das Essen kochen, bevor er sich selbst hinsetzen und essen kann. Und genau so erleben wir oft auch unser Leben. Das ist noch nicht weiter empörend, aber dass dieses Beispiel Jesus erzählt haben soll, das ist empörend: Sklaventreiberworte sind das – das kann doch nicht von Jesus stammen.

Ich lese noch einmal die Worte unseres heutigen Predigttextes: Er ist ja nicht lang und wir haben Zeit.

Predigttext (siehe rechts)

Und genau so sollen wir leben? Wenn wir das, was Gott uns aufgetragen hat, wenn wir das getan haben, dann sollen wir sagen: Wir sind nur einfache Diener, die getan haben, was ihre Pflicht war und was sie zu tun schuldig waren? Eine unerhörte Provokation. Jesus auf der Seite der Ausbeuter und Unterdrücker. So geht man nicht mit Menschen um. Wir könnten uns nun vielleicht noch retten, indem wir sagen: Das steht ja nur bei Lukas als Sondergut. Vielleicht hat das gar nicht Jesus gesagt. Doch das ist der falsche Weg.

Jesus provoziert. Er provoziert uns, damit wir etwas lernen, damit wir etwas dazu lernen. Wir kenne ja auch den anderen Jesus: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch Ruhe geben. Doch wir sind nicht immer mühselig und beladen – bilden wir uns das ja nicht ein. Es gibt die mühselig und beladenen Zeiten, sicher. Aber es gibt auch die anderen Zeiten, da hätten wir Kraft und Stärke, stehen mitten im Saft und das Alter spielt keine Rolle. Und wenn wir fit sind, dann heißt es: Und wenn wir das, was Gott uns befohlen hat, wenn wir das getan haben, dann sollen wir sagen: Wir sind nur einfache Diener, die getan haben, was ihre Pflicht war und was sie schuldig waren.

4. Typisch Kirche – Arbeiten bis zum Umfallen?

Aber was heißt das? Arbeiten bis zum Umfallen? Nein. Das tun etliche von uns eh schon. Noch ist es die Kirche, die den siebten Tag der Woche als Ruhetag einfordert und wir selbst und die Wirtschaft und die Freizeitindustrie versuchen ihn permanent auszuhöhlen. Arbeiten bis zum Umfallen – dafür finde ich keine Beispiele in der Bibel. Aber ich finde etwas anderes – und das können wir sehr gut an unserem Predigttext sehen, und das heißt: Da, wo du stehst. Da tu deine Aufgabe und deine Pflicht. Wenn du in der Schule bist, dann tu deine Pflicht und lerne. Die Stunden, die dir aufgetragen sind. Und denk nicht schon nach der ersten Stunde an die Pause und nach der dritten, wann endlich Schluss ist. Tu deine Pflicht.

Wir hören hier nur Überforderung und Arbeit. Doch eigentlich steht hier: Tu deine Pflicht. Nimm deine Fähigkeiten und Talente, die dir Gott gegeben hat und nutze sie. Setzte sie ein. Und behalte sie ja nicht für dich, sondern setze sie ein: Für dich und die Gemeinschaft. Und fang nicht groß an herum zu lamentieren: Undank ist der Welt Lohn. Tu deine Pflicht und danach sprich: Ich bin nur ein einfacher Diener, der getan hat, was er schuldig war, was er Gott gegenüber und sich selbst und seiner Familie und der Gesellschaft schuldig war.

Und wir spüren, wie sich der Widerspruch in uns regt und es aus uns herausdrängt: Ich bin niemandem etwas schuldig. Ja, das ist unsere Welt. Ich bin niemandem etwas schuldig. Und Gott sagt: Doch. Natürlich bist du etwas schuldig. Mir bist du alles schuldig. Denn mir verdankst du dein Leben. Tag für Tag. Mir verdankst du sogar das ewige Leben. Mir verdankst du deine Orientierung und deinen Halt. Und wenn du betest, bin ich dir ganz Ohr – immer!

„Ich bin niemandem etwas schuldig.“ Fordern wir Gott nicht heraus mit dieser Haltung: Wir sind niemandem etwas schuldig und verbrauchen heute bereits die Lebensgrundlagen für viele Generationen nach uns, dass die UN sich heute mehr fürchtet vor kommenden Umweltkatastrophen, als vor den Kriegen – die schon so schrecklich genug sind. Wir sind niemandem etwas schuldig?

5. Christliche Grundhaltung

Ein bisschen mehr Demut. Nein: Viel mehr Demut würde uns allen nur gut tun. Es braucht nicht erst so eine katastrophale Flutwelle, damit ein Joschka Fischer in den Trümmern stehend sagen muss: Dieses Ereignis macht einen demütig vor der Gewaltigkeit der Natur. Unser Predigttext führt uns hin und leitet uns an, uns in Demut zu üben. Und das heißt: An den Platz, an den dich Gott gestellt hat, da bringe dich ein, da bring dich ganz ein und bring dich selbstverständlich ein. Wir sagen immer gleich: So, das hab ich mir jetzt aber verdient. Der Lohn der Fleißigen. Warum soll ich von dem, was ich mir verdient habe, etwas abgeben. Sollen sie doch selber ...
Und da steht: Ich bin nur ein einfacher Diener, der getan hat, was er schuldig war, Gott, sich selbst, seiner Familie und der Gesellschaft.

Übt das mal, für euch, jeder für sich, eine christliche Tugend vom Schüler bis zum Manager, bis zum Politiker und zurück bis zur Küchengehilfin: Ich bin nur ein einfacher Diener, der getan hat, was er schuldig war, Gott, sich selbst, seiner Familie und der Gesellschaft.

Dort, an dem Platz, an dem wir stehen in Demut stehen und dankbar für unsere Schaffenskraft und unsere Energie oder Liebe oder Einfallsreichtum oder, oder, oder
Keine abfällige Arroganz: Ich besser als die – nein, voller Dankbarkeit für das, was durch mich entstanden ist. Wer den Film „Gandhi“ kennt erinnert sich vielleicht auch an die Szene, als sich die Frau Gandhis weigert, die Klos zu putzen als sie an der Reihe ist, so wie alle anderen auch. Immerhin ist sie die Frau Gandhis. Und Gandhi nötigt sie, die Klos doch zu putzen.

Sie können das ja mal zu Hause üben. Eine gute Übung der Demut. Denn Demut hat nichts mit Demütigung zu tun. Demütigung ist Gewalt und Missachtung der Würde eines Menschen. Denken wir nur an die Bilder mit amerikanischen Soldaten und deren Gefangenen. Doch Demut hat etwas mit Würde und Achtung und Anstand zu tun. Mit Wertschätzung. Demut ist eine innere Haltung. Demut heißt auch nicht: alles zu ertragen und zu erdulden, vor allem nicht Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Das verwechseln wir oft. Diesen Unterwürfigkeitsgehorsam hat man früher den Mädchen eingeprügelt und mehr Demut eingefordert. Doch das ist keine Demut. Das war Unterdrückung.

Demut heißt in unserem Bibelwort: Du hast einen Auftrag. Wir haben einen Auftrag. Ein jeder von uns. Eine jede von uns. Einen Auftrag von Gott her – an dem Platz, an dem wir stehen. Und dort gilt es zu handeln und zu gestalten. Und dann fangt nicht an, euch in unverschämter Weise zu bereichern und zu bedienen, egal ob Oben oder Unten. Wir wissen alle nur allzu gut, wo wir uns selbst bedienen am Wohl der Allgemeinheit mit der großen Lüge: Das steht mir zu. Und was steht uns nicht alles zu. Es ist menschlich, dass wir immer wieder in ein solches Fahrwasser geraten. Aber es tut uns nicht gut. Niemandem. Und darum erinnert uns Gott daran.

Probieren wir es wieder einmal aus, wenn wir müde von des Tages Arbeit zu Hause sitzen, diesen Satz: Ich bin nur ein einfacher Diener, der getan hat, was seine Pflicht war und was er zu tun schuldig war. Und es wird uns nicht noch müder machen, sondern sie werden spüren, wie die Zufriedenheit in ihnen wächst und die innere Genugtuung und die Freude und die Dankbarkeit. Ein langer Weg. Aber ein guter. Gott verbürgt sich dafür mit seinem Wort.

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

7 Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch?
8 Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und trinken?
9 Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war?
10 So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.


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