|
Liebe Leser,
1. Hinführung – das kennen wir
Wir kennen das alle, nicht nur die Alten, sondern auch schon unsere
Präpis und Konfis, wobei die eigentliche Belastung selbst wohl auf der
Generation zwischen 25 und 50 Jahren liegt. Fangen wir bei der Jugend
an: Da kommt man nach einem ganzen Tag Schule nach Hause – mit
Nachmittagsunterricht – und kaum ist man zur Tür herinnen, heißt es
schon: Bis zum Abendbrot könntest du noch schnell den Mülleimer raus
bringen und beim Metzger Wurst einkaufen. Was da im Kopf abgeht und
einem über die Lippen kommt, brauch ich nicht weiter auszuführen.
Oder der Mann, die Frau. Seit Wochen 10 Stunden in der Firma. Im neuen
Jahr ging's fast noch doller los, als es im alten aufgehört hat. Du bist
K.O., ausgelaugt, erschöpft. Steckst den Schlüssel ins Schloss und
kommst schon kaum durch die Tür, weil der Schulranzen davor liegt und
stolperst danach über die Turnschuhe des Sohnes. Noch mit einem Arm im
Mantel ruft es durch die halboffene Küchentür: Schatz, kannst du dich
gleich mit der Marina über Mathe machen, damit sie ins Bett kann.
Und zum Schluss eine ältere Frau im wohlverdienten Ruhestand. Sie hat
ihr Leben lang gearbeitet. Jetzt will sie auf Reisen gehen. Sparsam war
sie schon immer. Jetzt hat sie Zeit und Muße, sich etwas zu gönnen.
Immerhin haben die letzten Jahre ganz schön Kraft gezogen. Die
Veränderungen steckt man doch nicht mehr einfach so weg. Alles kostet
etwas mehr Kraft und mehr Zeit, auch die Erholung. Und dann! Dann der
Knoten, Untersuchungen, Operation, Bestrahlungen. Jetzt, wo man es sich
hätte schön machen können.
Allen drei Geschichten ist gemeinsam, dass man sich selbst an einer
Grenze befindet, der Grenze, wo man erschöpft ist und eigentlich meint,
nicht mehr zu können. Und genau an dieser Grenze werden wir noch einmal
gefordert und haben das Gefühl: Hört denn das nie mehr auf. Ich will
meine Ruhe. Ich will meine Ruhe. Schließlich bin ich auch nur ein
Mensch. Jetzt ist es genug. Ich kann nicht mehr.
2. Predigttext (siehe rechts)
3. Unverschämt
Wir stören uns nicht an der Sprache, auch nicht an den Bildern. Wir
wissen alle, was ein Knecht ist, auch wenn es die so heute bei uns nicht
mehr gibt. Die Sprache, die Bilder stören uns nicht. Wir haben den
Inhalt genau gehört und der bringt uns auf die Palme. Ist das nicht
unerhört. Da kommt einer, der Knecht, schon müde von seiner Arbeit auf
dem Feld und dann muss er auch noch dem Herrn das Essen kochen, bevor er
sich selbst hinsetzen und essen kann. Und genau so erleben wir oft auch
unser Leben. Das ist noch nicht weiter empörend, aber dass dieses
Beispiel Jesus erzählt haben soll, das ist empörend: Sklaventreiberworte
sind das – das kann doch nicht von Jesus stammen.
Ich lese noch einmal die Worte unseres heutigen Predigttextes: Er ist ja
nicht lang und wir haben Zeit.
Predigttext (siehe rechts)
Und genau so sollen wir leben? Wenn wir das, was Gott uns aufgetragen
hat, wenn wir das getan haben, dann sollen wir sagen: Wir sind nur
einfache Diener, die getan haben, was ihre Pflicht war und was sie zu
tun schuldig waren? Eine unerhörte Provokation. Jesus auf der Seite der
Ausbeuter und Unterdrücker. So geht man nicht mit Menschen um. Wir
könnten uns nun vielleicht noch retten, indem wir sagen: Das steht ja
nur bei Lukas als Sondergut. Vielleicht hat das gar nicht Jesus gesagt.
Doch das ist der falsche Weg.
Jesus provoziert. Er provoziert uns, damit wir etwas lernen, damit wir
etwas dazu lernen. Wir kenne ja auch den anderen Jesus: Kommet her zu
mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch Ruhe geben.
Doch wir sind nicht immer mühselig und beladen – bilden wir uns das ja
nicht ein. Es gibt die mühselig und beladenen Zeiten, sicher. Aber es
gibt auch die anderen Zeiten, da hätten wir Kraft und Stärke, stehen
mitten im Saft und das Alter spielt keine Rolle. Und wenn wir fit sind,
dann heißt es: Und wenn wir das, was Gott uns befohlen hat, wenn wir das
getan haben, dann sollen wir sagen: Wir sind nur einfache Diener, die
getan haben, was ihre Pflicht war und was sie schuldig waren.
4. Typisch Kirche – Arbeiten bis zum Umfallen?
Aber was heißt das? Arbeiten bis zum Umfallen? Nein. Das tun etliche von
uns eh schon. Noch ist es die Kirche, die den siebten Tag der Woche als
Ruhetag einfordert und wir selbst und die Wirtschaft und die
Freizeitindustrie versuchen ihn permanent auszuhöhlen. Arbeiten bis zum
Umfallen – dafür finde ich keine Beispiele in der Bibel. Aber ich finde
etwas anderes – und das können wir sehr gut an unserem Predigttext
sehen, und das heißt: Da, wo du stehst. Da tu deine Aufgabe und deine
Pflicht. Wenn du in der Schule bist, dann tu deine Pflicht und lerne.
Die Stunden, die dir aufgetragen sind. Und denk nicht schon nach der
ersten Stunde an die Pause und nach der dritten, wann endlich Schluss
ist. Tu deine Pflicht.
Wir hören hier nur Überforderung und Arbeit. Doch eigentlich steht hier:
Tu deine Pflicht. Nimm deine Fähigkeiten und Talente, die dir Gott
gegeben hat und nutze sie. Setzte sie ein. Und behalte sie ja nicht für
dich, sondern setze sie ein: Für dich und die Gemeinschaft. Und fang
nicht groß an herum zu lamentieren: Undank ist der Welt Lohn. Tu deine
Pflicht und danach sprich: Ich bin nur ein einfacher Diener, der getan
hat, was er schuldig war, was er Gott gegenüber und sich selbst und
seiner Familie und der Gesellschaft schuldig war.
Und wir spüren, wie sich der Widerspruch in uns regt und es aus uns
herausdrängt: Ich bin niemandem etwas schuldig. Ja, das ist unsere Welt.
Ich bin niemandem etwas schuldig. Und Gott sagt: Doch. Natürlich bist du
etwas schuldig. Mir bist du alles schuldig. Denn mir verdankst du dein
Leben. Tag für Tag. Mir verdankst du sogar das ewige Leben. Mir
verdankst du deine Orientierung und deinen Halt. Und wenn du betest, bin
ich dir ganz Ohr – immer!
„Ich bin niemandem etwas schuldig.“ Fordern wir Gott nicht heraus mit
dieser Haltung: Wir sind niemandem etwas schuldig und verbrauchen heute
bereits die Lebensgrundlagen für viele Generationen nach uns, dass die
UN sich heute mehr fürchtet vor kommenden Umweltkatastrophen, als vor
den Kriegen – die schon so schrecklich genug sind. Wir sind niemandem
etwas schuldig?
5. Christliche Grundhaltung
Ein bisschen mehr Demut. Nein: Viel mehr Demut würde uns allen nur gut
tun. Es braucht nicht erst so eine katastrophale Flutwelle, damit ein
Joschka Fischer in den Trümmern stehend sagen muss: Dieses Ereignis
macht einen demütig vor der Gewaltigkeit der Natur. Unser Predigttext
führt uns hin und leitet uns an, uns in Demut zu üben. Und das heißt: An
den Platz, an den dich Gott gestellt hat, da bringe dich ein, da bring
dich ganz ein und bring dich selbstverständlich ein. Wir sagen immer
gleich: So, das hab ich mir jetzt aber verdient. Der Lohn der Fleißigen.
Warum soll ich von dem, was ich mir verdient habe, etwas abgeben. Sollen
sie doch selber ...
Und da steht: Ich bin nur ein einfacher Diener, der getan hat, was er
schuldig war, Gott, sich selbst, seiner Familie und der Gesellschaft.
Übt das mal, für euch, jeder für sich, eine christliche Tugend vom
Schüler bis zum Manager, bis zum Politiker und zurück bis zur
Küchengehilfin: Ich bin nur ein einfacher Diener, der getan hat, was er
schuldig war, Gott, sich selbst, seiner Familie und der Gesellschaft.
Dort, an dem Platz, an dem wir stehen in Demut stehen und dankbar für
unsere Schaffenskraft und unsere Energie oder Liebe oder
Einfallsreichtum oder, oder, oder
Keine abfällige Arroganz: Ich besser als die – nein, voller Dankbarkeit
für das, was durch mich entstanden ist. Wer den Film „Gandhi“ kennt
erinnert sich vielleicht auch an die Szene, als sich die Frau Gandhis
weigert, die Klos zu putzen als sie an der Reihe ist, so wie alle
anderen auch. Immerhin ist sie die Frau Gandhis. Und Gandhi nötigt sie,
die Klos doch zu putzen.
Sie können das ja mal zu Hause üben. Eine gute Übung der Demut. Denn
Demut hat nichts mit Demütigung zu tun. Demütigung ist Gewalt und
Missachtung der Würde eines Menschen. Denken wir nur an die Bilder mit
amerikanischen Soldaten und deren Gefangenen. Doch Demut hat etwas mit
Würde und Achtung und Anstand zu tun. Mit Wertschätzung. Demut ist eine
innere Haltung. Demut heißt auch nicht: alles zu ertragen und zu
erdulden, vor allem nicht Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Das
verwechseln wir oft. Diesen Unterwürfigkeitsgehorsam hat man früher den
Mädchen eingeprügelt und mehr Demut eingefordert. Doch das ist keine
Demut. Das war Unterdrückung.
Demut heißt in unserem Bibelwort: Du hast einen Auftrag. Wir haben einen
Auftrag. Ein jeder von uns. Eine jede von uns. Einen Auftrag von Gott
her – an dem Platz, an dem wir stehen. Und dort gilt es zu handeln und
zu gestalten. Und dann fangt nicht an, euch in unverschämter Weise zu
bereichern und zu bedienen, egal ob Oben oder Unten. Wir wissen alle nur
allzu gut, wo wir uns selbst bedienen am Wohl der Allgemeinheit mit der
großen Lüge: Das steht mir zu. Und was steht uns nicht alles zu. Es ist
menschlich, dass wir immer wieder in ein solches Fahrwasser geraten.
Aber es tut uns nicht gut. Niemandem. Und darum erinnert uns Gott daran.
Probieren wir es wieder einmal aus, wenn wir müde von des Tages Arbeit
zu Hause sitzen, diesen Satz: Ich bin nur ein einfacher Diener, der
getan hat, was seine Pflicht war und was er zu tun schuldig war. Und es
wird uns nicht noch müder machen, sondern sie werden spüren, wie die
Zufriedenheit in ihnen wächst und die innere Genugtuung und die Freude
und die Dankbarkeit. Ein langer Weg. Aber ein guter. Gott verbürgt sich
dafür mit seinem Wort.
Pfarrer
Martin Adel
(Dreieinigkeitskirche
Hof)
|
Text:
7 Wer unter euch hat einen
Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld
heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch?
8 Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen,
schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach
sollst du auch essen und trinken?
9 Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war?
10 So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so
sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun
schuldig waren. |