Predigt    Lukas 14/15-24    2. Sonntag nach Trinitatis   29.06.03

... und verharren in der alten Welt

(von Pfr. Martin Adel, Dreieinigkeitskirche Hof)

(Bonbonaktion - statt Klingelbeutel ein Körbchen herumgeben, in das man seine Gabe einwirft und man eingeladen ist, sich ein Bonbon herauszunehmen)

1. Hinführung

Liebe Gemeinde,
haben sie sich etwas aus dem Körbchen genommen? Oder vielleicht sogar zwei, für sich und noch eines für ihr Enkelchen? Hoffentlich haben sie sich nicht zurück gehalten – sie waren schließlich eingeladen. Das ist ja gar nicht immer so einfach mit den Einladungen. Und das fängt schon bei einer so kleinen Süßigkeit wie eben an. Vielleicht mag ich prinzipiell oder momentan nichts Süßes. Oder ich habe Diabetes oder gerade Schwierigkeiten mit den Zähnen. Außerdem ist Süßes nicht gesund für die Zähne oder ich will gerade abnehmen und habe mich schwer getan, diese Versuchung an mir vorüberziehen zu lassen oder am Vormittag essen sie nie Süßes oder was auch immer für Gründe – und sie haben sich nichts genommen.

Sie merken schon, wir könnten hier viele Gründe aufzählen, warum jemand der Einladung nicht gefolgt ist und sich vielleicht nichts genommen hat. Und das ist ja auch nicht weiter schlimm. Auf eine freie Einladung darf ich doch frei entscheiden, oder? Doch manchmal gibt es Einladungen, da merkt man erst im Nachhinein, dass es falsch war, wenn man sie ausgeschlagen hat. Natürlich gab es vorher genug gute und wichtige Gründe, womöglich auch egoistische, über die man einfach nicht hinwegsehen konnte – aber das spielt danach alles keine Rolle mehr. Der Zug ist abgefahren. Chance verpasst.

Was die ganze Sache aber auf die Spitze treibt ist, wenn die Gäste zugesagt haben, dass sie kommen werden. Und man hat sich sehr gefreut und sich darauf vorbereitet – schließlich sind es ja Freunde des Hauses und es hat einen Grund, warum man gerade diese und nicht andere eingeladen hat. Und dann, zwei Stunden vor dem Fest klingelt das Telefon, und der erste sagt ab – aus wichtigen, unaufschiebbaren Gründen – o.k.; man versteht es. Doch kaum hat man aufgelegt, klingelt es wieder – die nächste Absage. Und so fort. Was da mit einem passiert, muss ich ihnen nicht weiter ausführen.

2. Predigttext

Und hier sind wir ganz bei unserem heutigen Predigttext: Lk 14, 15 - 24

3. Eine verständliche Geschichte – vom Zorn

Keine Frage, wir können den Hausherrn sehr gut verstehen. Seine Enttäuschung und seinen Zorn und seine Reaktion: Dann können sie mir gestohlen bleiben. Interessant finde ich, dass sich der Hausherr nun nicht zurückzieht und schmollt: Dann feiere ich eben alleine – und er setzt sich beleidigt vor sein Glas Wein und schluckt allen Frust in sich hinein. Er will nicht alleine feiern. Und wenn die einen nicht kommen, dann kommen eben andere. Zu einem Fest gehören Gäste. Feiern kann man nicht alleine – wer das behauptet, hat schon aufgegeben.

4. Wer kommt nicht und wer kommt stattdessen?

Aber nun ist das ja nicht irgendeine Geschichte und die Erzählung handelt auch nicht von irgendwem, sondern sie steht in der Bibel und handelt vom Mahl im Reich Gottes. Darum wollen wir genauer hinsehen, was das geschieht.

Sehen wir uns die Personen an, die hier erwähnt sind. Zunächst sind die eingeladen, die wir wahrscheinlich auch eingeladen hätten. Die, die es im Leben zu etwas gebracht haben. Die, die mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen. Menschen, wie wir sie kennen. Ganz normale Bürger – so wie eben auch unser Leben aussieht: Der eine kauft sich einen Acker, der andere fünf Ochsen, der andere hat geheiratet. Wir gehören dazu. Überträgt man die Geschichte in die Zeit Jesu, hat sie noch eine weitere Bedeutung: Gemeint sind hier auch alle jüdischen Geschwister Jesu; das ganze jüdische Volk, das Volk Gottes, zu dem der Messias – eben Jesus - geschickt wurde. Und eigentlich ist das ja auch klar, dass man die einlädt, mit denen man verwandt ist oder befreundet; mit denen man sonst auch lebt und zu tun hat – die, zu denen man gehört.

Sie sind zuerst eingeladen. Und sie haben zunächst nicht abgesagt. Doch dann lassen sie ihn im Stich. Kurz vor dem Fest sagen sie ab. Und da wird der Hausherr, das wird Gott zornig. Er macht nun die Türen für alle auf. Wenn die, die eigentlich gemeint waren, wenn die nicht wollen, dann gibt es keine Beschränkungen mehr. Dann sind alle eingeladen.

Und was jetzt kommt treibt die Erzählung auf die Spitze. Jesus provoziert uns hier. Der Unterschied könnte nicht krasser sein – aber wann hat uns Jesus jemals Honig ums Maul geschmiert. Das können andere machen. Dafür ist die Sache zu wichtig. Gott lockt uns aus der Reserve. Nun sind ganz andere eingeladen. Die, mit denen man sonst eigentlich nichts zu tun hat. Und er schickt sogar zweimal seinen Knecht aus:

Zunächst nur in die Stadt: „Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und Krüppel und Blinden und Lahmen hier herein!“ (21)
Und als noch Platz ist, schickt er ihn noch einmal hinaus, diesmal vor die Tore der Stadt, aufs Land und sagt: „Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie, hereinzukommen, damit mein Haus voll werde!“ (23) Und wir ahnen es: übertragen ist hier der Beginn unserer Kirche beschrieben: Weil das jüdische Volk Jesus nicht angenommen hat, hatte die übrige Welt erst überhaupt eine Chance. Und sie wurde eingeladen am Tisch Gottes Platz zu nehmen und wir haben die Chance genutzt: Arme und Krüppel und Blinde und Lahme, im Staub der Landstraße lebend, hinter den Zäunen kauernd auf einem erbärmlichen, windgeschützten Lager.

5. Warum sie nicht kommen – Erstarrung

Wir könnten hier fertig sein mit dem Gleichnis Jesu. Die Juden sind weggeblieben – die Heiden sind gekommen. Wir sind in der Kirche, wir sitzen beim Mahl im Reich Gottes. Prima. Wir können beruhigt nach Hause gehen. Wir haben uns alle einen Bonbon genommen. Amen

Doch ich frage mich: Ist es das, was wir hören wollen? Glück gehabt: Ich bin dabei. Immerhin: Die anderen hatte ihre Chance. Jetzt sind die Türen verschlossen. Verloren ist verloren. Des einen Leid, des andern Freud. Lasst uns zum Essen gehen. Mahlzeit.
Ist es das, was wir hören wollen? Wie diese Woche auf der Titelseite: Lasst die „Ossis“ doch streiken, dann erhöhen sich bei uns die Chancen für die Autozulieferbetriebe. Ist es das, was wir hören? Ich kann das nicht hören. Und sie sehen es mir nach, aber Christsein ist eben nicht so leicht. Man ist nicht einmal Christ und dann hat man's. Da bleibt immer wieder der Anspruch und das, wie ich mit meinem Leben dahinter zurück bleibe. Da habe ich mich gemütlich am Tisch des Herrn eingerichtet und merke gar nicht mehr, wie ich schon längst draußen sitze.

Und ich frage mich, wo ich eigentlich in dieser Erzählung gemeint bin und ich werde unsicher, denn ich bin kein Armer und kein Krüppel und kein Blinder und kein Lahmer. Und ich sehe mir die genauer an, die nicht gekommen sind. Und ich frage mich, warum sie denn nicht gekommen sind und ich erschrecke. Das könnten auch meine Gründe sein.

a. Da höre ich sie sagen: Ich gehöre eh dazu, zu den Ausgewählten. Ich habe es schon geschafft. Das passt doch alles schon. Da muss sich nichts mehr verändern. So wie das jüdische Volk, so haben auch wir uns bereits eingerichtet. Wir wissen, wie das so alles mit unserem Glauben und der Kirche und dem lieben Gott zu laufen hat. Wir sind satt. Übersättigt wahrscheinlich. Das System stimmt. Und es geht uns damit ja auch ganz gut. Reich Gottes Partys haben wir eh schon genug. Da muss man dann auch nicht mehr auf jede gehen. Ich kauf mir lieber einen Acker oder fünf Kühe oder widme mich meiner Frau – da habe ich zumindest etwas davon. Danke – ich bin schon satt.

b. Außerdem, so weiß man, provoziert dieser Jesus gerne. Er hinterfragt einen andauernd. Er lässt einen nicht in Ruhe. Zum Schluss soll ich noch mein Leben umkrempeln. Und darauf, das sage ich ehrlich, habe ich schon gar keine Lust.

Wer satt ist, blockiert gerne. Wer satt ist, will sich nicht mehr bewegen. Und wir sind satt, mehr als satt. Im Wirtschaftlichen wird uns das mit am deutlichsten: Wie oft ist mir bei Besuchen erzählt worden, die Textilbarone haben hier nach dem Krieg die Ansiedlung von Siemens verhindert – da ist etwas Wahres dran. Das gleiche gilt für die Wirtschaftstandorte Nürnberg oder das Ruhrgebiet. Ja nichts Neues? Ja keine Veränderung? Ja keine Konkurrenz – gerade wenn ich merke, dass ich nicht mehr so attraktiv bin. Der Gewinner ist nicht von ungefähr heute der Großraum München – da war vorher nicht viel. Da hatte man Hunger und weniger Bedenkenträger. Wer Hunger hat, der ergreift die Chance, wenn es etwas zum Essen gibt. Das ist in den neuen Bundesländern und in Tschechien nicht anders.

Wir wissen alle, warum sich in unserem Land momentan so wenig bewegt. Nicht weil wir Hunger leider, sondern weil wir all zu satt sind. Bitte keine Veränderungen. Keine Provokationen. Lass alles beim Alten, Jesus. Der Messias kommt sicherlich später, nicht jetzt. Und außerdem kommt er anders. Wir wissen das. Glaubt uns. Wer satt ist, wer weiß, dass er es geschafft hat, wer sich sicher ist, dass er dazu gehört, der wird träge: Warum sollte er sich bewegen. Er meidet Provokationen. Er meidet Veränderung. Er kümmert sich lieber um die Bestandssicherung: einen Acker, fünf Kühe, eine Frau. Das ist in der Kirche nicht anders wie in der Wirtschaft. Warum sollte es auch – sind wir doch alle Menschen, Geschöpfte Gottes.

Ich habe letzthin einen Artikel gelesen, da forderten Amerikanische Multimillionäre die Erhöhung der Erbschaftssteuer mit der Begründung, wenn das Erbe zu groß wird könnten ihre Erben zu träge werden in ihrer unternehmerischen Phantasie. Wer in der alten Welt verharren will, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Verharren bringt Erstarrung. Erstarrung bringt Blockade. Und dann heißt es irgendwann einmal: „Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und Krüppel und Blinden und Lahmen hier herein!“ Und wenn dann noch Platz ist „geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie, hereinzukommen, damit mein Haus voll werde!“

6. Gott bekommt sein Haus voll

Beruhigend an der ganzen Erzählung ist eigentlich nur, dass Gott sein Haus voll bringen wird. Auch ohne die, die zuerst eingeladen wurden. Er bekommt es auch voll ohne uns. Doch eingeladen sind wir zunächst alle, aus der engen Welt unseres Glaubens hinauszutreten in die große Welt Gottes, die viel reicher ist, als wir uns überhaupt vorstellen können. Und scheuen wir uns nicht, wenn wir dann neben Bettlern und Lahmen sitzen, neben Moslem, Juden oder Atheisten. Neben Wolff Biermann oder dem Dalai Lahma. Was fällt uns überhaupt ein, Gott vorzuschreiben, wen er an seinen Tisch einlädt. Hier steht nur: Selig ist, wer am Mahl im Reiche Gottes teilnehmen wird. Das müsste uns eigentlich reichen. Amen


Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

(15)Als aber einer das hörte, der mit zu Tisch saß, sprach er zu Jesus: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes!
(16)Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein.
(17)Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit!
(18)Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
(19)Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft, und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.
(20)Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen.
(21)Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein.
(22)Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da.
(23)Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.
(24)Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.


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