Predigt Lukas 7/36-50 11. Sonntag nach Trinitatis 26.08.01
"Wein, Weib
und Gesang?"
(von Pfr. z.A. Arne Langbein, Döhlau)
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Liebe Leser, unser Predigttext ist eingerahmt von zwei Stücken, die uns über das Leben von Jesus interessante Auskunft geben: zunächst gibt Jesus seinen Kritikern bezüglich seines Lebenswandels eins auf die Mütze, dann erfahren wir, dass sich in seinem Umfeld einige Frauen tummeln, die seine Reise unterstützen. Das ist vielleicht bekannt, aber immer wieder bemerkenswert: „Fresser und Weinsäufer“ wird Jesus genannt, weil er anscheinend von übertriebenem Fasten nicht viel hält (immerhin war er anfangs 40 Tage und 40 Nächte in der Wüste, das mag geprägt haben). Bedeutende Propheten und Männer Gottes haben wohl mehr zu fasten und sich nicht auf Festen herumzutreiben, in den Augen derer, dies genau wissen. Und um Feste, Essen und Trinken geht's bei Jesus sehr oft, wenn wir kurz durch die Evangelien blättern: da ist die Hochzeit zu Kana, bei der es guten Wein gibt, da ist das Essen bei Zachäus, da sind die Speisungen der Massen in der Wüste. Feste hier, Feste da und zum Schluss das letzte Mahl mit seinen Jüngern und hier noch die Rede von der Frucht des Weinstocks, von der Jesus trinken wird im Reich Gottes. Also: wer hier kritisch ist, dem fallen solche harten Worte leicht ein: Fresser und Weinsäufer. Dazu noch mit der Verbindung: Freund der Zöllner und Sünder! Weil dieser Jesus sich ständig mit Leuten herumtreibt, mit denen man sich nach der Lehre der Pharisäer nicht abzugeben hat. Und nun gehen da auch noch Frauen mit ihm! Anständige Männer geben sich außerhalb ihres Hauses nicht mit Frauen ab, denn das schickt sich nicht! Seine Frau hat man daheim am Herd oder man geht vielleicht mal heimlich zu einer... aber dazu kommen wir noch. Jesus eckt also an mit seinem Lebenswandel und viele begreifen nicht: dieser gehört mit seiner Botschaft zusammen. Jesus will das ganze Volk Gottes zur Umkehr rufen und da gehören eben gerade die dazu, die den Weg des Gesetzes verlassen haben, beziehungsweise von der – religiösen - Gesellschaft in bestimmte Rollen gezwängt werden. Paulus wird einmal schreiben: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus. Noch aber zieht Jesus durch die Lande und predigt das Reich Gottes. Als Zeichen für dieses Reich sieht Jesus das Fest und die Frucht des Weinstocks als altes Symbol für die Freude, die darin herrscht. Deswegen lässt er sich gerne einladen oder lädt sich hin und wieder selber ein. Denn jedes Fest ist auch begleitet von der Zuwendung zu einem bestimmten Menschen. Von so einem Menschen bei so einem Fest handelt unser Predigttext: Pharisäer sind gescheite Leute, kennen sich in der Bibel aus und wollen nach dem Willen Gottes leben. Jesus gegenüber sind sie zwar kritisch, aber sie suchen den Kontakt zu ihm. Und er diskutiert gerne mit ihnen. Und so isst Jesus heute bei einem gewissen Simon. Wer noch dazu geladen ist, wissen wir nicht, vielleicht einige andere wichtige Leute, Prominenz vielleicht, auf jeden Fall Menschen, die sich für das interessieren, was dieser Herr aus Nazaret zu sagen hat. Bestimmt ist Simon sehr stolz auf seinen Gast, der eine gewisse Berühmtheit hat. Was bei Lukas in der Folge ziemlich nüchtern beschrieben wird, stelle ich mir ziemlich bewegend vor: Da sitzen sie nett beim Essen und dann kommt eine Frau in den Raum: eine stadtbekannte Prostituierte. Und die heult sich die Augen aus und fängt an, die Füße des hohen Gastes erstens zu beweinen, dann mit ihren Haaren zu trocken, weiter dessen Füße zu küssen und mit einer teuren Salbe einzucremen. Und der lässt's geschehen. Nicht nur geschehen... Ja, wie? Und da gibt's keinen Aufstand? Anscheinend nicht, man sitzt pikiert am Tisch und findet das alles ungeheuer peinlich. Der Gastgeber spricht zu sich selber: wenn der wüsste, wer das ist... Versteckter Humor taucht nun doch kurz auf bei Lukas, der Jesus antworten lässt auf diese Gedanken über die Prostituierte. Er weiß, was der andere denkt und erzählt ihm flugs ein Gleichnis, worauf der arme Simon richtig zu antworten weiß. Und nun muss Simon lernen, dass diese Frau Jesus mehr gegeben hat, als der Gastgeber selber. Wohlgemerkt: die Frau hat Jesus etwas gegeben! Ihm kommt's nicht nur darauf an, dass sie sich an ihn wendet! Die Bedingung für das Vergeben ihrer Sünden, die übrigens nicht genannt werden (dies zur moralischen Frage nach der Prostitution), ist das freilich nicht. Jesus freut sich über die Zuneigung, ganz einfach. Und macht gleichzeitig deutlich: nicht jede angenommene Einladung heißt gleichzeitig, dass er sich da auch wohl fühlt. Der Frau geht es jetzt auch gut. Sie hat all ihren Mut zusammen genommen und ist in die feine Gesellschaft eingedrungen. Hat Frieden jetzt. An ihrem Glauben lag's. sagt Jesus. Das gilt bis heute. Viele Menschen leben mit Gott durch Jesus, obwohl die Gesellschaft das nicht glauben mag. Und das ist gut so. Auf Ansehen und Anständigkeit in einfachem Sinne kommt's nicht an, sondern immer wieder auf den Willen, neu anzufangen und dies im Vertrauen darauf, dass Gott selber hilft. Auch wenn manche Zeitgenossen schon längst ihre Schubladen aufgemacht und ihre Stempel aufgedrückt haben. Schon bei Ezechiel heißt es von Gott: „Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken.“ „Das meiste wird von Leuten bewirkt, denen es nicht besonders gut geht.“ lese ich die Woche in der aktuellen Ausgabe der ZEIT. Ein schönes Wort, in Hinblick auf unseren Text sehr treffend. Der Frau ging's ja nicht gut und so bewirkt sie in gewisser Weise die Zuwendung Jesu. Gleichzeitig hat sie damit den anderen Anwesenden die Augen geöffnet, dass es immer wieder Neuanfang und Vergebung und damit Frieden braucht und das man dazu stehen muss. Im Buch „Der Prophet“ von Khalil Gibran heißt es: „Und wie ein einzelnes Blatt nicht ohne das stille Wissen des ganzen Baumes vergilbt, so kann auch der Übeltäter kein Unrecht tun ohne den verborgenen Willen von euch allen.“ Das klingt jetzt sehr geheimnisvoll, meint aber im Kern folgendes: Es gibt immer Menschen, die sich für besonders tugendhaft halten und daher Abstand nehmen von solchen, bei denen es anders läuft. Aber eigentlich brauchen sie diese „Gestrauchelten“, sonst würden sie nicht auffallen! Tun sie also etwas dagegen, dass überhaupt jemand „strauchelt“? Wohl zu wenig: und so kann's nach dem Propheten keine Gesellschaft geben, in der in klaren Worten über Schuld und Gerechtigkeit geredet werden kann: beides ist nämlich vermischt. Wären wir dabei gewesen, hätten wir die Anwesenden im Haus des Pharisäers Simon auch fragen können: wenn ihr euch schon so aufregt, habt ihr schon einmal was dagegen getan, dass sie sich ihr Geld auf diese Weise verdient? Oder, noch frecher: wieso hat diese Frau so einfach Zugang zu diesem Haus? Und gerade so erweist sich Jesus als Prophet, weil er diese Frau ernstnimmt und sich das gefallen lässt, was sie mit seinen Füßen macht, denn er spürt ihr Vertrauen und ihre Liebe. Er genießt auch, denn Fußmassagen tun gut. Das wissen auch Propheten, von denen die Leute erwarten, dass sie nur kluge Dinge sagen und so recht asketisch leben, aber das hatten wir schon. Wenn wir es ganz nüchtern sehen, treffen hier zwei Menschen mit ihren Gaben aufeinander: Die Prostituierte mit dem, was sie ihm geben kann, nämlich Küsse und teures Salböl, letzteres wohl aus ihrem „Betrieb“, und Jesus mit dem Wort, jetzt doch!, das sie braucht: ihre Sünden sind ihr vergeben und sie kann in Frieden wieder gehen. Als Menschen, die heute glauben, sind wir ähnlich eingeladen, uns so auf den Weg zu machen zu Jesus, wie diese Frau. Egal, was an augenscheinlichen Hindernissen da ist. Sie werden von Jesus selbst nicht ernst genommen. Ernst genommen werden wir als solche, die von Jesus etwas erwarten. Ich kenne einige Leute, die beim Beten weinen und auch bei mir ist es schon vorgekommen. Das ist weder „unmännlich“ noch sonst was, es muss einem auch nicht unbedingt schlecht gehen. Es ist reine Emotion, reines Vertrauen zu dem Herrn unseres Lebens. Man kann auch aus Freude weinen. Geh hin in Frieden! Das sagt der, der das Leben gekannt, scharf beobachtet und auch genossen hat, in der kurzen Zeit, die er hatte. Es mag sein, dass das, was wir hier von Jesus hören, ungewohnt ist. Aber es wurde zur Heiligen Schrift, egal was an Gesellschaftsformen und Moralvorstellungen seitdem entstanden ist. So sind wir denn Kinder Gottes als die, die sich zu einem halten, der heute noch zum Fest einlädt: Jesus, der „Fresser und Weinsäufer“ genannt wurde, lebt mit uns, Frauen und Männern, besonders in Brot und Wein, begleitet von viel Gesang! Gute Tage im Leben mit Gott wünscht |
Text:
(36)Es bat ihn aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch. |
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