Predigt anlässlich des 10jährigen Jubiläums der Johanneskirche in Rehau         26.06.2011

(Von Dekan Günter Saalfrank)

Liebe Gemeinde!

Sie ist wirklich ein Kleinod im Dekanat Hof: die Johanneskirche hier in Rehau. Vor 10 Jahren eingeweiht, stellt sie jüngste unter den Gotteshäusern in der Region dar. Und sie ist einer der Sakralbauten, in die besonders viel Licht einfällt: Von oben – von der Kuppel – her und von der Seite durch die Glasfronten. Kein Wunder, dass sie auch als Lichtkirche bezeichnet wird.

Johannes der Täufer ist der Namenspatron des Gotteshauses. Von ihm heißt es im Johannesevangelium: Dies ist das Zeugnis Johannes des Täufers: Er – Jesus – muss wachsen, ich aber muss abnehmen. (Joh. 3,30).

Drei Gedanken zum Namensgeber der Kirche:
1. Johannes der Täufer – der unbequeme Mahner
2. Johannes der Täufer - sein Zeugnis über Jesus
3. Johannes der Täufer – der Wegweiser auf Jesus

Zum ersten Gedanken: Johannes der Täufer – der unbequeme Mahner. Im Juni letzten Jahres war ich mit einer Gruppe aus dem Dekanat in Jordanien. Wir besuchten Bethanien jenseits des Jordans, die Gegend, wo Johannes der Täufer dem Johannesevangelium nach gewirkt und wo er Jesus getauft hatte. Eine unwirtliche Gegend – abseits der Zivilisation, tagsüber sehr heiß, in dieser Jahreszeit zwischen 35 und 40 Grad. Hier lebte Johannes der Täufer. Hier rief er die Menschen zur Umkehr und zur Besinnung auf Gott auf. Religiöse Laxheit war ihm ein Dorn im Auge. Er sagte den Menschen, die zu ihm kamen, klipp und klar: „So wie bisher lebt könnt ihr nicht weitermachen. Ihr müsst umkehren. Werdet bessere Menschen.“ Als Zeichen für die Umkehr sollten sich die Menschen taufen lassen. Das Alte sollte im Jordan ertränkt werden. Um dann als neue Menschen aus dem Wasser zu steigen.
Johannes der Täufer war ein unbequemer Mahner. Einer, der den Menschen nicht nach dem Mund redete. Ein kritischer Geist. Eín Querdenker. Einer, der sich mit der Botschaft, die er weitergab, nicht nur Freunde schaffte.

Liebe Gemeinde! Die biblische Botschaft wird manchmal mit einem Wohlfühlevangelium verwechselt. Dabei geht es doch im Alten und Neuen Testament um viel mehr. Sicher spielen Trost, Orientierung und Wegweisung eine wichtige Rolle. Aber auch dass andere ist der Fall: Dass Menschen korrigiert, in Frage gestellt und zur Umkehr aufgerufen werden. Es ist wichtig, dass die zwei Seiten jeweils ihren Platz in Gottesdiensten haben – nicht nur hier in der Johanneskirche: Trost und Ermahnung. Aufbauende Worte und Worte, die einem einen Spiegel vorhalten.

So groß der Wunsch nach religiöser Wellness auch sein mag, Gottesdienste dürfen nicht darauf verkürzt werden. Wenn Menschen hier zusammenkommen, dann braucht es Beides: Worte, die gut tun und Worte, die in Frage stellen. Johannes der Täufer hat die Dinge genau beim Namen genannt, die nicht in Ordnung waren. Die Kirche ist hier der Ort, wo auch unbequeme Wahrheiten ausgesprochen werden müssen. Beispiel Sonntag: Er ist ein Geschenk Gottes, um im Getriebe des Alltags nicht zu Getriebenen zu werden. Deshalb ist es nicht hinzunehmen, wenn der Sonntag immer mehr zur Disposition gestellt und Firmen verstärkt Ausnahmegenehmigungen für Sonntagsarbeit erhalten.

Zu unbequemen Wahrheiten gehört auch die Bevölkerungsentwicklung in der Region. Es leben immer weniger Menschen hier. Das soll nicht Angst einjagen, sondern helfen, realistisch die Situation einzuschätzen und sich ihr zu stellen. Beispiel: Rehau. Seit der Einweihung der Johanneskirche vor 10 Jahren ist die Zahl der Evangelischen in der Industriestadt im Grünen um fast 12 Prozent auf nun 4.641 zurückgegangen. Da ist – nicht nur in Rehau zu überlegen - zu überlegen, ob auf Dauer alle Gebäude gehalten werden können. Denkverbote darf es dabei nicht geben. Die Devise „Weiter so wie bisher“ hilft nicht weiter. Sie führt in die Sackgasse.

Zum zweiten Gedanken: Johannes der Täufer - sein Zeugnis über Jesus. Als Johannes Jesus das erste Mal sieht, ruft er mit großer Gewissheit aus: Dieser ist es, auf den ich so lange gewartet habe. Und er legt Zeugnis von ihm ab. Indem er bekennt: Das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt. Johannes sieht in Jesus denjenigen, der die Schuld der Welt auf sich nimmt. In Israel wurden einmal im Jahr einem Tier, einem Sündenbock, symbolisch alle Verfehlungen des gesamten Volkes auf aufgeladen. Danach wurde es in die Wüste geschickt, um dort mit allen Sünden stellvertretend für alle Menschen zu sterben.

Johannes der Täufer beschreibt das Leben Jesu als ein Opfer. So gibt er Zeugnis über Jesus. Nicht wie ein Lehrer Noten seinen Schülern geben muss. Oder einer, der einen Unfall beobachtet hat, vor Gericht dazu Stellung nehmen muss. Sondern es ist eine Art Bekenntnis, das der Täufer ablegt. Er gibt Auskunft über das, was ihm wichtig ist. Was ihn im Innersten bewegt. Er gibt Auskunft über den Glauben.
Das Besondere an einem Zeugnis solcher Art ist, dass es hinein in die Zeit spricht, in der es ausgesprochen wird. Denn zum Zeugnis geben gehört, dass diejenigen auch verstehen, denen man etwas sagen will. Sie sollen begreifen, worum es geht. Johannes hat so geredet, dass es seine Zeitgenossen auch verstanden. Er hat ein vertrautes Bild genommen - das des Sündenbocks -, um zu verdeutlichen, was Jesus für ihn und seine Umwelt bedeutet.

Liebe Gemeinde! Auf nachvollziehbare und verständliche Weise Zeugnis über den christlichen Glauben geben. Das ist die bleibende Aufgabe aller, die hier in der Johanneskirche Gottes Wort verkündigen. Als Pfarrerin oder Pfarrer, Lektorin oder Lektor, Prädikantin oder Prädikant. Mit Bildern und Beispielen, die prägen und sich einprägen. Und mit Worten, wo auch der persönliche geistliche Herzschlag zu spüren ist. Wie bei Johannes dem Täufer, der sagte, was ihm wichtig ist.

Zum dritten und letzten Gedanken: Johannes der Täufer – der Wegweiser auf Jesus. Johannes stellt sich nicht selbst in den Mittelpunkt. Er versteht sich nicht als Erlöser. Stattdessen verweist er auf Jesus als den erwarteten Erlöser. Auf ihn kommt es an, sagt Johannes, nicht auf mich. Er – Jesus – muss wachsen. Ich aber muss abnehmen. Ich bin nicht wert, dass ich ihm seine Schuhriemen löse. Der Künstler Matthias Grünewald hat im so genannten Isenheimer Altar, der heute im französischen Colmar zu sehen ist, Johannes mit einem großen, überdimensionalen Zeigefinger dargestellt. Der Täufer weist in Richtung von Jesus. Die Botschaft des Bildes: Johannes weist weg von sich – auf Jesus hin. Er versteht sich als Wegweiser. Er zeigt, wer der Erlöser ist und auf wen wir als Christen zu blicken haben: auf Jesus Christus.
Die Johanneskirche weist durch ihre besondere Architektur in mehrfacher Hinsicht auf Jesus Christus. Insbesondere auf ihn als Licht der Welt. Nicht nur, weil von oben und von der Seite viel Licht einfällt. Sondern auf eindrückliche Weise durch das Lichtkreuz in der Altarwand. Die sich kreuzenden zwei Glasbänder haben mich besonders beeindruckt, als ich kurz nach meinem Dienstantritt vor sieben Jahren Rehau besuchte und mir die Kirchen und Gemeinderäume hier anschaute. Beeindruckt, weil sich dadurch Licht durch die Altarwand bahnt. Und weil wie Licht aus dem Dunkel dieses Kreuz aus der tiefblau gestalteten Wand hervortritt. Dieses Lichtkreuz verdeutlicht anschaulich, dass das Sterben Jesu Heil und Leben bringt. Auf eindrückliche und zugleich einmalige Weise hier in der Region erzählt so die Johanneskirche in Rehau vom christlichen Glauben.

Liebe Gemeinde! Was in der Architektur dieses Gotteshauses angelegt ist, gilt für jeden Christen und jede Christin: Durchlässig zu sein für das Licht Gottes. So zu leben, dass er durch uns hindurch scheinen kann. Sich nicht selbst als großes Licht oder als besondere Leuchte zu verstehen und in den Mittelpunkt zu stellen. Sondern so zu reden und zu handeln, dass Gottes Licht durch uns scheinen kann.

Um nicht missverstanden zu werden. Es bedeutet nicht, sich von einer gesunden Ich-Stärke und einem gesunden Selbstbewusstsein abzuwenden, das um die eigenen Stärken und Schwächen weiß. Vielmehr meint es, sich nicht immer wieder als großes Licht beweisen zu müssen – als besonderer Strahlemann oder Strahlefrau. Sondern zu wissen: Gott ist mein Licht. Er gibt meinem Leben Orientierung und Wegweisung. Sein Licht strahlt auch in dunkle Bereiche bei mir hinein. Das zu wissen, ist ungemein entlastend. Und es befreit vom Zwang, immer wieder selbst Licht sein wollen. Wie es Johannes der Täufer vorgelebt und ausgedrückt hatte: Er – Jesus - muss wachsen, ich aber muss abnehmen. Auf ihn kommt es an, nicht auf mich.

Liebe Gemeinde! Mögen von Johannes dem Täufer als Namensgeber der Kirche auch zukünftig immer wieder Impulse für das Leben und die Verkündigung hier ausgehen. Insbesondere in dreifacher Hinsicht. Zum einen, dass hier Platz auch für unbequeme Mahnungen ist. Zum zweiten, dass auf ansprechende und nachvollziehbare Weise Zeugnis vom christlichen Glauben gegeben wird. Und zum dritten, sich selbst zurückzunehmen und durchlässig zu sein für Gott und sein Licht. Amen.

Dekan Günter Saalfrank

 

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