Predigt    Johannes 8/21-30   Reminiszere    04.03.2007

"In Christus Gott sehen"
(
Von Pfarrer Martin Adel, Dreieinigkeit Hof)

Liebe Leser,

wir hören ein Gespräch mit. Ein Gespräch zwischen Jesus und seinen Mitmenschen. Damals waren es die Juden, heute könnten es wir sein, egal ob Christen oder Juden oder Moslems. Irgendwo auf der Welt könnte es sein, und es wäre der gleiche Dialog, weil es die gleichen Menschen sind, damals wie heute.

Jesus redet. Und er hört nicht auf, obwohl er schon gar keine Lust mehr hat. Und er wird wütend und gibt doch nicht auf, sondern erfüllt seinen Auftrag, getragen von ihm, dem Vater. Egal, was geschieht. Es hätte nicht so kommen müssen, die Erhöhung, die Erhöhung ans Kreuz, und doch ist sie gekommen. Und wir lernen immer noch schwer und begreifen nicht, sondern bleiben lieber in unserer alten Welt unten und kommen doch nicht weiter in die Welt von oben.

Deshalb ist es gut, dass wir die Worte immer wieder nachsprechen und sie lesen und sie hören, denn der Weg zu unserem Herz ist weit und unser Glaube schwach und das Vertrauen gering. Damals wie heute. Doch wir wollen lernen und begreifen und vertiefen und hören immer wieder von vorne: Ein andermal sagte Jesus zu ihnen: Ich gehe fort und ihr werdet mich suchen und ihr werdet in eurer Sünde sterben. Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen. Da sagten die Juden: Will er sich etwa umbringen? Warum sagt er sonst: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen?

Wir kennen das ja auch. Man spricht miteinander aber man versteht den anderen nicht; als ob man unterschiedliche Sprachen hätte. Und dann stehen wir voreinander und der eine wirft dem anderen vor: Du hörst mir nicht zu. Du verstehst mich nicht. Die Worte stimmen, doch die Bedeutungen sind andere. Der Blick ist gebunden, eingeengt. Ähnlich hier in unserem Predigttext: Jesus spricht von der geistlichen Wirklichkeit und die anderen haben nur ihre materielle Welt im Kopf. Wie begrenzt ihr Blick ist: Will er sich etwa umbringen? Warum sagt er sonst: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen? Etwas anderes können sie sich nicht vorstellen. Bis heute nicht. Nicht nur die Juden. Auch unter uns Christen ist ein großes Nicht-Verstehen. Wir sprechen die Worte nach, aber wir finden keinen Trost darin, weil wir sie nicht glauben können und bringen uns dabei um die Früchte des Glaubens.

Wer ist Jesus?

Jesus gibt dann gewissermaßen eine Erklärung für dieses Unverständnis, wenn er sagt: Er sagte zu ihnen: Ihr stammt von unten, ich stamme von oben; ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt. Und an dieser Stelle scheiden sich wirklich die Geister. Sehen wir in diesen Worte eine Anmaßung Jesu, oder können wir das ernsthaft glauben, dass er von oben her ist, von Gott. Dieses Aussagen fordern die Entscheidung oder den Widerstand. Und prompt kommt auch die Frage: Wer bist du denn?

Ja, wer ist Jesus? Wir hatten diese Frage ja schon einmal in letzter Zeit hier im Gottesdienst: Wer ist Jesus?
Ein guter Mensch?
Ein Vorbild?
Ein Weiser?
Ein Heiler?
An meiner Antwort auf diese Frage wird sich Grundlegendes entscheiden. Gute Menschen gibt es auch andere. Vorbilder ebenso. Weise auch und Heiler erst recht. Aber ist das die passende Antwort? Reicht das? Jesus, der gute Mensch von Nazareth, ein Vorbild, ein Weiser, ein Guru?

Der Glaube zählt

Nein, das reicht nicht. Und hier steht auch etwas anderes. Hier ist ein grundlegender Unterschied beschrieben: Ihr stammt von unten, ich stamme von oben; ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt. Und ich denke, das ist auch das Entscheidende. Damit der Glaube trägt und wir den Zugang in Gottes Wirklichkeit finden, die uns aus unserer Welt heraushebt und verändert und neu in sie hineinstellt, muss Jesus mehr sein als nur ein Vorbild. Er ist das A und das O, der Anfang und das Ende – darunter geht’s nicht, und er zeigt uns eine andere Welt, eine neue Welt, das Reich Gottes, das schon hier anbrechen kann, wo unsere Tränen getrocknet werden und die Friedfertigen selig genannt werden und der Kranke Halt und Trost findet und der Gesunde im Nächsten seinen Bruder und seine Schwester sieht. Von oben her können wir gewissermaßen eine Herzensschulung erfahren, um der Welt etwas geben zu können, was sie verloren hat.

Und deshalb sagt Jesus auch: Ihr werdet in euren Sünden sterben, wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin. Wenn wir den falschen Zug nehmen, können wir nicht am richtigen Ort ankommen. Jesus spricht hier vollmächtig und unverwechselbar sein: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Keiner kommt zum Vater, denn durch mich. Natürlich können wir auch andere Wege gehen und es gibt auch viele andere, schöne Landschaften zu entdecken, unbenommen, aber den Weg zum Vater, den gibt es nur einmal. Es gibt vielleicht verschiedene Anmärsche und Aufstiege, aber oben wird es der Vater sein und kein anderer und wir werden nur durch Christus hinkommen, ob in diesem oder im jenseitigen Leben. Etwas anders kann und will uns Christus nicht sagen.

Das hat nichts mit Fanatismus zu tun – denn der hat im Christentum keinen Platz. Aber es hat etwas mit Glauben und Überzeugung zu tun, etwas das trägt, wenn wir uns festmachen und festhalten und wissen, wohin wir rufen sollen und woher uns Hilfe kommt. Was erschrecken wir, wenn Jesus dabei durchaus auch einmal ungehalten wird und sein Gegenüber anfährt: Warum rede ich überhaupt noch mit euch? Haben wir im Deutschland nach 45 und nach 89 Angst, von etwas überzeugt zu sein und dafür einzutreten?

So viele sind so wankelmütig und versuchen hier und probieren dort und mischen, wie ein Apotheker ihre Sälbchen und Trostpflästerchen und finden doch keine Ruhe und keinen Halt. Und dabei wäre es so einfach, wenn wir den Einen als unseren Herrn erkennen würden. Und so heißt es hier weiter: Ich hätte noch viel über euch zu sagen und viel zu richten, aber er, der mich gesandt hat, bürgt für die Wahrheit, und was ich von ihm gehört habe, das sage ich der Welt. Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, dass Ich es bin. Ihr werdet erkennen, dass ich nichts im eigenen Namen tue, sondern nur das sage, was mich der Vater gelehrt hat.

Wer ist Jesus

Und wieder stellt sich die Frage: Ist das Jesus auch für uns? Nicht irgendein Vorbild, sondern das Vorbild? Nicht irgendein guter Mensch, sondern der gute Mensch. Wahrer Mensch und wahrer Gott? Sehen wir in ihm die alles entscheidende und letztgültige Instanz, so wie es später in der Apostelgeschichte heißen wird: Man musst Gott mehr gehorchen als den Menschen. Ist er die Macht, die es schaffen wird, alle Bedrohungen in ihre Schranken zu weisen und uns stark macht, der Welt und dem Leben die Stirn zu bieten, gelassen und mutig zugleich.

Ist er der, der uns immer wieder einen Weg herauszeigt aus den menschlichen Wirrnissen und Irrnissen und unsere Ängste und Lähmungen in ihre Schranken weißt, so dass uns weder Tod noch Teufel in ihren Bann ziehen können, weil er der Herr über Leben und Tod ist, der Weg, die Wahrheit und das Leben eben. Was für ihn gilt, soll auch für uns gelten, wenn er sagt: Und er, der mich gesandt hat, ist bei mir; er hat mich nicht allein gelassen, weil ich immer das tue, was ihm gefällt. Und diese Sätzen grenzen das Leiden Christi nicht aus, sondern umfassen es und schließen es mit ein, damit auch gar nichts mehr uns trennen kann von der Liebe Gottes. Diese Gewissheit wünscht er sich auch für uns, dass wir nie allein sind, weder auf dem höchsten Berggipfel, wenn wir die Weite der Schöpfung bewundern, noch auf der Intensivstation im Krankenbett, wenn wir mit dem Tod ringen.

Glaubensgewissheit

Wenn uns das zur Gewissheit werden könnte, dann würde uns so vieles an Entscheidungen und Lebenswegen leichter fallen. Wie viele Fehler müssten wir nicht erst selber machen und um wie viel friedfertiger und gerechter und menschlicher würde die Welt und unser Leben werden. Denn Gott ist wirklich so, wie wir es in Jesu Handeln und Reden gehört und gesehen haben. Wir können in ihm gewissermaßen auf das Innerste Gottes sehen, auf Gottes Wesen – und das wird sich am Ende durchsetzen. Und er zeigt sich uns in seiner Verletzlichkeit und in seiner unerschütterlichen Liebe zu uns.

Dieses werbende Angebot gilt bis heute. Es gilt auch uns. Nutzen wir es. Gerade in diesen besonderen Wochen der Passionszeit, um uns wieder einmal uns selbst zu widmen und unserer Seele, unserem Wünschen und Sehnen. Und setzen wir uns damit dem Wort Gottes aus und hören und lauschen, was er uns zu sagen hat, so wie Vera Krause schreibt: „Gott ruft seine Worte auch in mein Leben hinein. Ich müsste hineingehen in diesen Ruf, mich dort hinsetzen mögen. Und hören. ... Doch so einfach ist das mit dem Hören nicht in der Dauerrede, die uns umgibt. Und hat man sich erst einmal entschlossen, still zu sein, beginnt das Gerede erst recht. Um mich herum, in mir.“ Aber das macht nichts, solange wir nicht mit Gott aufgeben, weil Gott nicht mit uns aufgibt.

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)

Text: 

21 Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Ich gehe hinweg und ihr werdet mich suchen und in eurer Sünde sterben. Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen.
22 Da sprachen die Juden: Will er sich denn selbst töten, dass er sagt: Wohin ich gehe, da könnt ihr nicht hinkommen?
23 Und er sprach zu ihnen: Ihr seid von unten her, ich bin von oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt.
24 Darum habe ich euch gesagt, dass ihr sterben werdet in euren Sünden; denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr sterben in euren Sünden.
25 Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Und Jesus sprach zu ihnen: Zuerst das, was ich euch auch sage.
26 Ich habe viel von euch zu reden und zu richten. Aber der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt.
27 Sie verstanden aber nicht, dass er zu ihnen vom Vater sprach.
28 Da sprach Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin und nichts von mir selber tue, sondern, wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich.
29 Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.
30 Als er das sagte, glaubten viele an ihn.


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