Predigt Johannes 5/1-15 19. Sonntag nach Trinitatis 21.10.01
"Willst Du
gesund werden? "
(von Pfr. Martin Adel, Dreieinigkeit)
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Liebe Leser, Eine Geschichte zur Begrüßung von Lothar Zenetti. Sie stammt aus dem Adventskalender „Der andere Advent“, zu dem Pfr. Müller und Frau Hoffsommer dieses Jahr eine Begleitung anbieten werden, wie sie im Gemeindebrief nachlesen können. „Ich traf einen jungen Mann, kerngesund, modisch gekleidet, Sportwagen, und fragte beiläufig, wie er sich fühlte: Was´ne Frage, sagte er, beschissen! Ich fragte, ein wenig verlegen, eine schwerbehinderte ältere Frau in ihrem Rollstuhl, wie es ihr gehe: Gut, sagte sie, es geht mir gut. Da sieht man wieder, dachte ich mir, immer hat man mit den falschen Leuten Mitleid.“ Vorwort Wie könnte es anders sein. Unser Predigttext, der uns heute zum Nachdenken aufgegeben ist, ist so spannend und vielschichtig, dass wir uns damit stundenlang beschäftigen könnten. Das ist das wunderbare an unserer heiligen Schrift, dass wir niemals mit ihr fertig werden können – ist doch die Wahrheit Gottes so unermesslich und unser Leben oft so durcheinander. Doch hören wir zunächst die Worte aus dem Johannesevangelium, wie sie aufgeschrieben stehen im 5. Kapitel: Joh 5,1-16 (Zürcher Übersetzung) Wir könnten nun über vieles Reden: Über das Heilungswunder an sich – und ich bin schon öfter gebeten worden, darüber zu predigen. Doch ich lasse es auch heute außen vor. Das ist die Herrschaft Gottes, dass Jesus Christus Menschen heilt, weil er Gottes Sohn ist. Aber das Wunder ist zunächst nicht wichtig. Es ist auch Jesus nicht wichtig, zumindest nicht als Beweis, denn einige Verse vorher sagt er: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, werdet ihr nicht glauben.“ (4,48) und später redet er zu Thomas: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (20,29) Wir könnten uns auch auslassen über die Boshaftigkeit der Menschen, die Jesus aus seiner Guttat einen Fallstrick drehen. Da geschieht etwas wunderbares, nach 38 Jahren wird ein Mensch gesund, und den anderen fällt nur dazu ein: Das war der falsche Tag! Eine Provokation! Ein Störenfried unserer Ordnung! Oder die überaus interessante Frage: Wie ist denn der Zusammenhang von Sünde und Krankheit, wenn es denn überhaupt einen gibt? Und der Kranke wird allein gelassen in seinem Elend – selber schuld. Ich möchte mit Ihnen heute einen anderen Weg gehen – ebenso wichtig und heilsam, wie es die anderen sind. Jesus sucht das Elend Wie eine Selbstverständlichkeit nehmen wir es hin, wenn da steht: Jesus zog nach Jerusalem und steht mitten unter Kranken, Lahmen und Blinden. Doch das ist nicht selbstverständlich. Wer schon einmal in Jerusalem war, der weiß das. Das ist eine große Stadt. Vom Ölberg her kommend steigt man das Kidrontal hinauf nach Jerusalem. Man geht durch das Löwentor und landet direkt auf der heutigen Via dolorosa. Doch man kommt nicht von alleine an den Teich Bethesda, übersetzt: Haus des Erbarmens. Man muss es suchen, zur rechten Hand liegend. Man muss abbiegen. Man muss schon dorthin wollen – dorthin, wo man sonst nicht hingeht. Mitten unter Kranke. Und wir können es deutlich sehen, dieses Leiden und Stöhnen. Allein schon der Geruch von Ausschlag und Eiter, von Krankheit, Urin und Blut. Fünf Hallen, und wie heißt es hier: „In diesen lag eine Menge von Kranken, Blinden, Lahmen, an Abzehrung Leidenden.“ Zufällig kommt man da nicht hin – die meisten machen einen weiten Bogen um solche Orte, bis heute. Sie meinen, sie könnten es nicht aushalten. Das beleidigt meine Nase. Das bedrückt mich so. Und dann sind sie selbst froh, wenn sie dort liegen und andere sich ihrer erbarmen: Eine streichelnde Hand, ein feuchtes Tuch auf der Stirn, ein Wort für mich. Jesus kommt nicht zufällig dorthin, sondern er sucht die Menschen in ihrem Elend auf. Ich bin bei dir. Und er sieht es und hört es. Er nimmt es wahr. Und meinen wir ja nicht, dass er nicht genauso darunter gelitten hättet, wie wir, dass es soviel Leid und Elend gibt. Aber er drückt sich nicht davor. Er stellt sich Mitten hinein und nimmt es wahr. Er hilft nicht allen – das ist für viele eine bittere Enttäuschung, bis heute. Er hilft einem. An diesem Ort und zu dieser Zeit hilft er einem. Vielleicht sollten wir uns das auch gesagt sein lassen, wenn wir an der Not der anderen zu zerbrechen drohen und schon gar nicht mehr hinsehen wollen. Jesus hilft hier, an diesem Ort und zu dieser Zeit nur einem. Und später einem anderen und danach einem dritten und so fort. Es wäre schon genug getan, wenn jeder von uns einem helfen würde. Nicht allen auf einmal. Heute bist du dran, und morgen ein anderer; und dann ein dritter. Sonst zerbrechen wir. Das ist heute mein Auftrag: Du. Verhaftet im Alten Und dann steht er da vor ihm, „ein Mensch, der 38 Jahre an seiner Krankheit gelitten hatte.“ Keine Nummer, kein: Zimmer drei hat wieder erbrochen. Nicht irgendjemand. Ein Mensch. Und er stellt ihm die entscheidende Frage: „Willst du gesund werden?“ „Willst du gesund werden?“ fragt er ihn, und was bekommt Jesus zur Antwort? Wissen sie es noch? Da kommt kein Ja! Da kommt kein Zögern oder Stutzen. „Willst du gesund werden?“ und der Mensch, was macht er? Er jammert ihm etwas vor. „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser bewegt wird; während ich aber komme, steigt ein andrer vor mir hinab.“ „Willst du gesund werden?“ Und er erzählt ihm, was er schon alles versucht hat und wie schlecht es ihm ergangen ist und dass er niemanden habe. Oh, wir kennen das. Wir jammern uns gegenseitig etwas vor, wie schlecht es uns geht und was wir alles zu erleiden haben und was man nicht schon alles versucht hat und weh und ach. Wir gehen auf in unserem eigenen Mitleid und dass sich ja doch nie etwas ändern wird. Das alles wissen wir schon im Voraus. Ich möchte das gar nicht bestreiten: All das sind Erfahrungswerte. Enttäuschungen eines Lebens. Leidvoll geprüft. Doch eigentlich schreiben wir damit nur alles noch fester. Alles bleibt, wie es ist. Nichts kann sich mehr verändern und darf sich womöglich auch nicht verändern. Wir haben uns in unser Schicksal gefügt. Und dann steht die alles entscheidende Frage vor mir: „Willst du gesund werden?“ Und ich kann sie nicht einmal mehr beantworten, sondern bleibe in meiner Welt, in meinem Verletztsein, in meinem Leid. „Willst du gesund werden?“ fragt mich Gott. Wo bleibt hier mein entschiedenes: Ja, ich will. Ja, ich will gesund werden.! Die Frage Und wir haben sie schon so oft überhört, in unserem täglichen Sorgen und Schaffen und Tun. Dabei ist es die entscheidende Frage in meinem Leben. „Willst du gesund werden?“ und zwar nicht automatisch auf dem Weg, den du meinst, wie du gesund werden könntest. Das war ja auch nicht bei unserem Menschen so: Während er fixiert ist auf das Wasser, damit es sich bewegt und er als erster hineinkommt; und wir können uns das ruhig vorstellen wie beim Kaufhof, wenn der Winterschlussverkauf beginnt. Völlig fixiert auf die eine Idee: Ich weiß schon, wie ich gesund werde; und das geht uns allen so. Oh ja, wir wissen schon immer, was sich alles verändern muss, damit ich gesund werde. Wenn das nicht wäre, wenn der anders wäre, wenn die doch endlich das und das tun würden, dann ginge es mir gut. Dann würde ich gesund. Festgewurzelt und starr blicken wir auf das Zeichen, damit es endlich kommt. Dabei ist die Hilfe schon da. „Willst du gesund werden?“ Und ohne ein Ja abzuwarten sagt Jesus: „Steh auf, nimm dein Bett auf und geh umher!“ Was jetzt noch fehlte, wäre, dass unser Mensch liegen bliebe und darauf wartet, bis das Wasser des Teiches Bethesda sich bewegt und jemand ihn als erstes hineinträgt. Doch bei ihm hat sich etwas verändert. Er traut Gott. Er traut Gott zu, dass er weiß, wie er gesund werden kann. „Und er hob sein Bett auf und ging umher.“ Zum Schluss weiß er nicht einmal mehr, wer ihm geholfen hat. Wir hatten am Mittwoch einen Vortragsabend zum Thema: Angehörige Pflegen – Wege zur Unterstützung und Entlastung. Wissen sie, wie viele gekommen sind. 4 Personen, dabei weiß ich von meinen Besuchen, dass etliche in unserer Gemeinde ihre Angehörigen pflegen und in ihrem Pflegen und sich Sorgen mehr als an ihre Grenzen stoßen. Das ist halt mein Schicksal, wird dann gesagt und fügen sich in ein Leid, das Gott so nicht gewollt hat. „Willst du gesund werden?“ Und ich bleibe sitzen und warte, bis das Wasser sich bewegt. Wissen sie, wir sind reichlich ungerecht und undankbar gegenüber Gott. Da bietet er uns alles, und wir fangen an zu hadern, dass es hier zwickt und dort drückt und es nicht nach unserem Willen geht. An unseren Wunschträumen vom Leben scheitern dann wir, nicht Gott. Denn Gesundheit ist mehr, als gesunde Knochen und Organe zu haben. Und es wäre schon viel geholfen, wenn wir zumindest dafür dankbar wären. Ich kenne einige kranke Menschen, die gesünder sind, als wir gesunden. Weil ihre Seele gesund geworden ist, gesund durch Gott. Da ist auch zwischendurch Stöhnen und Wehklagen und Hadern mit Gott; doch in ihrem Klagen verändert sich etwas hin zum Loslassen und Abgeben. Und sie vertrauen darauf, dass er weiß, wie ich gesund werde, in mir und an mir, so, wie es Jesus zugesagt hat. Und wir werden leben, auch wenn wir sterben. Sind nicht schon genug tot, obwohl sie noch leben? Und dann stellt sie sich mir immer wieder in den Weg, die Frage Gottes: „Willst du gesund werden?“ Und ich sollte wissen, was ich ihm antworten möchte. |
Text:
(1)Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. |
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