
Klicken Sie auf das Bild zum Vergrößern!
Liebe Leser,
ich hab sie wieder reingenommen. Ich hab sie wieder reingenommen,
die Verse 3-4, die, wie die historisch-kritische Forschung
herausgefunden hat, wohl ein späterer Abschreiber des
Johannesevangeliums hinzugefügt hat. Denn diese Geschichte vom
Engel, der so gerne im Teich Betesda baden geht und dadurch das
Wasser so wundertätig und heilsam macht, ist einfach zu schön;
einfach zu schön, um wahr zu sein.
Und gerade deshalb hat sie Menschen damals wie heute fasziniert. Auf
dem Epitaph „Teich von Betesda“, hinten rechts in der
Hospitalkirche, dessen Mittelteil Sie auf Ihrem Liedblatt betrachten
können, hat der Künstler den fröhlich planschenden Engel mit
gerafftem Kleid mitten ins Bild gemalt. Da ist es kein Wunder, dass
es heute sehr viele Altenheime, Kliniken und andere
gesundheitsfördernde Einrichtungen gibt, die Betesda heißen.
Das sind oft wahre Gesundheitstempel (vgl. Dr. Dagmar Kreitzscheck,
in GPM, 2/2007, Heft 4, S.425), in denen es richtige Priester gibt,
die mit weißen oder grünen Kitteln herumlaufen. Diese sogenannten
Ärzte werden von Tempelfunktionären gemanagt, die in sogenannten
Krankenkassen sitzen. Der niedere Klerus besteht aus den
Pflegekräften und Therapeuten. Viele Gläubige, also wir alle,
pilgern im Notfall in diese Tempel, für deren Unterhalt wir nicht
nur den biblischen Zehnten, sondern sogar bis zu 18% unseres
Einkommens opfern, um dann bei der Visite die hochgezogene
Augenbraue des behandelnden Priesters betrachten zu dürfen. Dafür
bietet man uns die Hoffnung auf ewige Gesundheit, zumindest bis ins
hohe Alter. Allerdings nur wenn wir die asketischen Übungen in Form
von Diäten und Fitnessübungen und die Speisegebote einhalten, als da
wären fünfmal am Tag Obst und Gemüse, und Verzicht auf Alkohol,
Tabak und anderen Feinstaub. Dagegen sind manche Speisegebote aus
dem Alten Testament wirklich ein Klacks. Weil das so ist, senden die
Gesundheitstempel und ihre Religionsgemeinschaften
Gesundheitsapostel aus, die vom Himmel hoch und satellitengestützt
ihre Gebote und die mit ihnen verbundenen Verheißungen bis in die
hintersten Winkel der Welt senden. Mit Erfolg. Jeder, der eine
Apotheke mit einem daneben liegenden Wirtshaus vergleicht, weiß
sofort, wer mehr Besucher hat.
Angesichts solchen Rummels um die Gesundheit, nimmt sich das
50jährige Jubiläum des Altenheims der Hospitalstiftung, deren
einziger Stiftungszweck die Altenhilfe ist, wirklich unspektakulär
aus. Es erinnert uns zunächst einmal an die Binsenweisheit, dass der
Mensch trotz der sensationellen Versprechen der modernen Medizin und
trotz planschender Engel in wundertätigen Teichen und anderem
Hokuspokus früher oder später alt und gebrechlich wird. So hilflos
und hilfsbedürftig, wie er auf die Welt gekommen ist, so
hilfsbedürftig muss er sie wieder verlassen. Und so zeigt sich
gerade am Anfang und am Ende des Lebens, was unabdingbar zum Wesen
des Menschen gehört. Der Mensch ist nicht vor allem der
Leistungsfähige, der sich und seine Welt selbst schafft und macht.
Er ist vor allem ein Mensch, der auf Zuwendung, Hilfe, Liebe und
Fürsorge angewiesen ist.
Der Theologe Eberhard Jüngel schreibt: „Kinder und Alte
repräsentieren auf natürlichste Weise den unbedingten Vorrang der
Person vor ihren Taten. Sie sind ja primär Nehmende und können für
ihr Dasein noch nichts oder nichts mehr tun. Nur wenn wir sie als
solche, die für ihr Dasein noch nichts oder nichts mehr tun können,
als eine Wohltat empfinden, nur wenn wir, statt nach ihrem - auf-
oder abwertbaren - Wert zu fragen, ihre Würde respektieren, strahlen
unsere Gottesdienste das Evangelium so in den Alltag der Welt aus,
dass unsere Leistungsgesellschaft eine menschliche Gesellschaft
genannt zu werden verdient. Entsprechendes gilt für unseren Umgang
mit Kranken, und zwar nicht nur für unseren privaten Umgang, sondern
auch für den sich in der Sozialgesetzgebung ausweisenden
gesellschaftlichen Umgang mit den kranken Menschen.“ (Eberhard
Jüngel, Das Evangelium von der Rechtfertigung des Gottlosen als
Zentrum des Christlichen Glaubens, Mohr, 1999/3, S.229)
Der ehemalige Leiter des Diakonischen Werkes Hof, Friedrich Sticht,
sagte zum Abschied 2004 in seinem Resümee: „Die Solidarität der
Gesellschaft wurde nun schon so lange schlecht geredet, dass sie aus
dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend verschwunden ist. Mich
bedrückt die Schamlosigkeit, mit der man sich zur Unsolidarität
bekennt!“ Und der Gelähmte schreit es schon am Teich von Betesda
hinaus: Herr, ich habe keinen Menschen! Tiefer kann eine Klage nicht
sein. Übermenschlich kann eine Bedrohung, eine Aufgabe, eine Angst
und ein Leid werden. Aber ohne Mensch kann der Mensch nicht Mensch
sein und bleiben. Ohnmenschlich verliert der Mensch seine Würde.
Ohnmenschlichkeit ist die unterste Stufe der Verdammnis. 38
steinerne Jahre hatte dieser Mensch Zeit, um darüber nachzudenken.
Und deshalb lässt er die Frage Jesu, ob er denn gesund werden will,
nicht an ihrer Oberfläche stehen, sondern geht sich und seiner
Krankheit auf den Grund: Herr, ich habe keinen Menschen. Und
bezeichnet damit nicht nur seine persönliche Krankheit. Er bringt
zur Sprache, was auch heute als Krankheit unserer modernen
Gesellschaft gelten kann.
Sie kann nur geheilt werden, wenn wir uns wieder auf das Maß des
Menschlichen besinnen. So wie Hospitalmeister Wolf Schultes das
schon vor über 450 Jahren getan hat. Anlässlich des Todes seiner
Frau Margareta hat er es sich um das Jahr 1546 ein hübsches Sümmchen
kosten lassen, damit wir Heutigen noch erfahren, wo er seinen Platz
sah. Nehmen Sie das Bild zur Hand und Sie entdecken ihn mitten drin,
ausstaffiert wie Martin Luther. Vorne im Bild ist das Gerenne groß
um den wundertätigen Teich mit dem Engel. Aber das ist nicht der
Platz von Schultes. Er wies den Maler Johann Hegenberger an, ihn an
die Seite Jesu zu malen. Man wird zurecht sagen können: Das Hofer
Hospital verstand sich als diakonische Einrichtung und
Hospitalmeister Schultes verstand sich als Diakon, lange bevor die
Diakonie für die Evangelische Kirche durch Johann Hinrich Wichern im
19. Jahrhundert "neu erfunden" wurde. Und deshalb hat er sich nicht
nur an die Seite Jesu malen lassen, der ihm die Hand auf die
Schulter legt. Sie finden Schultes auch ganz links wieder am Bett
eines Kranken. Das ist die ganz unspektakuläre Zuwendung, der
tägliche Dienst, der jeden Tag aufs Neue zu tun ist, damit Menschen
einen Menschen haben. Dieses Bild darf ihnen vor Augen stehen, egal
ob Sie diesen Dienst als PflegerIn, ErgotherapeutIn,
gerontopsychiatrische Fachkraft, HeimleiterIn oder einfach als
BesucherIn tun.
Wolf Schultes, der Hospitalmeister, empfiehlt uns allen dringend,
uns dieses Bild vor Augen zu halten. Denn er hat wohl auch das
gewusst: Wenn wir es mit dem Leid der Welt, und sei es nur mit dem,
das am Ende unseres Lebens auf manchen von uns wartet, alleine
aufnehmen wollten, dann sind wir schnell verlorene Leute. Gerade in
den helfenden Berufen ist die Gefahr auszubrennen besonders groß.
Sie trifft gerade den, der den Menschen ein Mensch sein will und
deshalb empfindsam bleibt und mitleiden kann. Der wird besonders
darunter leiden, dass auch die Arbeitszeiten für
Pflegedienstleistungen immer strenger reglementiert sind. Pflegen im
Akkord sozusagen. Da muss der Mensch für den Menschen zwangsläufig
irgendwann auf der Strecke bleiben. Längst wird deutlich, dass man
angesichts der weiteren Alterung unserer Gesellschaft die Zuwendung
für den alten Menschen nicht durch berufliche Leistung abdecken
kann, sondern dass in Zukunft ehrenamtliches Engagement in viel
höherem Maße nötig sein wird. Die christliche Gemeinde sollte dies
als erste erkennen. Aber für beide, die Haupt- und die
Ehrenamtlichen gilt der gleiche Rat, des Hospitalmeisters Schultes:
nehmt es nicht allein mit dem Leid dieser Welt auf!
Tut es als Mitarbeiter des Christus und seiner Apostel. Tut es an
der Seite dessen, der es mit dem Leid und mit dem Tod wirklich
aufnehmen kann. Tut es nicht, ohne die Hand des Christus auf eurer
Schulter zu spüren, wie Schultes auf dem Bild. Tut es nicht ohne ihm
eure Hand hinzustrecken, wie Schultes das tut. Dazu braucht es oft
nicht einmal ein Gebet. Denn wir alle haben es schon erlebt. Dem
Menschen ein Mensch sein, heißt nicht nur geben. Unverhofft werden
wir selber reich durch den, dem wir uns zuwenden. Sind es nicht
gerade die geringsten Schwestern und Brüder, in denen uns Christus
begegnet? Wer dem Menschen ein Mensch wird, der kann deshalb
unvermittelt neben dem Christus stehen und seine Hand halten. Und
dazu hätte auch Hospitalmeister Schultes nur noch ein Wort gesagt:
Amen.
Pfarrer Johannes Taig
(Hospitalkirche
Hof) (weitere Predigten
von Pfarrer Taig finden Sie exklusiv unter
www.kanzelgruss.de |
Text:
2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf
Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen;
3 in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. Sie
warteten darauf, dass sich das Wasser bewegte.
4 Denn der Engel des Herrn fuhr von Zeit zu Zeit herab in den Teich
und bewegte das Wasser. Wer nun zuerst hineinstieg, nachdem sich das
Wasser bewegt hatte, der wurde gesund, an welcher Krankheit er auch
litt.
5 Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank.
6 Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange
gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?
7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der
mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber
hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.
8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!
9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging
hin.
|