Predigt    Johannes 19/18-30    Karfreitag    18.04.03

"Weg aus der Bitterkeit"
(von Pfr. Martin Adel, Dreieinigkeit)

Liebe Leser,

der Karfreitag war früher einer der höchsten Feiertage im evangelischen Kirchenjahr – der stillste Tag im Jahr. Er ist es heute mit Mühe immer noch und doch nicht mehr. Der christliche Glaube ist nicht mehr selbstverständlich – vielleicht zu Recht, weil er zu lange selbstverständlich war. Der Karfreitag wird zur fremden Veranstaltung – wie ein Protest, ein Auflehnen spüre ich die Rennpferde, die man kaum mehr bändigen kann. Nein. Ich will nicht. Kein Karfreitag. Ich will Ostern. Ich will Spaß. Ich will Freude. Ich will alles, aber nur nichts tragisches, nichts dramatisches – das Leben ist von alleine schon schwer genug. Und Gott sagt: Ja.

Alleine ist das Leben immer zu schwer. Warum willst du tragen, was ich bereits getragen habe? Wogegen lehnst du dich auf? Gegen die Realität? Und was kostet es Kraft, gegen diese Realität jeden Tag neu das lustige und heitere Leben aufrecht zu erhalten. Und plötzlich siehst du auf deinen Karfreitag und du kommst aus dem Schreien nicht mehr heraus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Und dein Leben bleibt an dein Kreuz geheftet, weil du es nicht hingeben kannst für viele. Und Gott hat keine Chance dich zu deiner Auferstehung zu führen, dass du auferstehst zu neuem Leben. Wer festhält erstarrt und verbittert.  Die einen verbittern am krampfhaften Festhalten, dass das Leben ein einziger Karfreitag ist. Die anderen daran, dass sie krampfhaft versuchen, dem Karfreitag aus dem Weg zu gehen.

Dabei ist doch gerade der tiefste Sinn des ersten Karfreitag, dem Karfreitag, den Gottes Sohn, Jesus Christus unser Herr gegangen ist, dass gerade durch das Sterben hindurch der Weg zu neuem Leben möglich wird. Aber das ist zu hoch und zu viel, in unserer Welt, die rein nach dem Materiellen schielt und alles bemisst nach dem Haben: Tot ist tot, Geld ist Geld, jetzt ist jetzt – mehr gibt es nicht. Alles andere sind Illusionen und Hirngespinste. Du bist ganz allein. Geht's dir gut, hast du Glück gehabt. Geht's dir schlecht, bist du eine arme Sau. Wissen sie, manchmal fürchte ich mich vor dieser Zukunft und ich frage mich: Was hat uns so hart gemacht? Ist das die Folge, wenn alles sinnlos wird und jeder nur noch für sich selber kämpfen muss?

Der Evangelist Johannes will uns einen anderen Weg zeigen – einen Weg, der aus der Bitterkeit des Karfreitag herausführt. Er zeichnet für uns einen Weg, der hinter der vermeintlichen Sinnlosigkeit einen tieferen Sinn sichtbar macht und über dem Sterben am Ende stehen kann: Es ist vollbracht.

Der Predigttext für diesen Karfreitag steht im Johannesevangelium:
Verlesen von Vers 16-22

Wir kennen sie, diese Inschrift in großen Buchstaben: INRI – Jesus Nazareus, Rex Judaiorum. Und während sich die einen noch an der Grammatik stören: Ob er nun der König ist oder eben nur gesagt habe, er sei der König der Juden – während sie noch streiten, geschieht etwas viel größeres: ER ist nicht nur der König der Juden, er ist der König der Welt. Und wir stehen bis heute kopfschüttelnd davor und begreifen es nicht: Der soll ein König sein? Lässt sich verspotten, verhöhnen – wo sind denn seine Soldaten, seine Macht, mit der er alles in Schutt und Asche legt, nieder bombt. Das soll ein König sein – ein König am Kreuz. Welch jämmerliche Gestalt.

Macht ist Macht – doch was ich hier sehe ist Ohnmacht. Und wenn er sie nicht zeigt, dann hat er auch keine Macht. Bis heute gilt das. Twin Towers – über 3000 Menschen müssen sterben. Das ist Macht. Und die Antwort: gestern Afghanistan, heute Irak, morgen Syrien – Zigtausende müssen sterben. Das ist noch mehr Macht. Auge um Auge, Zahn um Zahn. O du erbärmlicher Mensch – bis heute hast du noch nichts dazu gelernt und nennst dich aufgeklärt und Krone der Schöpfung. Wir haben die Worte des Pilatus aus der Passionsandacht noch im Ohr: Schau mich an. Sie lieben mich nicht, doch sie fürchten mich und ich lebe. Dich mögen sie gestern noch geliebt haben, doch sie fürchten dich nicht und darum werden sie dich töten. Jetzt ist es so weit.

Text: Vers 23-24

Und Jesus wehrt sich nicht. Hinter dem Schweigen sieht Johannes die größere Geschichte, die den Kopf hinhält für die vielen kleinen Geschichten: „Auf dass die Schrift erfüllt werde.“ Und wir werfen ärgerlich und ängstlich die Flinte ins Korn, weil wir wieder nicht unter den großen Gewinnern sind und die Macht und das Reich geerbt haben, sondern unser Herz am Kreuz hängt. Und wir zerstreuen uns in alle Winde – enttäuscht, weil wir noch immer nicht begriffen haben, was uns Gott in seinem Sohn zeigen will. Und wir verpassen die tiefste Szene, mit der uns Gott ein letztes Mal seinen Weg weist – den Weg der Liebe, die von sich wegsehen kann, weil sie den anderen ansehen kann.

Text: Vers 25-27

Jesus kommt zu sich, weil er ganz von sich weggehen kann. Manchmal durfte ich das schon bei Sterbenden erleben – es geht nicht mehr um die eigene Person, um die letzten Gott abzuringenden Wochen oder Stunden. Es gibt wichtigeres über mich und mein Leben hinaus. Der andere wird wichtig: Kein letztes einengendes Vermächtnis – ihr dürft nicht. Sondern der Blick für das Leben: Hingabe, Fürsorge – Frau, siehe, das ist dein Sohn – Mann: Siehe, das ist deine Mutter. Wer hätte den sonst die Mutter versorgt? „Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Leben wird immer erst da groß, wo es auch Leben für den anderen ist. Aus freier Liebe und Hingabe. Das ist der König der Juden – der König der Welt. Unser Heiland und Erlöser.

Text: Vers 28-30
Und die letzten Worte, die wir aus Jesu Munde hören, sind: Es ist vollbracht!

Es ist vollbracht!  Hier steckt die ganze Wahrheit und das tiefe Geheimnis unseres Glaubens darinnen: Wo die Welt die gescheiterte Gestalt eines Menschen am Kreuz sieht, hängt „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ für unser Leben. Und wenn wir es schaffen, uns in diese Wahrheit hinein zu vertiefen und unseren Starrsinn zu beugen unter die Nägel des Kreuzes, dann werden auch wir einst nachsprechen können, wenn unsere Kräfte schwinden und unser Leben ein Ende findet: Es ist vollbracht. Mein kleiner Teil im großen Teil von Gottes Universum. Es ist vollbracht. Das ist auch Karfreitag. Es ist vollbracht.

Pfarrer Martin Adel   (Dreieinigkeitskirche Hof)
Text: 

19,16 Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde.
Sie nahmen ihn aber,
19,17 und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf hebräisch Golgatha.
19,18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte.
19,19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der König der Juden.
19,20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.
19,21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern, dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.
19,22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.
19,23 Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück.
19,24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.
19,25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.
19,26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn!
19,27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
19,28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet.
19,29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund.
19,30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.


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