Predigt Johannes 9/1-7 8. Sonntag nach Trinitatis 05.08.01
"... die Taten
Gottes vollbringen"
(von Pfarrer
Martin Adel, Dreieinigkeitskirche Hof)
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Liebe Leser, sind sie mit der Bibel schon fertig? Alles schon gelesen, alles schon gehört. Ich weiß, worum es geht. Wenn es so ist, dann ist es vielleicht besser, wenn sie sich eine neue Bibel suchen, denn die alte hat ihre Kraft verloren. Was meine ich damit? Das Wort Gottes ist ein lebendiges Wort, und so, wie unser Leben niemals fertig ist, kann man auch mit der Bibel niemals fertig sein. Wer mit der Bibel fertig ist, bleibt in seiner Schuld. Das gilt gerade uns Frommen. Die Auseinandersetzung Jesu in unserem heutigen Predigttext, wie in den gesamten Evangelien, spielt sich gerade mit denen ab, die mit dem Wort Gottes fertig sind und wissen, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. So steht es im Johannesevangelium, im 9. Kapitel. Ich verwende die Übersetzung der guten Nachricht. Wer hat hier gesündigt? Joh 9,1-2 Eine typische Frage: Wer ist schuld? Wer hat hier gesündigt? Finden sie es nicht auch furchtbar. Es klingt so selbstverständlich, diese Frage. Sie ist so normal. Da muss doch einer schuld sein. Wer hat gesündigt – er oder seine Eltern? Wir kennen diese Frage auch umgekehrt: Warum gerade ich? Ich habe doch immer alles befolgt. Warum gerade der, der war doch so ein guter Mensch. Da geht es auch um Schuld. Aber was bringt dieses Fragen? Wären wir ein Stück weiter, wenn Jesus sagen würde: Der Blinde hat gesündigt oder seine Eltern, und darum muss er für immer blind bleiben und sein Brot durch Betteln verdienen. Es geschieht ihm doch Recht und ich bin aus der Schuld, ihm zu helfen. Geht es darum? Welch ein bitterer Zynismus, mit dem wir immer wieder das Leben einteilen und zuteilen wollen. Hoffentlich geschieht uns nicht einmal Recht und es ist keiner da, der mich als Mensch sieht, sondern nur als Sünder und achtlos an mir vorbeigeht. ... die Taten Gottes vollbringen. Joh 9,3-5 Jesus spricht hier nicht vom Glauben und auch nicht von der Schuld, sondern er spricht von Gott. Von Gottes Macht und von den Taten Gottes. Der andere ist kein Ding, irgendetwas, reduziert auf seine Schuld, sondern ein Mensch, ein Geschöpft Gottes und darum kommt er in den Blick. Den Sünder kann ich wegschieben, den Menschen nehme ich war. Und er wird mir zum Auftrag und zur Aufgabe: „Solange es Tag ist, müssen wir die Taten Gottes vollbringen“ steht da. Christus ist das Licht der Welt, und darum ist es unsere Aufgabe, von diesem Licht zu erzählen, das seinen Platz dort hat, wo der Blinde leidet; und zwar nicht so sehr an seinem Blindsein, sondern an der Ausgrenzung und der Aburteilung: Der ist doch sicherlich ein Sünder und damit bin ich fein raus. Weiter heißt es hier: Joh 9,6-7 Wir wollen uns nicht länger bei diesem Wunder aufhalten, sondern weiter hören, wie uns Johannes noch tiefer in unsere menschlichen Untiefen hineinführt. Wie mit dem Skalpell trennt er es uns heraus – seht, so ist der Mensch: So bist Du! So bin ich! Erschrecken sie nicht. Nun kommen die Nachbarn und die Leute: Joh 9,8-14 Freut sich hier jemand? Ich kann nichts davon lesen. Es wird gezweifelt: Ob man denn seinen Augen trauen darf. Es wird genau erforscht, ob es denn auch mit rechten Dingen zugegangen ist. Da muss doch ein Haar in der Suppe sein. Endlich ist es gefunden: Es war am Sabbat. Das ist alles suspekt, das müssen die Fachleute entscheiden. Und schon geht es weiter. Und sehen sie genau hin – hier spielt sich immer wieder auch unsere eigene Geschichte ab: Joh 9,15-23 Wird da Gott gelobt? Misstrauen, Angst und Unentschiedenheit. Das kann nicht sein. Da muss irgendwo Schuld sein. Das war schon immer so. Wir haben die Bibel studiert. Wir wissen es. Schlimm, wenn Glaube Angst macht und sich der andere nichts mehr sagen traut. Der einzige, der hier frei herausspricht, ist der Sünder. Und so hören wir weiter: Joh 9,24-33 Vielleicht haben wir es schon geahnt. Am Schluss steht das, was vorher schon klar war: Joh 9,34 Warum sind wir so? Da geschieht etwas wunderbares, und anstatt Freude entsteht Misstrauen und Missgunst und Angst. Und es wird solange herumgezerrt, bis wir das wissen, was wir schon vorher wussten. Joh 9,34 „Du bist ja schon von deiner Geburt her ein ausgemachter Sünder, und dann willst du uns belehren?“ Und sie warfen ihn hinaus. Sind wir wirklich so blind, dass wir in unserer Verbohrtheit nicht mehr wahrnehmen, wo Gott am Werk ist. Welche fromme Anmaßung, Gott vorzuschreiben, wo und wie er sich zu zeigen hat und wo nicht. Jesus setzt sich dagegen, wenn hier steht: Joh 9,35-41 Wir werden nicht weiterkommen, wenn wir uns über die Zuteilungen von Schuld und Sünde die Welt und den anderen und uns selbst zurechtbiegen wollen. In Schafe und Böcke teilt Gott auf, nicht wir. Und wo wir einst stehen werden, werden wir dann sehen. Doch solange es noch nicht soweit ist, haben wir einen ganz anderen Auftrag: Wir müssen die Taten Gottes vollbringen, solange es Tag ist. Und das bedeutet: Der Blinde wird mir zum Nächsten und mir zur Aufgabe. Die Not des anderen geht mich etwas an. Und ich werde mich mitfreuen, wo ein Mensch gesund wird und ich werde mitleiden, wo ein Mensch leidet, selbst dann, wenn er es selbst verschuldet hat. Unser Auftrag ist nicht die Rache, denn die macht blind. Unser Auftrag ist die Liebe, weil Gott die Liebe ist und Christus das Licht der Welt. Und darum kann Paulus an die Gemeinde in Ephesus schreiben: Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
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Text:
(1)Und Jesus ging vorüber und
sah einen Menschen, der blind geboren war. |
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