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Predigt Johannes 6, 63b-69 Reformationsfest 31.10.07 "Wohin
sollen wir gehen? " |
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Predigt zum Reformationstag am 31. Oktober 2007, 19.30 Uhr, in der St. Michaeliskirche in Hof Predigt Teil I Liebe Gemeinde, "Hof erleben", das ist für einen alten Hofer wie mich ein Erlebnis und ich bedanke mich für die Einladung. "Hof erleben", unter diesem Motto soll die Hofer Innenstadt wieder attraktiv und wohnlich gemacht werden, so hab ich's gelesen. Fast ein Viertel der Wohnungen steht hier leer. Das soll sich ändern. Man kann solche Bemühungen nur begrüßen. Aber: Zur Wohnlichkeit einer Stadt genügen nicht renovierte Wohnungen und schön gestrichene Fassaden. Zum Leben und Erleben einer Stadt gehört auch ihr kulturelles und geschichtliches Erbe, das dieser Stadt ein Gesicht gegeben hat. So lohnt sich am heutigen Reformationstag ein Blick auch auf die Hofer Geschichte. Schon 50 Jahre vor Luther hat die Pfarrei St. Michaelis in Hof, damals eine der wohlhabendsten im ganzen Land, einen der berühmtesten Künstler, den Maler Hans Pleydenwurff, beauftragt, für diese Kirche ein Altargemälde zu schaffen. Der sog. Hofer Altar stand lange in dieser Kirche, kam dann als Geschenk an den bayerischen König nach München und ist dort heute in der Alten Pinakothek zu besichtigen. Dieses Kunstwerk lässt etwas ahnen von der Aufbruchstimmung in der Zeit seiner Entstehung. Ich will das an einem Detail verdeutlichen: Auf einer Seitentafel hat der Künstler die Auferstehung Christi sehr eindrucksvoll dargestellt - mit einer Besonderheit: Im Hintergrund ist der weinende Petrus erkennbar. Der Legende nach musste Petrus nach der Verleugnung Jesu drei Tage lang in einer Höhle weinen. Das hat der Maler bewusst in das Auferstehungsbild des Hofer Altars eingefügt. Er wollte damit sagen: Im Licht der Heilstat Gottes kommen die Missetaten der Menschen, auch die des ersten Papstes Petrus um so schmerzlicher zum Vorschein. Für Martin Luther wurde das zu einem Programm: Die Neuentdeckung der Heilstaten Gottes im Evangeliums auf der einen Seite, die Aufdeckung der kirchlichen Missstände auf der anderen Seite. Mit dem Anschlag der 95 Thesen an die Türe der Schlosskirche zu Wittenberg, an die der heutige Tag erinnert, hat Luther sich auf ein besonderes Ärgernis der Kirche, den sog. Ablasshandel, konzentriert. Schon damals war für Luther klar, dass mehr auf dem Spiel steht als nur die Beseitigung eines Missstandes. In den Erläuterungen zu den 95 Thesen verwendet er zum ersten Mal das Wort "Reformation": "Die Kirche bedarf einer Reformation, die aber nicht Sache eines Menschen, des Papstes oder der Kardinäle sein kann, sondern Sache der ganzen christlichen Welt, ja Sache Gottes allein. Den Zeitpunkt der Reformation kennt allein er, der Schöpfer aller Zeiten. Inzwischen dürfen wir die offen zutage liegenden Missstände nicht wegstreiten.., sonst fällt das Unrecht auf uns zurück." (Zit. nach H. Fausel, D.Martin Luther, S. 102 Anm. 64). Könnte es nicht sein, dass diese Sätze auch für uns heute gelten, dass auch unsere Kirche der Reformation bedarf, und erst recht die Vielfalt der christlichen Kirchen, die in ihrer z.T. immer noch vorhandenen gegenseitigen Ablehnung eher abschreckend als einladend wirken. Man schreibt ja Luther die Hauptschuld an der Spaltung der Kirche zu. Aber hören wir, welchen Wert der Reformator selbst in einer Predigt gegen Ende seines Lebens auf die Einheit der Kirche gelegt hat: "Wenn einer aus Indien oder dem Morgenland käme oder wo er sonst herkäme und sagte: Ich glaube an Christus, so würde ich sagen: so glaube ich auch und so werde ich auch selig. Es stimmen im Glauben und in dem Bekenntnis die Christen miteinander überein, obwohl sie sonst in der ganzen Welt hin und wieder zerstreut sind. Denn es heißt nicht eine römische, noch nürnbergische oder wittenbergische Kirche, sondern eine christliche Kirche, wohin denn alle gehören, die an Christus glauben... Wer da nur getauft ist und an Christus glaubt, gleichviel, er sei aus dem Morgenlande oder Abendlande, so hat keiner einen Vorteil vor dem anderen." (WA 47, 235 f.). In der Zeit nach Luther kam es dann doch zur Aufspaltung der einen christlichen Kirche in eine römische und eine wittenbergisch-lutherische und in der Folge in viele weitere Kirchen. Angesichts dieser Zersplitterung bräuchten wir heute eine ökumenische Reformation, in der sich die verschiedenen Kirchen auf den einen Glauben an Christus besinnen und sich auf dieser Basis miteinander versöhnen. So könnten die Christen zu einem Vorbild für Frieden und Verständigung unter den Menschen werden. Eine solche Reformation wäre, um noch einmal die Worte Luthers zu gebrauchen, "Sache der ganzen christlichen Welt", eine schöne Umschreibung des Wortes Ökumene: Die ganze christliche Welt. Die Reformatoren wie Martin Luther, auch Philipp Melanchton, wollten damals keineswegs die Spaltung der Kirche. Auch die Hofer Reformatoren waren sehr bemüht, einen völligen Bruch mit der Tradition zu vermeiden. Sie, liebe Gemeinde, kennen die Namen: Nikolaus Decius, Kaspar Loener, Nikolaus Medler, Stephan Agricola und später Enoch Widmann. Ich will Sie jetzt nicht mit geschichtlichen Einzelheiten langweilen. Aber ein paar Erinnerungen verdienen am Reformationstag in Hof aufgefrischt zu werden. Das erste evangelische Kirchenlied: "Allein Gott in der Höh sei Ehr" stammt von einem in Hof geborenen Verfasser. Nikolaus Decius hat es 1522 gedichtet und vertont. Es wird bis heute fast in jedem evangelischen Gottesdienst gesungen. Decius wurde zum Reformator von Stettin und hat später als Schlossprediger im ostpreußischen Königsberg gewirkt. Hierher, an die St. Michaeliskirche in Hof, kam 1524 der 30jährige Kaspar Loener. Er predigte im Sinne Luthers und wurde bereits ein Jahr später aus Hof vertrieben - nicht von den Bürgern, sondern von dem für Hof zuständigen Markgrafen. Nach dessen Tod konnte Loener 1527 zurückkehren, entwickelte mit seinem in Hof geborenen Mitstreiter Nikolaus Medler eine umfassende reformatorische Tätigkeit. Die beiden erarbeiteten eine Gottesdienstordnung, ein Gesangbuch, das für 100 Jahre das maßgebliche Gesangbuch in der ganzen Markgrafschaft blieb, und einen Katechismus. Am 5. September 1529 fand in dieser Kirche die erste deutsche Messe statt. Somit kann das Jahr 1529 als Jahr der Einführung der Reformation in Hof gelten. Loener und Medler waren durch ihre Aktivitäten in der Folgezeit neuen Anfeindungen von außen ausgesetzt und wurden 1531 erneut und endgültig aus Hof vertrieben. Zum Glück kam mit Stephan Agricola ein Theologe an die Michaeliskirche, der das Erbe Loeners und Medlers behutsam fortführte. Als Agricola nach 15jähriger Tätigkeit auf eine andere Pfarrstelle wechselte, gingen die handschriftlichen Dokumente der Hofer Reformation sehr bald verloren und der reformatorische Impuls drohte zu versanden - bis der Schulleiter und Kantor Enoch Widmann 40 Jahre später die Kirchen- und Gottesdienstordnung von Loener und Medler rekonstruierte und neu in Geltung setzte. So weit diese ganz kurze historische Erinnerung. Ich will daraus drei Dinge festhalten: Zum einen, das Bekenntnis des eigenen Glaubens erforderte damals Mut und Zivilcourage, sowie die Bereitschaft, Nachteile bis zur Vertreibung um des Glaubens wegen zu erleiden. Die Frage stellt sich an uns: Wie mutig sind wir heute, unseren Glauben zu bekennen? Und wären wir bereit, dafür Nachteile hinzunehmen? Als zweites scheint mir folgendes bemerkenswert: Die Hofer Reformatoren betrieben keine Kirchturmspolitik, sie hielten Verbindung zu anderen Zentren der Reformation: Loener und Medler fanden nach ihrer Ausweisung zuerst Aufnahme in Wittenberg bei Martin Luther, dann wurden sie zu Reformatoren in Naumburg und Nördlingen. Agricola nahm von Hof aus 1537 an dem in Schmalkalden tagenden Bundestag der Evangelischen Fürsten und Theologen im Beisein Martin Luthers teil. Von 1545 an war Agricola Pfarrer in Eisleben, wo Luther am 18. Februar 1546 überraschend starb. Frage an uns: Was wissen wir von anderen Kirchen und Christen und wie nehmen wir an ihrem Ergehen Anteil? Sind wir überhaupt bereit, über unsere Gemeindegrenzen hinauszuschauen? Und noch einen dritten Punkt will ich festhalten: Die Reformation in Hof war stark verbunden mit der Neuordnung des Gottesdienstes unter besonderer Wertschätzung der Kirchenmusik und der geistlichen Lieder. Loener, Medler und dann auch Enoch Widmann schufen eine geniale Mischung aus vertrauten lateinischen Gesängen und neuen Liedern der Reformationszeit. So wurde die Musik - nicht nur in Hof, aber hier ganz besonders - zu einer treibenden und zugleich versöhnlichen Kraft der Reformation. An dieser Stelle kann ich ein persönliches Zeugnis ablegen. Mein Entschluss, nach dem Hofer Abitur Theologie zu studieren, hatte verschiedene Quellen: Das fromme Elternhaus im Salem in der Bachstraße, unser Religionslehrer Karl Heun und der Michaelispfarrer Wilhelm Nicol, der mich in dieser Kirche konfirmiert hat. Sein Vorbild eines Seelsorgers, der auch zuhören kann, hat mich bis zum heutigen Tag geleitet. Über diese geistlichen Impulse hinaus war für mich die wichtigste Motivation für meinen Dienst in der Kirche: die Musik, zunächst im Posaunenchor, dann in der Hofer Kantorei unter Hans Gebhardt. Die Kirchenmusik, die Choräle als ein besonderer Schatz waren für mich ein Grund, auf die eigene Kirche stolz zu sein: Die wichtigste Gestalt des Protestantismus neben Martin Luther ist Johann Sebastian Bach. Ihm steht der Rang eines Weltkulturerbes zu. Die Musik Bachs ist heute ein starkes ökumenisches Bindeglied zwischen den Kirchen, ja Bach sprengt sogar die Grenzen der Religionen, im shintoistischen Japan gibt es eine große Bachverehrung. Für mich persönlich ist die Kirchenmusik von der Hofer Zeit an bis heute ein wesentlicher Bestandteil meiner Frömmigkeit und meines Christseins geblieben. Die Wucht und Bedeutung des Leidens und Sterbens Jesu hat sich mir durch nichts anderes so erschlossen wie durch Bachs Matthäuspassion, die ich am Karfreitag 1947 als 10Jähriger hier in dieser Kirche zum erstenmal gehört und miterlebt habe. Soweit mein persönliches Zeugnis. Im zweiten Teil meiner Predigt werde ich über jenen Abschnitt aus dem Johannesevangelium (Joh 6, 63b-69) sprechen, den wir als Lesung gehört haben: Viele seiner Jünger wandten sich von Jesus ab, aber Petrus bekannte sich zu ihm. Zuvor können wir uns ein weiteres Mal über die Musik in diesem Gottesdienst freuen, jetzt mit einem Instrumentalstück von Johann Pachelbel, einem Vorläufer Bachs, der den Leipziger Thomaskantors stark beeinflusst hat. Predigt Teil II Liebe Gemeinde, in einer Zeitung stand kürzlich folgender Satz: "Die Kirche lebt in einer Umwelt, in der das Christentum verdunstet." Nun könnten wir uns mit der Feststellung trösten: Bei uns in Bayern, zumal hier in Oberfranken da lebt die Kirche noch in einer heilen Welt, da gibt es noch starke Glaubensbindungen. Aber täuschen wir uns nicht. Die innere und äußere Abwanderung hat auch hier begonnen. Ich komme aus München als einer säkularen Großstadt. Dort gehört schon Mut dazu, wenn einer oder eine gegenüber Kollegen im Betrieb oder vor Mitschülerinnen oder bei Nachbarn zu erkennen gibt, dass er oder sie am Sonntag in die Kirche geht. "Du bist doch sonst ganz normal, was hast du denn in der Kirche verloren?" sagen die aufgeklärten Zeitgenossen. Nicht erst in unserer Zeit nehmen Menschen Abschied vom Christentum. Schon von den ersten Christen wird berichtet: "Da wandten sich viele seiner Jünger von Jesus ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm." Es ist gut, dass der Evangelist Johannes auch solche Abwanderungen eingesteht und nicht nur über Erfolge des Glaubens berichtet. So können auch wir unserer kirchlichen Situation heute gelassener ins Auge blicken. Dabei müssen wir uns klarmachen: Die Menschen, die sich von Jesus abgewandt haben - damals wie heute -, die gehen ja nicht schnurstracks in die Hölle und in ihr Verderben. In ihnen bleibt - wie in uns doch auch - eine starke Sehnsucht nach Leben, nach Wahrheit, nach Liebe - alles große Worte des Johannesevangeliums. Ich besitze einen Sammelband mit 50 neuen Methoden zur besseren Selbsterfahrung des Menschen: von der Aktiven Imagination über die Bioenergetik und Eutonie bis zur Transpersonalen Psychologie und zum Yoga, um nur einige herauszugreifen. Sie alle zeigen, wie intensiv Menschen heute nach geistiger Orientierung und Lebensvertiefung suchen."Wohin sollen wir gehen?" Das ist die Frage unserer Zeit - auch für uns in der Kirche. Die Situation vieler Menschen heute ist im Bild gesprochen die von Wanderern, die sich im Gebirge im dichten Nebel verlaufen haben. Jeder bemüht sich auf eigene Faust, einen Weg zu finden, der weiter führt. Die eine ruft: Hierher! Aber die Fährte verläuft sich im Sande. Der zweite ruft: Dorthin! Aber schon stehen sie am ein Abgrund. Und selbst wenn eine Spur gefunden ist, kann es sein, dass andere entgegenkommen und sagen: Zurück! Hat keinen Sinn! Hier geht's nicht weiter! Viele geistige Strömungen und esoterische Angebote wetteifern um den richtigen Weg. Da heißt es: Hierher! oder: Dorthin! Auch unter Christen gibt es einen Richtungsstreit: Woran erkennt man die richtige Nachfolge Jesu? Das war schon bei den ersten Jünger eine drängende Frage. Viele waren Jesus voller Begeisterung gefolgt - bis zu dem Augenblick, an dem sich herausstellte, dass sein Weg ins Leiden und ans Kreuz führte. Da machten sie kehrt und sagten: "Zurück! Das bringt nichts! So haben wir uns Religion nicht vorgestellt. Auf der Welt gibt es genug Not und Tod. Um das zu erleben, brauchen wir Jesus nicht zu folgen. Man sollte ihn daran hindern, sich töten zu lassen." Das sagte sich auch Judas, einer der Zwölf, die Jesus erwählt hatte. Machen wir uns nichts vor: Der Weg Jesu ist nicht der Weg des geringsten Widerstandes, dient nicht nur der Steigerung des Glücksgefühls, ist auch nicht die Erfüllung aller unserer Hoffnungen und Wünsche. Im Blick auf Jesus stellt sich für jeden von uns und für die Kirche insgesamt die Frage: "Wohin sollen wir gehen?" Unterwegs sein und in Bewegung sein allein genügt nicht, die Richtung muss stimmen. Ich erinnere mich an eine Nachtwanderung mit Konfirmanden kreuz und quer durch einen Wald in der Nähe von München. Wir hatten die Orientierung verloren ähnlich wie jene Wanderer im Gebirge. Schließlich fanden wir einen Weg, gingen auf gut Glück in eine Richtung und gelangten nach einiger Zeit zu einem Wegweiser. Der zeigte dorthin, woher wir kamen. Wir mussten zurück, aber alle waren erleichtert, denn wir wussten: Jetzt stimmt die Richtung. Das Petrusbekenntnis ist ein solcher Wegweiser: "Worte des ewigen Lebens - dorthin! Zu Christus!" Eigentlich sind alle wichtigen Bekenntnisse der Kirche solche Markierungen auf dem Weg des Glaubens, damit die Richtung stimmt. Die Geschichte der Kirche ließe sich geradezu als Geschichte ihrer Bekenntnisse schreiben. Das beginnt mit den Bekenntnisformulierungen der Bibel wie hier im Johannesevangelium. Nach Luther enthält dieser Bibeltext schon das ganze Apostolische Glaubensbekenntnis. In der Reformationszeit wurden neue Bekenntnisse formuliert: Der Kleine Katechismus Martin Luthers, die Augsburgische Konfession, der Große Katechismus, die sog. Konkordienformel, um nur die wichtigsten zu nennen. Herausgefordert durch den Machtmissbrauch der Nazis im Dritten Reich hat sich damals die Bekennende Kirche formiert und hat 1934 die Theologischen Erklärung von Barmen formuliert, die für mich den Rang eines kirchlichen Bekenntnisses einnimmt, wenn es da heißt: "Jesus Christus ist das eine Wort Gottes, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben." Jesus Christus gehorchen und nicht dem Führer, das war damals ein notwendiges und mutiges Bekenntnis. An entscheidenden Wegmarken der Kirchengeschichte sind die feierlichen Bekenntnisse Ausdruck der lebendigen Erfahrung des Glaubens und der gemeinsamen Entscheidung für Christus. "Wir haben geglaubt und erkannt", sagt Petrus, und er äußert nicht nur seine private Meinung, sondern spricht als Glied der Glaubensgemeinschaft. Bekenntnisse leben von der Zustimmung, vom Konsens, in ihnen steckt eine gemeinschaftsbildende Kraft. Sie ermutigen als Wegweiser des Glaubens zur gemeinsamen Nachfolge Jesu. Aber, um noch einmal an jene Nachtwanderung zu erinnern: Wie falsch wäre es gewesen, hätten wir aus Freude über den gefundenen Wegweiser ein gemütliches Lager errichtet, als seien wir schon am Ziel: "Hier ist gut sein, hier lasst uns Hütten bauen!" Nein, Bekenntnisse sind nicht zum Ausruhen da, als hätte man mit einer guten Glaubensformulierung für alle Zeiten ausgesorgt. Bekenntnisse weisen auf das Ziel hin und schicken uns auf den Weg, damit wir eigene Glaubenserfahrungen mit Christus machen. Unser Bibeltext aus dem Johannesevangelium zeigt, wie intensiv die Christen der ersten Jahrhunderte um das Bekenntnis des Glaubens gerungen haben. Das Petrusbekenntnis wird in den ältesten Bibelhandschriften in sechs verschiedenen Fassungen überliefert. Manchem ist aus der alten Lutherbibel noch der Wortlaut in Erinnerung: "Wir haben geglaubt und erkannt, dass du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes." Aber so bezeugen es nur die späteren Handschriften. Die älteste Fassung lautet so, wie wir sie in der heutigen Lutherbibel finden: "Wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes." Daneben gibt es vier andere Fassungen. Diese Beobachtung am Bibeltext zeigt: Jedes kirchliche Bekenntnis ist das Ergebnis eines - wie man heute sagt - konziliaren Prozesses. Die Verständigung und Einigung auf gemeinsame Sprachregelungen des Glaubens ist nie abgeschlossen. An dieser Stelle müssen wir selbstkritisch auf eine lutherische Gefahr aufmerksam machen. Mit Recht nimmt in unserer Kirche das Bekenntnis einen hohen Rang ein. Das gehört nicht einfach zur Verfügungsmasse, über die man heute so und morgen anders entscheidet. Aber vor lauter Bekenntniseifer kann der dienende Charakter, die Wegweiserfunktion übersehen und das Bekenntnis zu einem erstarrten Selbstzweck werden, nach dem Motto: Wir sind von Luther her im Besitz der Reformation, jetzt sind die anderen mit Reformen an der Reihe. In einer Fernsehdiskussion hat der frühere katholische Bischof von Würzburg, Paul-Werner Scheele, eine humorvolle und zugleich kritische Bemerkung über das Verhalten der Christen in Deutschland gemacht. Er sagte: Wenn die Deutschen vor zwei Wegweisern stehen, der eine zeigt "Zum Himmel" und der andere "Zu einem Vortrag über den Himmel", wohin gehen dann alle? Zum Vortrag! Das könnte man auf die Frage nach unserem Umgang mit dem Bekenntnis übertragen: Nicht das theoretische Festhalten am Bekenntnis ist das Ziel aller Dinge, sondern die Begegnung mit dem, von dem die Bekenntnisse Zeugnis geben: Christus. Es ist gar nicht so leicht, Jesus Christus neu zu begegnen, wo ihm doch viele von uns schon seit ihrer Jugendzeit gefolgt sind. Wir nennen uns Christen und meinen, Christus gut zu kennen. Dennoch kann es uns mit ihm so gehen, wie mit nahen Angehörigen. Obwohl oder gerade weil wir täglich mit ihnen zusammen sind, fällt es uns schwer, etwa das Gesicht unseres Bruders, unserer Schwester, unserer Mutter zu beschreiben oder gar zu malen. So selbstverständlich ist uns ihre Gegenwart geworden, dass wir gar nicht mehr genau hinschauen. Wenn wir es aber tun, dann erscheint uns das Gesicht eines lieben Menschen plötzlich wie das eines fremden, und wir sehen es ganz neu und sind überrascht: das ist meine Mutter, mein Bruder, meine Schwester, mein Kind! So ist es mit Christus. Er, von dem wir so viel gehört und gelesen haben, der uns so bekannt und vertraut vorkam, den sehen wir ganz neu durch das Wort der Schrift: "Du bist der Heilige Gottes", und wundern uns: So haben wir ihn noch nie gesehen, so noch nie zu ihm gebetet: "Du, der Heilige Gottes." Vertraut ist uns die Anrede: Du, der Herr, der Bruder, der gute Hirte, das Lamm Gottes. Aber der Heilige Gottes - erkennen wir ihn darin wieder, den wir zu kennen glaubten? Dietrich Bonhoeffer hat im Jahr 1933 eine Vorlesung über die Christologie, die Lehre von Christus, mit folgendem Satz angefangen: "Die Lehre von Christus beginnt im Schweigen." Wir, die wir für alles so schnell ein Wort bereit haben, gerade wir Pfarrer und Kirchenleute, wie schwer tun wir uns, in Sachen des Glaubens zu schweigen, zu hören, zu staunen. Und wie selten werden wir von der Übermacht des Heiligen getroffen, niedergeworfen, hingerissen. So wäre es an der Zeit, das Heilige wiederzuentdecken, besser gesagt: Christus als den Heiligen Gottes. Hier können wir von anderen Kirchen und Christen, besonders von den Orthodoxen, lernen. In der Weltlichkeit und Weltzuwendung sind wir Protestanten Weltmeister, diese Seite des Glaubens beherrschen wir vorzüglich. Aber die Heiligkeit Gottes, zumal die Heiligkeit Jesu, die müssen wir neu entdecken. "Du bist der Heilige Gottes." Am liebsten würde ich Petrus fragen: "Sag mal, Petrus, wie hast du das gemeint? Warum hast du dein Bekenntnis zu Jesus mit diesen Worten abgelegt?" Und Petrus würde mit einem Augenzwinkern antworten: "Lies doch im Erwachsenenkatechismus der VELKD nach, da steht genau drin, wie mein Christusbekenntnis zu verstehen ist, nämlich als eine Art Liebeserklärung, und ich muss sagen, das stimmt." "Aber Petrus, was hat denn die Heiligkeit Jesu mit Liebe zu tun?" "Was, das weißt du nicht?" würde Petrus fragen, "dann denke einmal darüber nach." Ich beende mein erfundenes Gespräch mit Petrus und beginne darüber nachzudenken, dass Heiligkeit und Liebe zusammengehören und dass jedes Bekenntnis zu Jesus eine Liebeserklärung ist und nicht ein Ausdruck von Rechthaberei. "Du bist der Heilige Gottes, weil du die Liebe Gottes in Person bist." Heiligkeit und Liebe sind bei Jesus nichts, was er für sich selbst hat und behält, sondern was er ausstrahlt. Wer ihn als den Heiligen erkennt, wird wie von einem Sonnenstrahl erfasst und mit Licht und Wärme erfüllt. Gerade der Vergleich mit dem Sonnenlicht zeigt die beiden Seiten der Heiligkeit: Auf der einen Seite die ehrfurchtgebietende Erhabenheit und Unnahbarkeit. Sich der Sonne zu nähern, wäre tödlich. Das Mysterium Gottes zu enthüllen, ist uns verweht. Warum Christus am Kreuz sterben musste, können wir nicht erfassen und erklären. Und dass er in Brot und Wein leibhaftig mit uns eins wird, bleibt ein Geheimnis des Glaubens. Aber auf der anderen Seite ist mit Heiligkeit wie beim Sonnenschein die lebenspendende Nähe und Wärme gemeint. Gott ist nicht in der Ferne seiner Gottheit geblieben, er ist Mensch geworden und hat das Leben mit uns geteilt. So könnte man die Heiligkeit Jesu als Energiequelle seiner Liebe beschreiben. Was bedeutet die Heiligkeit dann für uns? Vor über 100 Jahren hat der Indianerhäuptling Seattle an den Präsidenten der USA einen Brief geschrieben. Der vermittelt eine Ahnung davon, welche Kraft in der Wiedergewinnung des Heiligen steckt, wenn es da heißt: "Jeder Teil dieser Erde sei deinem Volk heilig." Das ist eine Liebeserklärung an die Schöpfung. Nicht nur das amerikanische Volk, auch unser vom Christentum geprägtes Abendland könnte bei diesem Häuptling in die Lehre gehen: Es gilt, die Liebe zu jedem Teil dieser Erde, zu Gottes Schöpfung, neu zu lernen und es gilt, die Ehrfurcht vor dem Leben als obersten Maßstab unseres Handelns neu zu erkennen. Dann sind wir ganz nah bei Christus und seiner Heiligkeit und seiner heilenden Kraft. Er hat mit seinem Leiden und Sterben einen hohen Preis eingesetzt, um uns ein erfülltes, sinnvolles, ewiges Leben zu ermöglichen. "Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes." Liebe Gemeinde, wir haben uns heute an die Reformation durch Martin Luther erinnert und über die reiche Hofer Geschichte gefreut und wir haben gemerkt: Das Bekenntnis zu Christus bedeutet nicht Abgrenzung und Enge, sondern Freiheit und Weite. Voller Zuversicht können wir mit Luther sprechen und singen: "Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ, das Feld muss er behalten." Ja, Christus soll das Feld behalten, soll einen Platz haben in der Mitte unseres Lebens, in der Mitte dieser Stadt. Dann erfährt jener Slogan eine wunderbare Ergänzung: Hof erleben, Christus begegnen. Amen Dr. Martin Bogdahn, München, Pfarrer und Oberkirchenrat i.R. |
Text: Christus spricht: 63 Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben. 64 Aber es gibt einige unter euch, die glauben nicht. Denn Jesus wusste von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde. 65 Und er sprach: Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben. 66 Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm. 67 Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt ihr auch weggehen? 68 Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; 69 und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes. |
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