Predigt    Johannes 3/16-21   Heiliger Abend    24.12.04

"Gottes Liebesgeschichte"
(von Dekan Günter Saalfrank, St. Michaelis Hof)

Liebe Leser,

Weihnachtspredigten haben es manchmal in sich. Vor allem bei vollen Kirchen ist die Versuchung groß, zu viel in eine Ansprache hineinzupacken. Oder auch mit erhobenem Zeigefinger zu predigen, eine Moralpredigt zu halten – nach dem Motto „Warum lassen Sie sich nicht öfters sehen?“ Doch ein erhobener Zeigefinger passt nicht zu Weihnachten. Schon gar nicht zu dem biblischen Wort für den Heiligen Abend. Denn von dem Abschnitt aus dem 3. Kapitel des Johannesevangeliums geht eine andere Botschaft aus: „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Da geht es nicht um Kritik oder erhobenen Zeigefinger. Sondern da ist von Liebe die Rede: Gott hat diese Welt lieb – mit all ihren Schattenseiten. Er lässt diese Welt erst einmal so stehen, wie sie ist. Er nimmt die Menschen so an, wie sie sind. Er sagt „Ja“ zu ihnen, auch zu ihren Fehlern und Schwächen. Das hat Auswirkungen bis heute – bis hinein in diesen Gottesdienst. Weil Gott diese Welt und ihre Menschen so liebt wie sie sind, hat er damit einen Weg gewiesen. Nämlich alle erst einmal so anzunehmen wie sie sind. Egal wie fromm sich jemand fühlt, wie intensiv einer betet oder wie oft er heuer bereits in der Kirche war – das spielt jetzt keine Rolle. Schön, dass Sie sich aufgemacht haben und da sind. Und ich hoffe, dass Sie für sich etwas mitnehmen können – von der Musik, den biblischen Texten, der Predigt, den Gebeten oder von der Atmosphäre her.

Gott liebt diese Welt. Es blieb nicht bei einer bloßen Absichtserklärung. Er ließ Worten Taten folgen. Gott gab den größten Liebesbeweis, den er geben konnte. Er gab sich selbst. Er kam in seinem Sohn Jesus Christus in diese Welt. Seine Liebe ging in Fleisch und Blut über. Sie wurde buchstäblich begreifbar. Und diese Liebe war bis zum Äußersten bereit. Selbst vom Tod ließ sie sich nicht abschrecken.

Weihnachten – das ist die große Liebeserklärung Gottes an die Welt: Die größte Liebesgeschichte aller Zeiten. In Filmen gibt es zwar zu Herzen gehende Love-Storys. Die Liebesgeschichte Gottes aber hat noch eine andere, universale Dimension. Gilt sie doch nicht einer einzelnen Personen oder einer Gruppe, sondern der ganzen Welt. Ihr wendet sich Gott zu. Gott bleibt nicht auf Distanz. Er betrachtet diese Welt nicht aus sicherem Abstand - gleichsam aus der Zuschauerperspektive. Er belässt es nicht bei klugen Gedanken und dabei, von Ferne die Dinge anzuschauen. Gott mischt sich vielmehr ein. Er will dem Treiben hier nicht tatenlos zusehen. Er will Menschen helfen und ihrem Leben wieder Hoffnung und Perspektive geben. Gott macht sich dabei die Hände schmutzig. Ja, mehr noch: Er lässt sich die Hände binden und später sogar ans Kreuz nageln. Soweit geht seine Liebe. Immer wieder stellt er sie unter Beweis.

Liebe Gemeinde! Gott belässt es nicht bei der Zuschauerrolle. Er macht mit seiner Liebe, seiner Zuwendung zu der Welt und ihren Menschen ernst. Er hat damit ein Beispiel gegeben, sich einzumischen und seinen Beitrag zu leisten, damit sich Situationen zum Bessern wenden können. Aus sicherer Distanz lassen sich viele schlaue Gedanken machen. Da lässt es sich leicht reden. Was anderes aber ist es, sich selbst in die Lage zu begeben und dort zu versuchen, etwas zum Guten zu ändern. Das erfordert Kraft, Mut und Engagement. Das braucht auch unsere Region, unser Land und diese Welt. Mit der Zuschauerdemokratie, wo Menschen vom Wohnzimmer aus Politik machen wollen, ist es nicht getan. Notwendig sind Frauen und Männer, die sich engagieren in Parteien, Gruppen, Vereinen, in Kirche und Diakonie. Und die auf diese Weise versuchen, für Andere, für die Gesellschaft, für diese Welt da zu sein, damit sich da etwas zum Guten ändern kann. Sicher: Wie sich manche politisch Verantwortliche verhalten, fördert nicht gerade das Vertrauen in die Demokratie. Aber solche Negativbeispiele, die es immer wieder gibt, dürfen nicht zum Maßstab gemacht werden. Denn so würde schnell ein falsches Bild entstehen – als ginge es meist so zu.

Gott hat diese Welt sich nicht selbst überlassen. Er hat damit ein Zeichen gesetzt: Sie muss nicht so bleiben, wie sie ist. Er hat diese Welt nicht schlecht geredet oder schlecht gemacht – trotz der vielen dunklen Punkte und Schattenseiten. Zu ihnen geht er nicht auf Distanz, er wird vielmehr offensiv, um etwas zum Guten zu ändern. Damit Licht in das Dunkel kommt und damit es dort wieder hell wird, wo Finsternis vorherrscht.

„Wie schlecht die Welt heute ist“ wird manchmal geklagt. Und nicht selten schwingt dabei die Meinung mit, früher wäre alles doch besser gewesen. Ganz abgesehen davon, dass Verbrechen und Vergehen so alt sind wie die Menschheit selbst, bringt es nichts, nur zu klagen. So ändert sich kaum etwas. Nur dort, wo jemand bereit ist, sich einzumischen, seinen Beitrag zu leisten und selbst Hand anzulegen, kann etwas voran gehen. Das gilt für kleine, überschaubare Bereiche wie für die große Politik. Die Klage allein bewegt nichts. Wo Worten aber Taten folgen, kann etwas in Gang kommen und sich etwas an einer Situation ändern.

Liebe Gemeinde! Weihnachten – das ist die große Liebeserklärung Gottes an diese Welt. „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben,“ so das Johannesevangelium. Gottes Liebe hat ein Ziel: Er will Menschen helfen und ihrem Leben Zukunft schenken. Voraussetzung allerdings ist, dass sie ihm vertrauen: „Alle, die an ihn glauben, sollen nicht verloren werden.“. Das heißt, diese Liebe, die Gott schenkt, will persönlich angenommen werden. Oder wie Martin Luther es ausdrückte: „Die Geburt Christi ist wohl in Bethlehem geschehen, doch sie ist mir geschenkt.“

Jede Einzelne und jeder Einzelne steht also vor der Frage: Wie verhalte mich dazu, dass Gott mich so annimmt wie ich bin, dass er für mich da sein und mir seine Liebe schenken will. Nehme ich das nur zur Kenntnis – so als Information -, ist mir das egal oder nehme ich das für mich an? Es ist wie mit einem Geschenk: Gott macht uns Menschen ein großes Weihnachtsgeschenk. Und das lautet: „Ich bin für euch da. Ihr braucht euer Leben nicht allein zu meistern“, sagt er uns zu. Dieses Geschenk will angenommen werden. Erst wer es für sich akzeptiert und damit lebt, kann sich so richtig darüber freuen und merkt, wie kostbar es ist. Denn dieses Geschenk eröffnet eine neue Lebensqualität. Wer weiß, von Gott geliebt zu sein, kann sich selbst und andere leichter annehmen. Menschen, die sich angenommen wissen, sind eher in der Lage, mit selbst und mit Mitmenschen ins Reine zu kommen. Wer darauf vertraut, von Gott erst einmal so akzeptiert zu sein, wie er ist, muss sich nicht selbst und anderen immer wieder beweisen, wie toll er ist und was er alles zu leisten vermag. Das entlastet auch und nimmt den Druck weg, vor sich selbst und den Mitmenschen brillieren zu müssen.

Wer Gott vertraut, kann auch gelassener mit der Zukunft umgehen. Er weiß, dass sie nicht von den eigenen Möglichkeiten abhängt. Oder wie es eine Frau vor kurzem in einem Gespräch auf den Punkt brachte: Meine Zukunft hängt nicht von irgendwelchen Mächten und kosmischen Energien ab, sondern von Gott und seinen Möglichkeiten. Menschen, die mit Gott rechnen, müssen auch nicht den Kopf hängen lassen. Was manchmal zum Verzweifeln Anlass gibt, kann dann ein Grund sein, noch mehr auf ihn und seine Liebe zu bauen.

Es gibt Liebesgeschichten, die tragisch enden, wenn die Liebe unerhört bleibt. Wenn jemand eine Liebeserklärung nicht erwidert. Gott freut sich über jeden und jede, die seine Liebe und Zuwendung annehmen. Die Bibel ist voller Geschichten von Menschen, bei denen sich etwas geändert hat, als Gott in ihr Leben trat und sie ihm vertrauten. Wo seine Liebe nicht unerhört blieb, sondern angenommen wurde. Die Folge: Um diese Menschen herum wurde es wieder licht, es zeichneten sich gangbare Wege ab, es wurde wieder etwas heil oder ihnen wurden die Augen geöffnet. Das alles sind keine Geschichten von damals. Sondern das kann überall da erfahren werden, wo jemand Gottes Liebe annimmt. Oder im Bilde gesprochen: Wo Menschen das Weihnachtsgeschenk Gottes auspacken, es mit in ihren Alltag nehmen und damit leben.

Liebe Gemeinde! Weihnachtspredigten haben es manchmal in sich, sagte ich zu Beginn der Predigt. Diese Aussage muss ich nun noch ein wenig zuspitzen. Genauer gesagt hat es die Weihnachtsbotschaft in sich : „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“. Denn bei dieser Botschaft geht es zum einen um die größte Liebesgeschichte aller Zeiten. Zum anderen ist es mehr als eine bloße Erzählung, die mehr oder weniger interessiert zur Kenntnis genommen werden will. Sie wartet vielmehr auf eine Antwort - egal wie alt jemand ist, wie oft er zur Kirche geht oder wie fromm sich jemand fühlt. Wer Gottes Liebe annimmt und sich ihm anvertraut, dessen Leben hat Orientierung, Halt und Zukunft. Dann hat auch Gottes Liebesgeschichte ein ganz persönliches Happy-End.
 

Dekan Günter Saalfrank      (St. Michaelis Hof)

Text: 

16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.
18 Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.
19 Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.
20 Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.
21 Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.
 


Archiv
Zurück zur: Homepage Dekanat Hof     Homepage Hospitalkirche